Hirschberg

Am Fuße der Schneekoppe. Renaissance des adligen Lebens: Neues Leben in alten Schlössern

Fürstlicher Genuss: Wohnen wie Herrschaften und der reiche Adel: Mit staatlichen, vor allem aber privaten Initiativen wurden in Polen aus Ruinen wieder stattliche Schlösser.

Frühmorgens im Hirschberger Tal: Wenn Rübezahl noch schnarcht und die Sonne sich noch hinter dem Riesengebirge versteckt, stiefelt Elisabeth von Küster zu ihrem Traktor. Für die Gutsherrin ist rund um ihr Schlosshotel im polnischen Lomnitz immer etwas zu tun. Gäste lassen es sich in dem barocken Palast oder im blumenreichen Park gut gehen, bekommen von dem adligen Arbeitsalltag kaum etwas mit. Wer jedoch Niederschlesiens 300-jährige Schlossgeschichte verfolgen möchte, dem steht die Unternehmerin auch in Arbeitshose und Lederschürze Rede und Antwort.

Hirschberger Tal

Elisabeth von Küster ist die First Lady auf Schloss Lomnitz. Ihre Initiative war Anstoß für weitere Schlosssanierungen im Hirschberger Tal

70 Kilometer vom deutschen Görlitz und 100 Kilometer von Wroclaw (Breslau) entfernt, reihen sich im Vorgarten des Riesengebirges auf engstem Raum Dutzende prachtvolle Schlösser und Herrenhäuser. Polnischer und preußischer Adel, reiche Landbesitzer und begüterte Leinenhändler ließen hier pompöse Residenzen errichten.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bröckelte die Pracht, die Anwesen verfielen. Das Hirschberger Tal geriet in Vergessenheit. Bis der polnische Staat und Nachfahren vertriebener Adelsgeschlechter die verwahrlosten Schätze wieder auf Hochglanz polierten und als Nobelherbergen für Touristen öffneten.

Man setzte nach der politischen Neuordnung auf europäische Besucher, vor allem aber auf deutsche „Heimwehtouristen“. Nobel sind auch (noch) die Preise. Schon ab 90 Euro öffnet sich für Feriengäste ein herrschaftliches Gemach. Trotzdem haben die Investoren finanziell nicht auf Sand gebaut. „Viele sprechen hier deutsch“, weiß Elisabeth von Küster. Das sei ein Grund, dass immer mehr Urlauber aus dem deutschsprachigen Raum das „Tal der Schlösser“ in der Region von Jelenia Góra (Hirschberg) als Ferienregion entdecken.

Hirschberger Tal

Hier residierten schon der „Alte Fritz“ und ein US-Präsident. Die ehemalige Bleiche Schloss Wernersdorf kaufte ein Ehepaar aus dem Saarland zurück

Vor 30 Jahren habe sie mit ihrem heutigen Ehemann in einer Berliner Studentenbude gehaust: „Wir haben fleißig gespart, uns viel von Quarkschnitten ernährt“, erinnert sich die Potsdamerin. Mithilfe des Sparschweins, staatlicher Zuschüsse und Unterstützung von Verwandten wurde dann begonnen, den in Trümmern liegenden Familienbesitz ihres Mannes als Ensemble aus Schloss, Park und Gutshof wieder aufzubauen. Um die Haushaltskasse mit ein paar Münzen aufzubessern, habe sie anfänglich Getränke, Würstchen und Kartoffelsalat an Touristen verkauft. Nach 1990 sei ihre Familie ein Baupionier der ersten Stunde gewesen, bemerkt die Schlossdame selbstbewusst. Lomnitz war die Blaupause für weitere Schlossrettungen.

Im „Witwenhaus“ verlassen die ersten Gäste die biedermeierliche Lieblichkeit ihrer Unterkunft, flanieren durch den Park oder besuchen im benachbarten Haupthaus, dem eigentlichen Schloss Lomnitz, die Dauerausstellung „300 Jahre Leben im Hirschtal“. Auf drei Etagen reanimieren stilsicher dekorierte Innenräume, eine historische Schlossküche, ein Teesalon, ein repräsentatives Büro und Bilder jene Zeit, als die prahlerischen Anwesen mit Weitblick auf die Schneekoppe entstanden.

