Giżycko

Land der 1000 Seen und alter Geschichte

Dzien Dobry: Wo sich Himmel und Erde berühren und die Weite der Masurischen Seen zu ihren Füßen legt, ist Stille. Ein meditativer Ort, um eins zu werden mit den sanften Wellen im Wind oder dem Wiegen des Schilfs am Ufer.

“Es ist das Gefühl von Ewigkeit und tiefer Ruhe, sagt Robert Kempa aus Gizycki, der Stadt, die so etwas wie das Herz der Masuren ist. Anfangs fragte er sich, ob es sich lohne, hier zu bleiben. Was sollte er anfangen, in einem Ort, in dem nicht viel los war und hohe Arbeitslosigkeit herrschte. „Doch wo, wenn nicht hier, sagt ich mir dann. In Masuren bin ich geboren und aufgewachsen. Hier kann ich schnell mal auf´s Wasser und allen Stress von mir lassen.“

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Giżycko - die „Sommerhauptstadt Polens“

Giżycko, ehemals Lötzen, ist eines der wichtigsten Segelzentren der Region und größte Stadt auf der Wasserroute der Großen Masurischen Seen. Man nennt sie auch liebevoll „Sommerhauptstadt Polens“. Schon 1890 wurde hier das erste masurische Unternehmen der Personenschifffahrt gegründet.

In der Umgebung der Stadt liegen über einhundert Seen und zwar von allen Seiten. Von Süden liegt der Niegocin-See, von Norden der Mamry-See, von Westen der Tajty-See und von Osten der Wojnowskie- sowie Grajewko-See. An den Seeufern zahlreiche Anlegestellen und Binnenseehäfen. Restaurants und Cafés, Hotels, Pensionen, und Ferienhäuser erwarten die Gäste.

Robert Kempa ist Fremdenverkehrsmanager des Touristenzentrums in Gizycki. „Früher war das hier wie ein Kochtopf vieler Kulturen und Religionen. Wir haben sieben Konfessionen und zwei Minderheiten. Das macht uns reicher und offner.“ Man erzählt, dass die heutige Kreisstadt mit 30.000 Einwohnern ihren Anfang mit den pruzzischen Galindien nahm, einem heidnischen Volk, das sich hier ansiedelte. Später eroberte der Deutschorden für gut 200 Jahre das Land. Die ehemalige Ordensritterburg aus dem 13. Jahrhundert wurde zum 4-Sterne-Hotel „St. Bruno“ umgebaut.

Seit Jahrhunderten war Masuren der Boden heftiger Auseinandersetzungen verschiedenster Völker. Im Lauf der Geschichte wurde die Gegend im Herzen Mitteleuropas vielen Menschen zur Heimat. Heute leben hier Menschen mit polnischer ukrainischer, russischer, deutscher und litauischer Abstammung. Die politische Landkarte hat sich immer wieder gewandelt. Geblieben sind stille Seen, hügelige Felder, Storchennester und die Ordensburgen der Kreuzritter.

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Traum für Wassersportler

Einer Sage nach soll Gott hier seine letzten Perlen ausgestreut haben. Masuren, bekannt als “Land der tausend Seen”, liegt in der nordöstlichen Region Polens, grenzt an die russische Enklave Königsberg und war der südliche Teil des ehemaligen Ostpreußen. Viele der Masurischen Seen sind durch Flüsse und Kanäle miteinander verbunden, sodass es über mehrere hundert Kilometer schiffbare Wasserstraßen gibt. Vor den Ufern kleine Inseln, idyllische Buchten und weiße Sandstrände. Problemlos lassen sich mehrere Wochen zwischen dem im Süden gelegenen Pisz und dem im Norden gelegenen Wegorzewo verbringen, ohne einen Ort auch nur zweimal anfahren zu müssen.

In den Segelzentren von Wegorszewo , Stynort und Gizycko vermieten zahlreiche Charterfirmen einfache Yachten und verschiedenste Bootstypen, Kajaks, Kanus und Schlauchboote oder Jollen, zunehmend auch Motorboote.

