Leer

Den 21. Mai haben die Vereinten Nationen zum „Tag des Tees“ erklärt. Für die Ostfriesen ist das kalter Kaffee: Mit „Kluntje“ und „Wulkje“

Nu ist Teetied: Nicht Bier, nicht Wein. Auch kein Kaffee. „Lieber Tee - die Forderung der Französischen Revolution hat uns sofort überzeugt“, kalauert Johann Eilers. Es ist 16 Uhr. „Teetied“ (Teezeit). In einer Teestube in Leer gießt der Ostfriese aus einer bauchigen vorgewärmten Porzellankanne das Nationalgetränk der Küstenbewohner in eine filigrane Tasse und lässt den weißen “Kluntje“ (Kandiszucker) knistern. Jetzt mit kreisenden Bewegungen etwas Sahne auf den Teespiegel geben. Immer gegen den Uhrzeigersinn - das soll für einen Moment die Zeit anhalten. Aber nicht umrühren! Erst sinkt die Sahne nach unten, dann steigen wie von Zauberhand plötzlich schwungvoll „Wulkje“ (Wölkchen) im kupferrot-braunen Schwarztee auf.

Tag des Tees Ostfriesland

Ostfriesische Gemütlichkeit in einer Teestube in Marienhafen

Dass die Vereinten Nationen den 21. Mai zum Internationalen Tag des Tees gekürt haben, ist für den 48-Jährigen mit der schwarzen Seemannsmütze kalter Kaffee und kein Grund zum Anstoßen. „Hoch die Tassen“ beherzigen die Ostfriesen nämlich seit mehr als 400 Jahren. „Teezeit ist hier 365 Tage im Jahr. Mehrmals täglich“, versichert Johann.

Nun gibt es Dutzende Teesorten und -kreationen, denen eine gesundheitliche Wirkung und Energie, ja sogar Glücksgefühle nachgesagt werden. Die Fantasie der Industrie für Wortschöpfungen scheint unerschöpflich. Zwischen Leer und Norderney ist das Trinken der Komposition „echter Ostfriesentee“ freilich mehr als eine flüssige Modevariante aus der Kanne oder der naive Glaube an ein Werbeversprechen. Die bis zu vier Mal tägliche Trinkpause ist ein Brauch, der Genuss und Geselligkeit mit festen Ritualen folgt und wegen seiner identitätsstiftenden Funktion 2016 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt wurde.

Johann Eilers lässt den kantigen Kandis zum zweiten Mal in der Tasse knistern. Als Beigabe empfiehlt die Kellnerin einen Butterkuchen, ein sahniges Stück Ostfriesentorte oder einen gedeckten Apfelkuchen. „Nee“, meint der Kenner mit den hellwachen grünen Augen und streicht sich durch seinen roten Fünf-Tage-Bart: „Bi uns to Hus han we immer Rosinenkuchen mit Budder!“ Die Bedienung lächelt verständnisvoll: Jo, geiht ook.“ Dann verschwindet sie hinter einer mit verführerischen Süßigkeiten bestückten rustikalen Kuchentheke.

Die Kuchenwahl ist Geschmackssache, die Wahl der Teesorte für jeden Ostfriesen aber fast schon eine Weltanschauung. Die „echte ostfriesische Mischung“ wird in Ostfriesland nämlich von nur vier Firmen hergestellt. Bünting in Leer, Onno Behrends in Norden, Thiele in Emden und Uwe Rolf in Aurich. Tee ist also nicht gleich Tee. Und nur in Ostfriesland gemischter Tee ist „echter Ostfriesentee“ und namensrechtlich geschützt. Unterschiedliche ganz spezielle Mischungen aus feinstem Assam Tee, Darjeeling-, Ceylon und Javasorten vereinen sich zu einem mehr oder minder herb-aromatischen kräftigen Geschmack. So wie sich Fußballfans zwischen Dortmund und Schalke oder Karlsruhe und Stuttgart nicht immer grün sind, soll es gelegentlich auch in Familien Krach wegen der bevorzugten Teesorte geben. Nee, dat is keen Seemannsgarn“, bekräftigt der Teetrinker.

Tag des Tees Ostfriesland

Mühlen mit Aussicht sind gern gewählte Plätze für Teestuben. In Greetsiel befindet sich in der roten Zwillingsmühle eine Teestube mit Terrasse und Blick auf den Kanal          

Mit der Teekultur werde manchmal sogar die favorisierte Geschmacksvariante von Generation zu Generation weiter gegeben.

Wieder plätschert das Heißgetränk in die mit roten Blümchen verzierte dünnwandige Tasse. Während Teesieb und Kluntjezange zum Einsatz kommen, lässt Eilers den silbernen Löffel abermals links liegen. Der liege nämlich nicht zum Umrühren auf der Untertasse, sondern sei vielmehr eine Art „Stoppschild“. Jenseits von Teestuben und Restaurants sei es zum Beispiel bei privaten Einladungen üblich, den Löffel erst einmal zu ignorieren. Später stellt man ihn in die Tasse und signalisiert damit: Danke genug, bitte keinen Tee mehr! Dieser Wink sollte aber frühestens erst nach der dritten Tasse zum Einsatz kommen.

