Neuharlingersiel

Lieder von Fernweh und Heimweh, Seemannslieder hinterm Deich, so singt der Norden

Shanty-Festival: Jedes Jahr im Sommer gehen Shanty-Chöre auf große Fahrt und treffen sich in Neuharlingersiel. Aber was ist das eigentlich für eine Musik? Auf dem Juni-Festival 2026 war ReiseTravel mit an Bord. 

 „Chindy oh Cindy“. Als Margot Eskens vom Leid einer Matrosenbraut sang, klangen in den 1950er und 60er Jahren aus Radios und nahezu allen Hafenbars Seemannslieder. Später weckten Bella Italia- und Cowboyschlager das Fernweh. Dass weder Zeitgeist noch Rock und Pop dem Seemannslied den Wind aus den Segeln nehmen konnte, verdankt das Genre „Blauen Jungs“ der Shanty-Chöre. Aufbruch zu einer Spurensuche an die Nordsee, wo das heimatliche Liedgut mit Festivals gepflegt wird.

Stimmung pur

Neuharlingersiel

Alljährlich im Frühsommer gibt es in Neuharlingersiel was auf die Ohren. Dann lädt der Kurverein rund ein Dutzend Shanty-Chöre ein, die einen Notenstrauß Seemannslieder aus dem Seesack zaubern. Formationen wie „De Stormvogels“ oder die aus der NDR-Show „Inas Nacht“ bekannten „Tampentrekker“ schmettern musikalische Grüße über Land und See. Heimliche Komponisten der traditionsreichen Chorgesänge auf der großen Bühne vor dem Deich sind Schiffe, Stürme, Wellen und das Meer.

3000 sing- und feierfreudigen Besucher reisten in diesem Juni zu einem der größten Shanty-Festivals an Nord- und Ostsee. Das sind dreimal so viele Gäste wie Einwohner der 333 Jahre alte Küstenort beherbergt.

Es ist Flut. Während die weiße Inselfähre  nach Spiekeroog langsam aus dem Hafen schleicht, schlendern Gäste auf dem Deich und beobachten das Treiben unten auf dem Festgelände. Arbeiter schrauben und montieren an der Bühne, verlegen Kabel, wuchten Transportkisten sowie Hunderte Holzbänke und Tische herbei.

Auf der anderen Deichseite fächelt frischer Morgenwind über die grüne friesische Landschaft, über Dutzende bunter Strandkörbe und das Wattenmeer. Warten auf den großen Sing-Sang. Doch ebenso wie ein starker Wind noch keinen Sturm macht, ist nicht jedes Seemannslied ein Shanty. Niemand weiß das besser wie Erwin Ritz. Vor drei Jahren hatte der Mann mit grauem Bart und blauer Kappe das Festival mit aus der Taufe gehoben. Nun hat der musikalische Leiter und profunde Kenner des Shantygenres die Kommandobrücke verlassen und darf als Zuhörer von vergangenen Seemannszeiten und fernen Häfen träumen.

„Bii Fiskbroodjes un Bäär let´t sük beeter prooten“, bei Fischbrötchen und Bier lässt sich besser reden, meint der Ostfriese, der früher selber in Chören den Ton angab. Ein herzhafter Biss, ein kräftiger Schluck, dann schüttelt Ritz bedeutungsvoll den Kopf. Über den Begriff „Shanty“ gebe es große Begriffsverwirrungen. Shanties - das seien eigentlich sperrige Arbeitsgesänge von Matrosen auf ehemaligen Großseglern. Gesungen wurde im 19. Jahrhundert nicht etwa, um ein flottes Lied auf den Lippen zu haben, sondern um den Arbeitstakt zu bestimmen. Jede Hand an Bord wurde gebraucht. Da war kein Platz für Instrumentalisten. Nur bei Freizeit an Deck kamen gelegentlich Harmonika, Fidel oder Gitarre zum Einsatz.

