Karlsruhe

Ein Besuch in Karlsruhe wird im Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM) zu einer Entdeckungstour im elektronischen Labor der Kunst

Erlebnis-Parcours digitale Welten: Die Ideenfabrik, welche die Kunst von morgen heute schon denkt, wurde 1997 in einer ehemaligen Munitionsfabrik eröffnet.

Hajo, ma ko´n nix sage.“ Befragt man Karlsruher zur Lebensqualität in ihrer Stadt, bedeutet diese Feststellung das größtmögliche Lob. Badische Bescheidenheit eben. Etwas mehr lokale Begeisterung hätte die Badenmetropole mit ihrem Savoir vivre und der reizvollen Lage im Vorgarten von Schwarzwald, Elsass und Pfalz aber verdient.

Bund und anders:

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Mit seinen Ausstellungen ist das ZKM ein Hingucker für neue Ansichten und Aussichten in der Kunst 

Wegen des milden Klimas kommt der Frühling dort etwas früher und der Herbst beginnt später. Vielleicht halten sich die Karlsruher aber auch wegen ständig neuer nerviger Baustellen in ihrer City mit Beifall zurück. Ein ehrgeiziges Tunnelprojekt für Straßenbahnen hat Narben in der baumreduzierten Einkaufsmeile hinterlassen. Eine von Imbissketten, Handyshops und Friseurläden dominierte Kaiserstraße laden kaum zum Verweilen ein. Auch Pannen und Störungen im Straßenbahnverkehr machen Karlsruhe nicht zu einem touristischen Sehnsuchtsziel. So weit, so schade. Aber auch wenn Karlsruhe an seiner „bella Figura“ noch arbeitet, seine futuristische Kunstszene ist jedes Jahr ein Hingucker.

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Wechselnde Skulpturen des ZKM in der City oder wie hier im Schlossgarten: Eine Arbeit von Aram Bartholl

Baufreudig hatten sich die Stadtväter schon Ende des vergangenen Jahrhunderts gezeigt. Wo eine Fabrikruine als Baden-Württembergs größter Taubenschlag vor sich hin dümpelte, entstand das Zentrum für Kunst und Medientechnologie (ZKM). Mag sein, dass die Karlsruher Kunstfabrik in Bilbao, Linz oder New York als „Digitales Bauhaus“ populärer und geschätzter ist als in Deutschlands Großstädten. Das sollte Reisende aber nicht von einer im wahrsten Wortsinn elektrisierenden und klingenden Begegnung mit Künsten und Kunst des 21. Jahrhunderts abhalten.

312 Meter lang und 54 Meter breit ist der als Waffen- und Munitionsfabrik erbaute Industriekoloss aus der Zeit des 1. Weltkrieges. Heute ist die durchgehend offene auf Pfeilern ruhende Struktur in zehn Lichthöfe gegliedert. „Mitbewohner“ im Kosmos von digitalen und analogen Welten sind die Hochschule für Gestaltung und die Städtische Galerie. Besonders attraktiv ist eine Annäherung an das Mekka der Medienkünste vom Schlosspark aus. Wer die Wendeltreppe hinauf bis auf den Balkon des Schlossturms schafft, hat einen weiten Blick auf die „Fächerstadt“. Vom Fuß des Turms streben 32 Radialen strahlenförmig in alle Himmelsrichtungen. Vor der Silhouette der Schwarzwaldausläufer treffen die Fächerstraßen auf das Pendant zur musealen Schlossherrlichkeit, das ZKM. Markgraf Karl Wilhelm hatte 1715 den Grundstein für das Schloss gelegt, dessen Entree einer der größten offenen Plätze Europas ist.

Als der Stadtgründer sein Jagdschloss im dichten Wald bauen ließ - der Sage nach als Ruheort vor seinem zänkischen Weib - waren Befestigungsanlagen um Städte bereits passé. „Carols-Ruhe“ wuchs am Reißbrett als barocke Stadt mit geraden Alleen. Durch mittelalterliche Gassen spazieren Besucher nur im beschaulichen Stadtteil Durlach. Der Anblick des strahlenförmigen Kranzes ging dem damaligen US-Präsident Thomas Jefferson nicht mehr aus dem Kopf. Er nahm die Idee der „Fächerstadt“ als Vorbild für die Stadtarchitektur von Washington D.C. mit in die USA.

