Volker Tschapke

"Religionen müssen tolerieret werden"

Sehr geehrte ReiseTravel User, verehrte Freunde der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg:

Sehr geehrte ReiseTravel User, verehrte Freunde der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg: „Ich suche gute Freundschaft mit dem Papst zu halten, um dadurch die Katholiken zu gewinnen und ihnen begreiflich zu machen, dass die Politik der Fürsten die gleiche bleibt, auch wenn die Religion, zu der sie sich bekennen, verschieden ist.“ Friedrich der Große 1752 über Papst Benedikt XIV.

Wenn Papst Benedikt XVI. auf Einladung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in den deutschen Haupt- und preußischen Residenzstadt Berlin weilt, dürfte auch das Kapitel „Preußen und die Katholiken“ um wichtige Passagen erweitert werden. Vor allem jedoch geht es um den 50. Jahrestag der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG). Der Heilige Vater - engagierter Befürworter der Reichsidee - ist gebeten worden, über die "geistigen Grundlagen der politischen Einheit Europas“ zu sprechen. Dem deutschen Papst liegt wie der Preußischen Gesellschaft in politisch bewegter Zeit das Christentum am Herzen und der Europa-Gedanke im Sinn.

Dabei geht es um die Wurzeln unseres Hier- und Daseins. Von denen manche erst wieder freigelegt und andere gestärkt werden müssen. Das aber kann nicht ohne Kenntnis dessen geschehen, was wir als historisches Erbe klug zu verwalten und weiterzugeben haben. Bis hierher und nicht weiter, sollte das Motto im Widerstreit gegen eine zunehmend entchristlichte Welt lauten; von hier aus endlich weiter müsste auf dem Europa-Banner stehen.
Volker Tschapke Präsident Preußische Gesellschaft Berlin-BrandenburgVolker Tschapke Präsident Preußische Gesellschaft Berlin-BrandenburgAuf bemerkenswerte Parallelen zwischen preußischen Wertvorstellungen und Grundsätzen der Preußischen Gesellschaft einerseits und dem christlichkatholischen Gedankengut des deutschen Papstes andererseits wurde ich beim Lesen des Vortrages “Europa. Seine geistigen Grundlagen gestern, heute, morgen“ aufmerksam, den Joseph Kardinal Ratzinger am 24. November 2000 in der Bayerischen Landesvertretung in Berlin-Mitte gehalten hatte. Darin hob er hervor: Trotz des Bösen und der Verwüstungen des Zweiten Weltkrieges, des Anwachsens der Gewalt und der Flucht in die Droge, des Zunehmens der Korruption gäbe es genug verbindende Elemente für ein gemeinsames Europa: „An erster Stelle das gemeinsame Erbe der Bibel und der alten Kirche…, dazu die gemeinsame Reichsidee, das gemeinsame Grundverständnis der Kirche und damit auch die Gemeinsamkeit grundlegender Rechtsvorstellungen und rechtlicher Instrumente.“ Zudem nannte er das Mönchtum als wesentlichen Träger der kulturellen Kontinuität und der grundlegenden religiösen und sittlichen Werte.
Der damalige Kardinal und jetzige Papst bejahte die selbstgestellte Frage, ob in den gewaltigen Umbrüchen unserer Zeit eine Identität Europas existiere, die Zukunft habe und zu der wir von innen her stehen könnten. Sie liege in einer „Festschreibung von Wert und Würde des Menschen, von Freiheit, Gleichheit und Solidarität". Er sprach von einer „Unbedingtheit, mit der Menschenwürde und Menschenrecht als Werte erscheinen müssen, die jeder staatlichen Rechtssetzung vorangehen“.
Eine wesentliche Ordnungsgestalt für die europäische Identität sieht er in Ehe und Familie als Grundzelle des sozialen Aufbaus. „Die monogame Ehe ist als grundlegende Ordnungsgestalt des Verhältnisses von Mann und Frau und zugleich als Zelle staatlicher Gemeinschaftsbildung vom biblischen Glauben her geformt worden. Sie hat Europa …sein besonderes Gesicht und seine besondere Menschlichkeit gegeben, auch und gerade weil die damit vorgezeichnete Form von Treue und von Verzicht immer wieder neu leidvoll errungen werden musste. Europa wäre nicht mehr Europa, wenn diese Grundzelle seines sozialen Aufbaus verschwände oder wesentlich verändert würde.“ Damit grenzte er sich gegen homosexuelle Lebensgemeinschaften, gegen Scheidung und Formen der Ehe im rechtsfreien Raum ab. Schließlich benannte Joseph Ratzinger als wesentlich für die europäische Identität „die Ehrfurcht vor dem, was dem anderen heilig ist und die Ehrfurcht vor dem Heiligen überhaupt, die Ehrfurcht vor Gott, die auch demjenigen zumutbar ist, der nicht an Gott glaubt. Wo diese Ehrfurcht zerbrochen wird, geht in der Gesellschaft Wesentliches zugrunde.“ Er begrüßte, dass in unserer gegenwärtigen Gesellschaft bestraft wird, wer den Glauben Israels, sein Gottesbild, seine großen Gestalten oder den Koran und die Grundüberzeugungen des Islam herabsetzt. Und er musste beklagen: „Wo es dagegen um Christus und um das Heilige der Christen geht, erscheint die Meinungsfreiheit als das höchste Gut, das einzuschränken die Toleranz und die Freiheit überhaupt gefährden oder gar zerstören würde.“ Meinungsfreiheit finde aber ihre Grenze darin, dass sie Ehre und Würde des anderen nicht zerstören dürfe; sie sei nicht Freiheit zur Lüge oder zur Zerstörung von Menschenrechten. „Hier gibt es einen merkwürdigen und nur als pathologisch zu bezeichnenden Selbsthass des Abendlandes, das sich zwar lobenswerterweise fremden Werten verstehend zu öffnen versucht, aber sich selbst nicht mehr mag, von seiner eigenen Geschichte nur noch das Grausame und Zerstörerische sieht, das Große und Reine aber nicht mehr wahrzunehmen vermag.“
Sowohl in der Satzung als auch in der Programmatik der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg finden sich diese päpstlichen Grundgedanken wieder. Wir sehen uns an der Seite des Heiligen Vaters, wenn es darum geht, „dass Europa das Beste seines Erbes neu gewinnt und damit der ganzen Menschheit dient“, wie er seinen großartigen Vortrag beschloss. Dass sich die Preußische Gesellschaft nicht vordergründig der „ganzen Menschheit“, sondern dem deutschen Volk verpflichtet weiß, versteht sich von selbst. Einige Worte zur „gemeinsame Reichsidee“ für Europa, die Joseph Kardinal Ratzinger ansprach. Diese Konzeption hat – in einst bewährter, dann laizistisch beendeter Tradition - ein stetes Miteinander von Kirche und Staat zum Ziel. Man darf gespannt auf die Berliner Europa-Rede des Papstes im kommenden Jahr sein, ob und wie er seine Vorstellungen von der Reichsidee vertieft. Ohne Zweifel bedürfen sie der Erläuterung; denn schon geben seine skizzenhaften Ausführungen zum Thema manchen Anlass für Deutungen und Spekulationen.
