Nantes

Nantes - die Stadt der Kunst und der Künstler überrascht und bezaubert

Die Stadt Nantes an der Loire-Mündung, südlich der Bretagne und nahe der Atlantikküste von Frankreich, hat einige Wandlungen durchgemacht und präsentiert sich heute mit vielen Gesichtern. Vor drei Jahrhunderten war sie eine bedeutende Hafenstadt und vor einigen Jahrzehnten dominierten noch Werften und Schwerindustrie den Ort. 1987 schloss die letzte Werft ihre Tore, Arbeitslosigkeit und sozialer Abstieg waren die Folge. Seitdem hat sich Nantes mit Hilfe der Kultur neu erfunden. Vor nunmehr 34 Jahren, als der junge damals 39jährige Bürgermeister Jean-Marc Ayrault ins Rathaus einzog, wurde mit dem Titel „Le Voyage a Nantes“ eine einzigartige Struktur geschaffen. Sie verbindet Tourismus, Kultur und historisches Erbe und macht die Kultur zum Aushängeschild der sechstgrößten Stadt Frankreichs mit ihren derzeit etwas über 300.000 Einwohnern. Aus geschlossenen Schiffswerften und traurigen Industriebrachen wurde eine einzigartige Kulturlandschaft in Nantes kreiert. Zur Freude seiner wachsenden Einwohnerzahl und der Touristen.

Kunstparcours durch Nantes entlang des Grünen Bandes; Parkfigur im Botanischen Garten von Jean Jullien

Nantes

Die Besucher von Nantes können im öffentlichen Raum der Stadt über 120 (!) Kunstwerke entdecken. Der Wegweiser dafür ist eine auf Straßen und Wegen gezogene grüne Linie. Sie lädt alle ein, das Angebot der Stadt aktiv und intelligent zu erleben. Es ist eine permanente Reise, ein Parcours, der Jahr für Jahr bereichert und neugestaltet wird. Mittlerweile ist die Strecke auf zwanzig Kilometer angewachsen. Und jeder kann sich einen Abschnitt heraussuchen. Da ist dann staunen, lächeln und vielleicht auch Kopfschütteln angesagt – gleichgültig wird kaum jemand bleiben.

Entdeckungsreise durch die Stadt

Als Start für die Entdeckungsreise bietet sich der Place du Bouffay im Zentrum der Stadt an. Hier kann man in den Seitenstraßen mit Kulturerbe und zeitgenössischer Architektur beginnen, so mit dem „Jungle Interieure“ – dem Indoor Dschungel - des Künstlers Evor, der in einem kleinen Innenhof ein kleines Pflanzenwunder geschaffen hat. Oder man entdeckt Kunst an den Hausfassaden wie die Installation „Le temps entre les pierres“ – die Zeit zwischen den Steinen. Hier blickt die Künstlerin Flora Moscovici auf rätselhafte Spuren der Vergangenheit, einen hohen Kamin, der sich im Inneren des ehemaligen Schöffenhauses aus dem 16. Jahrhundert befand und den sie mit geschickter Farbgebung in Brand setzt. Und schließlich auf dem Platz selbst die mittlerweile berühmte Bronzestatue „Éloge du pas de côté“ – Ein Loblied auf den Seitenschritt – des französischen Künstlers Philippe Ramette. Sie stellt den Künstler selbst dar, wie er mit einem Bein über der Leere balanciert, eine originelle Statue, die das Unkonventionelle wie Kreative der gesamten Kunstszene symbolisiert.

Die nächste Station, der Botanische Garten Parc Jardin des Plantes im Zentrum von Nantes steht stellvertretend für eine weitere beeindruckende Bilanzzahl: Die Stadt errechnet stolze 141 Quadratmeter an Grünfläche pro Einwohner. Hier im Park findet man weitere spektakuläre Kunstprojekte wie das Feydball, eine Kombination aus dem Ortsnamen Carré Feydeau mit dem Sport Fußball. Es entstand ein Fußballfeld, das sich ganz ungewöhnlich den Gegebenheiten des Platzes anpasst, mit einem halbmondförmigen Bogen, wo sich die Tore nicht gegenüberstehen. Und gleich daneben ein Spielplatz mit der Drachenrutsche des japanische Künstlers Kinya Maruyama, eine wild aussehende Holzkonstruktion in Form eines Drachens mit einer Kinderrutschbahn.

Verspieltes und skurrile Poesie im Park

Im dem wundervoll gestalteten Park hat seit einigen Jahren die Kunst des Grafikdesigners Jean Jullien Einzug gehalten mit seinen verspielten Figuren, die sich über die sieben Hektar Parkfläche verteilen. Ebenso spektakulär die überdimensionale Sitzbank des Kinderbuchautors und Illustrators Claude Ponti und sein schlafendes Tier Dormanron mit einem Hauch skurriler Poesie. Es macht einfach Spaß, in diesem Park zu bummeln, der auch mit seltenen Pflanzen aufwarten kann. So ist die Vielzahl von Kamelien-Bäumen zu bestaunen und als absolute Besonderheit etwa 500 Sorten von Magnolien.