Hinter dem Turm zeigt ein blauer Strahl aus 1654 Kacheln den Weg durch den Schlosswald zur Majolika-Manufaktur mit Ausflugslokal im Grünen. Immer wieder drohte den Brennöfen in den 120 Jahre alten Traditionswerkstätten das Feuer auszugehen. Aber genau so oft halfen kreative Ideen, dass die Glut der kunterbunten Keramik-Welt im Hightech orientierten Karlsruhe weiter glimmt. Schließlich wurde hier 1936 einem possierlichen Rehkitz Form und Gestalt gegeben, das später als „Bambi“ Weltruhm erlangte.

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Platz der Grundrechte in der Residenz des Rechts

Wer am Bundesverfassungsgericht vorbei schlendert, sich unter lauschigen Bäumen in der benachbarten Orangerie ein Glas Wein genehmigt oder ins Café Rih beim zweitältesten deutschen Kunstverein einkehrt, muss die Elektro-Kunst für den Rest des Tages keineswegs links liegen lassen. Zur bronzenen Marktplatz-Pyramide sind es nur ein paar Schritte.

Nahe dem Grab des Stadtgründers gibt es auf der Kulturreise vom Gestern ins Heute Sofortanschluss ins Übermorgen. Mit der Straßenbahn sind Kunsthäuser sowie Hänge und Täler in Wald und Flur im Zehn-Minuten-Takt zu erreichen – wenn nicht irgendwo eine Gleispanne oder Signalstörung das Vergnügen bremst.

Der Marktplatz ist zentraler Startpunkt für Spaziergänge zu historischen Schauplätzen wie dem Neuen Ständehaus. Der Neubau mit einer ständigen Ausstellung zur „Wiege der Demokratie“ befindet sich an jener Stätte, an der 125 Jahre lang das erste Parlamentsgebäude auf deutschem Boden stand. Weiter geht die Kunstvisite mit der Tram direkt vor das ZKM.

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Medienguru und Kurator Peter Weibel ist seit 23 Jahren Chef des ZKM

Hausherr ist Peter Weibel. In der Forschungs- und Produktionsstätte mit dem coolen Charme einer Raumschiff-Enterprise-Werft, führen in multimedialen Hexenküchen und Schauräumen traditionelle und neue Künste in mächtigen Lichthöfen Dialoge. Eine ruppige Direktheit, die der Fabrikarchitektur ihre futuristische Werkstattatmosphäre verleiht, war auch Markenzeichen des jungen Weibel. 1968 schrieb der Kunst-Rebell Aktionsgeschichte, als er am Gängelband einer Frau auf allen Vieren wie ein Hund durch die Wiener Innenstadt kroch oder einen Hörsaal besetzte und mit Ferkelein besudelte. 54 Jahre später führt der global umtriebige Künstler und Herr der weltweit wohl bedeutendsten Sammlung interaktiver Medienkunst illustre internationale Gäste durch das ZKM.

Als Museum aller Gattungen und Medien stehe sein Haus für Malerei und Skulptur ebenso wie für Musik, Medien und Aktionen. Damit bilde das ZKM die Entwicklung der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts ab, beschreibt Weibel seine „Arche Noah der Kunst“. Nur „Bilder gucken“ ist für den Erneuerer auf dem modernen Kunstparkett indes keine Option. Auf die Frage eines Journalisten, ob Maler „dumm“ seien, antwortete Weibel „ja“. Die Welt stehe vor großen Herausforderungen. Nackte oder auf den Kopf gestellte Frauen malen, sei belanglos. Maler hielten sich an Pinsel und Farben fest und ignorieren elektrische und digitale Technologien. Vom Tafelbild zum Bildschirm, von der Buchseite zur Website, ist das Credo des digitalen Pioniers.

In den ZKM-Ausstellungshöfen flimmert, zuckt und piept es. Alte und junge Museumsgäste spielen und „Künstlern“ in regelmäßig wechselnden Ausstellungen mit. Zum Beispiel das Paar in einer „Interaktiven Kunstgalerie“, das mit Handbewegungen immer neue, andere Schöpfungen entstehen lässt. Ein paar Wellenlängen weiter steht eine Frau auf dem Boden und geht trotzdem in die Luft. Vor einem Wandmonitor hebt sie die Arme, wartet einige Sekunden und steuert sich dann ohne Maus und Tastatur im virtuellen Flug über Häuser und durch Straßen der Fächerstadt. Je höher die Hand, desto Schneller der Flug. Vorsicht, Crash-Gefahr!

