Berlin

Erfahrenwerte mit Künstlern aus dem Ausland und ihren Tourneen

Show Time: Alle Künstler aus dem westlichen Ausland, die in der DDR auftreten wollten, mussten sich über die Künstler Agentur vermitteln lassen. Als Solisten wurden sie in Programmen eingesetzt oder tourten mit eigenem Ensemble durch die Republik. Die Künstler Agentur entstand 1960 und besaß das alleinige Recht, "Künstler aus der DDR ins Ausland sowie ausländische Künstler in die DDR zu vermitteln". Damit war die Adresse: Kraußenstraße Berlin, am Checkpoint Charly in der Branche bekannt. 

Historie & Memoires sind nachgefragte Themen – Erinnern Sie sich noch?

In den Feedback Mails an die ReiseTravel Redaktion lautet oft die Frage:

Wie war das damals, wer machte wann was?

ReiseTravel bat den Autor und Regisseur Gerald H. Ueberscher um Informationen:

Sie arbeiteten damals für die Künstler Agentur?

Ja, seit Mai 1972 und ab 16. Januar 1973 startete ich richtig durch und das für mehrere Jahre. Mein "Chef" war Günter Friedel und der stand unter der Leitung von Helmut Kammel im Bereich Unterhaltung.

Günter Friedel "kaufte" die Künstler besonders im westlichen Ausland ein, informierte mich über redaktionelle Details und machte Angaben zur erforderlichen Technik. Daraus musste ich ein Programm gestalten, dazu einen „geeigneten“ Conférencier finden und das Endprodukt mit Kunden der Künstler Agentur, der KGD oder den „Großen Häusern“, abstimmen. In aller Regel wurde auch eine „Pressemeldung“ ausgearbeitet.

Ihr Erfahrenwerte mit diesen Künstlern?

Interessant waren die Programme mit Kenny Ball Jazz aus London, „Singende Gitarren“ aus Leningrad, aber auch mit Zsusa Koncz und Band aus Budapest. Anklang fanden die Konzerte mit der Gruppe OMEGA aus Ungarn. Viel Aufsehen erregte „Brasil Tropical“ aus Brasilien. Der Agent hatte 30 Tänzer mitgebracht und sonst nichts. Nun musste er in Vorkasse gehen, benötigt wurde eine Dekoration, die gestaltete Friedjof K. Hoffmann und Tassilo Leher fertigte Werbefotos. Irgendwann war es soweit, es folgte eine Premiere und losging es auf Tournee. Es wurde eine sehr lange Tour und alle Häuser waren immer ausverkauft.    

Liz Mitchell?

In dieser Zeit hatten sich die „Les Humphries Singer“ entzweit. Malcolm Magaron und Liz Mitchell bauten eine eigene Formation unter „Malcolm´s Locks“ auf, hatten Zeit und kamen für „kleines“ Geld in die DDR. Nun sollte ich die Tournee vorbereiten. Jegliche Angaben zur Realisierung waren mehr als spärlich, aber alle zehn Termine der Auftritte im Nu vergeben. Natürlich wollten die Veranstalter auch technische Bühnenanforderungen wissen, und wie sie ihre Werbung gestalten sollen, ganz normale Fragen.

Im Stress macht man auch Fehler am Telefon. „Wie ist die richtige Schreibweise“, war nur eine Frage. Es sind die ehemaligen „Les Humphries Singer“ und der Titel „Mexiko“ ist in aller Ohren. Meine Angabe war keinesfalls korrekt.

Gleich vorweg: Die Tournee wurde ein Riesenerfolg, vor allem für die Sängerin Liz Mitchell. Nach dieser Tour trennte sie sich von Malcolm Magaron und startete als Frontfrau bei „Boney M“. Nun wurde sie weltberühmt. Sie wurde ein wirklich großer Weltstar. 