Hirschberger Tal

Die heute katholische Kirche zum Heiligen Kreuz wurde Anfang des 18. Jahrhunderts in Hirschberg errichtet. Österreichs Kaiser Joseph I. hatte Protestanten aus „Gnade“ den Kirchenbau gestattet

Verbunden ist die Geschichte etlicher Schlösser mit den „Schleierherrn“. Unternehmer wie der erfolgreiche Kaufmann Christian Mentzel fanden in dem weltentrückten Tal das, was sie für florierende Geschäfte mit dem begehrten feinen Stoffjuwel brauchten: Flachs, Fließgewässer, Bleichwiesen und die fleißigen Hände armer Landarbeiter zur Veredelung des weichen Leinens.

Das erzielte Vermögen der Handelsherren mit der aus Holland eingeführten Technik des Schleierwebens gestattete einen Lebensstil, der den des Landadels oft übertraf. Und obwohl der Erwerb ehemaliger Rittergüter dem Adel vorbehalten war, kaufte Mentzel 1738 zehn Jahre vor seinem Tod Schloss Lomnitz. Der König hatte dem reichen Leinenhändler per Dekret eine Ausnahme gewährt. Viel später war es dann bis 1945 im Besitz der Familie von Küster.

Damals waren Herrschaften im Land der Schleierherren mit luxuriösen Kutschen, Arbeiter mit schweren Fuhrwerken unterwegs. Heute bedarf es automobiler Flexibilität oder wenigstens eines leistungsstarken Fahrrads, um das aus dem Rahmen fallende polnische Kulturerbe zu erkunden. 15 Kilometer von Lomnitz entfernt wartet schon der nächste Prachtbau.

Das Schlosshotel Stonsdorf punktet mit der vielleicht heimeligsten Zimmermöblierung aller Edelherbergen. Ein pompöser Festsaal, knarzendes originales Eichenparkett, englische Teppiche, reiches Schnitzwerk, Stuckdekors, Wandgemälde sowie Tapeten mit historisch anmutenden Mustern empfangen den Besucher. Vor Fenstern öffnet sich ein 3,5 Hektar Landschaftspark zum Verlaufen. Unter riesenhaften Felsformationen wachsen Heidelbeeren, die Waclaw Dzida für die Herstellung eines flüssigen Stoffs nutzt. „Die Früchte pflücken wir für unseren Likör „Stonsdorf“, erzählt der Hotelier, der vor 25 Jahren auf einer Radtour den heruntergekommenen einstigen Fürstensitz zufällig entdeckte. Die schlosseigene Kreation „Likier Staniszowski“ mit Kräuter-, Früchte- und Anismischungen sei etwas süßer, nicht zu verwechseln mit der alten Rezeptur des „Echt Stonsdorfer Bitter“. Der ist zwar eine Marke aus dem Riesengebirge, wird seit 1945 aber in Norddeutschland hergestellt.

Zunächst mutet das Wirtschaftsgebäude für den roten Saft wie aus einer anderen Welt an. Das „Tiroler Haus“ mit hölzernem Obergeschoss und Balustrade, grünen Fensterläden und dem Dachkreuz würde auch in ein österreichisches Dorf passen. 1840 waren protestantische Glaubensflüchtlinge aus dem Zillertal ins benachbarte Erdmannsdorf eingewandert. Der „Alpen-Look“ sei eine Reminiszenz an die Tiroler Bauweise, erläutert Waclaw Dzida.

Hirschberger Tal

Die romantische Residenz Schildau wurde nach einem Brand 2007 als Hotel neu eröffnet. Die zentrale Lage ermöglicht den schnellen Besucher benachbarter Schlösser

Produziert wurde früher auch im Schloss Wernersdorf. Im Erdgeschoss, wo jetzt kulinarische Delikatessen auf den Tisch kommen, weichten Arbeiter gewebte Stoffe in Wasser ein und breiteten sie zum Bleichen auf die Wiesen vor dem Dreiflügelgebäude aus.

Prominenz begegnete sich im Obergeschoss. Und auch ohne Wellness mit direktem Zugang zu einem See, fühlten sich in dem Schloss damals schon der „Alte Fritz“ Preußenkönig Friedrich II., der Dichter Friedrich Gottfried Klopstock oder der spätere sechste US-Präsident John Quincy Adams wohl.

