Hamideh Mohagheghi

Frauen im Iran

Verschleiert, unterdrückt, von Bildung ausgegrenzt? „Ganz und gar nicht“, meint Hamideh Mohagheghi. In ihrem Herkunftsland gäbe es viele selbstbewusste Frauen, die Naturwissenschaften studierten, selbstverständlich das Internet nutzten, ihren Lebenspartner frei wählten und sich sogar scheiden ließen. Die Juristin ist Vorsitzende der Muslimischen Akademie in Deutschland, lebt seit mehr als 30 Jahren in der Bundesrepublik, trägt selbst ein Kopftuch und setzt sich für einen offenen, interreligiösen Dialog ein. Im Interview mit Hamideh Mohagheghi erfahren Sie Spannendes über das moderne Leben im Iran und die dortige Situation der Frauen: „Die ist viel besser als man aus westlicher Sicht vermuten würde“, so Mohagheghi.   

ReiseTravel: Frau Mohagheghi, Sie tragen ein Kopftuch. Welche Bedeutung hat das Kopftuch für Sie?   

Hamideh Mohagheghi: Für mich persönlich bedeutet das Kopftuch eine traditionelle Verbundenheit mit meiner Kultur, mit der Familie in der ich aufgewachsen bin und in der ich mich geborgen und wohl fühle. Während der Pubertät habe ich mich dagegen aufgelehnt und es zeitweise abgelegt. Auch als ich nach Deutschland kam, habe ich es teilweise abgelegt. Aber innerlich spüre ich eine tiefe Verbundenheit zum Kopftuch. Es gehört einfach zu mir, zu meiner Person, zu meiner Identität und zu meiner Kleidung. Ich messe dem Kopftuch jetzt nicht eine besondere religiöse Bedeutung zu, aber kulturell und traditionell hat es für mich persönlich eine große Bedeutung. 

ReiseTravel: Werden Sie manchmal auf das Kopftuch angesprochen? 

Hamideh Mohagheghi: Ja, ständig. Ich bin als Theologin viel unterwegs zu Vorträgen und wenn ich dann meine sehr moderate und offene Vorstellung vom Islam und von der is­la­mi­schen Theologie darstelle, dann kommt erst recht die Frage: Wenn sie schon so offen sind, wie kommt es dann, dass sie sich immer noch unterdrücken lassen? Die Vorstellung, dass ich mich unterdrücken lasse, hält sich hartnäckig in den Köpfen der Menschen. Es ist über­haupt kein Verständnis dafür da, dass eine Frau aus eigener Überzeugung – ganz gleich ob religiös, traditionell oder von innen heraus – sagt: Diese ist meine Kleidung. 

ReiseTravel: Welchem Islam begegnen Reisende im Iran? 

Hamideh Mohagheghi: Im Iran begegnet man nicht einer bestimmten Form des Islam, sondern unterschiedlichen islamischen Lebensformen. Einerseits gibt es liberale, offene, säkulare Menschen, die nichts von täglichen Ritualen halten und andererseits religiös konservative Menschen, die wohl akribisch alle Rituale einhalten, sich aber gegen den offiziellen politischen Islam wenden. Aber auch der offizielle politische Islam findet unter den Konservativen viele Unterstützer.  

ReiseTravel: Die iranische Soziologin Prof. Jaleh Shadi Talab hat in einem Vortrag gesagt, dass die Situation der Frauen im Iran besser sei, als man aus westlicher Sicht vermuten würde. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu? 