Günter Friedel hatte für den 19. Juni 1972 um 10 Uhr einen Treffpunkt am Grenzübergang Boizenburg vereinbart. Die Gruppe „Malcolm´s Locks“ reist mit einem Bus, aus Hamburg kommend, an und ich sollte alle abholen, die Redaktion vor Ort erledigen, nach Wismar zum ersten Auftritt und danach nach Schwerin in das Hotel reisen. In Schwerin findet auch das zweite Konzert statt. Ein Fahrer der Künstler Agentur brachte mich zur Grenze, sollte dort warten und dann mit mir nach Wismar touren. Irgendwie war mir nicht wohl.

Ankunft am Schlagbaum an der Grenze, der Posten meldete uns an der Übergangsstelle an und wir warteten. Nach etwa einer halben Stunde rief mich der Posten ans Telefon. Ein Diensthabender teilte mit, die avisierte Gruppe „Malcolm´s Locks“ ist eingetroffen, allerdings stimmen die Namen nicht überein, somit entstehen Visa-Probleme und auch der Bus der Band ist defekt.

Was sollte ich machen. Wir durften den ersten Schlagbaum passieren, fuhren ein paar Kilometer weiter bis zur Grenzübergangsstelle. Mein Fahrer wartete am Eingang und ich musste in Begleitung des Offiziers in das Abfertigungsgebäude.

Nun konnte ich mich erstmals mit Malcolm Magaron und Liz Mitchell unterhalten. Guter Rat war teuer und die „Genossen der Grenze“ sehr entgegenkommend.

Eingereist waren zwei Bürger mit Pass aus Jamaika, eben die Stars und die waren avisiert. Drei weitere Musiker mit BRD Ausweis standen natürlich nicht auf der Liste. Mit Geduld konnte die Einreise geregelt werden. Doch es ging nicht weiter, der Kleinbus war eine „Schrottlaube“. Im Sinne des Wortes, der war defekt und nur vereint hatte man das Auto über die Grenze geschoben.

Erneute Verhandlung. Nun durfte der Fahrer der Künstler Agentur mit seinem Pkw Wolga in die Kontrollstelle einfahren, der sprach mit den Musikern, ein Abschleppseil wurde gefunden und nach langem Aufenthalt konnten wir endlich abfahren. Um 16 Uhr waren wir in Wismar.

Nun hieß es für alle: Mächtig sputen. Doch die Band war erstaunt, eine so große Halle hatten sie nicht erwartet, ihr Equipment war nicht ausreichend. Dann sahen sie auch noch eine Werbung „Les Humphries Singer“, das war aber das Kleinste aller Probleme.

Erste Zuschauer trafen ein, so mancher Half und die Sporthalle stellte zusätzliche Tontechnik zur Verfügung. Hier lernte ich nun erstmals Temperament aus Jamaika kennen. Als Sprecher hatte ich Hartmut Kanter engagiert und der hatte sich gut auf die Ansagen vorbereitet. Das Konzert startete und endete erst nach zahlreichen Zugaben.

Das Problem defekter Bus bestand noch immer. Kanter hatte ebenfalls einen Pkw Typ Wolga. Nach dem Abbau aller Technik schleppten beide Wolgas den Bus nach Schwerin in das Hotel. Alle waren völlig erschöpft und auch Müde, doch am nächsten Tag folgte ein weiteres Konzert. Kanter kannte in Schwerin eine Autowerkstatt und erklärte sich bereit eine Reparatur zu regeln. Nun organisierte ich den morgendlichen Einlass in die Sporthalle Schwerin. Treffpunkt acht Uhr, mit den drei Musikern der Band. Alles Ausladen und den Bus in die Werkstatt schleppen. Während des Ausladens erkannten die Musiker, die auch für die Technik verantwortlich zeichneten, ein neues Problem: Die enorme Größe der Halle.

Die Halle fasste rund 6.000 Zuschauer und war restlos ausverkauft. Malcolm Magaron wurde gegen neun aus dem Bett geholt und musste nun alles klären. Was gab es zu klären? Neue Technik musste ran!

Auch hier waren die Verantwortlichen sehr kooperativ und stellten Technik der Halle zur Verfügung. Malcolm Magaron meisterte alles, das Konzert lief bestens.

