Dr. Gerhard Frank

Reisen als Metamorphose

Was ich am Reisen so schätze, ist die Möglichkeit, in der Begegnung mit anderen eine grundlegende Frage zu stellen: Welche Vorstellungen hat dieser Mensch von seinem Dasein? Ich liebe es andere Antworten zu entdecken als die, die ich aufgrund meiner eigenen Lebensweise schon kenne.

Ich habe früh begriffen, dass es auf die Frage nach dem Dasein so viele gültige Antworten gibt wie Kulturen, vergangene wie gegenwärtige. Und dass jede Antwort sich in der besonderen Lebensweise der jeweiligen Menschen ausdrückt. In ihren Gewohnheiten, ihren Rhythmen, ihren Umgang miteinander, ihren baulichen und technischen Gepflogenheiten und vielem anderen mehr. Ich habe in dieser Vielfalt aber nie Vergleiche angestellt oder nach der Besten aller möglichen Antworten gesucht.

Vielleicht hat das mit meiner ursprünglichen Profession zu tun. Als Biologe hat mich stets die Vielfalt der Formen fasziniert, die das Leben hervorgebracht hat. Ist eine Rose die bessere Antwort auf das Dasein als ein Schneeglöckchen? Oder der Adler eine bessere als der Schmetterling? Oder der Tintenfisch eine bessere als die Krabbe? Gibt es überhaupt eine „bessere“ Antwort, wo eine Spezies es geschafft hat, sich im planetaren Lebensnetz zu etablieren? Dort, wo das Miteinander entscheidet und nicht das Gegeneinander.

Und gilt für menschliche Kulturen nicht Ähnliches wie für Arten?

Ich bin keiner, der an das Überleben des Stärkeren glaubt!

Dazu bin ich als Kind zu oft in einer Frühlingswiese gelegen und habe der summenden Vielfalt um mich herum gelauscht. Ich konnte daher in der Evolution des Lebens auch nie einen Wettlauf oder ein Überleben des Stärkeren sehen. Vielmehr erinnert mich das Leben an einen planetaren Tanz, an dem alle Spezies teilhaben. Interessant, dass die gegenwärtige Evolutionsforschung mit ihrer Betonung von Kooperation als grundlegende Kraft des Werdens in diese Richtung weist.

Aus dieser Perspektive erscheinen auch die menschlichen Kulturen in einem anderen Licht. Im Sinne meiner Metapher ähneln sie eher episodischen Tanzfiguren als Erkenntnismodellen im Wettstreit um die Beste aller möglichen Welten.

Warum ich Ihnen das erzähle?

Wir stehen heute an einem entscheidenden Punkt unserer Existenz. Jetzt, wo sich der industrielle Lebensstil auf Kosten möglicher Alternativen bis in den letzten Winkel des Planeten ausgebreitet hat, erweist sich derselbe als Fehlschlag.

Das, was wir lange Zeit für richtig gehalten haben, stellt sich nun als falsch, ja tödlich heraus: grenzenloses materielles Wachstum, fortwährende Beschleunigung, rücksichtslose Konkurrenz zwischen Menschen, Unternehmen und Staaten.

Jetzt brauchen wir ein Können, das keine Schule lehrt

Die Erkenntnis kulturellen Scheiterns ist wahrscheinlich für viele unerträglich. Unser Lebensstil, der sich allen anderen gegenüber als überlegen wähnte, ist am Ende. Der Boden unter meinen Füßen zerbricht. Ich verliere meinen Halt. Kein Wunder, dass viele den einzigen Ausweg ausblenden, den wir haben – die Entwicklung anderer Vorstellungen vom Dasein, die Neuordnung unseres Weltbilds.

Wie geht das überhaupt – ein kultureller Neubeginn?

Ein erster notwendiger Schritt

Wir müssen Abstand gewinnen von den Selbstverständlichkeiten unseres Daseins. Dabei kann uns die Begegnung mit anderen Menschen und Kulturen, vergangenen wie gegenwärtigen, helfen.

Ich träume von einem transformativen österreichischen Tourismus, der diese Veränderung, diese Metamorphose, die in jeder Begegnung als Möglichkeit steckt, gekonnt vermittelt.

Eine echte Begegnung mit anderen setzt Unvoreingenommenheit voraus. Das Loslassen der eigenen Gewohnheiten. Indem ich loslasse, öffne ich mich für Neues. Für das andere im anderen. Neues formt sich wahrnehmend in mir. Noch betrachte ich es als Fremdkörper. Es passt zu nichts, was ich von mir schon kenne. Aber schon der nächste Schritt fügt ein weiteres Detail hinzu. Jetzt wirkt das Ganze schon vertrauter. Ich mache weiter und langsam werde ich ein anderer. Ich bemerke es und staune.

Es ist diese Art bewusster Erfahrung der eigenen Wandelbarkeit, die wir heute so dringend brauchen

Haben Sie Feuer gefangen? Dann erzähle ich Ihnen im neuen Jahr mehr darüber. Und wie der österreichische Tourismus nach Corona dazu beitragen kann.

Bis dahin wünsche ich meinen LeserInnen besinnliche Weihnachten, einen guten Rutsch und bleiben Sie gesund!

Dr. Gerhard Frank, promovierter Naturwissenschaftler und Philosoph, beschäftigt sich seit mehr als 3 Jahrzehnten mit dem Inszenieren von Erlebnissen. Nationale und internationale Auftraggeber aus dem Freizeit- und Kulturbereich schätzen seine erlebnisdramaturgische Kompetenz, die sowohl für Attraktionen als auch Veranstaltungen und regionale Dramaturgien beeindruckende Lösungen liefert. Als Begründer der Erlebniswissenschaft ist er Autor einschlägiger Publikationen sowie Keynote-Speaker und Hochschullektor. www.erlebniswissenschaft.com - tourismuspresse@apa.at - www.tourismuspresse.at

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