Niederdorla

Deutschlands Mittelpunkt am Opfermoor!

Da muss er irgendwo sein, mitten im Thüringer Becken, in einer der ältesten Kulturlandschaften Deutschlands, nicht weit weg vom Hainich, dem größten zusammenhängenden Waldgebiet Deutschlands, da im Wasser eines Sees oder dort an der Kaiserlinde?

Beides stimmt, die richtige Stelle im Wasser, die markierte Stelle ein paar Meter daneben auf Land. Hier in der Vogtei, einer kleinen Gemeinde in Niederdorla liegt, nach der sogenannte Extremmittlung von 1990 zwischen den äußersten Längen- und Breitengraden bei 51° 9´ nördlicher Breite und 10° 26´ östlicher Länge der allgemein anerkannte Mittelpunkt Deutschlands, markiert von einer Linde und einer Steinplatte mit den Grenzumrissen.

Niederdorla Deutschlands Mittelpunkt by ReiseTravel.eu

Für einige ist hier auch gleich der Mittelpunkt des Universums, soll mal einer beweisen, das das falsch ist! Schon merkwürdig, das der Mittelpunkt des heutigen modernen Deutschlands genau im Opfermoor ist, einer uralten germanischen Opferstelle, die nachgewiesenermaßen von ca. 600 v. Cr. bis ca. 600 n. Cr., also über 1.200 Jahre in Benutzung war. Früher war da noch kein See, sondern Moor, das Wasser sammelte sich als der Torf nach und nach abgebaut wurde, dabei fand man ab 1957 die diversen Opferstellen. Diese wurden aufwendig ausgegraben, gesichert und gleich neben den Seeheiligtümern ein originalgetreu rekonstruiertes Germanendorf erbaut. Es gibt ein Langhaus, drei Grubenhäusern und einen Speicher. So oder so ähnlich muss es in einem Germanendorf vor 2000 Jahren ausgesehen haben.

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Eine sehr freundliche Frau führt bei einem Spaziergang rund um den Opfermoor-See und erklärt die einzelnen Opferstellen sehr kundig und interessant. Zum Germanenfest sind die unterschiedlichen Kantholz-, Pfahl- und Brettidole mit ausgearbeiteten Köpfen sowie langen Kultstangen, konzentriert um viereckige Rasenaltäre für die Tieropfer oder in Form von Booten, auch mit entsprechenden Dekorationen wie Stoffen, Blumen, Geweihen, Knochen, Waffen etc. versehen worden. Schautafeln mit Erklärungen informieren gut.

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Im Germanendorf fand gerade das „Germanenfest“ statt. Zwischen den vielen bunten Zelten stellten zahlreiche Germanen-und Römerdarsteller in historischer Kleidung das damalige Alltagsleben nach und sich informieren. Auch konnte man diverse Waffennachbauten, Kunst- oder Souveniergegenstände von Knochenschnitzern, Punzierern oder Bronzegießern erwerben. Wer seine Kriegsfertigkeiten erproben wollte, durfte mit Pfeil und Bogen schießen oder Messer und Beile auf Ziele werfen, was gar nicht so einfach ist. Meine Gegner damals wären sicher vor Lachen gestorben, immerhin. Zum kulinarischen Glück gab es Dinkelsuppe, Kesselgulasch und natürlich frisch gebratene, sehr sehr leckere Thüringer Bratwurst sowie süffiges Bier im Angebot, aber auch Meet, Fisch, Kuchen und vieles andere mehr. Ich glaube, am meisten Spaß hatten die zahlreichen Kinder.