Ein weiteres Problem kam hinzu: Die Zuschauer waren begeistert, wollten Zugabe auf Zugabe, der Abstand zur Bühne wurde immer kleiner. Doch alle waren friedlich und wollten nur ein Autogramm. Diese hatten wir nicht dabei, die lagen im Hotel, leider wurde diese Tatsache auch laut auf der Bühne gesagt. Nach dem Konzert vereinbarten wir, die drei Musiker bauen allein alle Technik ab und fahren mit dem nun reparierten Bus in das Hotel. Hartmut Kanter fährt uns in seinem Pkw sofort und direkt in das Hotel.

Alles keine erwähnenswerten Details. Etwa eine Stunde nach Konzertende kamen wir in der Nähe vom Hotel an, leider konnten wir vorerst nicht weiter. Fast alle Zuschauer waren vor das Hotel gekommen und Tausende wollten ein Autogramm. Mit Mühe gelangten wir in das Foyer, dort erwartete uns der Hoteldirektor, ein junger Mann. Nach gut zwei weiteren Stunden hatten wir auch das Problem gelöst, friedlich verließen alle Zuschauer das Gelände. Dann begab ich mich erstmals an die Bar und sprach mit dem Direktor und der gab eine Lage aus. Wir hatten gemeinsam ein enormes Problem friedlich gelöst.

Am nächsten Tag fuhren wir nach Berlin, im Hotel „Stadt Berlin“ hatte das Haus der Jungen Talente das Konzert gebucht. Natürlich hatte ich Günter Friedel über alle Ereignisse informiert. Nach dem Aufbau der Technik hatten wir gegen 20 Uhr ein „klärendes“ Gespräch, mit dem Ergebnis: War da etwa was?

Diese Tournee war nicht unbedingt normaler Alltag, fast alles lief reibungslos, auch die nächsten Konzerte. Mit der nun neuen Technik „aus dem Westen herangeschafft“ klappte es. Doch ich hatte in der Hektik einen Fehler gemacht.

Vor Beginn und bei Vertragsabschluss sagte Hartmut Kanter: Am 25. Juni 1972 kann ich nicht kommen: „Ersatz“ sollte ich engagieren. Das hatte ich völlig vergessen. Wir kamen in der Stadthalle Suhl an, beim Soundcheck fällt mir meine Sünde ein.

Liz Mitchell sagte: Gerald, das machst Du selbst. Programm, Ablauf, Namen und alle Details waren mir bekannt. Also mache ich das auch.

„Montag 25. Juni 1972 genau 19.30 Uhr Stadthalle Suhl, für euch alle präsentieren wir: „Malcolm´s Locks“ mit Malcolm Magaron und Liz Mitchell“, so sollte meine geplante Anmoderation sein. Mächtige Stimmung, enormer Applaus. Ich raus, betrete die Bühne, will mit meiner Conférence beginnen. Aus war es. Die Stimme war weg, für Stunden. Natürlich, es war nur eine kurze Sekunde, dann startete ich erneut: Und nun für Euch die „Les Humphries Singer“. Völlig falsch und aus dem Konzept geraten.

Aus Fehlern lernt man. Mehrfach hatte ich mit Ernst Heise (1928 bis 1996) gearbeitet, ein Sänger und Schauspieler aus Potsdam. Nebenbei arbeitete er als Stimmbildner und war Lehrer an der Schauspielschule Berlin. Ein paar Tage später rief ich an und buchte einen Kurs zur Ausbildung meiner Stimme und alles auch gleich im Verbund mit meinem kreativen Auftritt auf der Bühne. Mein Geld hatte ich gut angelegt, besonders für meine weitere „Sprecher“ Zukunft.   

It´s Showtime?

Mit der Gestaltung von Programmen hatte ich ab 1972 in der Künstler Agentur begonnen. Bei einem Tourneeprogramm touren ein oder mehrere Künstler in einem genau festgelegten Zeitraum durch das Land. Sie treten auf den verschiedensten Bühnen und Orten auf und offerieren ihr „festgelegtes“ Programm. Dieses „Festlegen“ erfolgt vom Auftraggeber, dem Produzenten und „Geldgeber“, bei ausländischen Mitwirkenden durch die Künstler Agentur.

