Tallin

Estland, Lettland und Litauen werden als Reiseziel immer anziehender

Alle guten Dinge sind Drei: „Es ist, als hätten wir unsere Seele zurückgewonnen“, sagt Regina Karuzienne, die deutschen Touristen ihre Heimat zeigt. Das Baltikum, das sind heute, nach der errungenen Unabhängigkeit, drei junge, sehr verschiedene, aber durch ihre Geschichte miteinander verbundene Republiken an der Ostsee. Die strategisch günstig gelegene Ostseeregion wurde jahrhundertelang von Deutschen, Dänen, Schweden, schließlich von den Russen okkupiert. 1918, gelang den Balten erstmals, Freie Nationalstaaten auszurufen. Doch bereits 1939 gelangten die drei Länder erneut unter sowjetische Oberhoheit. Im Zweiten Weltkrieg besetzte die deutsche Wehrmacht das Baltikum. Nach dem Krieg eroberte die damalige Sowjetunion die baltischen Gebiete zurück. Wenn Regina Karuzienne beschreibt, wie viele Menschen damals unterdrückt und unliebsame Bürger ins Gefängnis oder in einen Gulag gesteckt wurden, spürt man, dass die Wunden der Sowjetmacht noch nicht geheilt sind.

Ein kollektiver Ort der Trauer ist der Berg der Kreuze bei Siauliai in Litauen, eine Art Pilgerstätte und beliebtes touristisches Ausflugsziel. Bereits im 19. Jahrhundert begannen die Menschen gegen die Fremdherrschschaft und dem erlittenen  Leid Kreuze aufzustellen. Ungezählte Jesus-Kreuze, Rosenkränze oder Engel sind in Gedenken an die unzähligen Opfer in die Erde geschlagen.

Singende Revolution

"Unsere Freiheit haben wir uns ersungen“ sagt Regina Karuzienne stolz. Man spricht im Baltikum von der geschichtlich einmaligen gewaltfreien, der sogenannten "singenden Revolution.“ 1989 bildeten mehr als zwei Millionen Menschen eine über 600 Kilometer lange Menschenkette, die von Tallinn über Riga bis nach Vilnius reichte und als "Baltischer Weg" in die Geschichte einging.

Mariona trägt ein Kopftuch und ein langes mit bunten Stickereien verziertes Kleid. Ihr Dekoltee schmückt eine Bernsteinkette. Die gehört zur Volkstracht. Mariona stammt aus Palanga und tingelt mit ihrer Gruppe durch das ganze Baltikum. „Das Singen ist unsere Identität, ist Lebensfreude und Gelegenheit, unsere Heimat, andere Orte und Menschen kennenzulernen.“ Sie sind Lehrerin, Busfahrer, Instrumentenbauer oder Musiklehrer, fiedeln vergnügt auf der Geige, spielen Bass, Ziehharmonika, Dudelsack. Höhepunkte ihrer Auftritte sind die nationalen  Sängerfeste. Begonnen 1869 in Estland, wurden sie in allen Republiken nach dem unblutigen Sieg weitergeführt. Ihre Lieder handeln von Liebe, vom schweren Alltag und der Sehnsucht nach Freiheit.

Nach der Unabhängigkeit öffneten sich alle drei Staaten rasch dem Westen und traten bereits 2004 der EU bei. „Zu schnell ging das“, meint Regina Karuzienne. „Gerade waren unsere Soldaten noch in der Sowjetarmee. Jetzt sind sie in der Nato. Da kommt die Seele nicht so schnell hinterher.“ Jetzt wachse der Druck auf das kleine Ländertrio. Viele Menschen fühlten sich erneut fremdbestimmt, jetzt durch den Euro. Viele der gut ausgebildeten und kreativen jungen Leute gingen in die Großstädte. Der turbokapitalistische Weg habe vor allem die Rentner zu Verlierern gemacht, die bei steigenden Preisen kaum überleben können. In den Dörfern des baltischen Hinterlandes kommen keine Fördergelder an. „Wer überleben will, sammelt Pilze, hält sich eine Kuh und bestellt seinen Acker“, sagt die Litauerin.