Vorsänger war der Shantyman, die Mannschaft der Chor. Der wilde gemeinsame Gesang ermöglichte einen gleichmäßigen Rhythmus beim Verladen und Rudern, beim Ziehen der Taue oder Hieven der Ankerkette. Ein beliebtes „Werkzeug“ zum Heben schwerer Lasten war das heutige Evergreen „Rolling Home“. Der Ursprung anderer Lieder, die als Repertoire auf Segelschiffen der Nordsee heimisch wurden, reicht zurück bis zu den Arbeitsgesängen schwarzafrikanischer Schauerleute und Hafenarbeiter in den Südstaaten der USA.  Auf der Bühne hängen sich gerade zwei Musiker ihr Schifferklavier um, Chormitglieder gesellen sich zu ihnen. Soundcheck. Un nu mal loos: „Nimm mich mit Kapitän auf die Reise“.

Die Texte der traditionellen, eintönig klingenden schroffen Shanties waren indes nur selten Ausdruck von Fernweh und Abenteuerlust. Vielmehr thematisierten sie den harten Alltag an Bord, die triste Kost oder oft zu karge Heuer. Die Sprache der „gesungenen Flüche“ war ein Sammelsurium aus Englisch, Mundart und Dialekt und endete meistens mit einem „Hau-ruck“.

Seeleute liebten auch nicht das „blaue“ Meer, das ist meistens grau. Auch keine Stürme über wogenden Wellen. Und für das ersehnte erotische Techtelmechtel in einer Hafenspelunke fehlte meistens das Geld – oder hinterher die Taschenuhr.

Neuharlingersiel

An den Tisch gesellt sich jetzt der Frontsänger eines niederländischen Piratenchors. Kein Holzbein, keine Augenklappe. Auch kein Tattoo auf der Brust. Dafür zieren den fotogenen Haudrauf ein dekorativer Seeräuberhut, ein bauschiges weißes Hemd, Lederhose mit Säbel und der obligatorische Papagei auf dem Knie. R.L. Stevensons „Schatzinsel“ lässt grüßen. Weniger martialisch wie das Outfit sind die Melodien seiner Sangesbrüder. Seemannslieder mit reinem Unterhaltungswert wie von Hans Albers oder  den Österreichern Freddy Quinn und Lolita stünden bei Holländern hoch im Kurs. Sind das Shanties?? „Nee“, räumt der Freibeuter ein, das zu behaupten wäre Seemannsgarn. Zwar seien Klassiker wie „The Drunken Sailor“ oder „My Bonny“ gern gesungenes populäres Liedgut. Die meisten alten Bord-Shanties taugen wegen ihrer monotonen Rhythmen aber kaum als Stimmungsmacher. Es sei denn, die Chöre peppen sie mit Rock-, Pop- und Folkelementen konzerttauglich auf.

Die Sonne steht hoch über dem romantischen Fischerdörfchen. Bald heißt es „Leinen los“ für die musikalischen Seebären. Doch noch haben Landratten Zeit für einen gemächlichen Ortsbummel. Der Spaziergang ist auf zwei Ebenen möglich. Im schmalen Hafenbecken vorbei an dümpelnden Krabbenkuttern oder auf der von Spundwänden gesicherten Anhöhe mit Restaurants und hübschen Giebelhäusern. Besucher staunen im „Buddelschiffmuseum“ über 100 detailgetreue Modelle. Gehen die Buddels in vielen Souvenirshops als Kitschartikel über die Ladentheke, sind hier in feiner filigraner Handarbeit durch Flaschenhälse bugsierte Unikate ausgestellt.  Die Minikunstwerke erzählen in einer kleinen Lampenbirne oder einer 130-Liter-Flasche Seefahrergeschichte(n) vom Wikingerschiff bis zur untergehenden Titanic. Heute gibt es an der Küste nur noch wenig Einheimische, die an stürmischen Winterabenden mit viel Geduld Schiffe in leere Flaschen werkeln.