Ein Highlight bildete die Tournee mit der Gruppe „Les Poppys“ aus Frankreich im Rahmen der Leipziger Herbstmesse. Die Jungs aus Paris brachten Pop-Music-Stimmung in den Saal, heizten mächtig ein und brachten die Zuschauer in Wallung. Im Vorfeld hatte ich mit dem Chorleiter das Repertoire besprochen.

Mein Vorschlag an das Ensemble: Jürgen Walter wird als Moderator eingesetzt. Jürgen Walter kannte ich seit 1967, ein erfolgreicher Sänger, perfekter Entertainer und er sprach französisch. Gemeinsam einigten wir uns, außer der Conférence, auf zwei Titel, die während des Konzertes erklangen. Zugabe wurden besonders nach dem Song „Let the sunshine in“ vom Publikum gerufen. Die Zuschauer waren begeistert und die Presse berichtete ausführlich. Spannend war auch das Arbeiten mit Chris Barber und seiner Jazz-Band aus London, der mehrfach durch die DDR tourte.

Im Auftrag der Künstler Agentur reiste ich via Warschau nach Lodz. Dort gastierten Künstler aus Kuba, die waren auf Europa-Tour. Alle Einzelheiten musste ich redaktionell und technisch Abklären. Unter dem Motto „Salude Cubano“ tourten diese dann in der DDR. 

Die “Internationale Friedensfahrt” - ein Radrennen durch die Länder Polen, DDR, CSSR war seit Jahren ein sportlicher Erfolg. An den Strecken standen und in das Stadion strömten Hunderttausende von Zuschauern. 

Ende 1973 reisten wir nach Prag, dort fanden Gespräche zwischen den staatlichen Agenturen der drei Veranstalterländer statt. Unter dem Titel „Melodie und Rhythmus auf Friedensfahrt“ wurde ein Tourneeprogramm aufgelegt. Im Zeitraum der „Internationalen Friedensfahrt 1974“ wurde das Programm in den einzelnen Etappenorten aufgeführt.

Non Stopp und 70 Minuten mit dem Orchester Gustav Brom und den Sängern Helena Vondrackova, Jiri Korn aus der CSSR, der Gerd Michaelis Chor sowie Frank Cerry mit seinen „Tanzenden Tellern und Ein-Rad“ vertraten die DDR und aus Polen heizte die Band „Rote Gitarren“ ein. Der Start erfolgte in Breslau und am Ende erreichten wir das Ziel in Prag. In allen Orten wurde das Programm von den Zuschauern gut aufgenommen, dennoch gab es Probleme.

In Polen und in der CSSR wurden die Auftrittsorte kurzfristig verändert. Nach Warschau, dem Start der Friedensfahrt kamen wir nicht und in den anderen Orten traten wir immer einen Tag vorher auf. In der CSSR gastierten wir dafür einen Tag später. Eine entsprechende Auskunft über die Gründe wurde einfach nicht erteilt. Nur in der DDR spielten wir auf Bühnen direkt am Zielort und erzielten besonders in Karl-Marx-Stadt einen super Erfolg. Obwohl bereits für 1975 festgelegt erfolgte keine Neuauflage. Die Zusammenarbeit dieser drei sozialistischen Länder war eben doch nicht so gut.  

 Ivica Serfeci - Tennislegende und Show Star besang 1973 "Meerblaue Augen" und zelebrierte ein "Showkochen" im Kulturhaus Bischofswerda

Ivica Serfeci - Tennislegende und Show Star besang 1973 "Meerblaue Augen" und zelebrierte ein "Showkochen" im Kulturhaus Bischofswerda.

Ivica Serfezi aus Jugoslawien war Ende der 70ziger Jahre der absolute Pop-Star in der DDR. Sein Song „Meerblaue Augen wie die Adria“ verzauberte nicht nur alle Frauen. Er sah nicht nur gut aus, er war der populärste Interpret Jugoslawiens und errang als Tennisspieler zahlreiche Meistertitel in dieser Sportart, er war ein Profi.