Um die 70 Prozent der ausländischen Touristen sind aus Deutschland, meint Hendrick Fichtner, Spezialist für Wasserurlaub. Als er in Polen ein Studienaustausch absolvierte, verliebte sich der Westfale in das Land und - in die Tochter des Universitätsprofessors. Das junge Paar bastelte erst an einer gemeinsamen Sprache, dann an ihrem Traum, der Gründung einer online-Reiseagentur. „Alle hielten uns für verrückt. Zehn Jahre machten wir uns auf die Suche nach Kontakten, nahmen Wodka mit in unser kleines Auto, damit uns die Dorfbewohner Reiterhöfe und Pensionen zeigten“. Inzwischen vermittelt das familiäre Reisebüro Individualurlaub in Masuren, bietet unterschiedlichste polnische Hausboottypen an, 70 Charterboote in unterschiedlichsten Revieren und Häfen. Hotels, Pensionen, Paddel-, Segel-, Kajak- und Fahrradtouren werden persönlich vor Ort ausgewählt.

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Unberührte Natur wie aus einer anderen Zeit

In der Bucht von Bogaszewo liegt der romantische kleine Hafen Rybaczowka mit 20 Booten. Einst ein Bootslagerhaus, wird es seit 2010 von einem Familienunternehmen als Pension und Restaurant betrieben. Von hier aus lässt sich das Hinterland mit dem Fahrrad gut erkunden. Weiter Horizont, frisch gepflügte Erde, sanfte Täler, weiche Hügel, kleine Baumgruppen und lange Alleen. Kaum ein Auto. Ein paar Milchkühe, die sich am üppigen Gras der Wiesen satt weiden, Strohmieten, verloren herum stehende Handwagen. Hin und wieder ein bellender Hund oder ein Mann in der Ferne, der seine Felder abläuft. Die Häuser, vielfach mit Efeu bedeckt, liegen meist weit auseinander. In den Bauerngärten üppige Blumenarrangements, gelbrote Äpfel verlocken zum Mundraub. An manchen Häusern bröckelt der Putz ab, andere sind nur zur Hälfte angestrichen, stehen seit Jahre ruinös herum. Der beginnende Herbst wirft goldenes Licht auf die schwarzen Holunderbeeren.

Nirgendwo Lärm. Kein Schmutz. Keine Industrie. Unberührte Natur wie aus einer anderen Zeit. Ohne den Asphalt auf den Straßen kann man sich leicht vorstellen, hier mit einer alten Kutsche entlang zu rollen, vorbei an den bunt geschmückten Marienkreuzen am Wegesrand. Und tatsächlich gibt es sie noch, Pferdekutschen, in denen die Männer ihr Holz aus dem Wald nach Hause transportieren. Der Tourismus bringt der Landbevölkerung neue Perspektiven. Mit Zimmervermietung, Bootslagerung, mit Angeln und Fischverkauf.

„Dzien Dobry“ grüßt Janusz freundlich am Gartenzaun. Der 73-Jährige, von schlankem Wuchs, mit Jeans und einem karierten Holzfällerhemd bekleidet, stammt aus der Ukraine, bestreitet wie viele hier, seinen Lebensunterhalt als Kleinbauer. Er ist stolz auf sein Land, stolz auf seine 3 Kinder, 5 Enkel und 2 Urenkel. Janusz zeigt auf die Blumen im Garten und auf den alten Traktor, mit dem er selbst noch das Feld pflügt. „Aber die jungen Leute studieren und verlassen das Land, ziehen nach England, Irland, in die USA oder Deutschland“ sagt er auf Russisch“ und hebt achselzuckend die Schultern.