So erklärte der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Staatsminister Bernd Neumann, das Heilige Römische Reich habe die heutige Form der Europäischen Union vorweggenommen. „Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation ist nicht nur ein Abschnitt der deutschen Geschichte. Es ist Teil der Vergangenheit vieler europäischer Staaten. Angesichts seines multiethnischen und vielsprachigen Charakters erscheint es aus heutiger Sicht wie das Modell einer funktionierenden überstaatlichen Ordnung.“ Bezog sich Benedikt XVI. mit seinen Andeutungen überhaupt auf das Alte Reich? Das von Bismarck geschaffene Deutsche Reich von 1871 wird er aus verschiedenen Gründen sicher nicht im Blick gehabt haben. Einen nennt er in seiner großen Europa-Rede: „In Deutschland allerdings hat der Zusammenbruch des preußischen Staatskirchentums ein Vakuum geschaffen, das sich dann ebenfalls als Leerraum für eine Diktatur anbot.“ Allerdings seien heute die Staatskirchen überall von der Auszehrung befallen – sicher ohne dass Diktaturen die Vakuen automatisch ausfüllen.
Warum eigentlich müssen wir in die historische Ferne schweifen, wenn ein mögliches Beispiel für die Europäische Union so nah liegt? Ich will das König-Reich Preußen in die Europa-Diskussion einbringen, einen Staat von europäischem Format, den Sebastian Haffner als ein Kunstwerk bezeichnete. Einen Vernunftstaat der Einwohner verschiedener Mentalität und Religiosität (Lutheraner, Reformierte, Hugenotten, Katholiken und Juden bildeten die Staatsbevölkerung) sowie unterschiedlichste Provinzen miteinander verband und zu gleichgesinntem Handeln vereinte; der Hinzugezogene – Ausländer – erfolgreich assimilierte und integrierte; dessen unbestechliche Verwaltung, unabhängige Justiz und aufgeklärte Bildung heute gerühmt werden; der offen war für andere Sprachen und Konfessionen; der als erster moderner Staat Religionsfreiheit und religiöse Toleranz realisierte; dessen hervorragendster Staatsmann in religiöser Toleranz „jeden nach seiner Façon selig werden“ ließ.
Seinen Toleranzgedanken kleidete Friedrich der Große am 22. Juli 1740 in die Worte: „Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben das Keine der andern abbruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden.“ Er vertiefte den Toleranzgedanken in seiner Antwort auf die Anfrage des Direktoriums, ob ein Katholik Bürger einer preußischen Stadt werden dürfe: „Alle Religionen seindt gleich und gut, wan nuhr die leute, so sie profesieren, Ehrlige leute seindt, und wenn Türken und Heiden kämen und wollten das Land pöplieren, so wollten wir sie Mosqueen und Kirchen bauen. Er spöttelte zwar mitunter über Religiöses, doch er handelte so, wie es Joseph Ratzinger von demjenigen erwartet, der nicht an Gott glaubt.
Mit seinem Edikt vom 25. März 1747 sagte der preußische König a l l e n Religionen seinen Schutz zu: „Wie wir aber unveränderlich gemeinet sind, einem jeden eine völlige Gewissensfreiheit geniesen zu lassen; also sollen gemeldete Prediger bey Vermeidung Unserer Allerhöchsten Ungnade darauf bedacht seyn, damit weder beym täglichen Gebeth, noch bey dem zu haltenden Sonn- und Fest-Täglichen Gottesdienst etwas vorkomme, was der einen oder andern Religion auch nur im geringsten entgegen und anstößig seyn könte.“ Er bezog natürlich das Christentum mit ein, dessen Würde und Ansehen heute viel zu oft - nicht nur zum Leidwesen des Heiligen Vaters - einer zweifelhaften Meinungsfreiheit zum Opfer fällt.
Undenkbar wäre in Friedrichs des Großen Regierungszeit und überhaupt in Preußen eine Aufführung der Mozart-Oper Idomeneo, wie sie uns jüngst zugemutet wurde. Ein Scharlatan namens Neuenfels hatte anmaßend und selbstherrlich Mozarts Werk und große Teile des Publikums vergewaltigt, indem er abgeschlagene Köpfe von Poseidon, Jesus, Buddha und Mohammed auf der Bühne herumwedeln ließ, als habe das Mozart so verfasst. Diese Passage hat der Herr einfach dazu geschrieben.
Wo sind wir in Deutschland hingekommen, dass wir uns solches bieten lassen? Dass uns ein blutverschmierter Jesus-Kopf präsentiert und uns Mozart verschandelt wird und wir darauf mit Schwafelei über Islam und Meinungsfreiheit reagieren? Unsere jüdischen Freunde und unsere islamischen Mitbürger reagieren anders, wenn es gegen ihre Religionen geht. Was haben solche Leute wie Neuenfels und Co. in unseren Kultur- Tempeln zu suchen? Friedrich sprach 1752 auch eine Mahnung aus, die heutzutage – wie so vieles aus guter Preußenzeit – kaum beachtet wird: „Katholiken, Lutheraner, Reformierte, Juden und zahlreiche andere christliche Sekten wohnen in Preußen und leben friedlich beieinander. Wenn der Herrscher aus falschem Eifer auf den Einfall käme, eine dieser Religionen zu bevorzugen, so würden sich sofort Parteien bilden und heftige Dispute ausbrechen. Mich erfüllt als Präsident der Preußischen Gesellschaft mit Genugtuung, dass der Heilige Vater in Rom und der große Preuße von Berlin-Potsdam in dieser existenziellen Frage so übereinstimmen. Und damit in einer Grundfrage, die das Europa von morgen betrifft: die Gemeinsamkeit von Staat und Kirche im Blick auf grundlegende Rechtsvorstellungen und rechtliche Instrumente.
