Volker Tschapke

Von der preußischen Wesensart im Angesicht des Krieges

Sehr geehrte ReiseTravel User, verehrte Freunde der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg: Angesichts eines modernen Parlamentarismus, prägender westlicher Demokratien und der allgegenwärtigen Globalisierung, gibt es eine Vielzahl von Historikern, Pazifisten und Anderer, denen eine Verurteilung der in den zurückliegenden Jahrhunderten geführten kriegerischen Auseinandersetzungen auf europäischem Boden leicht fällt. Bemerkenswert und kaum nachvollziehbar ist dabei nicht etwa die Ablehnung des Krieges als solches. Krieg war und ist zu jeder Zeit eine Niederlage für die zivilisierte Welt. Er kennt keine Gewinner. Stattdessen sät er weiteren Hass und Revanchismus über Generationen. Nationen werden nicht selten ausgeblutet, Grund und Boden verwüstet und Völker körperlich wie seelisch verstümmelt. Überraschend ist vielmehr die offenbarte Ignoranz gegenüber den wahrhaftigen zeitgeschichtlichen Zusammenhängen, Erwägungen und Erfordernissen für getroffene militärpolitische Entscheidungen. Letztlich kann sich doch nur ein qualifiziertes moralisches Urteil erlauben, wer selber Zeitzeuge war und über ausreichende Detailkenntnisse verfügt. Generationen später ist das unmöglichen und diesbezüglichen Verurteilungen heute daher bestenfalls geeignet, sich selber vor anderen moralisch aufzuwerten. Darüber hinaus versinnbildlichen die Kriegsschauplätze der letzten Jahrzehnte von Vietnam über Afghanistan bis hin zu Irak und Libyen das eigene Glashaus, aus welchem heraus man besser nicht mit Steinen werfen sollte.

Volker Tschapke Präsident Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg

Volker Tschapke 

Der preußische General und Militärtheoretiker Carl von Clausewitz (1780 bis 1831) brachte mit seiner Feststellung „der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik unter Einbeziehung anderer Mittel“ zum Ausdruck, dass das Militär nicht aus Selbstzweck zu handeln hat, sondern nationalen Interessen dient und sich somit dem Primat der Politik unterzuordnen hat. Zu Zeiten der preußischen Monarchen sorgte aber auch dieses Credo nicht für mehr Frieden. Dauerhafte Bündnisse waren zwischen europäischen Mächten ebenso ungewollt wie die freiwillige Aufgabe von machtpolitischem Einfluss oder ein territorialer Verzicht. Begriffe wie Selbstbestimmung oder die Unverletzlichkeit eines Staates hatten auf internationalem Parkett keine Bedeutung. Krieg galt als ein probates Mittel zum Machterhalt und mehr noch zur Machterweiterung.

Von Clausewitz sprach dabei von einem Akt der Gewalt, um den Gegner zur Erfüllung des eigenen Willens zu zwingen. Für Preußen war dieser Zeitgeist stets eine brisante politische wie militärische Herausforderung, war es doch von hochgerüsteten Großmächten umgeben. Der Preußische Staat, seine Herrscher sowie Generale werden in der modernen Geschichtsbetrachtung häufig noch immer als Kriegsversessen und rücksichtslos, bisweilen gar als menschenverachtend dargestellt. Es ist daher außerordentlich sinnvoll und in Gedenken an die preußischen Vorväter auch dringend geboten, mit deren Worten und Taten für Klarheit zu sorgen.

Friedrich der Große folgte seinem Grundsatz: „Der Bürger soll nicht merken, wenn ich Krieg führe.“ Allerdings galt das nur, solange ein Zivilist nicht aktiv in Kampfhandlungen eingriff. Ein Prinzip, das schließlich auch in den preußisch-amerikanischen Staatsvertrag von 1785 einging. Dieser enthält im Übrigen auch die weltweit erste Vereinbarung zur Regelung der Kriegsgefangenschaft.

Als der Monarch im Anschluss an die Verhandlungen zum Vorfrieden von Breslau am 11. Juni 1742 eine dortige Friedenspredigt besuchte, ignorierte er den eigens für ihn bereitstehenden Thronsessel. Immerhin war er nun auch König über einen Großteils Schlesiens. Doch er bevorzugte demütig einen einfachen Holzstuhl mit der Feststellung: „Ich bin ein Mensch wie jeder andere und will also nur eine gewöhnliche Bank haben.“ Der Frieden von Berlin am 28. Juli 1742 wurde durch einen Friedensvertrag zwischen Preußen und Österreich besiegelt, der den Ersten Schlesischen Krieg nun auch vertraglich beendete. Friedrich II. kommentierte seinen Sieg so: „Es handelt sich gegenwärtig nur darum, die politischen Kabinette Europas daran zu gewöhnen, uns in der Stellung zu sehen, in die uns der Krieg gebracht hat, und ich glaube, dass große Mäßigung und Milde gegen alle unsere Nachbarn uns dazu verhelfen kann. Ruhige Zurückhaltung muss für die nächsten Jahre das leitende Prinzip unserer Politik sein. Wir brauchen Frieden, um den Staat zu festigen.“