Hamideh Mohagheghi: Ja. Man sieht im Iran nur verhüllte Frauen. Und verhüllte Frauen können nach westlicher Vorstellung nur unterdrückte Frauen sein, die nicht zur Schule gehen – wie in Afghanistan in den letzten Jah­ren. Sie haben weder eine Ausbildung noch haben sie studiert, sind abhängig vom Vater solange sie im Elternhaus leben und später vom Mann. Mit der Verhüllung ver­bindet man diese Vorstellung von Frauen und ist dann überrascht, dass gerade in naturwissenschaftlichen Bereichen wie Physik, Chemie und Mathe­matik eine so hohe Anzahl von Frauen berufstätig ist. Man glaubt nicht, dass verhüllte Frauen in solchen Bereichen leidenschaftlich studieren und arbeiten können. Aber auch auf dem Land ist die Situation der Frauen besser als man vermuten könnte. Insbesondere bewundere ich das Selbstbewusstsein der Landfrauen. Sie erledigen die meiste Feldarbeit und dazu die religiöse Erziehung der Kinder wie überhaupt deren Erziehung. Sie setzen sich sehr dafür ein, dass ihre Kinder eine gute Bildung bekommen und es ist offensichtlich, dass die Frauen durch dieses Engagement viel mehr zu sagen haben. Ich beobachte dann die Männer dieser Frauen, die ganz ruhig in einer Ecke sitzen und Tee trinken, während ihre Frauen alles entscheiden. Und die Frauen sagen ganz deutlich, wenn ihnen etwas nicht gefällt. Manchmal auch laut und in einer Art und Weise und in einem Ton, bei dem ich mir denke: Der arme Mann! 

ReiseTravel: Wir im Westen sehen nicht hinter den Schleier? 

Hamideh Mohagheghi: Nein. Dabei haben im Iran mehr Frauen als Männer ein Studium absolviert. Ja. Und das ist ein Verdienst der Revolution. Ich bin nicht mit allem ein­ver­standen, aber das ist wirklich ein Verdienst der Revolution. In der Schah-Zeit galt die Gesellschaft als dekadent. Viele Familien erlaubten ihren Töchtern nicht, in die Schule oder auf die Universität zu gehen, weil Männer und Frauen zusammen in einem Raum saßen. Nach der Revolution wurden Männer und Frauen räumlich getrennt. Nun gingen selbst Mädchen aus Familien, die tief religiös sind, zur Schule oder haben ein Studium begonnen. In der Schah-Zeit hat man vergessen, dass die iranische Gesellschaft sehr religiös ist. Die westliche Lebensweise unter dem Schah hat die Gesellschaft zurückgeworfen. Hier im Westen erklärt man das immer umgekehrt. Man sagt, die Revolution habe die Frauen unterdrückt und deswegen sei die Teilnahme der Frauen an der Gesellschaft so gering geblieben. Das stimmt aber nicht. Die Verwestlichung des Iran unter dem Schah geschah gegen den Willen der Menschen. Die Öffnung zum Westen hin ist gut, aber das Volk muss sie mitmachen. Ohne den Willen des Volkes geht das nicht.  

ReiseTravel: Inwiefern eröffnet ein Studium auch den Landfrauen neue Möglichkeiten?  

Hamideh Mohagheghi: Meine Schwester hat ein Ferienhaus in einem kleinen Bergdorf, etwa 100 Kilometer außerhalb von Teheran. Wenn ich dort mit den Menschen spreche, etwa mit einem alten Mann, der nie aus dem Dorf herauskam, dann höre ich, dass er so stolz darauf ist, dass seine Enkelin jetzt in Teheran studiert. Obwohl er wahr­schein­lich gar nicht weiß, wo Teheran liegt. Aber er sagt, das seien junge Menschen, die eine Chance bekommen sollen, etwas anderes kennen zulernen, um ein besseres Leben zu haben als er selbst. Er müsse mit seinen 80 Jahren noch die Tiere versorgen und arbeiten. Als ich ihn das sagen hörte, dachte ich: Meine Güte, da ist in den Köpfen der Menschen einiges passiert! Vor 13 oder 14 Jahren hätte ein Mann das nicht ge­sagt. Er hätte gar nicht gewusst, wohin die Tochter oder die Enkelin hätte gehen können. Und das zeigt, dass sehr viel Umdenken stattgefunden hat.  

ReiseTravel: Etwa 60 Prozent der Studierenden an den iranischen Universitäten sind Frauen. Was heißt das für deren berufliche und private Zukunft? 

