Krakau

Erinnerungen an eine Vergangenheit mit positiven Blick in die Zukunft

Memories: 1943 treffen sich zwei junge Leute in Krakau, ein junger deutscher Soldat, der eine Fleckfieber Krankheit auskuriert und eine junge Krankenschwester. Obwohl der Krieg sie auf verschiedenen Seiten stehen lässt, verstehen sie sich als Menschen. 70 Jahre später besucht der Sohn des jungen Soldaten die Stadt an der Wechsel und lernt dabei eine Frau kennen, die die Tochter eben der jungen Krankenschwester sein könnte.

Es war kalt an diesem Dezembertag im Jahr 1943. Der Zug ratterte durch die dunklen Ebenen im Osten Polens, der Wind trieb die Schneeflocken vor sich her. Im Wagen lagen junge Männer. Weiss schimmerten die Verbände im Licht der einzigen kleinen Lampe. Die meisten lagen still auf ihrer Trage, nur manchmal, bei einem unerwarteten Stoß, stöhnten einige dumpf auf. Der Zug hatte neue Soldaten an die Front in Russland gebracht und nahm auf seinem Rückweg schwer verwundete Soldaten mit zurück. Im letzten Wagen des Zuges lagen elf Männer ohne Verbände, es war der Quarantänewagen – sie waren an Fleckfieber erkrankt. Der Zug ratterte durch die Vororte einer Stadt, überquerte den Fluss, hielt an. Krakow-Plaszow steht auf den Schildern am Bahnsteig. Der letzte Wagen wurde abgekoppelt und der Zug fuhr weiter, verschwand in der Nacht. Die elf Männer kamen in ein besonderes Lazarett, um das Fleckfieber auszukurieren. Einer der Männer war mein Vater

Er war schon immer gerne zu Fuß unterwegs, und als seine Krankheit langsam heilte, unternahm mein Vater lange Spaziergänge. Entlang der Weichsel, in die Stadt hinein und rund um das Krankenhaus, das in einer ehemaligen Schule untergebracht war. Auf seinen Spaziergängen traf er oft Krankenschwestern aus seinem Krankenhaus, die ihn die letzten Wochen gepflegt hatten. Auch an diesem Tag, an dem er die breite Ausfallstraße nach Süden entlang wanderte, begegnete er einer der Schwestern, es war eine junge, blonde Frau, die Maria hieß. Sonst grüßten die Schwestern nur, doch heute blieb sie stehen und sprach ihn in ihrem gebrochenen Deutsch an. „Geh nicht weiter, dort, da ist das Lager“. Das Lager, das Konzentrationslager von Plaszow. Er ging nicht weiter, bei weiteren Spaziergängen hatte mein Vater nun eine Begleiterin.
Krakauer Begegnungen

Krakau
70 Jahre später bin ich auch unterwegs in Krakau, in der Altstadt, auf dem Wawel. Ich erlebe eine Stadt mit jungen Menschen und alten Bauwerken. Dann habe ich eine Verabredung mit Maria Kladowska, einer Kollegin, die mir Kazimierz, den alten jüdischen Stadtteil Krakaus, zeigen will. Wir wandern durch die alten Gassen, besuchen Synagogen und alte Friedhöfe. Schließlich wandern wir über die Weichselbrücke ins ehemalige jüdische Ghetto. Das Verwaltungsgebäude, die alte Apotheke zum Adler, in der als einziger Nichtjude im Ghetto der Apotheker Tadeusz Pankiewicz wohnte und den Bewohnern half. Und zum Bohaterow Getta Platz, auf dem 50 leere Stühle an die gewaltsame Schließung des Ghettos und den Transport der Juden in das Konzentrationslager Plaszow erinnern, das nur wenige Kilometer entfernt war. Vorbei an der ehemaligen Fabrik von Oskar Schindler gehen wir weiter in Richtung des ehemaligen Konzentrationslagers, das heute mehr ein Park als eine Gedenkstätte ist. Auf einer Bank am Rande des Parks machen wir eine Rast, die Sonne wärmt angenehm. Ich erzähle die Geschichte, die mir mein Vater immer wieder erzählte, als er in Krakau gesund wurde. Und auch Maria erzählt, von ihrer Mutter, die Krankenschwester gewesen ist und dabei geholfen hat, deutsche Soldaten zu versorgen. War sie die Bekanntschaft meines Vaters? Treffen sich nun, 70 Jahre später, die Kinder zweier Menschen, die einen Weltkrieg erlebt haben, in der gleichen Stadt wieder? Möglich wäre es, sicher waren wir uns nicht und doch verband uns nun etwas.