Ivica Serfezi (1935 bis 2004) war Kroate, kam aus Zagreb und „Meerblaue Augen“ war ein Titel von Rudi Werion aus dem Jahre 1972. Dieser Mega-Hit führte lange Zeit die Chartliste an. Zahlreiche weitere Songs wurden von Nikica Kalogjera (1930 bis 2006) komponiert. Dieser Komponist war Doktor und Mediziner, als Gynäkologe hatte er in Zagreb praktiziert, sich dann aber der heiteren Muse verschrieben. Nun war er mit der Sängerin Ljupka Dimitrovska verheiratet und die stammte aus Mazedonien. Mit Dr. Kalogjera, als Vertragspartner wurde das geplante Programm “Adria Rhythmus” besprochen. Günter Friedel klärte alle finanziellen Fragen und ich legte Programm und den Ablauf der Tournee fest.

Außer Ivica Serfezi und Ljupka Dimitrovska sollte Miro Ungar, ebenfalls ein Topstar aus Kroatien eingebaut werden und zur musikalischen Begleitung wurde die Band „Novi Fossile“ festgelegt. Auch die finanzielle Frage der An- und Abreise aus Zagreb wurde geklärt werden. Das redaktionell besprochene Programm musste nur noch künstlerisch geprobt werden.

Gemeinsam legten wir fest: Gegen 14 Uhr landet ein „preiswerter“ Flug aus Zagreb kommend in Berlin Schönefeld. Die Künstler Agentur stellt für die Dauer einen Kleinbus zum Transport aller Technik und Personen. Am Tag der Landung fahren wir nach Bischofswerda in das Klubhaus „Berthold Brecht“, alle Technik ausladen und aufbauen. Von dort in das Hotel zum Einchecken, der Bus bleibt stehen und wir begeben uns zu Fuß wieder in das Kulturhaus. Noch am Abend sowie am nächsten Tag ab 10 Uhr erfolgen die Proben, diese sollten jedoch 16 Uhr beendet sein. Ein Conférencier war nicht vorgesehen.

Da dieses Programm, so wie auch alle anderen Programme, vor dem Start „abgenommen“ werden musste, planten wir um 19 Uhr eine „öffentliche“ Probe ein. Die „Abnahme“ wurde in jeder Hinsicht ein Erfolg und die Zuschauer waren begeistert.

Hier lernte ich einen richtig guten „Manager“ aus Jugoslawien kennen. Dr. Kalogjera hatte sich eine Menge an Kosten gespart, die Probe hätte ja in Zagreb erfolgen müssen.

Ivica Serfezi war in zahlreichen TV-Sendungen präsent und der Schwarm aller – nicht nur junger - Frauen, dennoch ein sehr sympathischer Mensch. Da ich Fotograf war, fertigte ich für eine Zeitung eine Fotoreportage unter dem Titel: „Ein Star in der Küche“. Im Kulturhaus gab es ein Restaurant mit guter Hausmannskost, die Damen der Küchenbrigade informierten über die „Küche in der Oberlausitz“. Am Ende hatte jeder etwas zum Verkosten und ich meine Bilder im Kasten.  

In unterschiedlicher Form inszenierte ich zahlreiche Programme, besonders mit Künstlern aus Polen, Rumänien, Bulgarien sowie aus der Sowjetunion. Die Tour mit Bisser Kirow und seiner Gruppe Objektiv war ebenfalls ein Erfolg, ebenso mit „Yalla“ aus Moskau.

Im Rahmen dieser Arbeit stellte ich schnell fest, zahlreiche Künstler aus dem sozialistischen Ausland sprechen Deutsch, wollten sie doch in der DDR Fuß fassen, populär werden und dann „vielleicht“ ein Engagement im Westen erhalten. Auch hatten alle gleichgeartete „kulturpolitische“ Schwierigkeiten wie wir bei uns im Land, alle Titel oder Programme wurden, wie in der DDR, vom Lektorat abgenommen. Nur die Künstler aus Ungarn hatten etwas mehr Freiheit, die konnten in den Westen reisen, wenn sie ein Engagement erhielten. 