Hamideh Mohagheghi: Es gibt viele Frauen die später heiraten oder gar nicht, weil sie Karriere machen wollen oder das familiäre Leben einfach lästig finden.  

ReiseTravel: Die Geburtenrate sinkt also mehr oder weniger? 

Hamideh Mohagheghi: Dafür hat der Staat nach der Revolution gesorgt. Während des Krieges mit dem Irak war vieles rationiert. Wir bekamen damals Coupons für Grundlebensmittel. Pro Kopf und Monat wurde beispielsweise 1 Kilo Zucker zugeteilt. Wer mehr als zwei Kinder hatte, bekam zeitweise keine zusätzlichen Coupons. Das war eine der Maßnahmen um zu zeigen, dass zwei Kinder genug sind. Und daran haben sich viele gehalten. 

ReiseTravel: Statt Kinder zu haben, arbeiten viele Frauen lieber weiter in ihrem Beruf?  

Hamideh Mohagheghi: Genau.  

ReiseTravel: Was für einen Zukunft haben denn die Kinder hier?  

Hamideh Mohagheghi: Wer möchte, dass die Kinder wirklich etwas werden, muss unheimlich viel Geld investieren. Die staatlichen Schulen kann man vergessen, dort müssen 40 bis 50 Kinder in einer Klasse lernen. Die Lehrer sind überfordert. Man sucht sich dann natürlich Privatschulen und von Anfang an Privatkindergärten. Viele legen auch großen Wert darauf, dass ihre Kinder schon im Kindergarten Englisch lernen und bringen sie zum Privatunterricht um Fremdsprachen zu lernen. Das alles kostet viel Geld und wenn man mehr als zwei Kinder hat, kann man sich das einfach nicht mehr leisten. 

ReiseTravel: Shadi Talab sagte bei ihrem oben genannten Vortrag:  "Meine Generation musste noch alles akzeptieren. Heute sind die Frauen dazu nicht mehr bereit." Wie drückt sich diese Haltung im täglichen Leben aus?

Hamideh Mohagheghi: In Großstädten ist die Scheidungsrate sehr hoch, zumindest für iranische Verhältnisse. Die Frauen sagen heute: Wenn mir das Leben so nicht mehr gefällt oder der Mann sich unmöglich benimmt, muss ich nicht bei ihm bleiben. Ich lasse mich scheiden. 

ReiseTravel: Ist  das für die Frauen so einfach? 

Hamideh Mohagheghi: Natürlich ist es nicht immer einfach. Wenn man als Frau zum Richter kommt und sagt: Mein Mann schlägt mich, ich möchte mich scheiden lassen, kann es gut sein, dass der Richter meint: Warum regst du dich auf, auch ich schlage meine Frau. Mit solchen Traditionen muss man rechnen. Aber wenn diese energischen Frauen wirklich die Scheidung wollen, dann machen sie dem Richter das Leben zur Hölle, damit sie bekommen was sie wollen – meistens zumindest. Da gab es einen Fall in einer mir bekannten, tief religiösen Familie. Nach außen war diese Ehe immer wunderbar – schöne Reisen, großes Haus, alles schien wunderbar. Die Frau hat fast 20 Jahre lang nicht gesagt, was in ihr während dieser Zeit wirklich vorging. Und auf einmal sagte sie: Ich kann kein Leben mehr leben, das ich nicht will. Sie hat ihren Mann, der sie auch misshandelt hat, verlassen und die Scheidung durchgesetzt. Nach der Scheidung hat sie eine Wohnung angemietet und lebt jetzt seit einigen Jahren dort. Sie besucht und versorgt ihre Kinder, die weiterhin beim Vater leben. Tagsüber geht sie zu ihnen und macht alles für sie und am Abend, wenn ihr geschiedener Mann nach Hause kommt, geht sie in ihre Wohnung. Und das in einer Familie, die gesellschaftlich hoch angesehen ist und bei der ich das nie für möglich gehalten hätte. Der konservativ religiöse Vater der Frau steht zur Entscheidung seiner Tochter.  