Wiederholt sei: Ich kann mir Preußen sehr wohl als Beispiel für ein Europa von morgen vorstellen. Folgen wir weiter den Spuren der Katholiken in Preußen. Friedrich der Große befand sich mit seiner religiösen Toleranz in langer Tradition. Zum Beispiel der des Johann Sigismund. Er war von 1608 bis 1619 Kurfürst von Brandenburg und ab 1618 Herzog von Preußen. Als er sich aus politischem Kalkül beim Kampf um rheinisches Erbe zum Calvinismus bekannte, hielt er sich nicht an den in Europa verbindlichen Rechtsgrundsatz „Cuius regio, eius religio (wessen Land, dessen Religion) und nutzte auch nicht das ihm nach dem Passauer Vertrag von 1552 und dem Augsburger Religionsfrieden von 1555 zustehende Recht, die Brandenburger den Calvinismus zu oktroyieren. Seine Untertanen durften bei ihrem lutherischen Glauben bleiben. Damit ist Johann Sigismund der erste europäische Fürst, der Glaubensfreiheit verkündete. Freilich mit einer Ausnahme: Katholiken blieben außerhalb dieser Glaubensfreiheit. Das katholische Bekenntnis war in der Mark Brandenburg nach der Reformation verboten. Zeitweilig drohten bei Ausübung der katholischen Religion, besonders bei Teilnahme an der Messfeier, härteste Strafen. „Papisten“ galten als Sektierer. Auch nach dem Westfälischen Frieden von 1648, der die katholische und die evangelische Konfession gleichstellte, durften die wenigen Katholiken in Preußen nur Hausandachten halten. Heimlich musste z. B. der katholische Priester Johann von Leckow wirken. Ihm hatte Papst Urban VIII. – Jugendfreund von Galileo Galilei - 1624 offiziell die Missionstätigkeit für Brandenburg übertragen.
Durch Erwerb des Schwiebuser Kreises 1686 mit seiner stark katholischen Bevölkerung kamen zahlreiche katholische Kirchen und ihre Priester in die Mark hinein. Das änderte jedoch an der Grundhaltung der Kurfürsten nichts. Breit über das Toleranzedikt des Großen Kurfürsten zu schreiben, hieße Päpste nach Rom tragen. Mit seinem Edikt von Potsdam (29. Oktober 1685) bot er den im katholischen Frankreich wegen ihrer Religion verfolgten evangelischen Glaubensgenossen eine freie, sichere und zukunftsträchtige Heimstatt in Brandenburg an. Die Hugenotten wurden von Steuern und Zöllen befreit und bekamen mannigfaltige Subventionen. Ihre Pfarrer erhielten Gehalt vom Kurfürsten.
Unberührt vom Toleranzedikt blieben indes die Katholiken. Wer seinen Glauben öffentlich ausüben wollte, tat gut daran, das Land zu verlassen. In seinem Testament von 1667 bekundete Friedrich Wilhelm einerseits seine ablehnende Haltung gegenüber den Katholiken, gestand aber andererseits ein, dass die Reformation nicht alle tradierten Zeremonien und Bräuche hat tilgen können: „Vndt ist Gott lob die Chur Brandenburg vndt Pommern von Papstlichen groben Greuelln vndt Abgoetterei gentzlich befreihet, außer was die Lutherischen in Ihren kirchen aus dem Papsttumb ahn Ceremonien behalten haben.“ Des Großen Kurfürsten abschließende Bitte erfüllte sich jedoch nicht, wie die Geschichte beweisen sollte: „…dahs es der Hochste biß ahn den Jungsten Tag bestendig verbleiben lassen wolle, auf das solche Abgoetterey und Greuell von den Nachkommen niehmals moegen gesehen werden.“
Unter Friedrich Wilhelm I., dem „Soldatenkönig“, änderte sich die Situation für die Katholiken. Seinen volkstümlichen Beinamen erwähne ich deshalb, weil ihn letztlich Soldaten zu Veränderungen in der Religionsausübung anregten. Der die Langen Kerls über alles schätzte, rekrutierte nicht nach Religion, sondern nach Körperhöhe. So begab es sich, dass in seiner Truppe zahlreiche Katholiken dienten. Dieses Glaubens waren auch etliche der nach Berlin, Potsdam und Spandau hinzugezogenen Handwerker und Kaufleute, denen der König freie Religionswahl zugesichert hatte. Sie alle bedurften seelsorgerischer Fürsorge, die ihnen protestantische Priester nicht zu geben vermochten. Zur Überraschung vieler erlaubte Friedrich Wilhelm I. im Jahre 1719, im Hinterhaus der Berliner Krausenstraße Nr. 43 eine Kapelle für Soldaten-Gottesdienste einzurichten. Sie muss so ergreifend schlicht gewesen sein, dass Kardinal von Sinzendorf an seinen Papst Benedikt XIV, den er als 17-jähriger Student in Rom kennen gelernt hatte, schrieb: „Dieses alte Magazingebäude gleicht mehr einem Heuboden als einem Tempel.“ Dennoch, dennoch: Berlin und Brandenburg erhielten mit dem „Heuboden“ das erste katholische Gotteshaus seit der Reformation. Allerdings durften „zivile“ Katholiken an der Seelsorge nicht teilnehmen. Das änderte sich erst, als Pater Dominikus Torck als Militärseelsorger berufen wurde und zugleich die Erlaubnis erhielt, Zivilgemeinden zu betreuen.
Eine enge Beziehung entwickelte sich zwischen König und dem Dominikaner-Pater Raymund Burns, der seit 1731 als Feldprediger in Potsdam seinen geistlichen Dienst tat. Wie seinem in lateinischer Sprache verfassten und erhalten gebliebenen Tagebuch zu entnehmen ist, erfuhr er von einem geplanten Attentat gegen Friedrich Wilhelm I. Er warnte seinen König. Der wollte verständlicherweise Ross und Reiter genannt bekommen, was Pater Bruns mit Hinweis auf das Beichtgeheimnis verweigerte. Der König nahm zuerst übel, dann dankbar die Nachricht auf und das erwiesene Vertrauen an.