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Mein erster Weg am Vortag führte mich zum Waldgasthof Hainichhaus der Familie Rettelbusch, Am Wald, 99986 Kammerforst, gelegen auf einer kleinen Anhöhe mit schöner Aussicht weit hinaus auf die riesigen Felder im Thüringer Becken. Ich schaue aber lieber hinab, ca. 65m tief in den „Klingbrunnen“, der so heißt, weil er seltsam laute Geräusche macht, wenn man Steine rein wirft. Ist aber streng verboten! Wer, wann und warum der gemauerte Brunnen auf den ehemaligen Anwesen der Baronsfamilie von Berlepsch gebaut wurde, weiß heute keiner mehr, Aufzeichnungen gibt es auch nicht. Ich bin mir aber sicher, das ist der Brunnen in den man springen muss, um zu Frau Holle zu kommen. Denn ganz in der Nähe, in den Hörselbergen existiert eine ganze Reihe von Höhlen, um die sich viele Sagen ranken.

Hier soll die germanische Fruchtbarkeitsgöttin Hulda geherrscht haben, die bei den Gebrüdern Grimm zu Frau Holle wurde. Weltberühmt wurde auch die Venushöhle durch die Oper „Tannhäuser“ von Richard Wagner. Die Gastwirtstochter erzählt wortreich Geschichten um das merkwürdige Bauwerk, das dauert aber. Deshalb erfreue ich mich mit einem guten Kaffee und „Thüringer Blechkuchen“. Allerdings kenne ich den etwas anders, da gehören Donauwellen und Mandarinenkuchen nicht dazu, aber Pflaumen-, Käse-, Streusel-, Butter-, Mohnkuchen, Eierschecke usw.

Jetzt geht es aber in der nahen Welterberegion Wartburg/Hainich zum Nationalpark Hainich, Thiemsburg 1, 99947 Schönstedt und im Wald hinauf zum Baumkronenpfad. Mit einer Waldfläche von 13.000 Hektar ist der Hainich das größte zusammenhängende Laubwaldgebiet Deutschlands. Der 7.500 Hektar große Nationalpark befindet sich im südlichen Teil des Hainichs. Der gehört zu den letzten Überbleibseln der Urwälder, die einst weite Teile Mitteleuropas bedeckten. Seit 2011 ist der Nationalpark mit vier weiteren Schutzgebieten Deutschlands Teil der Welterbestätte "Buchenwälder der Karpaten und Alte Buchenwälder Deutschland".

Auf der darf die Natur wirken, ohne dass der Mensch eingreift. Für die Forschung ist das von unschätzbarer Bedeutung. Für die Besucher bietet sich durch diese Unberührtheit ein Naturerlebnis das heute selten geworden ist. In den letzten 50 Jahren konnten sich im südlichen Hainich Wälder entwickeln, die den ursprünglichen Laubwäldern Mitteleuropas sehr nahe kommen. Ein beeindruckender Wiederbewaldungsprozess spielte sich auf den Freiflächen eines ehemaligen Militärgebietes (Kindel) ab. So zeigt sich der Urwald des Nationalpark als Lebensraummosaik, von den mit Gebüschen und Kleingewässern durchsetzten Magerrasen der Randgebiete bis zu den arten- und strukturreichen Laubholzbeständen. Viele der bisher erfassten 800 Gefäßpflanzen-, 1.600 Pilz- und 180 Vogelarten gehören zu den für mitteleuropäische Laubwälder typischen Arten. Daneben treten anspruchsvolle Waldbewohner wie Wildkatze und Bechstein-Fledermaus, sieben Spechtarten und stark gefährdete Totholzkäfer auf. Neben Füchsen, Rot- und Damwild gibt es auch Waschbären, sogar der Luchs wurde hier wieder heimisch. Farbenprächtig sind die großen Bestände an Frühblühern. Der Nationalpark besitzt große Bedeutung für den Erhalt von Alt- und Totholzbewohnern -zum Beispiel für die mehr als 450 holzbewohnenden Käfer- und die zahlreichen Holzpilzarten. Die großen Offenlandflächen mit ihren Kleingewässern sind Lebensraum für Braunkehlchen und Sperbergrasmücke, für Neuntöter und Wendehals, für Kammmolch, Laubfrosch und Gelbbauchunke sowie eine Vielzahl an Insektenarten.

