Berlin

Friedrich der Große

Sehr geehrte ReiseTravel User, verehrte Freunde der Preußischen Gesellschaft Berlin-Brandenburg: Ehe ich diesen Brief, oder, besser gesagt, ehe mich dieser Brief fand, hatte ich in meinem Vorbereitungstext notiert, Ihnen sagen zu wollen, dass ich mich äußerst geehrt und zugleich äußerst deplatziert fühle; geehrt, schrieb ich und wollte ich Ihnen sagen, hier in der Preußischen Gesellschaft vor Ihnen stehen und zu Ihnen über Friedrich II. im Rahmen der Feierlichkeiten rund um seinen 300. Geburtstag sprechen zu dürfen; deplatziert, weil ich als Österreicher und Nicht-Historiker wohl die schlechteste Wahl dafür bin, weshalb ich Ihren Mut bewundere und die Ehre besonders intensiv empfinde; Allerdings schrieb ich weiter und wollte ich Ihnen sagen, ehe ich diesen Brief, oder besser gesagt, ehe mich dieser Brief fand, allerdings sei die Wahl vielleicht doch nicht ganz hoffnungslos, denn es sei längst an der Zeit erstens mit der uneinlösbaren Forderung nach strenger geschichtlicher Objektivität, zweitens mit dem Klischee von der Erzfeindschaft Preußen - Österreich aufzuräumen, wiewohl ich dann aber wiederum schrieb und Ihnen sagen wollte, dass ich mich dennoch deplatziert fühlen und genau in dieses Klischee verfallen würde, das ich ja gerade vermeiden wollte, wenn ich Ihnen mit Maria Theresia daherkäme und mich noch dazu als Absolvent eines Wiener Gymnasiums namens „Stiftung Theresianische Akademie“ outete, dass ich Ihnen all das ersparen, aber sagen wolle, all das schrieb ich und wollte ich Ihnen sagen, ehe mir eines Morgens vor etwa einer Woche in meiner kleinen Hausbibliothek, zwischen des Königs „Briefe und Schriften“ und dem literarischen Kaiserinporträt von Friedrich Heer dieser Brief hervorzulachen schien, als würde er sich freuen, mich gefunden zu haben.

Er fand mich und veränderte alles. Auf dem leicht vergilbten Umschlag war, in schön geschwungener Federkielschrift, ein eigenartiger Absender auszumachen: „Maria Theresia, Dort drüben -Jenseits, c/o Hierherüben-Diesseits“, darunter in Klammern: „z. Zt. vorübergehend zurück verzogen.“In selbiger Handschrift, am rechten unteren Rand der Adressat: „An jeden Finder, wo auch immer“.

Ich fühlte mich angesprochen, öffnete den Umschlag und stieß auf einen zweiten kleineren Umschlag. Brief in Brief. Der zweite, kleinere Umschlag enthielt keinerlei Absenderinformation mehr, jedoch eine besonders auffällige Adressatenzeile: „An meinen Gemahl Friedrich von Preußen, Dortdrüben-Jenseits“. Friedrich und Maria Theresia? Gemahl? Friedrich, der Zweite, der Große? Und unsere Maria Theresia? Die verheiratet? Miteinander? Im Dortdrüben-Jenseits? Und was macht sie dann im Hierherüben-Diesseits? In meiner neugierigen Verwunderung, um nicht zu sagen Verblüffung, verletzte ich bedenkenlos das Briefgeheimnis, dessen Geltung in concreto ohnehin durchaus umstritten sein könnte. Ich öffnete also auch diesen kleineren Umschlag und las:

Mein Lieber,

Hierherüben, 24. Januaris anno 2012

Mon cher, „Bonne anniversaire“!°

Wer hätte das gedacht? - Er fehlet ihr. Sie ist einsam. Und er fehlet hier. Hier herüben. Komm er bald oder sie retournieret bald, nach Dortdrüben zurück. Ihr Geschenk an ihn anlässlich seines großen Jubiläums sei dieser Brief, den sie ihm von Hierherüben nach Dortdrüben dedizieret. Er versammelt alles, was sie in den letzten Wochen hier herüben erlebt, erfahren und dadurch erkannt und verstanden hat, alles, was sie ihm zu zeigen und zu berichten imstande ist. Lese er ihn langsam, doucement und magna cum Diligentia, sorgfältig und achtsam, das ist alles, was Maria Theresia Friedrich von Preußen hiermit bitt‘.

