Chiva

Handgefertigte Streichinstrumente, von der Balalaika über das Cello bis zur Harfe, werden in manueller Handarbeit hergestellt: Geigenbauer in der Oasenstadt Chiva!

Beruf Geigenbauer: Die im Nordwesten Usbekistans gelegene Oasenstadt Chiva mit ihren rund 56.000 Einwohnern wurde 1990 in das UNESCO-Welterbe aufgenommen. Da die Stadt auf dem Verbindungsweg von Indien nach Europa lag kam ihr eine große strategische Bedeutung zu. Nicht nur Soldaten und Händler nutzten die Seidenstraße, auch Künstler taten das. Unter diesen Künstlern befanden sich zahlreiche Musiker aus allen Regionen, die ihre Instrumente mitführten. So kam es, dass tragbare Musikinstrumente wie Geigen in allen Variationen und ebenso Gitarren in Chiva zu sehen und hören waren.

An diese Tradition knüpft der im Jahre 1976 geborene Diplom Musikpädagoge Sapaev Musaffar an. Er beendete im Jahre 2000 erfolgreich sein Studium und widmete sich der Musikausbildung von Kindern und Jugendlichen. Schon damals fertigte er privat für gute Freunde in Handarbeit Streichinstrumente an. Seine Geigen, Violinen, Cellos, Bratschen, Lauten, Mandolinen, Banjos, Balalaikas, Ukulelen, Cembalos, Ouds und Zithern beeindruckten die Freunde so sehr, dass er bald für die Ausübung des studierten Berufes kaum noch Zeit hatte. Im Jahre 2008 machte er sich als Musikinstrumentenmacher in der Altstadt von Chiva selbstständig.

Sapaev Musaffar Geigenbauer in Chiva

Sapaev Musaffar Geigenbauer in Chiva by ReiseTravel.eu

„Das Anfertigen von Saiteninstrumenten war damals ein Hobby. Im Grunde habe ich mein Hobby zu meinem Beruf gemacht“, teilte Sapaev Musaffar mit. Von Vorteil ist für den Einzelunternehmer, er beherrscht jedes Instrument auch, dass er anfertigt. Zum Beweis spielte er einwandfrei auf der Balalaika das russische Lied „Kalinka“ und orientalische Weisen auf der aus Persien stammenden Kurzhalslaute Oud. „Einige Instrumente produziere ich und stelle sie in meinem Betrieb aus, auf Vorrat für die Kundschaft sozusagen. Es ist aber auch möglich, spezielle Wünsche zu äußern.“ Selbst Orchesterharfen, die oft eine Höhe von bis zu 190 Zentimeter aufweisen und auf ein Gewicht von rund 40 Kilogramm kommen, kann der Maestro in liebevoller Handarbeit anfertigen. „Allerdings brauche ich für eine Harfe eine Arbeitszeit von zwei Monaten.“

Der Musikinstrumentenbauer ist nicht nur Handwerker, er ist auch Kaufmann: „Der Kunde macht eine kleine Anzahlung am Anfang. Dann weiß ich, er ist interessiert. Schon nach einer Woche kann er in meine Werkstatt vorbeikommen, er sieht die Fortschritte und eine weitere Zahlung ist fällig". So setzt sich das Spiel innerhalb der zwei Monate fort. Natürlich ist die Zahl der von ihm hergestellten Harfen noch sehr überschaubar und liegen bis heute im einstelligen Bereich.

Da Chiwa auch einmal Bestandteil der ehemaligen Sowjetunion war, steht die aus Russland stammende Balalaika hoch im Kurs. „Hier sind es nicht nur Neuanfertigungen, die bestellt werden. Oft muss ich bei den Balalaikas etwas reparieren".

Dabei steht dann gar nicht so sehr im Vordergrund, mit der reparierten Balalaika wieder musizieren zu können, sondern dieses Instrument soll einfach nur funktionstüchtig sein. Hintergrund ist, die sehr auf Tradition bedachten Usbeken wissen, auf dieser Balalaika hatte einst der schon lange verstorbene Großvater gespielt. Also hat dieses Musikinstrument in der Wohnung einen Ehrenplatz. Kommt dann einmal weit gereister Besuch und die Balalaika wird in die Hand genommen, muss sie auch einwandfreie Töne von sich geben. Immerhin hat Opa beziehungsweise Onkelchen Timur einst darauf gespielt und dann hält man diese Balalaika nicht „in Schuss?“ Undenkbar für die auch auf Familientradition bedachten Usbeken. „Natürlich bringen auch Reparaturen Geld in die Kasse. Selbstredend sind ausschließlich von mir angefertigte neue Instrumente mir lieber.“

Der Meister aus Chiva teilte uns auch noch zum Abschied mit: „Jedes Musikinstrument hat eine eigene Seele. Jede Geige, jede Bratsche, jedes Cello, jedes Musikinstrument muss mit Liebe hergestellt werden vom Instrumentenbauer. Dann muss das Musikinstrument mit Liebe gespielt werden vom Musiker. So kommt der unverwechselbare Klang aus dem Instrument heraus.“ Das Geschäft und die Werkstatt von Sapaev Musaffar befindet sich in der Altstadt von Chiva, in „Itschan-Kala“, direkt gegenüber der Moschee.

ReiseTravel Fact: Man kann diesem Handwerker stundenlang zuschauen beim Anfertigen seiner Musikinstrumente, so faszinierend ist bei ihm in Chiva die Produktion. Macht der Maestro einmal eine kleine Pause, greift er zu einer Gitarre oder Zither oder Bratsche und spielt einige Musikstücke. In Usbekistan ist das normaler Arbeitsalltag. Phantastisch für zuschauende und zuhörende Westeuropäer.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Volker T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravel.euUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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