Märchenschloss wartet auf Erlösung

Verwunschen wie ein Märchenschloss, wartet das einstige Anwesen der ostpreußischen Junkerfamilie von Lehndorff seit 10 Jahren darauf, aus dem Dornrößchenschlaf geweckt zu werden. Das Schloss im Masurischen Steinort, dem heute polnischen Sztynort, hat den 2. Weltkrieg fast unbeschadet überstanden, verfiel aber in den Jahren danach zusehends. Von Steinort führt eine Allee urwüchsiger Eichen, die bereits im 17. Jahrhundert angelegt wurden, in die benachbarten Dörfer. Der Legende nach wurde bei jeder Geburt eines Kindes im Hause Lehndorff eine Eiche gepflanzt. Einer der Nachfahren der Familie Lehndorff, Graf Ernst Ahasverus Heinrich von Lehndorff schreibt in seinen Tagebüchern "Mit süßem Behagen genieße ich das Landleben... und möchte ausrufen: Sonne, bleibe stehen!" Der Graf war der Kammerherr von Elisabeth Christine von Preußen, der Gemahlin Friedrich II.                                                                                                        

Größenwahn und Widerstand

Nach dem Bezug der nahe gelegenen „Wolfsschanze“ bei Rastenburg durch Hitler wurde der linke Flügel des Schlosses als „Feldquartier“ beschlagnahmt. Der letzte deutsche Besitzer des Schlosses, auch ein Graf Heinrich von Lehndorff, gehörte zu den Beteiligten des Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg auf Hitler. Nach dem Scheitern des Attentats in der „Wolfsschanze“ wurde er am 4.09.1944 in Berlin-Plötzensee hingerichtet.                                                                   Auch das Hauptquartier des Oberkommandos des Heeres „Mauerwald“ lag in den Wäldern der Grafschaft, knapp 20 Kilometer von der Wolfsschanze entfernt. Der „Mauerwald“ ist einer besterhaltenen, unzerstörten deutschen Bunkeranlagen aus dem II. Weltkrieg. Mit Moos bedeckt, mit Brennnesseln überwuchert, lugen die unterirdischen Bauwerk hervor. In den Jahren 1940-44 wurden ungefähr 250 Objekte, darunter 30 bis heute erhalten gebliebene Bunker aus Stahlbeton, errichtet. Zeitweilig waren hier 40 Generäle, 1500 Offiziere und Soldaten der Wehrmacht untergebracht. Ein schauriger Ort, an dem die Weisungen aus dem nahegelegenen Führerhauptquartier in konkrete Befehle umgesetzt wurden.

Schiffsfahrten auf Schienen

Überall auf der Welt gibt es Schiffsfahrten auf der See, ebenso Fahrten auf Schienen. Aber Schiffe, die auf Schienen fahren, gibt es nur in Polen. Eine der verrücktesten Entdeckungen ist der Oberlandkanal in Ermland Masuren, die einzige Wasserstraße der Welt, auf der Schiffe wie von Geisterhand gesteuert und mit Wasserkraft über Land gezogen werden. Der Kanal überwindet insgesamt 99 Meter Höhenunterschied. Neben herkömmlichen Schleusen gibt es sogenannte "Geneigte Ebenen", an denen die Schiffe auf einen Schienenwagen verladen und mithilfe eines Seilbahn-Aufzuges zur nächsten Kanalhöhe befördert werden. Eine technische Meisterleistung. Wasserräder, Drahtseile und Turbinen sorgen für den nötigen Antrieb.                                                                     Wer mit dem Hausboot durch die Kanäle fährt, erlebt ein wahres Naturparadies, eingerahmt von Schilf und Seerosen, Enten, Schwäne, Kormorane. Das Ermland-Masuren gehört zu den insgesamt 16 Wojewodschaften in Polen, dünn besiedelt und wirtschaftlich eine der schwächsten Regionen. Für den Tourismus ist der Oberlandkanal ein wahres Zugpferd. Das mehr als 150 Jahre alte technische Denkmal könnte es durchaus auf die Liste des Weltkulturerbes der UNESCO bringen.

Hendrick Fichtner - Hausbootberater, Asbeckweg 9, D-48161 Münster, info@welcome2poland.com - ✆ (+49) 0251 - 20 31 88 93.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Christel Sperlich

Christel Sperlich ReiseTravel.euFernsehjournalistin Christel Sperlich entdeckt gern die ungewöhnlichen Geschichten hinter dem Abenteuer Reisen

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