Sein Wunsch wurde von der Machtpolitik führender europäischer Großmächte durchkreuzt. Im Juni 1745 befand sich Preußen im Zweiten Schlesischen Krieg. Und auch wenn Friedrich seine Soldaten in der Schlacht von Hohenfriedberg zum Sieg führte, ließen ihm die von seinen Gegnern verübten Kriegsverbrechen dennoch keine Ruhe. Am 10. Juni schrieb er aus dem Feldlager an seinen schlesischen Minister Graf Münchow: „Ich komme zu meinem besonderen Mitleiden in Erfahrung, dass die feindlichen Truppen, in Sonderheit deren Husaren, wie auch die sächsischen Hulanen, als solche letzthin in Schlesien eingerückt […] die cruelsten und unter christlichen und vernünftigen Völkern unerhörten Exzesse begangen […,].“

Friedrich ließ eine umfassende Bestandsaufnahme der schlesischen Kriegsverbrechen vornehmen und diese als Buch veröffentlichen. Immer wieder prangerte er Gewalt dieser Art an Zivilisten an und drohte gar mit drastischen Vergeltungsmaßnahmen. Mit der gegen Österreicher und Sachsen gewonnenen Schlacht bei Kesseldorf entschied Preußen auch den Zweiten Schlesischen Krieg für sich. Als der preußische Monarch am 19. Dezember 1745 inmitten der Dresdner Bürgerschaft an einem Gottesdienst teilnahm, wurde er frenetisch gefeiert. Der Grund war denkbar einfach. Im Gegensatz zu den Soldaten seines Widersachers Karl Alexander von Lothringen hatten sich die preußischen Truppen gegenüber der einheimischen Bevölkerung vorbildlich verhalten. Es gab keine nennenswerten Plünderungen oder Übergriffe. Als General Graf Yorck von Wartenburg die Schlesische Armee Blüchers im Befreiungskrieg gegen Frankreich über den Rhein führte und am 10. März 1814 einen Sieg bei Laon verzeichnen konnte, war ihm nicht zum Feiern zumute. Auf der Suche nach Feuerholz hatten seine Soldaten in einem Dorf eine unversehrte Kirche schwer verwüstet. Außer sich wies er die dafür Verantwortlichen mit einem Hinweis auf den Hohen Orden vom Schwarzen Adler an seiner Brust zurecht: „Kennt ihr den Stern? Kennt ihr seine Umschrift? Sie bedeutet: Jedem das Seine. Das ist Preußens Wahlspruch. Habt ihr ihn wahr gemacht? Gebrochen habt ihr ihn, den Stern habt ihr befleckt, des Königs Wahlspruch zur Lüge gemacht, seinen und des Vaterlandes Namen geschändet, euren und meinen Ruhm mit Füßen getreten. Ihr seid nicht mehr das Yorcksche Korps, ich bin nicht mehr der General Yorck; eine Räuberbande seid ihr, ich bin euer Räuberhauptmann.“

Im Kirchenbuch für die preußische Armee aus dem Jahr 1829 steht geschrieben: „Seht, Brüder, welche Furcht wir vor uns her verbreiten! Wie todt ist Feld und Dorf! Man flieht uns schon von weitem! Wehrlose fliehet nicht! Unschuld'gen sind wir Schutz, nur Kriegern trotzen wir.“ Und weiter heißt es: „Wir fürchten Gott, der jetzt durch uns zu strafen handelt: wir sind kein räub'risch Heer, das gern in Wüsten wandelt. Jedoch Versuchung reizt: Drum Vater! Steh uns bei, daß kein bethräntes Brot, kein Unrecht bei uns sei.“

Bezeichnend für den Ethos in der preußischen Armee war auch der Heeresbefehl, den Prinz Friedrich Karl von Preußen am 6. August 1870 erließ: „Soldaten der II. Armee. Ihr betretet den französischen Boden. Der Kaiser Napoleon hat ohne allen Grund an Deutschland den Krieg erklärt; er und seine Armee sind unsere Feinde. Das französische Volk ist nicht gefragt worden, ob es mit seinen deutschen Nachbarn einen blutigen Krieg führen wolle; ein Grund zur Feindschaft ist nicht vorhanden. Seid dessen eingedenk den friedlichen Bewohnern Frankreichs gegenüber; zeigt ihnen, daß in unserm Jahrhundert zwei Kulturvölker, selbst im Kriege miteinander, die Gebote der Menschlichkeit nicht vergessen. Denkt stets daran, wie Eure Eltern in der Heimat es empfinden würden, wenn ein Feind, was Gott verhüte, unsere Provinzen überschwemmte. Zeigt den Franzosen, daß das deutsche Volk nicht nur groß und tapfer, sondern auch gesittet und edelmütig dem Feinde gegenüber ist.“

„Im Übrigen bin ich der Meinung, dass wir einen Freistaat Preußen errichten müssen.“ 