ReiseTravel: Mehr als die Hälfte der ca. 70 Millionen Einwohner Irans sind noch keine 30 Jahre alt. Viele junge Iranerinnen sind bemüht, ihr Leben an west­lichen Vorgaben auszurichten. Was bedeutet das für das traditionelle Rollenverständnis? 

Hamideh Mohagheghi: Dass die junge Generation eben nicht mehr alles akzeptiert, was die Eltern sagen, gerade wenn es um die Partnerwahl geht. Sie haben ihre eigenen Vor­stel­lung­en von einem Partner, den sie selber kennen lernen und dann heiraten wollen. Da setzen sie sich gegenüber ihren Eltern durch. Eine Individualisierung findet statt, allerdings nicht so stark wie hier in Deutschland. Die Familie hat immer noch einen hohen Stellenwert. Aber man achtet auch auf eigene Interessen und sagt, wie man leben will.  

ReiseTravel: Der Iran im Wandel – auch und gerade durch Bildung? 

Hamideh Mohagheghi: Bildung ist sicherlich ein ganz großer Faktor. Auch einfache Frauen, Analphabetinnen, sagen: Ich kämpfe dafür, dass meine Tochter zur Schule gehen kann. Wenn der Vater das nicht will, schicken sie die Tochter eben heimlich zur Schule. Da ist etwas in Bewegung. Neben der Bildung werden das innere Bedürfnis und die Sehnsucht nach Freiheiten immer stärker. Man kommt in Kontakt mit anderen Leuten, man hört etwas anderes, man weiß, dass die Welt draußen anders ist als die eigene Welt in diesen vier Wänden. Nur so kann auch die Gesellschaft sich ändern und es sind sehr viele Ansätze da, die mich zur Annahme bewegen, dass die iranische Gesellschaft in 20 bis 30 Jahren nicht mehr die gleiche ist.

Das ist sie jetzt schon nicht mehr. Ich lebe nun seit 33 Jahren in Deutsch­land und bin zwar jedes Jahr im Iran, aber wenn ich dann mal ein paar Wochen länger dort bleibe und etwas mehr in die Gesellschaft eintauche, dann sehe ich, wie enorm viel sich bereits verändert hat. Nach der Revolution wurde jedes Dorf im Iran mit Strom versorgt. Später gab es Fernsehen und nun auch Internet – wenn es funktioniert. Das sind Entwicklungen, die man hier im Westen nicht beachtet. Es wurde in den letzten 30 Jahren viel geleistet in der iranischen Gesellschaft – trotz aller politischen Schwierigkeiten mit denen man zu kämpfen hatte. 

ReiseTravel: Vielen Dank für das Gespräch.  

Hamideh Mohagheghi, die engagierte Wissenschaftlerin, die an der Universität Paderborn einen Lehrauftrag hat, konnte Biblische Reisen für die Leitung einer Studien- und Begegnungsreise für Frauen gewinnen. „Freiheit hinter dem Schleier“ heißt die elftägige Tour durch den Iran, die Ende Oktober startet. Von der Hauptstadt Teheran geht es über Qom, dem theologischen Zentrum der iranische Schiiten, bis nach Isfahan, Shiraz und Persepolis. Die Teilnehmerinnen durchqueren dabei 7000 Jahre Kulturgeschichte und erfahren Wissenswertes über das moderne und das traditionelle Leben des einstigen Persiens. Sie kommen außerdem mit ganz unterschiedlichen Frauen ins Gespräch – wie etwa mit islamischen Theologinnen, christlichen Armenierinnen, Studentinnen, Teppichknüpferinnen und Ärztinnen. Hamideh Mohagheghi lädt ihre Reisegruppe zu einer Exkursion in einen vielschichtigen Iran ein, wie ihn die Medien selten zeigen. Und zu Entdeckungen hinter dem Schleier.

Biblische Reisen GmbH - Silberburgstrasse 121, D-70176 Stuttgart, Tel. 0711/61925-0, Fax 0711/61925-811, info@biblische-reisen.dewww.biblische-reisen.de

Ein Beitrag für ReiseTravel von Marion Sippel

 

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