Zu den Attraktionen im Hainich gehört der Baumkronenpfad, der sich seit 2005 auf 534 Metern Länge durch die Wipfel der Baumriesen windet. Unter sachkundiger Begleitung des Rangers Gerd Frixel und dem Studium der vielen informativen Hinweistafeln unterwegs kann man den Lebensraum Wald aus einer ganz anderen Perspektive entdecken. Nämlich in luftiger Höhe von 24 Metern zwischen den Baumkronen, das ist sehr ungewöhnlich und weil es etwas diesig ist, herrscht eine geheimnisvolle Stimmung. Vom Aussichtsturm überblicke ich aus 44 Metern Höhe einen Teil des Nationalparks Hainich und sehe außer kleinen freien Flächen vor lauter Bäumen nichts als Wald. Die Aus- und Fernsicht ist genial, wenn es nicht gerade -wie jetzt- sanft regnet und der Rest der sichtbaren Welt im Dunst liegt. Unten im Nationalparkzentrum wird in einer Erlebniswelt mit interaktiven Präsentationen, Filmvorführungen und ganz vielen Ausstellungsstücken das Leben im Baum, im Boden und die Kreisläufe in der Natur allgemein schön und auch kindgerecht anschaulich dargestellt.

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Wer jetzt Lust bekommen hat, den Bäumen noch näher zu kommen und selbst aktiv zu werden, fährt ein bisschen weiter zum Kletterwald Hainich, Am Reckenbühl 2, 99986 Kammerforst. Als ich ankomme, liegt die Kletterausrüstung schon schön geordnet bereit: Ein Komplettgurt für Hochseilgärten, Handschuhe mit Griffflächen aus Leder, ein Sicherungscowtail mit Permanent-Sicherung Safe-Link SSB, das unabsichtliches Aushängen verhindert. So gut gesichert geht es hinauf in und auf die mehr als 120 Kletterelemente in zehn Parcours wie z. B. schwingen am Tarzanseil, balancieren über wackelige Brücken, 120 Meter Flug an der Seilbahn durch die Baumwipfel und Sprung von der Sieben-Meter-Plattform. In 1,5 bis 17 Metern Höhe kann man so die verschiedenen Schwierigkeitsgrade von leicht bis extrem schwer bewältigen. Das fordert von Kindern ab 5 Jahre und Erwachsenen Mut, Ausdauer und Geschicklichkeit. Aber nicht heute und auch nicht von mir, es regnet noch immer leicht und alles ist nass, da wird aus Sicherheitsgründen nicht geklettert, wer will, kann statt dessen Bogenschießen üben.

Oder man bleibt auf dem Boden und macht eine Kräuterwanderung auf dem Feensteig mit Frau May vom Wald Resort, Hainichstr. 5-11, 99947 Weberstedt. Die Frau kann etwas, was ich immer auch können wollte: Pflanzen anschauen, genau wissen, was das ist, essbar, giftig oder für was zu gebrauchen. Habe ich mir nie merken können. Wir wandern durch den Wiesenteil des Hainich (die ehemaligen Schussbahnen vom früheren Truppenübungsplatz) und die Kennerin zeigt u. a. Beifuß, Brennnesseln, wilde Möhre, wilde Karde, Königsherzen, Pastinake, Klee- und Knötericharten, manches kann man sogar probieren. Ansonsten gibt es hier noch Märzenbecher, Bärlauch, verschiedene Orchideenarten (Knabenkräuter), Baldrian, Engelwurz, Wiesenbärenklau und sicher noch Dutzende anderer Pflanzen. Dann beginnt der Wald, da sollen wir dann mit geschlossenen Augen und rückwärts hineingehen und beim „Waldbaden“ 10 min lang Bäume umarmen. Das Ziel des Rundwegs ist es, mit seinen 14 Stationen mit besonderen oder ganz gewöhnlichen Naturobjekten, durch Märchenzitate und Aufgaben oder Prüfungen die es zu bestehen gilt, sich damit die geheimen Zugänge zum Feensteig zu erschließen. Dabei soll mithilfe von Märchenbildern nach der japanischen ShinrinYoku-Methode eine Transformationserfahrung eingeleitet werden, die zur Erkennung des eigenen Selbst führt. Das aber ist mir zu esoterisch, rückwärts in den Wald gehen mit geschlossenen Augen und nasse Bäume herzen ist nicht mein Ding und auch gefährlich. Dabei ist das auch gar nichts Neues, jedermann und nicht nur die Naturliebhaber wissen -und das ist tief beheimatet in der deutschen Seelenlandschaft-, wer in den Wald hineingeht, wird als anderer wieder herauskommen. Am Ende der Wanderung muss man noch einen Irrgarten meistern, bevor der Feensteig einen wieder in sein alltägliches Leben entlässt. Schöne Idee ganz zum Schluss, das kleine Picknick im Wald mit frischem Brot und selbst gemachten Kräuterquarks, richtig lecker.

