Berlin

Gedenktafel an der Jesuskirche Berlin Kaulsdorf erinnert an den mutigen Pfarrer

Über 2.000 Juden vor den Nazis gerettet: Eine neue Gedenktafel an der Hochzeitspforte der Jesuskirche in Berlin-Kaulsdorf, einem Ortsteil des Bezirkes Marzahn Hellersdorf, erinnert an den evangelischen Pfarrer Heinrich Grüber.

Im Januar 2012 war die alte Gedenktafel für den Pfarrer von Kaulsdorf und aktiven Gegner des NS-Regimes, durch Vandalismus stark beschädigt worden. Die Kulturstadträtin des Berliner Bezirkes Marzahn Hellersdorf, Juliane Witt (DIE LINKE), initiierte eine Spendenaktion zur Herstellung einer neuen Tafel, der sich der Heimatverein und die evangelische Kirchengemeinde Kaulsdorf anschlossen. Gemeinsam wurden die erforderlichen Spendenmittel gesammelt.
Das Grußwort der Berliner Senatskanzlei überbrachte der Staatssekretär für kulturelle Angelegenheiten, André Schmitz (SPD). Er würdigte den unerschrockenen Einsatz des Pfarrers, der mehr als 2.000 Juden das Leben gerettet hatte. Ohne die aktive und tatkräftige Unterstützung des evangelischen Seelsorgers wären diese jüdischen Mitbürger von den Nationalsozialisten in Konzentrationslager verbracht worden. Das nur ganz, ganz wenige diesen faschistischen und menschenverachtenden Terror überlebt hätten, gehört zu den grausamen Wahrheiten der dunklen deutschen Vergangenheit in der Zeit von 1933 bis 1945.

Das „Büro Grüber“ hatte seinen Sitz im Kaulsdorfer Pfarrhaus

Pfarrer Heinrich Grüber

Aufgrund der Hilfe des Büros konnten 1.700 bis 2.000 Juden emigrieren: „An uns ist es jetzt, Flagge zu zeigen gegen rechts“. Gemeinsam mit dem Enkelsohn des Pfarrers, Michael Grüber, Vorsitzender der Evangelischen Hilfsstelle für ehemals Rasseverfolgte, sowie dessen zwei Schwestern, enthüllte man die neue Gedenktafel, die an den stillen und bescheidenen Humanisten erinnert.

Heinrich Grüber (1891 bis 1975) war von 1934 bis 1945 Pfarrer in Kaulsdorf. Bekannt geworden ist er durch das Büro seines Namen, das er vor 75 Jahren, im Herbst 1938, im Auftrag der Bekennenden Kirche gründete. Ziel war es, evangelische Christen jüdischer Herkunft vor der Verfolgung zu bewahren und ihnen eine Emigration zu ermöglichen. Das „Büro Grüber“ hatte seinen Sitz zunächst im Kaulsdorfer Pfarrhaus. Im Dezember 1938 zog es wegen der vielen Hilfe suchenden in die Oranienburger Straße 20 in den Bezirk Berlin Mitte um. Insgesamt konnten aufgrund der Hilfe des Büros nachweislich 1.700 bis 2.000 Juden emigrieren. Es gibt sogar Schätzungen, dass die Zahl der geretteten jüdischen Mitbürger auch bei 2.200 liegen könnte. Die exakte Zahl konnte nie ermittelt werden.

Wie dem auch immer sei, jedes einzelne Menschenleben, das unter der Mitwirkung von Heinrich Grüber gerettet werden konnte, zeigt den Mut des evangelischen Pfarrers.  Nach dem Nazipogrom vom 9. November 1938 versteckte Heinrich Grüber zusammen mit anderen Mitgliedern der Bekennenden Kirche mehrere Juden aus Berlin in den um Kaulsdorf befindlichen Laubenkolonien und Siedlungsgebieten. Wegen eines geplanten Protestes gegen eine Internierung von Juden wurde der Widerstandskämpfer Grüber im Dezember 1940 von der Gestapo verhaftet und war bis Juni 1943 in den Konzentrationslagern Sachsenhausen und später in Dachau inhaftiert. Im KZ Dachau wurde er von Wärtern zusammengeschlagen und verlor bei diesem Übergriff alle Zähne. In der Haft erlitt er mehrere Herzinfarkte.

Kurz nach Kriegsende 1945 setzte ihn die UdSSR kurzzeitig als Bürgermeister von Kaulsdorf ein. Im Mai 1945 ernannte ihn der Magistrat von Berlin auf Anweisung der Sowjetunion zum stellvertretenden Leiter des Beirats für Kirchenfragen. Er erhielt einen Passierschein, damit er sich in der Vier-Sektoren-Stadt-Berlin frei bewegen konnte. Heinrich Grüber bekam von der UdSSR nicht nur ein Fahrrad zugeteilt, sondern auch eine spezielle Bescheinigung. In der stand zu lesen, dieses Fahrrad sei ein sowjetisches Dienstfahrrad und es war unter Androhung von strengen Strafen verboten, es durch sowjetische Soldaten konfiszieren zu lassen. Im August 1945 erfolgte die Berufung zum Propst der Berliner Evangelischen Kirche.

