Königstein Taunus

Die Wiege des Staates

Die Villa Rothschild zu Königstein im Taunus ist ein Schauplatz bundesdeutscher Gründungsgeschichte: Hier fassten die elf westdeutschen Ministerpräsidenten am 24. März 1949 gegen den Willen der Alliierten jenen Beschluss, welcher im August desselben Jahres den ersten Deutschen Bundestag zur Folge hatte: Sie brachten das bundeseinheitliche Wahlrecht durch den parlamentarischen Rat auf den Weg. Bereits eine Woche später erarbeitete man hier zudem den „Königsteiner Schlüssel“, der für die Berechnung länderübergreifender Finanzierungen von lokalen Projekten bis heute seine Bedeutung hat.
Der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch würdigte die Villa Rothschild im Jahr 2010 folgerichtig als „Ort der Freiheit und der Demokratie“. Er sah diese in einer Reihe mit dem Brandenburger Tor und dem Bonner Museum Koenig.

Bis zu dieser ruhmvollen Erwähnung war es allerdings ein weiter wechselvoller Weg. Alles begann damit, dass der angesehene Bankier Wilhelm Carl Freiherr von Rothschild im Jahre 1888 beschloss, im Taunus seine Sommerresidenz im britischen Landhausstil – mit Fachwerk, Türmen und Erkern – zu errichten. Er und seine Familie empfingen dort ranghöchste Gäste, darunter Kaiserin Victoria sowie den Prinz von Wales.
Nach seinem Tod im Jahre 1901 und dem seiner Frau Mathilde im Jahre 1924 fiel das Herrenhaus bis 1938 in den Besitz des Enkels Rudolf von Goldschmidt-Rothschild. In diesem Jahr war es allerhöchste Zeit für die jüdische Familie, Deutschland zu verlassen. Sie fanden ein Exil in der Schweiz, wo sie vor der Deportation durch die Nazis sicher waren. Vorher jedoch wurde von Goldschmidt-Rothschild gezwungen, das Haus dem Autounternehmer Georg von Opel, Enkel Adam Opels, zu überlassen.

Im November eben diesen Jahres begann mit der Reichsprogromnacht die schlimmste Zeit der Judenverfolgung. Im Zuge dessen wollte man die Villa Rothschild niederbrennen. Der damalige Bürgermeister von Königstein, Müllenbach, wusste das aber zu verhindern, indem er eine Delegation des Reichsarbeitsdienstes zur Sicherung des Herrenhauses abstellte. Nach einigen Jahren übertrug von Opel es allerdings an zwei damalige nazifizierte Bankengruppen. Das Anwesen überstand den Krieg dennoch unversehrt und konnte so an den rechtmäßigen Eigentümer von Goldschmidt-Rothschild zurückgegeben werden.
Im sogenannten Haus der Länder tagten Diplomaten und Vertreter Deutschlands wie Ludwig Erhard, Theodor Heuss oder Ernst Reuter. Und hätte Kanzler Adenauer sich nicht für Bonn als Bundeshauptstadt stark gemacht, dann wäre die Wahl auf Frankfurt am Main gefallen und eine Nutzung der Villa als Gästehaus Deutschlands oder Sitz des Bundespräsidenten wahrscheinlich gewesen. Es kam, wie man weiß, anders.

1955 kaufte die Stadt Königstein das Anwesen, die es zum Hotel „Sonnenhof“ ausbaute. Der neue Name wurde gewählt, um den belasteten Blick zurück zu vermeiden. Wie auch immer die Menschen dies bewerteten: der Popularität tat es jedenfalls keinen Abbruch. Denn hatten zuvor schon Berühmtheiten wie Heinz Rühmann oder der König von Jemen hier gastiert, waren es jetzt Sophia Loren oder Erich Kästner, die sich von den neuen Inhabern Ria und Willy Keller bewirten ließen. Der Sonnenhof war erfolgreich genug, um 40 Jahre Bestand zu haben. Erst im Herbst 2005 schloss er seine Tore.

Anderthalb Jahre später wurde die Villa als Fünf-Sterne-Hotel wieder eröffnet, welches seit 2010 als „Villa Rothschild Kempinski“ zur Kempinski-Gruppe gehört und als eines der „Leading Hotels of the World“ ausgezeichnet worden ist. Jetzt endlich erfährt die Geschichte des Hauses vollständige Achtung. Der Neueröffnung ging eine Renovierung voran, bei der unter anderem die durch Flügeltüren getrennten Salons originalgetreu restauriert wurden. Ebenso wurden die ehemals ausgemusterten Kronleuchter wieder aufgehängt. Man bemühte sich insgesamt, die altherrschaftliche Würde zu bewahren, die das gesamte Anwesen ausstrahlt. Diese Aura spürt bereits, wer das große, eiserne Eingangstor passiert. Die Erbauer hatten es 1889 auf der Pariser Weltausstellung erworben. Das integrierte Logo besteht aus zwei ineinander verschlungenen „R“ – jeweils für Rothschild – und drückt das aus heutiger Perspektive rückständige Gebot des Freiherrn aus, nur innerhalb der Dynastie zu heiraten. Jene ist Vergangenheit, doch das alte Zeichen besteht als Hotellogo unter den traditionsbewussten neuen Inhabern weiter.
Um ihre Villa darüber hinaus in eine angemessene Umgebung zu betten, kauften die Rothschilds nach und nach Land für einen Park hinzu, der heute über 100.000 Quadratmeter groß ist. Er wurde von Heinrich Siesmayer kreiert, der auch den Frankfurter Palmengarten erschuf. Das idyllische Refugium mit seinen alten Baumbeständen inspirierte sogar den naturverbundenen Künstler László Szabó, der hier seine Skulptur „Strahlendes Leben“ von 1975 aufstellte.

Wenn die Sonne einmal nicht vom Himmel strahlt, kann man den eindrucksvollen Park auch vom Gebäude aus bewundern: Die im ehemaligen Billardzimmer der Rothschilds beheimatete und mit edlen Hölzern und erlesenen Spirituosen ausgestattete Hotelbar „Tizian’s“ besitzt ein prächtiges Panoramafenster, das den Blick ins Grüne freigibt. Zudem wird eine weite Sicht auf die Burg Kronberg und die abends hell erleuchtete Rhein-Main-Ebene geboten. „Mainhattan“ kann übrigens auch von einem Freiluftpool aus betrachtet werden – ein kostenloser Shuttleservice bringt die Villa-Rothschild-Besucher in das benachbarte Schwesterhotel Falkenstein Grand Kempinski, das Beauty-, Wellness- und Spa-Bereiche anbietet.

Und auch der kulinarisch Anspruchsvolle ist in der Villa gut aufgehoben. Für ihn sorgt Küchenchef Christoph Rainer, dessen Gourmetrestaurant zu den besten 32 in Deutschland gehört und das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde.
Villa Rothschild Kempinski - Im Rothschildpark 1, D-D - 61462 Königstein im Taunus, www.kempinski.com/villarothschild

Von Arne R. Tyarks, www.bfs-presse.de

 

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