Kunstparcours durch Nantes entlang des Grünen Bandes; Parkfigur im Botanischen Garten von Jean Jullien

Nantes

Bei einem Bummel durch Nantes kommt auch die Historie nicht zu kurz. Denn hier steht das Lieblingsschloss von Anne de Bretagne, der Herzogin der Bretagne. Im Schloss befindet sich das Museum für Stadtgeschichte mit 32 Räumen, von denen einer einen virtuellen Rundgang durch Nantes im Jahr 1757 zeigt. Neben dem wissenschaftlichen und historischen Aspekt erzählen Schriftsteller, Dichter, Maler und Filmemacher die Geschichte der Stadt.

Verschiedene Sichten auf „Lob der Übertretung“

Nicht weit entfernt vom Königssitz das einzige Denkmal in Frankreich von Ludwig XVI., der in der französischen Revolution 1793 öffentlich mit der Guillotine hingerichtet wurde. So ein royales Denkmal ist nur in der Bretagne möglich, meint mein Guide Timothée Demeillers. Und der König auf der Säule trägt sogar noch seinen Kopf oben.

Während darüber vielleicht noch Historiker diskutieren, sind bei der künstlerischen Arbeit „Eloge de la Transgression“ – „Das Lob der Übertretung“ von Philippe Ramette verschiedene Sichtweisen sogar erwünscht. Der Betrachter sieht ein Schulmädchen, das auf einen leeren Sockel klettert. „Oder ist sie gerade dabei, von diesem herabzusteigen? Der Künstler experimentiert und fordert zur Diskussion auf“, so Timothée. Außerdem weist Timothée noch darauf hin, dass nur wenige Dutzend Meter von dem Sockel mit dem Schulmädchen sich das Denkmal von General Pierre Cambronne befindet, der den Engländern auf dem Schlachtfeld in Waterloo das legendäre Wort „Merde“ entgegenschleudert haben soll. Gibt es zwischen beiden Denkmälern eine Beziehung, Begeisterung oder auch Ablehnung für das Militärische? Will das Mädchen dem General zujubeln oder ihn gar anklagen, weil er so viele junge französische Soldaten in den Tod geschickt hat? Nachdenkliches für den Betrachter, der vom Künstler ernst genommen wird.

Beeindruckende Tischtennisplatten

Auf der Nantes-Insel erwarten den Besucher noch sportliche Herausforderungen. Im Ping-Pong-Park rufen künstlerisch originell gestaltete blaue Tischtennisplatten dazu auf, bespielt zu werden. Nichts leichter als das, denn im gegenüberliegenden Restaurant kann man Tischtennis-Kellen und einen Tischtennisball kostenlos ausleihen. Lässt man sich allerdings dann mit etwas Schweiß auf der Stirn zum Durstlöschen mit einem Leffe-Bier verlocken, dann kann so ein 0,3-Glas schon mehr als sieben Euro kosten. Na, dann Prost. Statt von solchen Preisen sollte sich der Besucher auf der grünen Linie eher durch Bauten in der Gegend des Creative Campus beeindrucken lassen. Schon allein die schicke Fassadengestaltung des Kreativ-Hauses, der Architekturschule sowie des imposanten Justizgebäudes lohnen eine Stippvisite.

Lebendige Maschinen der Kunst

Das große Spektakel erwartet den Touristen dann auf der Nantes-Insel auf dem ehemaligen Werftgelände unter der großen Überschrift: „Les Machines de l’île“. Die Schöpfer des Projektes François Delarozière und Pierre Orefice kommen aus der Welt des Straßentheaters und urbaner Inszenierungen. Die Teams der beiden Künstler führten die imaginären Welten von Jules Verne, geboren und aufgewachsen in Nantes, das mechanische Universum von Leonardo da Vinci und die industrielle Vergangenheit der Stadt zusammen. Es wurden „lebendige“ Kunstereignisse entwickelt und dazu mechanische Skulpturen entworfen und gebaut. Die ersten Maschinen sind im Jahr 2007 zum Leben erwacht. Zu ihnen gehörte der Grand Éléphant. Der Koloss aus Stahl und Holz mit 48,8 Tonnen Gewicht und 12 Metern Höhe ist zweifellos noch heute der Star der Maschinen-Parade. Der majestätische Dickhäuter verlässt regelmäßig die stählerne Werfthallen-Kathedrale zu einem Spaziergang. Er wird von nicht weniger als 62 zumeist hydraulischen Zylindern angetrieben, und es ist nahezu magisch, wie lebensecht die Bewegungsabläufe sind, von der Bewegung des Rüssels bis zum Blinzeln der Augenlider. Wer ihm zu nahekommt, findet sich in einem Schwall von Wasserdampf aus dem Rüssel wieder. Bis zu 50 Passagiere können an Bord gehen, im Inneren des Elefantenbauches das Räderwerk und die Beinbewegungen bestaunen und sich mit bis zu drei Kilometern pro Stunde über die Insel schaukeln lassen.