Sie will gleich mit der einen großen Einsicht beginnen, die genauso klar wie dicht, genauso alt wie neu ist, und alle Erkenntnis inkludieret. Mit dieser Einsicht beschäftiget sie sich Tag und Nacht. Sie lautet: Unser Herrgott weiß, was er tut und es ist stets das Beste für uns. Der Herrgott und wir, wir sind vereinet in der großen Gewährung.

Lass, lieber Gemahl, uns nicht daran Zeit und Energie verschwenden, darüber nachzudenken und zu disputieren, ob und wer der Herrgott sei. Nenne er Ihn, wie er es tief im Herzen fühlt und es ist gut. Lass er uns nicht über das, was der Herrgott ist – sondern über das, was der Herrgott, tut, reflektieren. Und da meint sie, dass unser Herrgott weiß, was er tut, und dass dies immer zum Besten für uns gereicht. Das hat sie jedenfalls g’lernt in den letzten Wochen, in denen sie, eben um das zu lernen, auch wieder kurzfristig nach hierherüben zurück hat dürfen. Sie hat g’lernt, dass unser Herrgott nicht nur g’wusst hat, was Er von uns verlangen konnt‘, als wir auf dieser Erden noch einander befehdet haben, sondern tant mieux, auch danach, als Er ihn, vous, Friedrich von Preußen, unmittelbar nach seinem Wechsel nach Dortdrüben an ihre Seiten g’stellt hat und g’meint hat, Er, der Hergott würd‘ jetzt ganz contre soi meme, gegen Seine göttlichen Ratschlüss‘ agieren, weil doch in seinen heiligen Bücheln und Schriften expliziter g‘schrieben steht, dass im Himmel nit geheirat wird‘, Er, der Herrgott, uns aber grademal das kommandier‘! Dass wir, besser g’sagt er, vous, mon cher Frédéric, der von den Seinen „der Große“ g’nannt worden is und g’nannt wird, und sie, die die Nachfahren ihrer Untertanen bis heute die „Magna Mater Austriae“ nennen, dass wir beide, ganz in Abweichung von regula und praxi einander in excelsis das Matrimonium spondieren, vulgo: heiraten tun, welches „Dortdrüben“ evidement nur ein geistiges Heiraten sein hat können. Erinnert sich mon cher noch an die exhortatio divina, an die göttliche Mahnung? „Ihr müsst lernen, worin ihr gesäumet – und die Ehe ist die beste Lehrmeisterin. Ihr habt aneinander gesäumet, an euch selbst, am Menschen und an mir. Erst wenn Ihr all dies gelernet, verspüret und bereuet habt, sei euch der Umzug gewährt von Dortdrüben nach Ganzoben.“

Und wir? Sie, diese Törin, hat erst itzt, nach mehr als 200 Jahren geistiger Ehe verstanden, wie sehr sie hat gesäumet! An ihr selbst, an ihm, an unseren geliebten Völkern, am Herrgott. Erst itzt. Die Zeit mit ihm auf Erden war grässlich, die mehr als 200 Jahre danach, dortdrüben ihm geistig angetraut, waren wenigstens wie Waffenstillstand, dennoch sind wir einander auch in dieser Zeit fremdgeblieben. Wir haben den Herrgott zwei Mal enttäuscht, der aber hat sich nochmal derbarmt. Auf der Erden waren wir Gegner, sicherlich; später, dortdrüben hätten wir lernen sollen ein Paar zu sein. Das, mon cher Fréderic, haben wir auch dortdrüben nicht geschafft. Sie war und ist darob noch jetzt völlig desolée. So ist sie beim Herrgott vorstellig word’n und Er hat ihr gewähret und gar geordert, wieder nach Hierherüben zu gehen, zumindest für kurze Zeit. Die Justifikation dafür gab Er ihr als ihren Auftrag mit: „Damit du Vermissen und Mitleid lernst; endlich lernst, wie sehr er, Friedrich, und du, Maria Theresia, aufeinander angewiesen seid und wie sehr die Menschen auf Euch angewiesen sind.“