Er berief dann – man lese und staune – den Dominikaner in das berühmte Tabakskollegium. Des Paters dort geäußerten Ansichten gefiele n so sehr, dass der König zustimmte, sie in einem Büchlein zusammenzufassen. Rom erteilte die Druckerlaubnis, und so erschien 1739 das am königlich-preußischen Stammtisch entstandene Büchlein unter dem Titel „Catholisches Unterrichtungs-, Gebeth- und Gesangbuch“. Ein Jahr später bestiegen Prospero Lorenzo Lambertin als Papst Benedikt XIV. in Rom den Stuhl Petri und Kronprinz Friedrich als König Friedrich II. in, ab 1772 von Preußen den Thron. In späteren Jahren erkannte der Papst Friedrich II. den Königstitel zu, während für die Kurie der König von Preußen bisher nur „Markgraf von Brandenburg“ war. Doch zunächst gab es zwischen beiden Hader. Ausgerechnet am Pater Bruns entzündeten sich die Gemüter.
Friedrich II. ordnete 1742 an, den Pater auf die Festung Spandau zu bringen. Begründung: Er habe einen Fahnenflüchtigen begünstigt. Dem jungen König wehten Proteste aus vorwiegend katholisch geprägten europäischen Ländern ins Haus. Papst Benedikt XIV. intervenierte über seinen Nuntius bei Kaiserin Maria Theresia. Darauf ließ sie ihren außerordentlichen Gesandten in Berlin bei Friedrich II. vorstellig werden. Der König wollte Pater Bruns freilassen, wenn er beeide, "...für das erlittene Unrecht keine Vergeltung zu üben, weder am Könige, noch am Staate ..." usw. Bemerkenswert, dass offen und ehrlich von „Unrecht“ geschrieben steht, das dem Pater widerfahren sei. Im August 1743 konnte der Dominikaner die Festung Spandau verlassen und ins Kloster nach Halberstadt zurückkehren. Eine mittlerweile eingetroffene Einladung des Papstes nach Rom lehnte er höflich ab. Offensichtlich wollte er den preußischen König nicht verprellen. Erst sorgten Soldaten, dann Kriege für eine erleichterte Religionsausübung der Katholiken in Preußen. Die Rede ist natürlich von den drei für Friedrich erfolgreichen Schlesischen Kriegen zwischen 1740 und 1763. Sie begründeten den Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht und erhöhten beträchtlich die Anzahl der Katholiken in seinem Herrschaftsbereich. Der König musste darauf reagieren: im eroberten Schlesien und im Kernland.
Zunächst zum habsburgisch-katholisch dominierten Schlesien. Die Schlesier erfuhren nach Übernahme durch Preußen, was Historiker und Philologe Leopold von Ranke klug erkannte und was unsere Landsleute aus den neuen Bundesländern bestätigen können: „Jede Einführung einer neuen Ordnung der Dinge hat ihre Beschwerden; diese um so mehr, da sie einen ganz anderen Charakter atmete als das bisherige System.“ Nicht unbedingt rühren Beschwerden ausschließlich von negativen Ursachen her. Auch positive Veränderungen der Dinge verlangen Abwerfen des Bisherigen und Anpassen an das Nunmehrige, wozu sich bodenständige Menschen nicht unbedingt mit Begeisterung Bereitfinden. Schlesien lag zerstört am Boden. Friedrich II. förderte den Wiederaufbau von Stadt und Land sowie vor allem der Wirtschaft. Dafür öffnete er sogar seine Privatschatulle. (Nebenbeibemerkung: Wenn heute eine Großmacht kriegerisch ein Land verwüstet, werden nichtbeteiligte Länder zum Wiederaufbau mit eigenen Steuermitteln verpflichtet.) Besonders begünstigt wurden Bergbau und Hüttenwesen. Der König des religiös-toleranten Preußen machte im zuvor österreichisch verwalteten Schlesien eine Bevorzugung der Katholiken und einen Druck auf Protestanten aus. Dies widersprach seiner toleranten Gesinnung. Er suchte zu glätten. Sein Programm dafür verkündete er am 8. November 1741 vor den angesehendsten Vertretern der Stände. Er wolle den Unterschied zwischen den beiden Religionen beenden. In diesem Prozess solle kein Katholischer verlieren und kein Evangelischer gewinnen. Als „Liebhaber der Toleranz“ wünsche er zwischen den beiden Parteien statt der bisherigen Verfolgung ein gutes Verständnis. Der Kriegssieger und neue Herrscher verzichtete also ganz bewusst darauf, den Evangelischen in Schlesien ein Primat zuzugestehen. Er bewilligte den Status quo der katholischen Kirche mit dem Vorbehalt seiner Rechte der Souveränität. Zudem verpflichtete er die königlichen Behörden, die Katholiken bei ihrer Religion zu schützen. Über diese seine Order den Heiligen Vater in Rom zu informieren, bat der König den Trotz der geschilderten Grundhaltung entstanden Konfrontationen zwischen dem König und dem Bischof von Breslau, weil Friedrich in Autonomierechte der Kirche und in deren direkte Verbindungen zur Kurie und zu kirchlichen Einrichtungen in den habsburgischen Ländern eingriff. Fürstbischof Philipp Ludwig von Sinzendorf galt als unumschränkter Landesherr und gleichberechtigt unter den schlesischen Herzögen. Benedikt XIV. hatte ihm als Generalvikar das Recht zugesprochen, in allen Streitigkeiten der preußischen Katholiken als letzte Instanz zu entscheiden. Als höchste Instanz in Preußen aber sah sich der König. Kein Wunder, dass es ab und an zwischen beiden funkte – ebenso zwischen Benedikt und Friedrich. Doch man fand schließlich zueinander. Beispielsweise in der Nachfolge von Sinzendorf. Friedrich favorisierte den Grafen Philipp Gotthard Schaffgotsch als Nachfolger auf dem Breslauer Bischofsstuhl, Benedikt lehnte ihn ab. Nach längerem Hin- und Her schalteten beide Seiten Erzbischof Archinto, Nuntius in Polen, ein. Dessen Erkenntnisse über Schaffgotsch führten schließlich dazu, dass der Papst im Frühjahr 1748 den Grafen als Fürstbischof von Breslau bestätigte. Alles in allem gelang Friedrich dem Großen trotz hohen Anteils katholischer Untertanen die Integration Schlesiens in den preußischen Staat bereits im 18. Jahrhundert. Sein Prinzip in Bezug auf alle Konfessionen fruchtete: “Denn es geht den Staat nichts an, welche metaphysische Anschauung im Menschenhirn wohnt, genug, wenn jedermann sich als guter Staatsbürger und Patriot benimmt.” Unter Friedrich II. begannen die diplomatischen Beziehungen seines Königreichs mit dem Heiligen Stuhl. Als erster preußischer Agent beim Vatikan wurde 1747 der italienische Edelmann Giovanni Antonio Coltrolini beauftragt. Er übte sein Amt bis 1763 aus.