Nach dem Einigungskrieg gegen Frankreich 1870/71 richtete Reichskanzler Otto von Bismarck die deutsche Außenpolitik ganz auf Friedenswahrung und Beibehaltung des erreichten Status quo aus. Die argwöhnischen Rivalitäten und ständigen Konflikte zwischen den anderen Mächten Europas erschwerten diese Ziele und machen die erfolgreichen Friedensbemühungen Bismarcks im weiteren Verlauf seiner Amtszeit umso beeindruckender. Dabei stützte er sich auch auf die Friedensliebe in seinem eigenen Volk. In einem Brief an den englischen Premierminister Lord Salisbury stellte er im Jahr 1887 unter anderem klar: „Mit einer Armee wie der unseren, die sich unterschiedslos aus allen Schichten der Bevölkerung rekrutiert, die die Gesamtheit der lebendigen Kräfte des Landes repräsentiert und nichts anderes ist als eine Nation in Waffen – mit einer solchen Armee hätten die Kriege der letzten Jahrhunderte, die aus Sympathien, Antipathien oder nur aus dynastischem Ehrgeiz resultieren, nicht geführt werden können. […]

Diese Millionen von Menschen folgen ausnahmslos den Fahnen und bewaffnen sich, sobald ein ernst zu nehmender Krieg die nationale Unabhängigkeit und die Integrität des Reiches bedroht. Aber dieser große Kriegsapparat ist in seiner Gesinnung so

bewunderungswürdig, daß er trotz dem insgesamt von monarchistischen Gefühlen erfüllten Land nicht willkürlich und nicht nur durch den königlichen Willen in Gang gesetzt werden kann.“ In seiner legendären Friedensrede vom 6. Februar 1888 sagte Bismarck unmissverständlich: "Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt, aber es ist unsere Gottes Furcht, den Frieden ehren zu lassen."

Was hätte der „Alte Fritz“ wohl dazu gesagt …

Wenn Staatsoberhäupter und Parlamentarier heute Kriegseinsätze beschließen, so gerät deren eigenes Leben dadurch in der Regel nicht unmittelbar in Gefahr. Meist geht es um ferne Länder und nur selten wollen oder müssen die Verantwortlichen ihre eigenen Kinder oder nahe stehenden Verwandten opfern. Ihre Amtszeit ist begrenzt und damit auch die Verantwortlichkeit.

Für Friedrich den Großen stellte sich das anders dar. Er beteiligte sich aktiv an Schlachten, erlebte das Grauen des Krieges persönlich in Feldlagern inmitten seiner Soldaten und verlor ihm nahe stehende Menschen durch die eigenen Befehle. Daran hatte er zeitlebens schwer zu tragen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass er den Krieg selber als „einen Wahnwitz“ bezeichnete. Seine Außenpolitik war von Uneigennützigkeit, Vernunft und Weitsicht geprägt. „Ich sehe mein Interesse nur in dem, was zur Erleichterung des Loses meines Volkes und zu seinem Glück beitragen kann“, waren seine entsprechenden Worte.

Als Friedrich am 27. Februar 1741 während des Ersten Schlesischen Krieges nur knapp einem Attentat durch österreichische Husaren entging, instruierte er seinen Kabinettsminister Heinrich Graf von Podewils: „Wenn mir das Unglück zustieße, lebend gefangen genommen zu werden, so befehle ich Ihnen unbedingt, und Sie werden mir mit Ihrem Kopfe dafür verantwortlich sein, daß Sie während meiner Abwesenheit meine Befehle nicht berücksichtigen, daß Sie meinem Bruder mit Ihrem Rat dienen, und daß der Staat für meine Befreiung keine unwürdige Handlung begeht; im Gegenteil, für diesen Fall will ich und befehle ich, daß man nachdrücklicher handelt als je. Ich bin nur König, wenn ich frei bin.“

Der Monarch sah sich als „Erster Diener des Staates“ und verlangte seinen Staatsbeamten, Generalen und dem Volk nichts ab, was er sich nicht auch selber auferlegte. In seiner Konsequenz war Friedrich II. damit selbst unter den aufgeklärten absolutistischen Herrschern einzigartig.

Zitat des Monats: „Nichts ist wahrer und handgreiflicher, als daß die Gesellschaft nicht bestehen kann, wenn ihre Mitglieder keine Tugend, keine guten Sitten besitzen. Sittenverderbnis, herausfordernde Frechheit des Lasters, Verachtung der Tugend und derer, die sie ehren, Mangel an Redlichkeit im Handel und Wandel, Meineid, Treulosigkeit, Eigennutz statt Gemeinsinn – das sind die Vorboten des Verfalls der Staaten und des Untergangs der Reiche. Denn sobald die Begriffe von Gut und Böse verworfen werden, gibt es weder Lob noch Tadel, weder Lohn noch Strafe mehr.“ (Friedrich der Große)

Sehr geehrte ReiseTravel User, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit. Den Geburtstagskindern preußisches Fortune und alles Gute im neuen Lebensjahr, den Erkrankten baldige Genesung

Pro Gloria et Patria 

Gott befohlen 

Volker Tschapke  

Präsident Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg 

Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg e.V. c/o Hilton Berlin

Mohrenstrasse 30, D-10117 Berlin, Telefon: 030 – 2023 2015, www.preussen.org

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