Mon cher mari, sie hofft es nun endlich gelernt zu haben. Wir waren nach unserem Abgang und Wechsel nach Dortdrüben zuerst verärgert, nicht direkt nach Ganz oben befördert worden zu sein, sondern einander das erste Mal begegnen zu müssen. Dann waren wir, wie auf Erden, viel zu sehr mit uns selbst, mit unserem guten Ruf, unserer Aura und unseren Eitelkeiten ocupiret und im ständigen Wettstreit unserer Äußerlichkeiten anstatt wirklich aufeinander und auf die Menschen, ihr Leid und Wesen zu schauen. Wie konnte es uns da entgehen, lieber Friedrich, dass wir beide zusammen die ganze vielfältige Fragwürdigkeit der conditio humana widerspiegeln und zugleich die ganze vielfältige Antwortkapazität menschlicher Kreativität in uns liegt? Wie konnten wir vor lauter Eitelkeiten und scheinbaren Bedeutungen unserer Personae die wahre Bedeutung, die in uns gelegt wurde übersehen, die wir nur gemeinsam erlangen. Die Gleichzeitigkeit unserer Verschiedenheit, die wie eine humane Typologie die Vielzahl möglicher Lebensmodi veranschaulicht und repräsentiert, hätten wir verstehen müssen. Nicht Maria Theresia war wichtig, nicht Friedrich war wichtig – o ja, mag sein, wir waren wichtig, doch wir bleiben wichtig nur als Paar. Sie braucht ihn, um sie selbst zu sein, und sie weiß, dass er sie braucht, um er selbst zu sein. Und die Welt braucht sie beide, um sich in ihrer Fülle zu verstehen. Wir kommen getrennt nicht voran. Nichts geht mehr ohne die große Gewährung.

Weiß er, wer er ist? Sie ahnt erst jetzt, wer sie ist. Jetzt, wenn sie ihn zulässt. Jetzt, wenn sie ihn gewähren lässt, in ihr und mit ihr. Warum wir uns bisher nicht so richtig gesehen haben, liegt wohl darin, dass wir vorwiegend auf uns und unsere Länder geblickt haben und unsere eigenen Wege zu gehen getrachtet haben, anstatt einen gemeinsamen Weg zu suchen. Unsere Wege aber sind so verschieden und ähnlich in einem, dass sie als stellvertretend für alle Wege gelten können. Wir, Nachbarn gleicher Zunge und dennoch so unterschiedlicher Diktion, sind stur und mit Scheuklappe unsere eigenen Wege gegangen, und die uns nachfolgten, folgten entweder seinem oder ihrem Weg. Und sie muss ehrlich zugeben: Sein Weg wurde öfter und konsequenter begangen.