Auf den Zustrom von Katholiken ins Kernland, insbesondere nach Berlin, hatte der König ebenfalls zu reagieren. Als Friedrich II. im Jahre 1740 die Regierung übernahm, hatte die Einwohnerzahl von Berlin die Grenze von 100.000 überschritten. Gemeinsam mit seinem Architekten Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff hatte er bereits Pläne für die architektonische Umgestaltung der vom Vater Friedrich Wilhelm I. übernommenen schmucklosen Soldatenstadt ausgearbeitet. Er wollte die Straße Unter den Linden zu einer Prachtstraße und zu einem neuen geistig-kulturellen Zentrum – zum Forum Fridericianum - ausbauen. Nach den ersten beiden Schlesischen Kriegen aber mussten König und Architekt der Tatsache Rechnung tragen, dass mittlerweile etwa jeder zehnte Berliner katholischen Glaubens war. Für ihre Seelsorge reichte der „Heuboden als Tempel“ in der Krausenstraße bei weitem nicht mehr aus.
Friedrich sann auf Abhilfe und entwickelte nach römischem Vorbild die kühne Idee eines Pantheons. In diesem Tempel sollten alle Religionen unter einem Dach vereint und Gottesdienste der verschiedenen Konfessionen in eigenen Bereichen zelebriert werden. Sein Toleranzgedanke hätte damit architektonische Gestalt angenommen. Es ist dies nicht der Platz, die möglichen ideellen wie materiellen Vorteile einer solchen Lösung darzulegen. Wie wir aus der Geschichte wissen, hat er die Idee nicht verwirklichen können. Er folgte wohl dem Rat seines hugenottischen Beraters Charles Etienne Jordan.
Aber die Idee eines Gotteshauses in Form eines römischen Tempels in Berlin gab der König nicht auf. Er realisierte sie mit dem Bau einer neuen katholischen Kirche, der ersten in Berlin nach der Reformation von 1517.
Im Edikt vom 22. November 1746 zur Kirche „so die Römisch Catholische Gemeinde zu Berlin erbauen wird“ heißt es unter anderem: „…und erlauben hiermit, dass die Eingangs erwehnten Römisch-Catholischen zu ihrem freyen und ungehinderten Gottes-Dienst Eine Kirche so gross als Sie selber immer haben wollen oder können mit einigen oder mehreren Thürmen, grosse und kleine Glocken ohne einigen Vorbehalt oder Widerreden bauen dürfen.“ Zugleich bevollmächtigte der König den italienischen Pater Eugenio Mecenati, für den Bau der Kirche europaweit zu sammeln. Beide kannten sich von der Tafelrunde Friedrichs II. Als Förderer der neuen katholischen Kirche erwies sich Benedikt XIV. Er wandte sich mit einem entsprechenden Rundschreiben an die katholische Christenheit. Italien, Polen und Portugal reagierten prompt; auch deutsche Diözesen füllten die Sammelbüchsen.
Benedikt XIV. selbst gab 1. 000 Pistolen, das waren Goldmünzen im Wert von etwa 5 Talern je Münze gleich dem preußischen Friedrichsdorf. Eine Pistole wird heute mit etwa 1 350 Euro gehandelt. Als besonders spendabel erwies sich Angelo Maria Kardinal Quirini. Der Bischof von Brescia in der Lombardei pflegte enge Kontakte zu Friedrich dem Großen, der ihn als „un grand'homme qui fait à la fois l'honneur de la purpre et de sa patrie“ bezeichnet und 1748 an die Berliner Akademie der Wissenschaften geholt hatte. Der Venezianer stiftete das prächtige Portal, den marmornen Hochalter und eine spätbarocke Marmorgruppe mit Jesus und Magdalena.
Dazu ein Bericht aus den Berlinische Nachrichten Nr. 71 vom 13. Juni 1754: „Nachdem Se. Emminenz, der Cardinal Quirini, nicht allein dem hiesigen Catholischen Kirchen-Bau schon vom Anfange an sehr beträchtliche Summen zugewendet, und dieser Kirche einen jährlichen Beytrag von tausend Ducaten Lebens lang zugeeignet, sondern auch das prächtige Frontispicium auf Ihre Kosten haben ausbauen lassen; so ist auf dasselbe folgende letztens schon gemeldete von dem hiesigen Gelb Gießer Meister Dehn, verfertigte und aus starck im Feuer vergoldeten Buchstaben bestehende Inschrift zur schuldigen Dankbarkeit gesetzet worden: ‘FEDERICI REGIS CLEMENTIAE MONUMENTUM S. HEDWIGI S A. M. QUIRINUS S.R.E. CARD. SUO AERE PERFECIT’. Das ist: Dieses der Heiligen Hedwig zugeeignete Denckmahl der Mildtätigkeit des Königs Friedrichs hat Angelus Maria Quirinus, der heiligen Römischen Kirche Cardinal, auf Seine Kosten zur Vollkommenheit gebracht.“ Diese würdigende Inschrift ist immer noch in einem Fries über dem Portal der Hedwigs-Kathedrale zu lesen.
Des großen Königs bemerkenswert aktiver Einsatz für das katholische Berlin wurzelte – wie erwähnt – in seinem Toleranzprinzip gegenüber Religionen, das im Europa des 18. Jahrhunderts als „unerhört und fast skandalös" aufgenommen wurde, wie Sebastian Haffner in seinem klugen Buch „Preußen ohne Legende“ schrieb. Selbstredend entsprach sein Hinwenden zu den katholischen Untertanen auch politischem Kalkül. In ihnen erkannte er eine ernstzunehmende politische Größe, die es zu beachten galt: in Bezug auf das päpstliche Rom und auf das habsburgische Wien. Der erste Bau einer katholischen Kirche in Berlin seit mehr als 230 Jahren war ein europäisches Politikum ersten Ranges. Im Inland sollte er die neuen Untertanen stärker an Preußen und Berlin binden. Im Ausland sollte des Königs tolerante Innenpolitik über die Spendenaktion für die katholische Diaspora-Gemeinde bekannt werden. Die Rechnung ging zumindest teilweise auf.