„Dree is Oostfresenrecht“ lautet eine Order. Das heißt, mindestens zwei Tassen werden nachgeschenkt. Alles andere wäre unhöflich. Gut. Aber warum nicht umrühren? Einerseits um die Geschmackfolge wahrzunehmen. Erst die cremige Sahne, dann der herbe Tee und schließlich der süße Bodensatz, klärt Johann auf. Aber eigentlich käme die Zurückhaltung aus einer Zeit, als Kandis teuer war und für mehrere Tassen reichen musste.

Johann zieht sich die Mütze tiefer ins Gesicht und fingert aus seiner dunkelblauen Pullovertasche das Handy heraus. „Kiek do“, zeigt er auf ein Foto, auf dem ein frühgotisches  Backsteingebäude zu sehen ist. Ein Rathaus? „Jo, früher“, antwortet Johann und korrigiert: „In Nordens Teemuseum erfahrt Ihr die ganze Geschichte über unseren Tee.“ Dann verabschiedet er sich zu seinem Arbeitsplatz im nahen Leeraner Hafen. Den nächsten Pott wird er spät nach Feierabend aufs Stövchen stellen. Daheim auf der Terrasse. Selbst ein „Koppke Tee“ am Abend raubt dem Ostfriesen keinesfalls den Schlaf.

Auf dem Weg zum Bahnhof begegnet den Tee-Scouts in der Fußgängerzone „Teelke mit der Tasse Tee“. Die Skulptur als Symbol für die typische ostfriesische Teekultur ist das am meisten geknipste Fotomodell in Leer. Das „Teewiefke“  (Teeweib) erinnert zudem an die Nachkriegsjahre als der Kohlebergbau boomte. Plötzlich versammelten sich seltene Gäste an Ostfrieslands Bahnstrecken. Für die harte Arbeit Untertage bekamen Kumpels im Ruhrpott Extrarationen Tee. Die teeverwöhnten Briten meinte den Männern Gutes zu tun. Die aber fanden keinen Geschmack an dem Gebräu. Also machten sich deren Frauen nach Norden auf, wo die Blätter auf dem Schwarzmarkt ein begehrtes Luxusgut waren und tauschten Tee gegen Butter, Mehl oder Speck.

Nach rund 50 Minuten Fahrzeit öffnet sich in dem fast 770 Jahre alten Norden der größte Markplatz der Küstenregion. Hinter der mächtigen Ludgerikirche mit dem freistehenden Glockenturm befindet sich am Kreisverkehr das Ostfriesische Teemuseum.

Tag des Tees Ostfriesland

Die Kunst des richtigen Teetrinkens lernen Besucher im Ostfriesischen Teemuseum Norden

In der originalgetreuen Küchenstube wartet eine Besuchergruppe auf eine Teezerenomie. Die Teestunde sei für Ostfriesen wie „Wellness“, erfahren die Gäste von Gerta Endelmann und dass im Durchschnitt jeder Ostfriese pro Jahr rund 300 Liter Tee trinkt. Ganz Deutschland komme gerade mal auf einen Pro-Kopf-Verbrauch von 29 Litern. Auch Libyer (287 Liter), Türken (277 Liter) und schon gar nicht Engländer (210 Liter) können den weltmeisterlichen Friesen das kalkarme Wasser reichen.

Als auch der letzte Teilnehmer Handy und Kamera beiseite legt und zur Tasse greift, macht die Zeremonienmeisterin Appetit auf einen Museumrundgang auf den Spuren der Kulturpflanze. Niederländer hätten aus ihren Kolonien in Asien das grüne Gewächs mit an die Nordseeküste gebracht. Um 1700 goss man noch Chinatee ein.  Die ostfriesische Mischung setzte sich erst um die Wende zum 20. Jahrhundert durch. „Alles über die Teewirtschaft, den Fernhandel durch brache Steppen und über die Weltmeere hört Ihr  später auf einem Rundgang“, konzentriert sich die Friesin wieder ganz auf das Prozedere der „Teetied“. Wie hatte Johann Eilers gesagt: „Tee is wat heel  Besünneres.“                                                              

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Informationen & Auskünfte https://www.ostfriesland.travel/

Behaglich friesische Teestuben gibt es zum Beispiel in Norden (Westgaster Mühle, Greetsiel (Zwillingsmühle), Leer (Teestube am Hafen) und Marienhafe (Störtebeker´s Teestube). Ostfriesisches Teemuseum Norden: www.teemuseum.de Bünting Teemuseum Leer: www.buenting-teemuseum.de

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke.

Manfred LaedtkeUnser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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