Wegweisend hätten wir sein können, doch wir wollten nicht den Weg weisen, sondern jeder von uns wollte Weg sein. Wie sieht nun sein Weg im Vergleich, respektive im Unterschied zu ihrem aus? Die Menschen nach unserer Zeit, das hat sie hierherüben wieder konstatieret, haben versucht einen theresianischen und einen friederizianischen Weg zu definieren. Sie ist nun gänzlich überzeugt, dass dies doch ein bisserl zu simpel ist; schon allein deshalb, weil beiden Wegen zu einem guten Teil dieselben Eigenschaften, Tugenden und Überzeugungen zugeordnet werden: Dienstgesinnung, Opferbereitschaft, Gemeinsinn, Beharrlichkeit, Werte- und Ordnungsbewusstsein, Korrektheit usw. Nicht in diesen Haltungen, Tugenden, Einstellungen und Überzeugungen unterscheiden wir uns, sondern in der Art sie zu verwirklichen, zu leben, die aber, mon cher, auf einem grundverschiedenen Zugang zur Welt beruht. Die Interpretation ist verschieden und die réalisation, weil die mentalité verschieden ist, nicht aber die Sache, die Absicht und die Erkenntnis. Die Österreicher etwa sind nicht weniger arbeitsam als die Preußen, nur arbeiten sie anders und messen der Arbeit eine andere Bedeutung bei. Der Unterschied zwischen uns ist einerseits fundamental und daher in allem, was nicht Fundament ist, gar nicht so groß. Da zwar nicht alles Fundament ist, aber das Fundament alles trägt, könnt er andererseits größer kaum gedacht werden. Itzt fragt er gewiss sofort, worin denn der Unterschied bestehe? Nun, sie neiget immer mehr der Auffassung zu: darin, dass er ein Mann und sie eine Frau ist. Er hat Preußen jahrzehntelang regieret, sie Österreich, so wurde Preußen eher „männlich“ und Österreich eher „weiblich“. Versteh er sie nicht falsch: Männer haben Weibliches in sich und wir Weiber haben Männliches in uns. Dieses muss beachtet und realisiert werden, aber beachtet und realisiert jeweils durch das, was wir sind: das jeweils andere Geschlecht. Sonst werden Männer weibisch und die Weiber männisch. Das Weib braucht das innere Korrektiv seiner männlichen, der Mann braucht das innere Korrektiv seiner femininen Seiten. Wenn sie dabei etwa an ihn denkt, dann denkt sie immer wieder an seine Feinfühligkeit gegenüber den Künsten, seine Neigung zur Schöngeisterei, seine Zärtlichkeit im Umgang mit manchem Freund, seine Liebe zu den Tieren, sein Feuer für die Philosophie. Hätte sie dies nur früher mehr berücksichtigt in ihrem Betragen ihm gegenüber, sie hätten sich einiges erspart. Gerade weil jeder Mensch sowohl männlich und weiblich gleichzeitig als auch entweder Mann oder Frau ist, müssen beide Modi in jedem gelungenen Werk, in jeder gelungenen Handlung, sei es in der Politik, sei es in der Kunst, sei es in der Ökonomie vorkommen. In der gelungenen Aktion gibt es keine reine Dominanz, sondern nur eine vermengte, ein Mischverhältnis, ein Überwiegen und ein Gewähren, doch kein Unterdrücken, ein Vor- doch kein Beherrschen.

Worin aber, wird er fragen, bestehe denn nun inhaltlich der Unterschied zwischen dem Weiblichen und dem Männlichen? Sie ist viel zu unbelesen und einfältig, um da jetzt einen Tractatum verfassen zu können. Sie will sich vielmehr auf ein paar Stichwörter stützen. Sie nennt ihm einfach einige Wortpaare, die nicht Widersprüche, sondern Polaritäten, Ergänzungsgegensätze sind: Materia-Forma, Intuition-Spekulation, Heiraten-Erobern, Familie-Arbeit, Bewahren-Erweitern, Vertrauen-Kontrolle, Sexualität-Sex, Sublimation-Prävention, Spiel-Kampf, Geduld-Kraft, Schwäche – Fehler und noch so viele andere mehr.

Wir beide, mon cher, und da ist sie sich sicher, haben die Notwendigkeit und die Vorzüge dieser Wahrheit von der gegenseitigen Gewährung des Männlichen und Weiblichen damals auf der Erden verkannt. Wir hätten uns mehr aufeinander und auf unsere Eigentümlichkeiten und Eigenarten, weniger auf unser Eigentum und unser Ego konzentrieren sollen, nein müssen. Diese Unterlassung machte uns unsicher. Nicht unseren Besitzstand sichern, sondern einen sicheren Stand besitzen, nicht die äußere Einheit herstellen, sondern die innere Einigung anstreben, das hätten unsere Devisen sein sollen. „Tu felix Austria, nube!“, hätt sie doch noch frecher diesem Grundsatz vertraut! Mit dem Verve seiner präventiven Eroberungszüge, mit dem Impetus seiner machtbewussten Entschlossenheit.