Wie engagiert sich der preußische König für den Bau der katholischen Kirche verwandte, mögen die folgenden Beispiele illustrieren. Friedrich II. favorisierte die Heilige Hedwig als Kirchenpatronin. Sie war Schutzpatronin von Schlesien, zählte zu den Ahnen des preußischen Königshauses und wurde am 26. März 1267 von Papst Clemens IV. heilig gesprochen. Der König bot den Katholiken an, ihr Gotteshaus im Forum Fridericianum und in Nähe des Hohenzollernschlosses zu errichten. Eine erste Adresse in Berlin. Zeitgenössische Nachricht: „Se. Königl. Majestät geruheten, die Zeichnung zu diesem Tempel selbst anzuordnen, selbst zu verbessern und zur würklichen und besten Ausführung tauglich zu machen.“ · Im königlichen Edikt zum Neubau der katholischen Kirche vom 22. November 1746 heißt es: „Zum Zeichen unserer Königlichen Gnade und Wohlwollen, schenken und verleihen wir ihnen ohne Entgeld einen anständigen und erforderlichen Platz, welcher durch Unseren Commissarium und ihre besonders hiezu benannten Abgeordneten ausgesucht werden soll.“ Seine Zustimmung zum Bauplatz – das Gelände der ehemaligen Bastion Wittgenstein – erteilte er erst nach Besichtigung des Ortes. Er war auch beim Abstecken des Areals dabei: „Verwichenen Montag erhoben sich Se. Majestät, der König, auf den zur Erbauung der Catholischen Kirche auf der Dorotheenstadt ohnweit dem Marggräflichen Palais in Vorschlag gebrachten Platz, und nachdem Höchstdieselben Dero allergnädigste Approbation ertheilet hatten; so ward gemeldeter Platz unverzüglich abgestecket.“
Kardinal von Sinzendorf teilte am 19. Dezember 1746 in einem Bericht an Papst Benedikt XIV. mit, dass Friedrich II. für den Bau der katholischen Kirche „einen großen und schönen Platz angewiesen (habe), sehr bequem gelegen und nahe am Kanal, den der Fluss bildet, weshalb die Zufuhr der Baumaterialien sehr leicht sein wird ...“ · Im Schreiben vom 10. Juli 1747, dem Beginn der Bauarbeiten, wies die katholische Gemeinde darauf hin, dass Holz und Kalksteine für das Fundament fehlen. Daraufhin erklärte sich Friedrich II. bereit „zum hiesigen Catholischen Kirchenbau das benöthigte Holz zum Dach und die erforderte Kalk Steine zum Fundament zu schenken“. Der schlesische Zisterzienserabt Turno legte am 13. Juli 1747 in feierlicher Zeremonie den Grundstein. Der Königl. Oberbaudirektor Johann Boumann d. Ä. übernahm die Bauausführung. Ein Extrablatt der Berlinischen Nachrichten mit breiter Berichterstattung über die vom König angeregten großen Feierlichkeiten zur Grundsteinlegung wurde in italienischer Übersetzung an Papst Benedikt XIV. nach Rom übersandt. · Auf kritische Anmerkungen von Rom im Herbst 1747 zu einer auf den Bauzeichnungen erkennbaren „verschwenderischen Pracht“ verteidigte die Baukommission den üppigen Entwurf mit dem Hinweis darauf, dass er vom König stamme und daher eine Veränderung unklug sei. Benedikt XIV. wiederholte die Kritik. Darauf wurde ihm mitgeteilt, dass die geplanten Marmorsäulen durch Backsteinsäulen ersetzt werden. Der Wechsel auf Wunsch des Papstes konnte nur mit Zustimmung des Königs geschehen sein. Friedrich II. verfügte im März 1748 per Kabinettsorder, dass sich das Baudirektorium wöchentlich einmal am Sonnabend zu versammeln habe, um Vorfälle auszuwerten, die Rechnungen zu überprüfen und zu besprechen, wie die Gelder nützlich angewendet werden können. Fürstbischof Philipp Gotthard Graf von Schaffgotsch berichtete im Februar 1749 dem Papst von einer Inspektionsreise nach Berlin, er sei „sehr zufrieden über die in den letzten sechs Monaten gemachte Arbeit. Die Kirche ist bereits 10 bis 12 Ellen über der Erde, und wenn das Geld ausreicht, so kann sie vielleicht künftiges Jahr ihrer Vollendung entgegensehen“. 1750 begann der Spendenfluss für den Kirchenbau zu versiegen. Überlegungen des Königs, die Betreuung der Kirche dem Halberstädter Dominikanerkonvent zu übertragen, blieben ohne praktisches Ergebnis. Eine 1755 ausgeschriebene Lotterie brachte nicht den erwünschten Erfolg. Zudem warf der Siebenjährige Krieg (1756 bis 1763) seine Schatten voraus. Die Kirche blieb viele Jahre unvollendet stehen: als Investruine, wie wir heute sagen.
1766 erneuerte Friedrich der Große sein Edikt, mit dem er seinen Untertanen die ungestörte Ausübung ihrer Religion zusicherte. Die erneuerte Garantie führte zu einer Wiederbelebung der Spendenaktion, vor allem auf Anregung von Papst Clemens XIV. Die Arbeiten konnten fortgesetzt werden. Nachdem der Dominikanerpater Heinrich Elberfeld am 2. Februar 1773 die Pfarr-Rechte erhalten hatte, nahm – auf Wunsch des Königs - Fürstbischof Graf Ignacy Krasicki am 1. November 1773 in dreieinhalbstündiger Zeremonie die Konsekration der St. Hedwigskirche vor. Im Anschluss daran weilte der Fürstbischof von Ermland fast fünf Monate als Gast Friedrichs des Großen in Potsdam-Sanssouci. Der König schätzte den Gedankenaustausch mit dem geistreichen katholischen Bischof und bedeutenden polnischen Schriftsteller. Fast alle seine Werke wurden bereits damals ins Deutsche übersetzt. Seit 1786 gehörte der katholische Fürstbischof der Akademie der Wissenschaften in Berlin an. Sein ausgezeichnetes Verhältnis zum preußischen Hof setzte sich unter Friedrich Wilhelm II. und Friedrich Wilhelm III. fort. Ersterer schlug ihn als Erzbischof von Gnesen vor. Die Wahl erfolgte am 23. April 1795. Papst Pius VI. bestätigte ihn kurz vor dem Christfest des gleichen Jahres. Friedrich Wilhelm III. zeichnete ihn im Mai 1798 mit dem Roten Adlerorden aus. Der aufgeklärte katholische Bischof starb auf einer seiner Reisen am 14. März 1801 in Berlin. Seine letzte Ruhestätte fand er zunächst in der St. Hedwigskirche, bis er 1829 in die Kathedrale von Gnesen überführt wurde.