Blau wie der Himmel. Schwarz wie die Erde und weiß wie die Seele

Dagegen brilliert der kulturelle Reichtum der baltischen Metropolen: Vilnius, eine der größten Barockstädte Europas, Riga mit den eleganten Jugendstilfassaden oder das mittelalterlich geprägte Tallinn.  Die Hauptstadt von Estland liegt am Finnischen Meerbusen der Ostsee, nur 80 Kilometer südlich von Helsinki entfernt. Tallinn als bedeutender Ostsee-Fährhafen war schon immer das Fenster in die Welt nach Finnland oder Schweden. Im Sommer ist der Hafen voller Kreuzfahrtschiffe und die Stadt überfüllt mit Touristen. Eine kontrastreiche Stadt zwischen Wolkenkratzern und mittelalterlichen Kirchen. Gotischer Baustil, traditionelle Häuser aus Holz und Überbleibsel sowjetischer Baustile prägen die Stadt. Ein Drittel der Einwohner leben in den Satellitenbezirken, den sogenannten Schlafstätten am Rande der Stadt.

Blau-schwarz-weiß ist die Fahne von Estland. „Blau wie der Himmel, der sich über das weite Land erhebt. Schwarz wie ihre Erde und weiß wie die Seele“ erklärt Regina Karuzienne lächelnd. Von dieser estnischen Seele spricht auch Vello Eensalu. Es war die Seele, das warme Gefühl seiner Wurzeln, als der gelernte Elektriker in Sako, etwa 30 Kilometer von Tallinn entfernt, den Hof seiner Eltern übernahm. Als die Sowchosen, vergleichbar mit den Volkseigenen Genossenschaften in der DDR, aufgelöst wurden, begann er mit 10 Kühen und 35 Hektar Weidefläche seine Viehzucht, heute hat er 180 Rinder und Milchkühe. Das Gehöft, das er von seinen Eltern erbte, ist 140 Jahre alt. Vello Eensalu verarbeitet heute Kuhmilch zu Käse, Joghurt, Quark, und Butter. Alles Bio-Produkte, die er in Tallin und Umgebung vermarktet, auf Märkten, in Restaurants, für den Großhandel und kleine Läden. Über mangelnde Abnehmer kann sich der Landwirt nicht beklagen.

Jugendstil und märchenhaft anmutende Holzhäuser

Fährt man von Estland weiter südlich, erstrecken sich vor dem Besucher weite Landschaften von sanfter Schönheit, ausgedehnte Wälder und Felder, und ein Himmel, der hier der Erde seine Hand reicht. In Lettland kann man stundenlang wandern oder mit dem Fahrrad fahren ohne einem Menschen zu begegnen. Die alten Holzkaten am Wegesrand erinnern an die Märchen der Kindheit. Kultureller Mittelpunkt des Landes ist Riga, die größte Stadt des Baltikums. Es heißt, jedes dritte Haus in der Altstadt sei ein Jugendstilbau. Viele der prächtigen Häuser in der Alberta iela und in einigen umliegenden Straßen wurden von dem Architekten Michail Eisenstein mit sehr dekorativen Details und ihren mythologischen Aussagen erschaffen. Mit anderen Metropolen des Jugendstils in Europa wie etwa Wien, Paris oder Budapest steht Riga ganz vorn. Grund genug, dass die lettländische Hauptadt 2014 Europäische Kulturhauptstadt werden wird!

Straßencafés,  Restaurants, elegante Läden, Galerien und gestylten Frauen auf hohen Absätzen, das ist das heutige Stadtbild. Das Okkupationsmuseum am Rathausplatz, ein schwarzer Kastenbau, stellt die Zeit der deutschen und vor allem sowjetischen Besatzung und des lettischen Widerstands dar. Gleich nebenan die Hauptsehenswürdigkeit von Riga, das im gotischen Stil erbaute Schwarzhäupterhaus. Früher ein Treffpunkt für die Zunft lettischer Kaufleute, heute ein Ort kultureller Veranstaltungen. Der Dom Rigas ist die größte Kirche des Baltikums und bietet insgesamt 5000 Gläubigen Platz.