Jetzt spüret sie, welch große Zukunft sie beide hätten gemeinsam aufbauen können! So kam es anders, denn wir sind getrennte Wege gegangen. Und sein Weg, votre chemin, mon cher, der friederizianische Weg des Mannes, des einsamen Pioniers, des Eroberers, des kunstsinnigen, Fried‘ suchenden , aber machtverpflichteten, pflichtlastigen und daher kriegsbereiten Staatsmannes war der neuere, der griffigere, der sichtbarere, der dynamischere, der schlagkräftigere – mithin der anziehendere Weg. Der Vater aller Dinge – auch des Krieges schien verlockender und sicherer als die große Mutter – auch die der Schwachen. Er hat sich durchgesetzt, zumeist zwar ihren weiblichen Weg duldend, jedoch immer auch verniedlichend, verharmlosend, belächelnd. Nichtsdestotrotz erwies sich diese Wahl auch als selbstschädigend, denn es fehlte ihr das Korrektiv der Ergänzung durch den weiblichen Weg, also wurde alles bald recht einseitig. Die Einigung und Stärkung Preußens wurde zum Vorbild der Einigung der Deutschen überhaupt, das Nationale wurde von der ethnischen Einheitlichkeit her verstanden; Bündnispolitik mit Nibelungentreue verdrängte die vielvölkerstaatliche Option. Stärke wurde nicht mehr aus sich selbst, sondern nur aus Effekten begriffen, zu deren Synonyma sie schließlich sich verengte: erst zum Synonym für Erfolg, dann für Leistung überhaupt, schließlich gar für Wahrheit; Pflicht erhob sich über die Schönheit zur eigentlichen Maxime des Handelns, Durchhalten statt Überleben zur tautologischen Durchhalteparole, die Lebens- und Wirkungsbereiche Politik – Gesellschaft – Wirtschaft – Wissenschaft – Kunst wurden scharf voneinander getrennt und dadurch leichter manipulierbar. Diese Unausgeglichenheit breitete sich von Europa durch Raum und Zeit aus, er wird sich kaum vorstellen können, wie sich das Leben in diese seine im Grunde gute, doch ergänzungsbedürftige Richtung entwickelt und verwickelt hat. Viel Gutes wucherte über sich hinaus. Die Welt wurde zur Erde. Die Arbeit zur Technik. Alles wurde eins und zugleich einsam. Heute, 300 Jahre nach seiner Geburt, gibt es in Europa kein Königshaus mit politisch-staatsrechtlicher Bedeutung mehr, Sklaverei und Leibeigenschaft sind aboliert, aus den Kolonien der Briten, Franzosen und Spanier sind eigene Staatsgebilde, darunter eine Weltmacht geworden, die Menschheit fliegt, wie Leonardo es vorausahnte und woran Ikarus in mythischer Vorzeit scheiterte, in Stahlkörper, sogenannte Flugzeuge gepfercht durch die Luft, in kleineren Stahlkörpern, sogenannten Automobilen, oder einer Kette miteinander zusammenhängender mittelgroßer Stahlkörper, genannt Eisenbahn, rast sie mit zigfacher Geschwindigkeit über die Lande; und vor rechteckigen, bunt durcheinander leuchtenden Täfelchen, die sie Bildschirm nennt, sitzt sie zumindest den halben Tag, angeblich um Wissen zu erwerben, zu plaudern, zu spielen oder sich einfach zu beschäftigen oder sich für das zu rüsten, was sie während des anderen halben Tages durch gigantisch angewachsene Städte hetzen und hetzen lassen wird: den

Giersturm nach Geld. Viele aber sitzen verlassen und ohne Mittel auf der Straße oder suhlen sich in Langeweile, ohne Freunde, Familie, Nachbarn zugrunde. Es wäre nicht die Menschheit, würde sie nicht auch aggressiven Gebrauch machen von ihren Stahlkörpererfindungen, aus der Luft etwa werfen die Stahlkörper Sprengkörper von unendlicher Wirkung ab, die Menschheit verfügt über ein Waffenarsenal, mit dem sie sich hundertfach auslöschen könnte. Europa war denn auch zwei Mal bereits knapp vor einem solchen Ende, ihr Land, Österreich, hat es politisch bereits hinter sich, sein Preußen hat zumindest seine Führungsrolle für Deutschland vorerst verloren, und beide sind jetzt Bestandteil einer Gemeinschaft, die sich vorgenommen hat, nie wieder so nah an den Abgrund zu geraten, sondern den Frieden über alles zu stellen. Dieser ist permanent gefährdet durch Fanatiker aller Art, religiös motivierter besonders, aber genauso durch die Masse der Gelangweilten und Hoffnungslosen.

