Berlin

Armenischer Sänger und chilenischer Gitarrist beim Auftritt beobachtet

Heimatlos: Die Künstler Stepan Gantralyan und Mauricio Almanzor gaben ein Konzert, das Programm trug den Titel „Heimatlos-Romanzen, Balladen, Boleros & Chansons auf Armenisch, Russisch, Roma, Griechisch, Französisch, Spanisch.“ Der Liedermacher, Sänger, Schauspieler, Regisseur und Kunstmaler Stepan Gantralyan stammt aus Armenien und lebt seit knapp 15 Jahren in Deutschland; Mauricio Almanzor kam in Chile zur Welt, neben seiner Tätigkeit als Gitarrist studiert er an der FU Berlin Philosophie.

Stepan Gantralyan - Mauricio Almanzor

Heimatlos in BerlinEinen Schwerpunkt setzten die beiden Künstler in dem Bereich Lieder von der Volksgruppe der Roma und Sinti. So drückten die beiden Sänger und Gitarristen in einem auf russisch vorgetragenen Lied die Trauer aus, in einer Roma-Hymne berichtet ein Mann davon, er sehe nur schwarz gekleidete Menschen, diese Menschen seien von Faschisten ermordet worden. Der Mann fragt: „Wo sind meine Leute geblieben?“ Als es klar ist, dass sie ermordet worden sind durch Nationalsozialisten, bittet der Sänger: „Möge Gott die Tore des Paradieses öffnen, damit all die Ermordeten dort Einzug finden.“ In einem auf Spanisch zu hörenden Roma - Lied beklagte der Sänger Stepan Gantralyan zur Gitarrenbegleitung von Mauricio Almanzor: „Ich habe keinen Ort. Keine Landschaft, keine Heimat.“

Bei einigen Liedern greift Stepan Gantralyan auch zur Gitarre. So klangen zwei dieser Musikinstrumente auf bei dem in griechischer Sprache gesungenen Lied „Die Welle.“

Hier teilt uns ein enttäuschter Mann mit, wie sehr er ein Mädchen mag, diese Dame hat aber überhaupt kein Interesse, auch nur einmal mit ihm sich zu treffen. So heißt es dann in der deutschen Übersetzung: „Wohin ich auch gehe, in Deinem Herzen schwimme ich immer gegen den Strom“, eben eine Welle. In einem auf armenisch gesungenen Liebeslied schwärmt ein Herr von einer ganz gewissen Dame und singt (in der deutschen Übersetzung): „Mondlicht liegt in Deinen Augen, der Mond spiegelt sich in Deinen Augen.“

Auf Hebräisch erklang das Lied „Die Ufer“, hier geht es sehr gefühlvoll zu. Ein Fluss weint, eines Tages steht er plötzlich ohne sein Ufer dar und sucht es vergebens, er weiß nicht, wohin sein Ufer entwichen ist. Der trauernde Fluss teilt der Welt mit, er werde ewig ob des Verlustes weinen - manchmal stellen auch die ihn aufsuchenden Menschen fest, dass jemand, den sie sehr lieben, entwichen ist. Das Schicksal, etwas verlieren, abgeben zu müssen, Abschied zu sagen, teilen sich Fluss und Menschen, stellt der Fluss traurig fest.

Ein kubanisches Liebeslied ist auch sehr traurig anzuhören, bis heute wissen die Zuhörer nicht, ob der Komponist einen Mann gemeint hat, der Sehnsucht zu einer Angebeteten hat oder eine Frau, die einen Mann verehrt.

Im Text auf jeden Fall heißt es: „Das ist die Geschichte einer Liebe, ohne Deine Liebe werde ich nicht mehr sein.“ Natürlich gilt die musikalische Liebe und Verehrung des gebürtigen Armeniers Stepan Gantralyan auch seinem weltberühmten Landsmann Charles Aznavour, der mittlerweile 90 Lenze alt ist.

So kam auch das Lied „La Mama“ zu Gehör. In dem traurigen Text erfahren wir, alle sind gekommen, weil Mama im Sterben liegt, Mama hat so viele Jahrzehnte lang Verwandte, Kinder, Freunde begeistert und nun müssen sie alle bald Abschied von ihr nehmen.

Im Gespräch mit ReiseTravel teilte Stepan Gantralyan mit: „Mauricio und ich sind ein seit Jahren gut eingespieltes Team, wir haben über 300 Lieder im Repertoire, somit können wir tatsächlich jede Aufführung anders gestalten. Bei jedem Konzert hört unser Publikum andere Lieder, es wird niemals so sein, das wir heute dieselben Lieder den Zuhörern anbieten, die wir bereits gestern bei einem Konzert gesungen hatten, das gilt auch dann, wenn die Aufführungsorte mehre hundert Kilometer entfernt voneinander liegen.“

Mauricio Almanzor sagte uns gegenüber: „Unser Programm HEIMATLOS passt ja zu uns beiden, Stepan hat seine Heimat im asiatischen Armenien, ich im südamerikanischen Chile. Wir beide können nicht mal eben so kurz für ein Wochenende unsere Verwandten besuchen. Ein in Berlin lebender Bürger kann seine Eltern in Bayern oder seine in Mecklenburg wohnenden Schwiegereltern mit dem Auto aufsuchen und ist nach ein paar Stunden Fahrt am Ziel. Diese weite Entfernung zu unseren Wurzeln, das verbindet Stepan und mich auch in unseren Liedern. Ich möchte wirklich keinem Kollegen zu Nahe treten, aber ein Künstler, der von dieser Zerrissenheit, dieser weiten Distanz zum Elternhaus nicht betroffen ist, wüsste gar nicht oder nur sehr schwer, was es bedeutet, HEIMATLOS zu sein, so wie unser Programm ja lautet.“ Ergänzend sagt Stepan Gantralyan: „Ich fühle mich wie ein Baum, dessen Wurzeln in Armenien liegen, die Äste und Zweige sowie der ganze Stamm wachsen in Deutschland.“ www.stepanart.net

ReiseTravel Fact: Konzerte der beiden Künstler Stepan Gantralyan und Maurizio Almanzor gehen unter die Haut, allein die Texte sind ein kultureller Genuss der Spitzenklasse! Als eines von zahlreichen Beispielen sei nochmals an das auf hebräisch gesungene Lied „Die Ufer“ erinnert; hier weint ein Fluss ob der fehlenden Ufer und stellt traurig fest, man muss eines Tages Abschied nehmen, auch von Dingen, die einem sehr vertraut geworden sind. Bei diesem Duo reimt sich nicht Herz auf Schmerz und Kuss auf muss, die beiden HEIMATLOS – Künstler singen und musizieren Poesie.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Volker-T. Neef.  

Volker-T. Neef ReiseTravel Unser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

 

 

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