Karlsruhe

Wer eine Auszeit in der Natur genießen möchte, kann im Schwarzwald die Sense schwingen: Messerscharf

Messerscharf zischt die Sense durch das hohe Gras und schneidet schnell eine deutlich sichtbare Schneise in die steile Wiesenfläche. Mit einem strahlenden Lachen im Gesicht demonstriert Renate Steinberger-Künstel im Murgtal eine schon fast vergessene Landschaftspflege, die heute aufgrund ihrer ökologischen Vorteile und dem Verzicht auf Motorenlärm immer mehr Menschen begeistert.

Als ausgebildeter Schwarzwald-Guide liegen Steinberger-Künstel die Wiesen ihrer Heimat in den engen Schwarzwaldtälern am Herzen. „Einst zierten artenreiche Grünflächen die steilen Hänge und heute erobern sich Brombeerhecken und schnell wucherndes Adlerfarn die Kulturflächen zurück, die unsere Vorfahren in mühevoller Arbeit geschaffen haben“, erklärt die Frau, die auf einer winzigen Fläche deutlich macht, wie präzise, schnell und geräuschlos Gras mit einer Sense geschnitten werden kann.

Messerscharf

Bereits im 19. Jahrhundert gehörten Wald und Wiesen zu den einst traditionellen Weidegründen für die Viehwirtschaft im Schwarzwald. Mit Einschlag der Holländerstämme und dem Schwund der Eichen blieben für die Bevölkerung lediglich die Wiesen als Nahrungsgrundlage, um auch in den strengen Wintern das Vieh zu versorgen und zu füttern. „Da kam es auf jeden Grashalm an“, berichtet Steinberger-Künstel, die im Murgtal aufgewachsen ist und die Arbeiten der Großeltern kennt, die in aller Frühe mit der Sense loszogen, um das feuchte Gras zu schneiden, zu Mittag zu wenden und tags darauf als duftendes Heu in einer der vielen Hütten am Hang für den Winter einzulagern. „Heute macht das keiner mehr, weil weder Ziege, Kuh, noch Schwein in den Haushalten gehalten werden“, sagt Steinberger-Künstel und in ihrer Stimme schwingt ein Hauch Wehmut mit.

“Die Wiesen verwildern und verändern damit nicht nur unsere Kulturlandschaft, sondern verdrängen auch die Lebensgrundlage für Insekten, Blumen und Wildkräuter.“ Als Schwarzwald Guide erklärt sie die Zusammenhänge rund um den Mikrokosmos in der Natur. Knapp 90 Prozent aller Pflanzenarten sind abhängig von der Bestäubung und daher ist Steinberger-Künstel ebenfalls darauf bedacht, auf das global massive Insektensterben aufmerksam zu machen.

„Nur wer den Nutzen der geflügelten Tiere kennt, wird sich darum bemühen, deren Lebensraum zu bewahren“, so der Tenor der Frau, die nicht nur aktiv im Familienunternehmen eines Bauunternehmers und Mutter von drei Kindern „ihren Mann steht“, sondern sich darüber hinaus für artenreiche Wiesen einsetzt.

2011 hat sie in Österreich die Ausbildung zur Sensenlehrerin gemacht und wurde 2019 zur zweiten Vorsitzenden des Deutschen Sensenvereins gewählt. Zu den Kernaufgaben des Sensenvereins zählen ökologische Aspekte. Bienen und andere Insekten, aber auch viele Kräuter profitieren davon, wenn Wiesen erst nach der Blüte gemäht werden. Weil das Gras aber dann zu hoch ist, um mit motorengestützten Maschinen zu schneiden, wird es von Hobbygärtnern und Hausbesitzern stets klein gehalten und wie in einem englischen Park sehr kurz geschnitten. „Dadurch verliert die Wiese heimische Blumen und Pflanzen, die Artenvielfalt sinkt und damit die Nahrungsgrundlage von Insekten, was wiederum unsere zwitschernde Vogelwelt zu spüren bekommt.“

Mit ihrer Ausbildung zum Sensenlehrer will die Schwarzwälderin ihr Wissen weitergeben. Dabei geht es nicht nur darum die bäuerliche Handwerkskunst aufrecht zu erhalten, sondern zukunftsweisend ohne Sprit und Strom die Tierwelt durch die Arbeit mit der Sense zu schonen. Steinberger-Künstel lacht: „Durch die Sense sterben keine Insekten. Die Sense ist ein ergonomisch perfektes Schneidewerkzeug, mit dem um Bäume herum und an Steilhängen, schneller und besser gemäht werden kann als mit herkömmlichen Rasenmähern.“   Sie liebt die Sensentechnik, die schonend den ganzen Körper an der frischen Luft in Bewegung hält. „Ohne Lärm- und Abgasemissionen ist ein Sensentag in der Natur für mich Entspannung pur. Die Arbeit ist sinnvoll und ersetzt unter sportlichen Aspekten betrachtet einen Besuch im Fitness Studio.“

Messerscharf www.sensenverein.de - Telefon 0160-6631454. restein192@t-online.de 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Sabine Zoller.

Sabine Zoller by ReiseTravel.euSabine Zoller lebt im Schwarzwald. Als freie Journalistin schreibt sie für verschiedene online Portale, Magazine und Tageszeitungen. Kultur,  Handwerk und Brauchtum fasziniert Sie ebenso wie gute Küche und Natur. Ihre Berichte beschäftigen sich mit historisch attraktiven Themen, landschaftlich reizvollen Regionen und lukullisch attraktiven Stationen und machen Lust auf Reisen.

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