Den Frieden über alles zu stellen, mon cher mari, hätten wir das nicht auch tun sollen? Auch sie trifft da Schuld, confiteor. Dafür bedarf es allerdings der großen Gewährung. Über diese möchte sie ihm am End‘ zusammenfassend noch schreiben. Sie wäre die Lösung, denn sie wäre die einzige Attitude, aus der heraus Lösungen geschürft werden können.

In dieser Männerwelt hat das Weibliche in den letzten fünfzig Jahren zwar durchaus an Ansehen und auch Einfluss wiedergewonnen, allein, ihr liegt gar nicht daran, die Dominanz des Männlichen durch eine Dominanz des Weiblichen zu ersetzen oder das eine nur als Hülle für das andere zu sehen. Sie wiederholet es gern: Nicht Maria Theresia heißt die Lösung, nicht Friedrich von Preußen, sondern Maria Theresia und Friedrich von Preußen, der Große. Wir müssen einander gewähren und gewähren lassen und uns auf diese Weise zusammen auf die große Gewährung –den Frieden –bereiten. Die kleinen Friedensschlüsse durch Gewährung des Männlichen im Weiblichen und umgekehrt in uns zuerst und dann zwischen uns sind die einzigen Anfänge des großen Friedens, der nur auf der Basis unserer großen kleinen Gewährungen gewährt werden kann. Unsere großen kleinen Gewährungen aber sind nichts anderes als Akte der Toleranz, Ausdruck von Duldung. Sie obliegen uns und münden in die größere kleine Gewährung der Ehrfurcht, entwickeln sich zu Akten der Akzeptanz. Akte der Toleranz und der Akzeptanz sind Akte der Vernunft, der Freiheit des Willens und des Willens zur Freiheit. Die größte, die göttliche Gewährung jedoch ist ein Drittes, Ausdruck von Gnade und Akt der Liebe sowie der Freiheit vom Willen, vernünftig, doch nicht vernunftgeboren, jeder Konsequenz entzogen, selbst jedoch ungemein konsequent; wir können die göttliche Gewährung nicht erzwingen, nur bereiten, indem wir uns und uns füreinander bereiten. Wir bereiten uns und uns füreinander durch vertrauensvolle Arbeit an uns selbst und für einander, die alles wegzuräumen versucht, was Gewährung hindert; unsere kleine Gewährung im Vorfeld der großen, der göttlichen Gewährung. Das ist die weiblich-männliche Weise erfüllten, gelungenen Lebens. Er, mon cher, hat in seinem irdischen Dasein oft ein gutes Beispiel der Gewährung gegeben, er hat viel von dieser Wesensart, er ist ein Talent der Freiheit, nie hat er etwa die Leute zu einer bestimmten Glaubenskonfession gezwungen, den Katholiken ist es gut ergangen, v.a. den Jeusiten, die er unbehelligt ließ in seinem Preußen, während sie in den katholischen Gefilden doch verboten waren. Und auch ihr hat er viel gewähret: Respekt und gar Lob, weder Verleumdung noch Gemurmel hat er gefördert gegen sie, die Gegnerin, die Briten würden‘ s „fair play“ benennen. An seinem

300er dankt sie ihm daher und bitt‘ ihn um den nächsten Schritt: lass uns beieinander sein und miteinander für die Liebe offen sein, denn es ist seine und ihre einzige Chance weiter zu wirken zum Wohle unserer Erde und unserer selbst.