Der Nationalpark Hainich, der sich im Norden im Naturpark Eichsfeld-Hainich-Werratal noch fortsetzt, also die ganze Gegend hier ist ein Traumziel für Wanderer (das wandern soll schließlich in Thüringen erfunden worden sein), für Radfahrer, für junge Familien, für die Zielgruppe 50+, für Aktivurlauber, für Wellnesssuchende und für Abenteuerlustige ebenso wie für Kulturinteressierte, dazu passen die touristischen Angebote der Welterberegion mit kongenialen Arrangements für alle Zielgruppen und Bedürfnisse. Zudem sind die meisten Wege und Attraktionen auch für Behinderte leicht zu meistern. Auf den Spuren der Märchen am Feensteig oder unterwegs auf einem der Erlebnispfade, durch neue Sichtweisen, Spiele und Wissen wird der Wald erlebbar. Mit Wildkatzenkinderwald und Umweltstation lockt der Urwald schon die Kleinsten. Mit Lupe und Spiegel können Schulklassen den Urwald erkunden. Auf verschiedene Altersstufen abgestimmt, werden in der in großen Teilen unverfälschten Natur Erlebniswanderungen angeboten, sicher mal etwas ganz anderes, als immer auf das Smartphone zu starren.

Am Sonntagmorgen bleibt noch etwas Zeit, bevor die lange Zugfahrt zurück nach Köln geht, sich die mittelalterliche Reichsstadt Mühlhausen kurz anzusehen, dazu nehme ich partiell an einer Stadtführung teil. Stelle aber bald fest, da reichen Tage nicht, um hier alles zu sehen. Es gibt ein Dutzend Kirchen, einige davon umgewidmet zu anderen Zwecken, viele Museen und Sammlungen zu Themen wie Bauernkrieg und Thomas Müntzer mit Museum dazu, Reformation, Martin Luther, Frauen der Reformation, Deutscher Orden, historische Wehranlagen und Gebäude, Bibliotheken, Archive, eine Schauschmiede, Gerbereien, zum entspannen die Thüringentherme, usw. usw. Reiche Geschichte also in eine der interessantesten Städte Thüringens. Da muss man sicher noch mal hin. Dabei -und eigentlich unverständlich- hält sich die Touristenzahl in Grenzen. Und ich will noch auf etwas anderes besonders hinweisen, nämlich auf die Menschen hier. Dazu wiederhole ich, was ich mal vor einiger Zeit gelesen habe: „Die Thüringer sind in allen ihren Landesteilen die nettesten Menschen, die man in Deutschland finden kann. Es ist diese seltene Mischung aus ängstlicher Zurückhaltung und Zuvorkommenheit, die nicht anbiedern will, aber gerne alles möglich machen möchte, die einen für sie so einnimmt“. Und das stimmt wirklich, ich weiß es genau, schließlich bin ich selbst ein Thüringer.

Informationen: www.welterbe-wartburg-hainich.de - www.thueringen-entdecken.de

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Wolfgang Grüner

Wolfgang Gruener by ReiseTravel.euUnser Autor Wolfgang Grüner ist freier Journalist für Touristik, Kulinarik und Musik und lebt in Köln. Die Recherche wurde unterstützt von Welterberegion Wartburg Hainich e. V.

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