Karussell der Meereswelten

Auf dem Rücken des großen Elefanten fühlen sich die Passagiere wie im vierten Stock eines wandernden Hauses und können auf die Loire-Kais und auf eine weitere Sensation des Parkes schauen: Das „Carrousel des Mondes Marins“, das Karussell der Meereswelten. Es wurde im Jahr 2012 eröffnet und ist eine Hommage der Künstler an die maritimen Wurzeln von Nantes. In einer Betonröhre mit einem Durchmesser von 22 Metern, überdacht von einer Zeltkuppel, sind drei Karussells übereinander gebaut. Im untersten können sich die Besucher auf den Lebewesen des Meeresbodens platzieren, in der Ebene darüber drehen sich skurrile und fast furchteinflößende Kreaturen der Tiefseegräben und das oberste Karussell führt an die Meeresoberfläche. Jules Verne lässt grüßen, dessen Museum sich am gegenüber liegenden Ufer befindet.

Guide Timothée zeigt das „Lob der Übertretung“ von Philippe Ramette, im Hintergrund das Denkmal von Pierre Cambronne

Nantes

Wer die Les Machines de l’île besucht, darf nicht einen Rundgang durch die Werfthallen und die Vorführungen in der Maschinen-Galerie versäumen. Da gibt es unter anderem einen mechanischen Reiher mit einer Spannweite von acht Metern, eine an Tarantula erinnernde überdimensionierte mechanische Spinne, die an ihren Spinnfäden entlang krabbelt und zwei Riesen-Kolibris, die an einer Blütenkrone Nektar sammeln.

Die kreative Nanteser Küche

In Frankreich und speziell in der Kunst und Kulturstadt Nantes begibt sich der Besucher immer auch auf eine kulinarische Reise. Bei so viel Innovation und Kreativität ist die Erwartung, auch hier auf etwas Besonderes zu treffen, verständlicherweise groß. Unter dem Titel „Les Tables de Nantes“ sind 166 Adressen aufgelistet, von der Kategorie „schnell und gut“ bis hin zur Sterneküche. Wer wollte nicht schon einmal im Spezial-Restaurant „Le Coin des Crêpes“ die hauchdünnen französischen Pfannkuchen mit edlem Ziegenkäse oder mit Ei und Speck verspeisen, süße Varianten mit Schokolade, Karamell und Banane gibt es natürlich auch. Hier bestätigt sich der Ruf der Nanteser Küche als maritime aber zugleich bodenständige Küche mit einem einzigartigen Esprit, der offen ist, neugierig, verbindend und reiselustig.

Der Große Elefant auf seinem Spaziergang über die Nantes-Insel

Nantes

Und die Erwartung wird besonders für den Besucher aus Berlin nicht enttäuscht. Denn seit 2016 gibt es in Nantes drei Restaurationen „Bistro Berlin 1989“. Ich besuche das Bistro im Universitätsviertel an der Tram-Station Nantes Morrhonnière-Petit Port. Manager Gabin Diebolt nimmt sich für mich etwas Zeit und lädt mich zu einem Bier Kreuzberger Pilsner ein. Wie „Berlin 1989“ hier nach Nantes an die Atlantikküste kommt, ist einfach erklärt. Der Gründer und Eigentümer Thomas Dutour hat in seinem bewegten Leben als Künstler und Unternehmer auch fünf Jahre in Berlin-Kreuzberg verbracht. Seine Unternehmensidee hat sich im kreativen Nantes als erfolgreich erwiesen, das Restaurant ist auch an einem gewöhnlichen Wochentag gut besucht. Insgesamt kann der Gast zwischen zehn deutschen Biersorten zu moderaten Preisen auswählen. Dazu gibt es einige Dutzend Bistro-Speisen mit flippigen Namen wie „Oranien-Straße“ (würziges Hähnchen, hausgemachte Pommes mit Salat) oder „Checkpoint Mehmet“ (Frikadellen mit Auberginen) oder „Kaiser Bismarck“ (Salat mit Hühnerbruststreifen) und mit „Vagabund Kreuzberger“ ist sogar Vegetarisches im Angebot. Auch die Cocktailkarte hat überraschende Titel wie „Porn Star Alexanderplatz“ mit Wodka oder „Sankt Pauli Killer“ mit Rum. Die eher zurückhaltende Dekoration hält für die deutschen Besucher einige Erinnerungen parat. Auf einem kleinen Videoschirm in der Ecke läuft als fortlaufender Videofilm die Uralt-Krimiserie „Derrick“ – glücklicherweise ohne Ton. Da lächelt von einer Bilderwand der erste deutsche Kosmonaut im Weltraum Sigmund Jähn aus dem Vogtland, da landet in Berlin Tempelhof noch ein Flugzeug und der Foto-Schnappschuss der Umarmung zwischen Breshnew und Honecker trägt die nette Unterzeile: „Now it`s time…to dance“. Das sind Bildideen eines Franzosen aus Berlin Kreuzberg, der in Nantes das Lokal Berlin 1989 betreibt. www.levoyageanantes.fr - www.estuaire.info/fr/

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Ronald Keusch.

Ronald KeuschUnser Autor ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Tourismus, er lebt und arbeitet in Berlin. www.keusch-reisezeiten.de 

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