Merseburg

Abenteuer und Events in Merseburg mit seinem Zaubersprüchen

Als einzigartiges Schriftdenkmal gelten die vor 170 Jahren entdeckten althochdeutschen Merseburger Zaubersprüche, die weltweit einzigen bekannten Schriften heidnischen Inhalts in althochdeutscher Sprache.  Sie vermitteln einen Eindruck in die germanische Götterwelt und die religiösen Vorstellungen des Frühmittelalters. Ihre Niederschrift erfolgte im ersten oder zweiten Drittel des 10. Jahrhunderts, um 700 - was sie außerdem zum frühesten, im Original erhaltenen deutschen Schriftgut macht.

Merseburger Zaubersprüche

Hinter dieser Tür verbirgt sich ein kostbarer Schatz

Auf der Suche nach Zeugnissen des mittelalterlichen Geschichtsschreibers Lampert von Hersfeld (1028-1085) befand sich der Historiker Georg Waitz vor ca. 170 Jahren auf einer Reise durch Sachsen und Thüringen. Dabei besuchte er auch die Domstiftsbibliothek von Merseburg und stieß dabei rein zufällig auf die althochdeutschen Sprüche. Die große Bedeutung und Einzigartigkeit des Fundes erkannte kein geringerer als Jacob Grimm, gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm der Verfasser der 1812 erschienenen Kindermärchen.

Die Papierstücke schlummern heute noch im mehr als eintausend Jahre alten Merseburg am Ufer der Saale. Von hier aus erreicht man in wenigen Minuten den ehrwürdigen Dom mit dem Schloss. Der im Jahr 1021 geweihte Dom birgt so manche architektonisch und kulturgeschichtlich bedeutende Zeugnisse. Die Dom-Orgel aus dem Jahr 1697, ein halbes Jahrhundert später von Friedrich Ladegast erneuert, beherrscht mit ihren 5687 Pfeifen als barockes Gesamtkunstwerk die gesamte westliche Stirnseite des Gotteshauses. Die regelmäßigen Orgelkonzerte zählen zu den beeindruckendsten Veranstaltungen.

„Knochen zu Knochen, Blut zu Blute, Glied zu Glied. So seien sie zusammengefügt“ lautet eine Passage aus den Zaubersprüchen, welche dann von den Nationalsozialisten für ihre Propaganda genutzt wurden. Aus der Textstelle wurde flugs ein heroischer Aufruf: „Blut zu Blut, gleiches zu Gleichem, Heldentat zu Heldentum“. Gerade historische Schriften lassen viele unterschiedliche Rückschlüsse zu.

Wie unterschiedlich und diffizil die Deutung generell ist, mag folgender Satz belegen: „Entspringe den Fesseln, entfahre den Feinden“. Da bleibt ausreichend Raum für Spekulationen, auch heute noch. Soll der Zauberspruch nun dienlich sein zur Befreiung aus einer Gefangenschaft oder ist damit vielmehr die Fessel der Krankheit gemeint. Dann müsste es sich also um einen Heilzauber handeln, vielleicht im übertragenen Sinne sogar eine Formel gegen die Epilepsie. Auch die Kirche verwendete immer wieder beschwörende Formeln zum Austreiben des Teufels im Menschen. Allerdings geht man mittlerweile davon aus, dass der Schwerpunkt der Merseburger Zaubersprüche in diesem Zusammenhang wohl in erster Linie bei Hilfegesuchen während kriegerischer Handlungen liegt.

Für uns moderne Menschen ist die Macht der gesprochenen Worte in dem Stellenwert, den sie damals hatten, ohnehin nicht nachvollziehbar. Was soll so ein Hokuspokus schon nutzen und wer sollte jemals daran wirklich geglaubt haben. Nun, wenn man den Glauben und die germanische Götterwelt betrachtet, erfüllten derartige Sprüche durchaus ihren Zweck.  Selbst im mittelalterlich christlichen Denken spielte der Glaube an die Magie eine große Rolle. Während jedoch die Heiden sich auf das Heilen durch Zauberkraft verließen, war im Christentum mit dem Glauben an Gottes Kraft ein adäquater Ersatz gefunden. 

So ist die Tatsache, dass in den Merseburger Zaubersprüchen von heilenden germanischen Göttern die Rede ist ein weiteres Faktum für ihre Einzigartigkeit. Es existieren auch andere magische althochdeutsche Schriften, in welchen jedoch ausschließlich Christus oder ein anderer Heiliger den Zauber bewirkt. Bei den Merseburger Schriften galten hingegen noch die germanischen Götter als Glücksbringer.

Lange her, ja. Aber noch lange nicht vergessen. Auch heute noch, insbesondere in der wieder aufkeimenden Mittelaltereuphorie, sind die Merseburger Zaubersprüche vielleicht aktueller denn je und werden von verschiedenen Musikgruppen immer wieder neu vertont.  

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Ein Beitrag für ReiseTravel von Sabine Erl.

Sabine Erl  

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