Eine Familie aus dem Saarland kaufte als Nachfahre der letzten deutschen Besitzer 2005 den Landsitz und setzte ihn behutsam instand. Mit „Liebhaberaugen“ haben seine Eltern ihren Besitz gestaltet, versichert Hausherr Christoph Hartmann. In einem blauen Kachelstübchen leuchten 300 Jahre alte handbemalte Delfter Unikate an den Wänden. Für die malerische Dekoration des barocken Ballsaals griff Christoph Wetzel zur Farbpalette. Der hatte auch die Kuppel der Dresdener Frauenkirche geschmückt.

So viel Glanz und Gloria gab es für die Weber nur im Märchen. Im schmucklosen Schömberg vermitteln 12 restaurierte Wohnhäuser einen Eindruck vom erbärmlichen Wohnalltag der Weberfamilien. Die von Zisterziensern im 18. Jahrhundert gebauten „12 Apostel“ mit vorspringenden Giebeln und Lauben zum Schutz vor Kälte und Hitze boten Unterkunft in winzigen Räumen mit niedrigen Holzdecken. Die immer noch bewohnten Häuser sowie ein Webstübchen können nach Anmeldung beim Touristenbüro besucht werden.

Hirschberger Tal

In der Heimatstube des 12 Apostel-Ensembles zeigt eine gelernte Weberin die Kunst ihres Handwerks

Der Industrialisierung folgte schließlich auch im Hirschberger Tal der Niedergang der Leinenweberei. Mit maschinell und billiger produzierter Baumwolle konnten Fabrikanten nicht mithalten und senkten drastisch die Ankaufspreise für die Webstoffe aus Heimarbeit. Zu diesem Zeitpunkt hing die Zukunft der Handweberei aber schon an einem seidenen Faden.

Schriftsteller wie Heinrich Heine, Gerhard Hauptmann, dessen Villa als Museum in Agnetendorf geöffnet ist, oder Ferdinand von Freiligrath haben die Not und das jämmerliche Schicksal der Weber beschrieben.

In Freiligraths Gedicht „Rübezahl“ ruft ein hungriger Weberjunge im Riesengebirge den Berggeist um Hilfe. Der erhört aber nicht das Flehen des Buben, er möge ihm bitte ein „volles Schock“ abkaufen. In der letzten Strophe formuliert Freiligrath: „Dann ließ er still das buschige Fleckchen / Und zitterte, und sagte: Hu! / Und schritt mit seinem Leinwandpäcken / Dem Jammer seiner Heimat zu.“      

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Auskünfte: www.polen.travel - www.talderschloesser.de - Beste Reisezeit: Frühjahr bis Herbst

Anreise: Das Europa-Spezial-Ticket (DB) für Polen gibt es ab 39 Euro. Am besten zu erreichen ist das Hirschberger Tal mit Bahn oder Auto ab Görlitz und Wroclaw (Breslau). Für kleine Rundreisen empfiehlt sich ein eigener PKW oder Mietwagen. Einige Schlösser vermieten auch Fahrräder.

Preise: Polen ist ein günstiges Reiseland. Das allgemeine Preisniveau ist 25-30 Prozent niedriger als hierzulande.

Unterkunft in Schlössern ab circa 90-100 Euro/DZ. „Stonsdorf“ www.palacstaniszow.pl / „Lomnitz“ www.palac-lomnica.pl / „Wernersdorf www.schlosshotel-wernersdorf.de

Ausflüge: Umgeben von Schlössern und Herrensitzen liegt im Talkessel das Städtchen Jelenia Góra (Hirschberg) mit der imposanten Gnadenkirche und den bunten Bürgerhäusern im Zentrum. Nahe der Stadt steht in Agnetendorf die auf einem Granitfelsen gebaute Villa Wiesenstein. Hier lebte und arbeitete Gerhard Hauptmann. Das Haus des Dramatikers ist heute ein Museum.

Typisch polnische Gerichte probieren: Kaczkaz jablkami ist ein Entenbraten mit Äpfeln. Als Dessert bietet sich ein Makowiez (gerollter Mohnkuchen) an.

Literatur: „Das schlesische Elysium“, Arne Franke, ISBN 978-3-936168-90-7, 307 Seiten, 19,80 Euro.

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke.

Manfred Laedtke ReiseTravel.euUnser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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