Erinnert er sich an Wolfgang Amadé Mozart, den Kompositeur? Mozart hat sie besucht, als er noch das überall herumgereichte Wunderkind war, Mozart hat fast als ein Buzerl noch mit ihr und ihren paar Fratzerln g‘spielt, ja und 25 Jahre später, als sie schon dortdrüben war, hatte hoffentlich auch er mit Mozart einen entspannten vergnüglichen Abend. Dieser Mozart schrieb nach unserem Tode ein ganz himmlisches Duett, dessen Text und Musik zusammen das unvergleichlich besser ausdrücken, was sie die ganze Zeit jetzt auf Papier und den Punkt bringen wollte. Eine CD, sollte er das Duettino noch nicht kennen, ist attachiert (was eine CD ist, das wird er dann sehen und staunen!“). Dieses Duett aus Mozarts „Zauberflöte“ ist die Antwort der Liebe auf Mozarts Frage nach der Liebe. Es ist ein Duett über die Liebe in all ihren Arten und Stufen: von den süßen Trieben bis zu den geistigen Wonnen der Unio mystica. Eklatant verschiedene Menschen – die edle Königstochter Pamina, der junkerhafte Instinktbolzen Papageno – stimmen darin überein, dass die Liebe alles und ohne die Liebe nichts ist. Nach der zweiten Strophe schreibt Mozart eine geniale Koda. In ihr zieht er Resümee, Resümee seines Lebens und Schaffens: „Mann und Weib“ – beide Geschlechter in der Liebe – „reichen an die Gottheit an“, so der Text. Doch Mozart präzisiert noch, indem er variiert und repetiert, um jegliche Reihung, Vorrangstellung und Ungleichwertigkeit auszuschließe: „Mann und Weib und Weib und Mann“ – sie reichen an die Gottheit an durch ihre kleinen Gewährungen in sich und sich selbst gegenüber und durch ihre großen Gewährungen gegenüber dem Mitmenschen. Die Gottheit zu erreichen, zu erfassen und in ihr zu bleiben, wird jedoch stets der großen göttlichen Gewährung vorbehalten sein.

Wir sehen einander heute noch, nicht wahr? Komm er doch nach hierherüben, damit auch er sehe, fühle und lerne und mit ihr dann als Paar zurück wieder ziehe und hintrete vor den Herrgott.! Von Herzen Dein Reserl“.

Ich faltete den Brief, steckte ihn in mein Jackett und begann in Halbtrance meine Morgenroutine, spulte diese in Halbtrance ab, verließ in Halbtrance mein Haus, winkte in Halbtrance ein Taxi herbei, ließ mich in Halbtrance auf dessen Hintersitz fallen, beantwortete aus meiner Halbtrance die Frage nach dem Zielort und erhielt zur Bestätigung ein ausgeschlafenes jauchzendes „Ah, österreichische Botschaft. Ja wie steht es denn bei Ihnen mit der Euro-Krise…?. Der sichtlich und hörbar erfreute Taxifahrer ergoss sich in einen Schwall europapolitischer Reflexionen und Ratschläge, von denen ich in meiner Halbtrance nur das Ende mitbekam: „Ja, wir müssen alle noch viel an uns arbeiten!“ Da war es mit meiner Halbtrance vorbei. Ich bestätigte seinen Schlusssatz ein wenig altklug und akademikerdünkelhaft mit „Ja, da gebe ich Ihnen völlig recht“, zahlte, verabschiedete mich, stieg aus, bedeutete dem Portier der Botschaft, er möge bitte öffnen und dachte, während das Tor surrend aufging: Die Resl und der alte Fritz sind immer noch mit uns. Darob glücklich stieg ich in den Aufzug, erinnerte mich während der Fahrt in den 3. Stock an den Brief, kramte ihn während des kurzen Ganges in mein Bürozimmer aus dem Jackett hervor, rief, da deutlich verspätet, laut Morjen und zur Sicherheit bereits auch Mahlzeit in die Büros, setzte mich während der antwortenden Morjens und Mahlzeits an meinen Computer und wollte unter Verwendung des Briefes zu schreiben beginnen, richtete meinen Blick auf den vergilbten Zettel in meiner Hand und – o Gott – sie enthüllte eine Taxirechnung. Verwirrt und mangels alternativer Selbsthilfekapazitäten versuchte ich grundlos zu lesen, was auf dem Papier geschrieben stand, und konnte irgendwie keine Ziffern entziffern, hingegen den eigenartigen Satz: „Er ist in Deinem Herzen. F.v.P., Taxiunternehmen.“ Ich räusperte, richtete mir Stuhl und Tastatur zurecht, begann mich und mein Herz auszuschreiben und in ernüchterter Volltrance zu tippen: „Ehe ich diesen Brief, oder, besser gesagt, ehe mich dieser Brief fand …“

Sehr geehrte ReiseTravel User, vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Mag. Wilhelm Pfeistlinger

 

Preußische Gesellschaft Berlin-Brandenburg e.V. c/o Hilton Berlin

Mohrenstrasse 30, D-10117 Berlin, Telefon: 030 – 2023 2015, www.preussen.org

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