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Romantischer Pausenhof zwischen Schloss und ZKM

Um die Ecke feiern Medienkunst und Spielkultur ein Rendezvous.  Schatten von Köpfen, Händen oder Beinen kicken auf einer weißen Wand „Bubbles“ in die gewünschte Richtung. Wo es komplizierter wird und die Rede von „digitalen Schaltungen“ oder „alternativer Vakuumelektronik“ ist, vermitteln Führungen klare Sicht beim Surfen auf der Datenautobahn.

Mit ihren quirligen, inspirierenden und farbenfrohen Inspirationen machen Kunstwerke manchmal auch vor Mülleimern draußen vor der Tür nicht halt, oder sie zaubern im Sommer Lichtspiele auf die abendliche Barockfassade des Schlosses. Als eines der „großen digitalen Kunstwerke Europas“ feiert Karlsruher gerne seine Schlosslichtspiele, die einmal im Jahr einen bunten Sommermonat lang auf der Fassade flimmern: Eine farbenfrohe Bildershow mit politisch braver Botschaft, historischer Erhellung oder einfach als Gute-Laune-Hightech-Party mit Erinnerungswert. Schnell noch ein Video-Selfi.

Was die kommende Komponisten-Generation so drauf hat, ist auf jährlichen Festivals und Veranstaltungen des ZKM-Instituts für Musik und Akustik zu hören. Einer, der es geschafft hat, ist der „Vorspieler“ elektronischer zeitgenössischer Musik, Wolfgang Rihm. Brachialer Schlagzeugdonner, weite Streicherfelder, sich aufbäumende und wieder in sich zusammen fallende Tonskulpturen des Musik-Createurs, gingen hier allerdings nur 2012 zu dessen 60. Geburtstag mit Pauken und Trompeten über die Bühne. Lokale Kultur- und Marketingstrategen hatten das werbewirksame Potenzial des Herrn Rihm wohl verdaddelt oder überhört. Dass der Meister in seiner Heimat Karlsruhe eine weitgehend musikalische Unbekannte ist oder manch örtlicher Zeitgenosse dessen Sound mit besagter Feststellung „Hajo, ma ko´n nix sage“, beurteilen würde, schert den Komponisten aber nicht. In Karlsruhe bleibe man auf dem Teppich, sagt er. Wenn man erfahre, dass dieser Teppich manchmal auch fliegt, sei das besser, als in vermeintlichen Zentren von lauter Notlandungen umgeben, zu erwachen. Auch werde man nicht von Touristenströmen bedrängt. Manch Reiselustigen mag ja gerade das Inspirieren, die „kunstvolle“ Fächerstadt zu erkunden.

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Jährliche Veranstaltungen in Karlsruhe: Open-air Musikfestival „Das Fest“: www.dasfest.de / Schlosslichtspiele www.schlosslichtspiele.info / Musik- und Ausstellungen im ZKM www.zkm.de / Sonderschauen im Schloss www.landesmuseum.de / Kunstmesse art / www.art-karlsruhe.de

Mehr Infos: Karlsruher Stadtinformation: www.karlsruhe.de

City: Karlsruhe lässt sich leicht zu Fuß oder mit der Tram erschließen. Tickets. www.kvv.de

Unterkünfte: Zentral gelegen mit ÖPNV-Anschluss sind das Hotel am Markt (ab 114 Euro/DZ) sowie das Novotel (ab 131 Euro/DZ).

Badische Küche: Badische Weinstuben im Botanischen Garten, Lehner´s Wirtshaus am Ludwigsplatz, Zum kleinen Ketterer in der Adlerstraße, Gasthaus Gutenberg am Gutenbergplatz, Oberländer Weinstube in der Akademiestraße.

Probieren: Maultäschle in Zwiebelschmelze und Schupfnudle mit Sauerkraut.

Durlach: Gemütliche Lokale finden Reisende in Durlach. Der mittelalterliche Stadtteil ist die Mutterstadt von Karlsruhe und mit der Tram vom Marktplatz in 15 Minuten erreichbar.

Literatur für unterwegs: Reise Know-How, CityTrip Karlsruhe, 11,95 Euro. Zur Unterhaltung: Der Krimi „Angst in der Fächerstadt“ von Helen Kampen spielt im ZKM. Gmeiner Verlag, 12,40 Euro.

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke.

Manfred LaedtkeUnser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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