Braunau

Mythos Geburtsstadt

Zuhause ist da, wo ich Raum zum Träumen habe, wo immer ein Platz für mich ist, wo ich leben kann. Ob das in jedem Fall die Stadt der Geburt ist bleibt dahingestellt. Manch einer weiß überhaupt nicht, wie seine Geburtsstadt aussieht. Dennoch haben die Orte, in denen berühmte Persönlichkeiten das Licht der Welt erblickt haben, einen besonderen Stellenwert. Und meistens liegt das ja ganz im Sinne der Destinationen. Was aber, wenn derjenige der dort geboren wurde eine Persönlichkeit ist, deren Existenz man am liebsten leugnen würde?

Historisch belasteten Orten fällt es oft schwer, mit dieser unliebsamen Geschichte umzugehen. Der bessere Weg ist vermutlich, sie zu vermitteln. Aufklärung durch Dokumentation ist häufig ein geeigneter Weg, um dem „Mythos Geburtsort“ den Boden zu entziehen. In der oberösterreichischen Stadt Braunau am Inn hat Adolf Hitler das Licht der Welt erblickt, aber nur die ersten drei Jahre seines Lebens verbracht. Geprägt hat ihn die Stadt sicher nicht. Dennoch hat der Mythos Grund genug geliefert, den Ort weltberühmt zu machen. Mit einem bitteren Beigeschmack.

Wie also geht man damit um? Menschen, die in die Geschichte eingegangen sind, lassen sich nicht wegschweigen, auch wenn man sich ungern daran erinnert. Braunau geht es da nicht besser als anderen Städten, in denen solche Leute geboren wurden oder gewirkt haben.

Die seit 20 Jahren jährlich stattfindenden Braunauer Zeitgeschichtetage befassen sich unter anderem auch mit diesem Thema. Braunau teilt ein ähnliches Schicksal wie Gori, der Geburtsort von Stalin in Georgien oder auch Predappio in Italien, die Wiege von Mussolini. Sie alle müssen sich mit einem schwierigen Erbe auseinandersetzen. Allerdings haftet der Makel nicht nur an den Orten, die zufällig als Geburtsort in der Urkunde auftauchen, sondern auch an Plätzen, an denen sie gewirkt haben.

Berchtesgaden zum Beispiel musste ebenfalls erst erfahren, wie man sich verhält. Dort auf dem Obersalzberg befand sich Hitlers Residenz als zweites Machtzentrum neben Berlin. Nach 1945 mutierte er zu einem Treffpunkt, ja regelrecht zu einem Pilgerort für ewig Gestrige. Erst seit der Errichtung einer Dokumentationsstätte hat der Berg seine Faszination für nachrückende Nazis verloren.

Allein schon durch die Tatsache, dass man ständig damit konfrontiert wird, hat man auch in Braunau gelernt, damit umzugehen. Es werden Diskussionen geführt, dass Braunau Hitler die Ehrenbürgerschaft aberkennen soll. So etwas ist bei der Aufarbeitung und Vermittlung der Vergangenheit sicher nicht dienlich. Zumal erst lange nachgeforscht werden musste, ob sie überhaupt existiert hat und dazu unterschiedlichen Meinungen bestehen. Der Verein für Zeitgeschichte jedenfalls fand keine Eintragungen über eine Ehrenbürgerschaft. Allerdings wurde sie ihm im Juli 2011 symbolisch aberkannt. Egal ob er sie nun besessen hat oder nicht.

Adolf Hitler ist schon lange tot, nicht aber seine Anhänger. Und nur zu gerne würden sie den Geburtsort als Pilgerstätte und Versammlungsort nutzen. Bemerkt werden sollte aber auch, dass bei allen Jubiläen die sie dort zu feiern versuchen, ihnen eine noch viel größere Anzahl an Antifaschisten gegenübersteht. Ständig einen negativen Schatten auf die Stadt zu werfen bedeutet, sie auf etwas zu reduzieren, was sie niemals war und auch heute nicht ist. Der Innviertler Kleinstadt zu unterstellen, aufgrund ihrer Vergangenheit politisch weiter rechts zu stehen, als andere ist einfach ungerechtfertigt.

Ja, vielleicht wirkt man dem hier sogar stärker entgegen als anderswo. Gerade weil man sehr viele negative Erfahrungen gemacht hat. Und erstickt jedes Aufkommen von brauner Nostalgie im Keim. So wurde 1989 vor dem Geburtshaus ein Gedenkstein für die Opfer des Nationalsozialismus errichtet und somit einer Feier des runden Geburtstages der Boden entzogen.

Gedenkstein vor dem Haus: "Für Frieden Freiheit und Demokratie – nie wieder Faschismus – Millionen Tote mahnen“

Wieso also sollte man befürchten, ein erhöhtes Auftreten der Nazis zu provozieren, wenn man hier ein Dokumentationszentrum errichtet. Wer einen Stadtrundgang durch Braunau unternimmt, wird ohnehin keinen großen Bogen um das Geburtshaus machen. Um das Geburtshaus sehen zu wollen, braucht man jedenfalls kein Nazi zu sein. Eine Errichtung eines „Hauses der Verantwortung“ in Hitlers Geburtshaus, wie es vom Leiter der Zeitgeschichtetage Andreas Maislinger ins Auge gefasst wird, würde solchen Vorurteilen entgegenwirken. Wie sagte schon Gotthold Ephraim Lessing: „Die Geschichte soll nicht das Gedächtnis beschweren, sondern den Verstand erleuchten.“

Ansonsten ist es eine Stadt wie jede andere, zauberhaft am Inn gelegen, Grenzstadt zwischen Bayern und Österreich mit einem außergewöhnlich pittoresken Marktplatz und zahlreichen anderen Sehenswürdigkeiten, welche das Auge des Betrachters auf sich lenken können. www.tourismus-braunau.at

Ein Beitrag für ReiseTravel von Sabine Erl.

Sabine Erl ReiseTravelUnsere Redakteurin Sabine Erl zeichnet bei ReiseTravel für die Redaktion Lifestyle verantwortlich.

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