Einen Windstoß weiter steht im Kurpark  der schlossähnliche Sielhof mit einer dekorativen Bibelwand aus 822 Fliesen. Nur fünf Gehminuten entfernt befindet sich auf der Deichkrone das „Café Störmhuus“. Eine etwas versteckte Treppe führt auf die windgeschützte Dachterrasse. Neuharlingersiels schönste Adresse für einen Panoramablick über Hafen und Nordsee.  

Auf dem wie ein Schiffsbug angelegten Festplatz sind mittlerweile nahezu alle Bänke besetzt. Backbord, Steuerbord – jetzt geht´s rund. Ein Shanty Chor sorgt mit Lale Andersens Gassenhauer „Hein Mück aus Bremerhaven“ für Stimmung. Als später ein Sänger, begleitet vom sehnsuchtsvollen Spiel zweier Akkordeonisten, Hans Albers´ Filmschlager „Einmal noch nach Bombay“ imitiert, kullern einer Kapitänswitwe Tränen über die Wangen. Ihr jüngster Sohn sei gerade auf in der Arabische See auf großer Fahrt.

„Küstenfolklore“ nennt ihr Begleiter und Beobachter der Szene die Musikgattung. Der heute vorgetragene Mix aus Seasongs, Volksliedern, Schlagern und eigenen Kompositionen hätten die Shantykultur vor dem drohenden Aussterben bewahrt. Noch gibt es an den Küsten Chöre wie Sand am Meer. Weil jedoch kaum Nachwuchs in Sicht ist, könnte die Öffnung für Frauen den Rentnerbands frischen Rückenwind geben. In Holland haben 25 Sängerinnen und Musikerinnen der „Lady Pirates“ erfolgreich die Bretter geentert und gehen in diesem Jahr in Neuharlingersiel vor Anker.

Eine Schiffsglocke läutet. Mit Freddys „Unter fremden Sternen“ verabschieden sich „De Windjammers“ in den nahenden Abend. Wenn die glutrote Sonne im Meer ertrinkt und alle Scheinwerfer auf der Konzertbühne erlöschen, leuchtet über der Nordsee das Abendrot -  bis der Himmel sein Sternenzelt anknipst. Als der letzte Shanty Chor Peter Alexanders „Die kleine Kneipe“ anstimmt, kommt er musikalisch zwar  komplett vom maritimen Kurs ab, bremst aber nicht die Feierstimmung seiner Fangemeinde. Die klatscht, schunkelt und singt munter weiter, bis zum letzten Möwenschrei.                                           

ReiseTravel Service

Shanty-Chöre: Veranstaltungen mit maritimen Liedern finden u.a. auch in Wihelmshaven, Bremen-Vergesack und Zingst (Ostsee) statt.

Informationen zu kommenden Festivals: www.neuharlingersiel.de

Bahn-Anreise: Bis Bahnhof Norden. Umsteigen am ZOB in den Bus nach Neuharlingersiel (1 Std.15 Min.)

Unterkunft am Hafen: Hotel Teestube am Seedeich.  DZ/F ab 88 Euro. www.teestube-am-seedeich.de Janssen´s Hotel. DZ/F ab 179 Euro. www.hotel-janssen.de

Probieren: Der friesische Snirtjebraten wird gerne bei Dorffesten und Feiern serviert. Das Schweinefleisch mit knuspriger Kruste kommt mit Kartoffeln und Rotkraut auf den Tisch.

Ausflüge: Schifffahrt zur Insel Spiekeroog (1 Std). Fahrzeiten richten sich nach der Flut. Benachbarte sehenswerte Hafenorte sind Bensersiel, Carolinensiel, Dornumersiel und Neßmeersiel.

Literatur: Reiseführer Know-How „Ostfriesland“. 492 Seiten, 19,90 Euro. ISBN 978-3-8317-3990-5.  

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke

Laedtke ManfredUnser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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