Ein Wort zur „ewigen Legende“, Friedrich II. habe bei der Planung der Kirche eine Tasse umgestülpt und den verdutzten Anwesenden erklärt: „So soll sie werden“. Hat er nun – oder hat er nicht? Die Anekdote ist so schön, dass man an ihr nicht rumdeuteln sollte. Auch von mir nicht…
So weit etwas ausführlicher die Darstellung des Verhältnisses zwischen Preußen und Katholiken in der Zeit Friedrich des Großen und Benedikt XIV. Sie belegt, dass die Beteiligten bei aller Gegensätzlichkeit ihrer Überzeugungen, die nicht geleugnet, wohl aber toleriert wurden, zum gemeinsamen Handeln fanden. Sicher einten unausgesprochen Papst und König ein Postulat, wie es Friedrich einmal formulierte: Das Volk sei zu schützen, die ihm anvertraute Würde aufrecht zu erhalten, Dienste und Verdienste seien zu belohnen, es müsse eine Art Ausgleich zwischen den Reichen und den Belasteten hergestellt sowie Unglücklichen jeder Art ihr Los erleichtert werden. Übrigens waren der ebenso kraftvolle wie eigensinnige Pontifex maximus (man gönne sich das geistige Vergnügen der Lektüre seines Apostolisches Rundschreibens „Über den Wucher und andere ungerechte Gewinne“) und der Philosoph von Sanssouci über einen Dritten miteinander verbunden: Beide pflegten einen intensiven Gedankenaustausch mit dem französischen Aufklärer Voltaire, der dem Papst sogar sein Drama "Mahumed" ("Mohammed") gewidmet hatte. Gegen erheblichen Widerstand setzte Friedrich durch, dass für Voltaire – er war am 30. Mai 1778 in Frankreich gestorben – in St. Hedwig ein Requiem gehalten wurde, was ihm in seinem Heimatland verwehrt worden war. Es fand genau am zweiten Todestag Voltaires statt. Wer weiß, ob nicht auch Erinnerungen an den geistigen Dreierbund zu Friedrichs außergewöhnlichem Ansinnen geführt haben. Benedikt XIV., dessen weise und maßvolle Politik sowohl katholische als auch protestantische Bischöfe zufrieden stellte, war zu diesem Zeitpunkt bereits zwanzig Jahre tot. Die Stichwörter „Mohammed“ und Voltaire verweisen auf interessante Parallelen zwischen dem italienischen Papst Benedikt XIV. und dem deutschen Papst Benedikt XVI. Beide verbinden u. a. Überlegungen zum Islam und beste Beziehungen zu Geistesgrößen ihrer Zeit. Vor allem aber tiefes Verbundensein mit Gott und den Menschen. Was Papst Benedikt XIV. in seiner Enzyklika "Deus caritas est" vom 25. Dezember 2005 ausführte, gleicht dem und ergänzt das, was Friedrich postuliert ha tte. Der Pontifex maximus führte aus: „Wenn die Berührung mit Gott in meinem Leben ganz fehlt, dann kann ich im anderen immer nur den anderen sehen und kann das göttliche Bild in ihm nicht erkennen. Wenn ich aber die Zuwendung zum Nächsten aus meinem Leben ganz weglasse und nur ‚fromm’ sein möchte, nur meine ‚religiösen Pflichten’ tun, dann verdorrt auch die Gottesbeziehung. Dann ist sie nur noch ‚korrekt’, aber ohne Liebe. Nur meine Bereitschaft, auf den Nächsten zuzugehen, ihm Liebe zu erweisen, macht mich auch fühlsam Gott gegenüber.“
Nebenbei: Keine Parallele gab es bei der Wahl der beiden Benedikte: Verkündete beim heutigen bereits nach vier Wahlgängen weißer Rauch „Habemus papam“, geschah das beim damaligen nach sage und schreibe 254 Wahlgängen. Doch zurück ins Preußische. Nicht mehr streng dem Ablauf der Geschichte folgend, sondern mit einigen Hinweisen auf die Entwicklung des Katholischen im protestantischen Staat. Der Aufstieg Preußens zur europäischen Großmacht und die Wirren der Freiheitskriege am Beginn des 19. Jahrhunderts veranlassten Papst Pius VII. nach langwierigen und komplizierten Verhandlungen zwischen Preußen und der Kurie, die Bistümer im preußischen Machtbereich neu zu ordnen. Er führte seit 1816 Gespräche über eine Regelung der kirchlichen Verhältnisse in Preußen mit dem protestantischen Althistoriker Barthold Georg Niebuhr. Der war nach Wilhelm von Humboldt und Friedrich Wilhelm Basil von Ramdohr der dritte preußische Vatikangesandte. Pius VII. und Kardinalstaatssekretär Consalvi schätzten den preußischen Gelehrten sehr. 1820 lag ein für beide Seiten annehmbares Ergebnis vor. Der im Folgejahr nach Rom gereiste Staatskanzler Fürst Hardenberg verfasste eine Abschlussnote. Darauf entwarf Pius VII. die Bulle "De salute animarum" („Zum Heil der Seelen“). Er unterzeichnete sie am 16. Juli 1821, und wenige Wochen später erhielt sie durch „Königlicher Sanktion“ und Veröffentlichung in der Preußischen Gesetzessammlung staatsgesetzliche Wirkung für Preußen.