Middle of the Road?

Künstler aus dem westlichen Ausland traten selbstsicher auf. Doch Respekt, sie hatten Mut, so viel Devisen in Form von Honorar hatte das Land nicht. „Wir sind Stars“. Das bekam ich sofort zu spüren.

Günter Friedel hatte die Gruppe „Middle of the Road“ gebucht und drei Auftritte in Berlin sowie in Leipzig festgelegt. Bereits in London hatte er alle Einzelheiten des Transportes, technische Parameter und den redaktionellen Ablauf konzipiert. Im Hotel „Stadt Berlin“ am Alexanderplatz waren Einzelzimmer gebucht und ich sollte die Künstler am Flughafen Schönefeld abholen. Dazu hatte ich einen Pkw und einen Kleintransporter zur Verfügung.

Alle Künstler aus London kommend flogen mit einer Maschine der polnischen Fluggesellschaft „LOT“. Aus Kostengründen gab es ein Abkommen zwischen der DDR und Polen, für den jeweiligen Flug London nach Berlin musste kein Westgeld bezahlt werden. Übrigens gab es damals aus politischen Gründen keine anderen Flüge, nicht nur London boykottierte die DDR. 

Die Band um Ken Andrew, den Brüdern Campbell und Sally Carr als Leadsängerin waren weltbekannt. Ihr Song „Chirpy Chirpy Cheep Cheep“ gehört noch heute zu den bekanntesten Pop-Klassikern der 70er Jahre. Die Band stammte aus Schottland, produzierte allerdings ihre Titel in Italien. Weitere Hits waren: Soley Soley, Sacramento, Samson and Delilah, Yellow Boomerang und zahlreiche weitere Songs.

Nach einer freundlichen Begrüßung am Airport hatte ich plötzlich ein Problem: „Wo sind die Limousinen“, fragte mich Ken Andrew, „im Vertrag steht, jeder von uns fährt in einem Extra-Auto“.

Dieser Passus des Vertrages war mir nicht bekannt, Günter Friedel nicht anwesend, eine andere Lösung nicht in Aussicht und „im Taxi fahren wir nicht“. Mit den Technikern standen sechs Personen am Flugplatz, die es galt zu transportieren, eigentlich war das alles kein Problem und Platz hätten alle. Aber, es waren Weltstars!

Trotz aller Diskussionen, nichts lief. Mein Vorschlag war simpel „wir fahren mehrfach, dann hat jeder ein Fahrzeug mit einem individuellen Platz im Auto“. „Wie viel Zeit nimmt das in Anspruch“. Das wäre mit einer Wartezeit von gut zwei Stunden verbunden, „ihr geht derweil einen Kaffee trinken“.

Erneute Diskussionen. Es folgte eine Einigung. Wir fuhren doch mit den beiden vorhandenen Fahrzeugen.

Sally Carr war nicht nur eine attraktive Frau, sie war freundlich sowie verständnisvoll und sagte: „Gerald, das hast du gut gemacht.“ Allen Menschen recht getan ist schwierig.

Die Konzerte liefen sehr gut und am Abend saßen wir gemeinsam an der Bar, ich war von Ken Andrew immer eingeladen.

Zur Verabschiedung überreichte mir die Gruppe eine signierte Schallplatte und Sally Carr eine Flasche „Beefeater“ Gin und diese steht noch heute in meinem „Getränke-Museum“ in unserer Wohnung. Später habe ich „Middle of the Road“ in Sopot, Warschau oder auch in Bukarest getroffen und immer in freundschaftlicher Verbundenheit. Auch hatte die Band mich zum Konzert nach Westberlin eingeladen. Leider musste ich absagen, die Gründe meiner „politischen“ Absage sind bekannt. 

Wie reagierte das Publikum?

Immer super! Das Publikum möchte unterhalten werden und Unterhaltung ist eine Kunst, die nicht leicht ist in der Umsetzung: Viele Menschen „reden rein“, haben andere, ihre, Ansichten zu den Dingen.