Vilnius, die Hauptstadt der Republik Litauen, ist anders, kleiner, kiezig, katholisch, auch das "Rom des Nordens" genannt. In den winzigen Hinterhöfen der verwinkelten Altstadt, zwischen alten Klöstern, Kirchen, Kaufmannshäusern und dem prächtigen Universitätskomplex, lebt noch der Zauber der litauischen Vielvölkerstadt. Schon zu Zeiten des heidnischen Litauens entstand eine Kultur der religiösen Toleranz, die sich über Jahrhunderte erhielt. So ist nicht verwunderlich, dass Vilnius besonders durch die Vielzahl an Kirchen geprägt ist: litauisch römisch-katholische, polnisch römisch-katholische, russisch-orthodoxe,  protestantische Kirchen und eine einzige Synagoge. Zerstört wurde die jüdische Kultur von Vilnius im Zuge der deutschen Vernichtungspolitik, als die jüdische Bevölkerung Vilnius durch Erschießungen vor den Toren der Stadt und nach der Deportation in Konzentrationslager ermordet wurde.

Baltikum

Sand. Sand. Und Himmel.

Die Ostseerepubliken sind längst kein touristischer Geheimtipp mehr. Seit dem EU-Beitritt entdecken immer mehr Urlauber das Baltikum. Dazu gehört auch die Kurische Nehrung, jene legendäre Halbinsel, von der schon Wilhelm von Humboldt schwärmte, „man müsse sie ebenso wie Italien oder Spanien gesehen haben, solle einem nicht ein wunderbares Bild in der Seele fehlen?“ Die Kurische Nehrung mit mit ihrem windschiefen Wald, den Birken, Fichten und Sumpf, zählt zu den einzigartigsten und schönsten Küstenlandschaften Europas. "Der Landstreifen ist 96 Kilometer lang und so schmal, dass man ihn in 20 Minuten oder einer halben Stunde bequem vom Haff zur See überqueren kann", beschreibt Thomas Mann - einer der berühmtesten Feriengäste auf der Kurischen Nehrung - in seinem "Niddener Tagebuch" die Halbinsel. 

Der wohl beliebteste Ort der Nehrung ist Nida. Bis zu 60 Meter hohen Dünen ziehen sich bis hin in den russischen Teil der Nehrung nach Kaliningrad (Königsberg). Samtig die Luft. Spiegelglatte See. Weiß und weich geschwungen die Küste. „Sand. Sand. Und Himmel“, beschrieb Thomas Mann die Kulisse, in der der Wind stetig feine Wellenlinien zeichnet.  An den Stränden spülte die Ostsee riesige Mengen an Bernstein. Am Wegesrand, auf Schritt und Tritt, wie auch in Galerien, lassen sich phantasievoll gestaltete Schmuckstücke aus Bernstein bewundern. Im strahlenden Blau hingegen, dem sogenannten Niddener Blau, das Zäune, Türen und Fenster schmückt, leuchten die alten Fischerhäuser. Die Fischersleuten führten ein karges und schweres Leben. Über ihren einstigen Kurenkähnen ragten geschnitzte Wappen, die die jeweiligen Familiengeschichten erzählten, wo die Fischer herkamen, wie sie wohnten, ob sie verheiratet waren oder wie viel Kinder sie hatten. Vielleicht waren es auch diese alten Nidaer Fischerhäuser, die Thomas Mann so faszinierten und er sich entschloss, solch ein Haus bauen zu lassen. Von diesem Haus aus genoss er den sogenannten „Italienblick“, damals durch nur wenige  Kiefern hinunter aufs Haff, wo die Niddener Kurenkähne auf dem Wasser lagen. Mit einem solchen Kurenkahn fährt heute Kapitän Aurelijus seine Gäste auf das Kurische Haff. Der Niddener hatte den nachgebauten Kurenkahn in sehr marodem Zustand übernommen und ihn mit eigenen Mitteln restauriert. Früher fuhr er ein sowjetisches Rettungsschiff. Nach dem Umbruch wurde es nicht mehr gebraucht und auch nicht Aurelijus Armonavicius. Heute lebt er von den Gästen. Viel gelernt hat er über seine Heimat von den „Heimwehtouristen“, Menschen, die auf den Spuren ihrer Wurzeln in das ehemalige Ostpreußen gereist kamen. Viele der älteren Besucher wurden hier geboren, suchten ihre Heimat oder die Heimat ihrer Eltern auf. „Allerdings werden es immer weniger und damit versiegen auch die alten Geschichten.“ Was bleibe, sei die einzigartige Natur, und deshalb wolle der Kapitän auch niemals weg von hier.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Christel Sperlich

Christel Sperlich  

Fernsehjournalistin Christel Sperlich entdeckt gern die ungewöhnlichen Geschichten hinter dem Abenteuer Reisen

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