Buchtipp: ReiseTravel empfiehlt zur Einstimmung auf Krakau:

Krakauer Burg: Der Wawel-Hügel in Krakau mit dem königlichen Schloss und der Kathedrale galt den Polen seit jeher als geschichtsträchtiges nationales Symbol. Hier wurden 30 polnische Könige gekrönt und fanden ihre letzte Ruhestätte. Krakau war lange Zeit politisches und intellektuelles Zentrum des Landes.

Krakau 

Mit der Schaffung des Generalgouvernements nach der deutschen Besetzung Polens zu Beginn des II. Weltkrieges und der Einsetzung des NS-Juristen Hans Frank als Generalgouverneur sollte diese stolze Geschichte ein Ende finden. Seine Ankunft in Krakau wurde zu einer pompösen Inszenierung, wie sie für den prunksüchtigen und selbstgefälligen Frank typisch wurden, was ihm bald den Spitznamen „König von Polen“ eintrug. Sein Machtsitz sollte „eine Insel der Kultur und der feinen Bildung“ werden „inmitten der slawischen Barbarenwelt“. Dafür gab er Unsummen aus und sorgte auch dafür, dass seine privaten Konten gut gefüllt waren. „Im Westen liegt Frankreich, im Osten wird Frank reich“, so ein geflügeltes Wort, das damals im Umlauf war.

Dieter Schenk hat die Krakauer Geschichte 1939 bis 1945 und insbesondere das Wirken Hans Franks als Generalgouverneur akribisch aufgearbeitet. In ihm sieht er Grausamkeit, Zynismus und Menschenverachtung vereint, obwohl Frank ein Intellektueller war. Er plünderte das ihm anvertraute Gebiet nicht nur aus wie eine Kolonie, er schuf auch willkürlich einen rechtlichen Rahmen für die Vernichtung „politisch verdächtiger“ Personen. Allein 1942 ließ der „Schlächter von Polen“ 17.386 „Banditen“ hinrichten, dar­unter viele Angehörige der polnischen Intelligenz. Ein von Frank gegründetes Institut für deutsche Ostarbeit sollte die Symbolik Krakaus als Hort des Polentums auslöschen. In den Polen sah er „Todfeinde des deutschen Volkes, die ihr Existenzrecht verwirkt haben“. Reichsdeutsche, Volksdeutsche, Ukrainer, Polen, Juden - nach dieser Hierarchie organisierte er seinen Machtbereich und war maßgeblich an der Vorbereitung des Holocaust beteiligt. Am 4. Mai 1945 wurde Frank verhaftet und am 6. Oktober 1946 in Nürnberg gehängt.

Der Autor Dieter Schenk schildert eindrücklich, wie die Krakauer Burg zum Kristallisationspunkt der NS-Verbrechen im Generalgouvernement wurde. Die Geschichte des Wawel vor und nach dem II. Weltkrieg werden in eigenen Kapiteln behandelt. 

ReiseTravel Fact: Ein gutes Buch zur Erinnerung und Aufarbeitung der Geschichte.  

Krakauer Burg - Die Machtzentrale des General­gouverneurs Hans Frank 1939-1945, von Dieter Schenk, ISBN 978-3-86153-575-1, Ch. Links Verlag, Schönhauser Allee 36, Kultur Brauerei, D-10435 Berlin, www.christoph-links-verlag.de

Das Buch kostet im Buchhandel 29,90 Euro.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Gottfried Pattermann.

Unser Autor ist als Journalist und Redakteur in Bayern tätig.

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