Während der Jahre beim Fernsehen hatte ich so viel gelernt und alle meine „Tournee“ Programme liefen ebenfalls sehr erfolgreich. Im Laufe dieser Zeit hatte ich mit fast allen Unterhaltungskünstlern sowie Bands gearbeitet. Von Ruhla bis Görlitz, von Suhl bis Schwedt hatte ich große oder kleine Kulturhäuser, Konzerthallen und Stadien kennengelernt. Dort waren „Kulturarbeiter“ vor Ort tätig, die solche Programme für ihre örtlichen Zuschauer einkauften. 

Ihr Fazit?

Die Erarbeitung von Tourneeprogrammen für die Künstler Agentur waren für mich von großer Relevanz. Hier habe ich für meine weitere künstlerische Arbeit sehr viel gelernt. Auch war es lehrreich mit den "großen" Stars dieser Welt zu arbeiten.

Während der „Programme“ nahm ich oft im Saal Platz und wollte das Geschehen auf der Bühne unter „meine kritische Lupe nehmen“, doch ich beobachtete besonders gern das Publikum. Deren Reaktionen auf den Auftritt des Künstlers oder den Gag eines Komikers. Immer stellte ich fest: Das Publikum möchte unterhalten werden.

Schlager waren besonders gefragt und die Interpreten standen hoch im Kurs. Fast alle Programme erfüllten diesen Zuschauerwunsch, aber es waren reine Tournee-Programme. Obwohl diese gut aufgenommen wurden, waren sie inhaltlich nicht auf das örtliche Publikum zugeschnitten. Erstmals hatte ich diese Erfahrung in Schwedt gemacht. Entsprechend der Wünsche, Belange und natürlich der finanziellen Möglichkeiten gestaltete ich das Programm. Es war nicht nur der Erfolg mit der Köchin. Zum perfekten Erfolg tragen eine ganze Menge Faktoren bei, dazu gehören auch die Partner. Vor allem die Produzenten, die Leiter von Kulturhäusern zählten dazu. Hier gab es viele gute und „modern“ eingestellte Personen, allerdings auch so manchen Miesepeter. Positives Denken war eines meiner Merkmale. 

Ständig on Tour?

Als „Leiter Gestalterkollektiv“ wurde ich nicht geboren, auch war dies kein Kriterium der staatlichen Zulassung oder Grundlage für ein Extra-Honorar. In der DDR stand das Kollektiv im Mittelpunkt allen gesellschaftlichen Lebens.

Ein Regisseur, der auch als Autor oder Redakteur auf dem Fachgebiet Unterhaltung arbeitete, verfügte über eine staatliche Zulassung und hatte Mitarbeiter um sich vereint. Die Szene war überschaubar, nur eine Handvoll Personen waren als „Leiter Gestalterkollektiv“ tätig und inszenierten Programme mit Erfolg. Teamleiter wäre zutreffender gewesen und diese Mitbewerber kannten sich alle.

Ein Regisseur für Unterhaltung sollte sich vielseitig aufstellen, auch kleine Programme gestalten, Interpreten auf ihre erfolgreichen Auftritte auf den Bühnen vorbereiten. Das alles machte ich.

Der Staat wollte auch den kleinsten Personenkreis unter Kontrolle halten, die Generaldirektion beim Komitee für Unterhaltungskunst bildete Mitte der 80er Jahre einen Beirat für Regie. Nun war ich darin Mitglied. In Abständen traf man sich, es wurde viel über Politik gesprochen, aber keinerlei Änderungen angestrebt. Prinzipielle Fragen wurden erst ab Mitte 1988 sehr zögerlich in Angriff genommen und ab Frühjahr 1989 begann ein größeres „Aufmurren“.

Vielen Dank für das Gespräch!

Sehr geehrte ReiseTravel User, wir wünschen Ihnen beim Lesen viel Freude. Natürlich verbunden mit der Bitte: Historie & Memoires – Erinnern Sie sich? Wenn ja, so hoffen wir, schreiben Sie uns: Ihre eigenen Erinnerungen. Gern werden wir diese veröffentlichen. Vielen Dank.

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