Nach der neuen kirchlichen Organisation der Katholiken unterstanden Brandenburg und Pommern nunmehr dem Fürstbischof von Breslau. Propst Ambrosius Taube von Sankt Hedwig wurde als Breslauer Delegat bestimmt. Ihm wurden die Pfarreien Berlin, Potsdam, Spandau und andere zugewiesen. Zu Ende ging mit der Bulle eine gewisse eingeschränkte Religionsausübung. Langsam, aber stetig stieg die Anzahl von Katholiken in Berlin, begünstigt vor allem vom Zuzug von Arbeiterfamilien, aber auch von Wissenschaftler, Politikern und Beamten aus Schlesien: 1821 lebten in der Stadt 7 730 Katholiken, 1849 waren es 20 000, zur Bismarckschen Reichsgründung 1871 betrug die Zahl der Katholiken knapp 52 000 bei insgesamt 826 000 Einwohnern. Der Kirchenbau ging nicht gerade mit Riesenschritten voran. Mehr als acht Jahrzehnte nach der Weihe von Sankt Hedwig im Jahre 1773 wurde die Kapelle des katholischen (Hedwigs) Krankenhauses konsekriert. Es folgten 1860 die Kirche der Ursulinerinnen, 1861 St. Michael, 1868 die Matthiaskirche und 1872 die Piuskapelle. Besonderes Augenmerk richten Katholiken seit jeher auf den caritativen Dienst am Nächsten. So steht das St. Hedwig-Krankenhaus in Berlin-Mitte seit mehr als 160 Jahren treu zu seinem Auftrag, für alle Hilfesuchenden - gleich welcher Weltanschauung - da zu sein. Seit seiner Gründung im Jahre 1846 gehört das heute von der Gesellschaft der Alexianerbrüder betriebene Haus zu den führenden Kliniken Berlins. In seiner wechselvollen Geschichte befand sich das Krankenhaus stets unter kirchlicher Trägerschaft. Sie prägte eine anheimelnde christliche Atmosphäre im Krankenhaus. Zeitweise wirkten hier 80 Barmherzige Schwestern vom Orden des Heiligen Karl Borromäus. Sie wissen sich in ihrer Arbeit getragen und herausgefordert durch Leben und Lehre Jesu Christi, in dessen Tradition sie ihren Dienst an und mit kranken, alten und behinderten Menschen verrichten. Zu einem Markenzeichen des Hauses entwickelte sich das abgestimmte Zusammenwirken von Ärzten, Priestern und Ordensschwestern bei der Behandlung von Krankheiten von Patienten. Begonnen hatte es am 14. September 1846: Fürst Boguslaw Radziwill (1809–1873), Dezernent für Armenpflege im Berliner Magistrat, empfing auf dem Potsdamer Bahnhof vier katholische Ordensschwestern in Begleitung der Generaloberin Ludovine Barre. Sie trugen die schwarze Tracht und Flügelhauben der Barmherzigen Schwestern des Heiligen Karl Borromäus. Seitdem gilt der Tag als Gründungsdatum des St. Hedwig-Krankenhauses, der ersten katholischen stationären Einrichtung in Berlin. Seit seiner Gründung zählt das St. Hedwig-Krankenhaus zu den bedeutendsten Niederlassungen der Borromäerinnen in Deutschland. Der katholische Propst Anton Brinkmann und Fürst Radziwill hatten umsichtig die Entscheidung König Friedrich Wilhelms IV. vom 14. März 1844 vorbereitet, der Berliner katholischen St. Hedwig-Gemeinde ein eigenes Krankenhaus zu gestatten. Dafür wurde in der Nähe des Alexanderplatzes ein Haus gekauft. In der Märzrevolution 1848 nahm es 35 verletzte Kämpfer auf. Oberin Xaveria Rudler erklärte dazu: „Wir pflegen Eure Brüder und Schwestern, wir halten es mit unseren Armen und Kranken.“ Als das Haus in der Kaiserstraße zu eng wurde, sammelte die Gemeinde 60 000 Taler, kaufte fünf Morgen Land und verpflichtete den Kölner Dombaumeister Vincenz Statz (1819–1898) als Architekten für einen komfortablen Neubau. Am 28. August 1854 fand in der Großen Hamburger Straße 10 die feierliche Eröffnung des dreigeschossigen 250-Betten-Hauses aus dunkelroten Klinkersteinen statt. Zum Komplex gehörte die am 11. September 1854 eingeweihte Marien-Kapelle. In der Nachbarschaft des katholischen Krankenhauses befanden sich die evangelische Sophienkirche und das jüdische Altersheim. Bald erhielt die Große Hamburger Straße vom Volksmund den preußischen Ehrennamen „Toleranzstraße“. Die Preußische Verfassung von 1850 brachte den Kirchen religiöse Gleichheit sowie die Freiheit, ihre Angelegenheiten ohne staatlichen Eingriff selbst zu regeln. Zudem wurde die Vereinsfreiheit garantiert. Das hatte auch intensive Folgen für die kirchlichen Strukturen. Durch den Wegfall von rechtlichen Beschränkungen entstanden in den folgenden Jahren u. a. Ordensniederlassungen und ein Netz von sozialen und karitativen Einrichtungen. Im gleichen Jahr – am 3. Juni – hielt Propst Wilhelm Emmanuel Freiherr von Ketteler von St. Hedwig die erste öffentliche Fronleichnamsprozession nach der Reformation in Berlin. Abwechselnd mit anderen Priestern trug der Propst – späterer Bischof von Mainz - die Monstranz von St. Hedwig durch das Brandenburger Tor bis nach Spandau. Protestantische Berliner bezeugten dem Glaubensbekenntnis ihrer katholischen Mitbürger ihre Achtung. Am politischen Himmel Preußens strahlte einerseits die Sonne, andererseits zogen dunkle Gewitterwolken auf. 1871 sah sich der Urpreuße und Reichskanzler Bismarck mit der Reichsgründung endlich am Ziel seiner politisch-vaterländischen Wünsche: Deutschland vereint. Für viele bedeutet dieser Akt zugleich das Ende des eigentlichen Preußens.
Wilhelm I. vergoss vor seiner Krönung zum Kaiser in Versailles bittere Tränen über den Verlust. Dennoch erklärte er, „allzeit Mehrer des Deutschen Reichs zu sein, nicht an kriegerischen Eroberungen, sondern an den Gütern und Gaben des Friedens auf dem Gebiet nationaler Wohlfahrt, Freiheit und Gesittung“.
Die dunklen Wolken bezogen sich auf den anhebenden Konflikt zwischen dem Deutschen Reich und der römisch-katholischen Kirche, den der bedeutende Arzt, begeisterte Politiker und tapfere Barrikadenkämpfer Rudolf Virchow 1873 als Kulturkampf bezeichnet hat. Eine Karikatur aus dem „Kladderadatsch“ mit dem Titel „Bismarck und Papst Pius IX. beim Schach“ zeigte die beiden Hauptkontrahenten der geistigpolitischen Auseinandersetzung. Allerdings eröffnet sich damit ein neues Thema. Es könnte den Titel „Von Katholiken in Deutschland und über Europa“ tragen. Das aber ist – um mit Fontane zu enden – ein weites Feld, das der deutsche Papst Benedikt XVI. klug und angemessen und damit erfolgreich beackert...

Papst Benedikt XVI. in Deutschland

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Pro Gloria et Patria

Gott befohlen

Volker Tschapke

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