Heinrich Grüber gehörte nach Ende des Zweiten Weltkrieges zu den Gründungsmitgliedern der CDU. 1948 sprach ihm die Berliner Humboldt-Universität die Ehrendoktorwürde zu. Im Jahre 1965 wurde ihm die Carl-von Ossietzky-Medaille verliehen.  Ein Jahr später ernannte man den Widerstandskämpfer zum Ehrenpräsidenten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Beim Eichmann-Prozess in Jerusalem 1961 sagte er als einziger Nicht-Jude öffentlich gegen den Angeklagten aus. 1970 wurde Heinrich Grüber Ehrenbürger von Berlin. Seine letzte Ruhestätte fand der Gegner des NS-Regimes 1975 in einem Ehrengrab auf dem Evangelischen Domkirchenfriedhof in der Müllerstraße in Berlin-Wedding.

Die Straße an der Jesuskirche Berlin Kaulsdorf erinnert an den mutigen Pfarrer Grüber

Pfarrer Heinrich Grüber

Die jetzt an der Kaulsdorfer Kirche wirkende Pfarrerin Steffi Jawer betonte in ihrer Rede bei der Einweihung der neuen Gedenktafel: „Ein kostbares Erbe durfte ich hier antreten, darauf bin ich sehr stolz. Es gibt bei uns in Kaulsdorf, bei uns in der Gemeinde, noch Menschen, die die Ehre hatten, Pfarrer Grüber persönlich erleben zu dürfen. Pfarrer Grüber hat uns gelehrt: Gott steht immer höher als der Mensch.“

Staatssekretär Andre Schmitz erklärte, als Christ könne man die Gräueltaten in der Nazizeit sich gar nicht vorstellen. Man müsse die berechtigte Frage aufstellen dürfen: „Haben damals die beiden großen Kirchen nicht versagt?“

Wolfgang Brauer (DIE LINKE) gehört dem Berliner Abgeordnetenhaus an. Zugleich ist er Vorsitzender des Heimatvereins Kaulsdorf. Der Abgeordnete Wolfgang Brauer wies darauf hin, dass man regelmäßig Straftaten aus der widerlichen braunen Ecke heute erleben müsse sowie von diesen Auschwitz-Leugnern volksverhetzende Aufrufe erhalte. Es gelte „wachsam zu sein und diesen braunen Kräften nicht das Feld zu überlassen.“ Er betonte, die Kaulsdorfer seien regelrecht davon ergriffen, einen so heldenhaften Widerstandskämpfer wie Pfarrer Grüber als einen der ihren bezeichnen zu dürfen.

Rainer Rau ist Schatzmeister des „Heimatverein Marzahn-Hellersdorf e.V.“ und betonte gegenüber ReiseTravel zur festlichen Veranstaltung: „Unser Heimatverein ist bei zahlreichen Wochenmärkten und Feiern mit der Sammeldose durch den Ort gezogen. Die Kaulsdorfer waren sehr Spenden freudig. Auch zahlreiche Überweisungen auf unser Konto konnten wir glücklicherweise verzeichnen. Wir haben das Projekt „Neue Gedenktafel für Pfarrer Grüber“ gemeinsam gestemmt. Es macht sehr viel Freude, an diesem historischen Ort wieder eine Gedenktafel zu sehen, für einen mutigen Mann, der mindestens 2.000 jüdische Mitbürger gerettet hat.“

ReiseTravel Fact: Wenn man sagt, vor den Leistungen dieses Philanthropen Heinrich Grüber kann man nur den Hut ziehen, trifft es keineswegs den Kern. Hier hat ein Mensch namens Heinrich Grüber, Pfarrer war seine Berufung, sich gegen den mächtigen und grausamen faschistischen Staat gestellt. Beinahe hätte er diesen Einsatz für ca. 2.000 jüdische Bürger mit seinem Leben bezahlt. Dieser Menschenretter hat geholfen, als andere Menschen Hilfe brauchten, weil es um ihr Leben ging.

Auch das ist traurige deutsche Realität in der Zeit des Nationalsozialismus: Mitläufer gab es Millionen im Deutschen Reich, die gar nicht laut genug „Heil Hitler“ schreien konnten. Widerstandskämpfer wie Pfarrer Heinrich Grüber, die unter Einsatz ihres Lebens Verfolgte und Bedrohte vor den Gaskammern in Auschwitz, Dachau und anderswo retteten, leider nur ganz wenige.

Heinrich Grüber hat nicht nur Courage gezeigt. Er hat das getan, was man als Mensch tun sollte, tun muss, in solchen Lebenssituationen: Er hat sich dem Unrecht entgegengestellt. Hätte es mehrere Widerstandskämpfer seines Schlages gegeben, Hitler und seine Helfer hätten nicht ihr planmäßiges Töten von Menschen in die Tat umsetzen können. Daher wird Heinrich Grüber immer ein Vorbild sein und bleiben, wenn es um die Würde und die Rechte der Menschen geht.

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Volker Taher Neef.  

Volker T. Neef
 

Unser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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