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Himmelblaue Serenaden am Meer. Italiens vergessene Region: Kalabrien in aussichtsreicher Lage und Dolce Vita im Armenhaus
Köstliches Kalabrien: Für die Schönheitskonkurrenz habe Kalabrien zu wenig Sexappeal, finden Zweifler. Kritiker behaupten, die kurvige Region am „Zeh“ des italienischen Stiefels geize viel zu sehr mit ihren Reizen und überlasse dem übrigen Bella Italia die Show. Mag sein.
Fest steht, dass der Tourismus bislang eher einen Bogen um Italiens vergessene Region macht. Allzu oft blickt der Kalabrese neidisch auf den weltgewandteren reicheren Norden. Dann lehnt er sich bei einem Espresso oder ehrlichen Bauernwein zurück und tröstet sich mit dem, das er hat: Ein Stück authentisches, unpoliertes Italien mit sauberen Stränden und hellgrünem Wasser. Zauberhafte uralte Städte sowie eine raffinierte Landküche von entwaffnender Einfachheit. Spicy statt sexy.
Im wirtschaftlichen Armenhaus Italiens sind die Menschen hilfsbereit, bodenständig und folgen der Mutter Gottes. Die Strippen zieht aber die mächtige italienische Mafiaorganisation Ndrángheta. Kalabrien - ein heißes Pflaster für Touristen?
Keine Angst, beruhigt Fabio im alten Seefahrerstädtchen Pizzo am Tyrrhenischen Meer. Reisende wachen in Kalabrien weder mit abgetrennten Gliedmaßen auf noch werde ihnen ein Revolver unter die Nase gehalten. Wer will schon Devisen bringende Touristen abschrecken?
Der Bevölkerung mache die Mafia das Leben mit Erpressungen und Diktaten jedoch schwer. Aber kaum mehr als korrupte Lokalpolitiker und unfähige Regierungen, schimpft der mit weißem Hut, Hemd und gebügelter Hose adrett gekleidete Signore. „È così com`è“, es ist wie es ist. Mit dem Ersparten aus Gastarbeiterjahren in Deutschland komme er über die Runden. Das reiche sogar für gelegentliche Restaurantbesuche oder eine süße Sünde im Eiscafé, wo das einer Trüffelpraline nachempfundene Tartufo serviert wird. Lokalpatrioten behaupten, dass hier das Eis vor 93 Jahren erfunden wurde. Die Landesspezialität aus Schokoladen- und Nusseis ist mit einem Hauch Kakao bepudert und zartbitterer Schokoladensoße gefüllt. Als Original und in anderen Geschmacksvarianten ist das Naschwerk in den Gelaterias auf der Piazza della Repubblika der Verkaufsschlager. Ein bisschen Dolce Vita, das seien Sahnehäubchen auf dem Alltagsallerlei. Ansonsten sei das Leben der Kalabresen kein Zuckerschlecken sondern geprägt von harter Arbeit – wenn man welche hat, resümiert Fabio.
Auf Pizzos Piazza schicken junge Burschen flanierenden Signorinas schmachtende Blicke durch schwarze Sonnenbrillen hinterher. Ein paar Touris in Sandalen und zu engen kurzen Hosen beeilen sich einen flüchtigen Blick ins alte Kastell zu werfen, in dem Napoleons Schwager bis zu seiner Hinrichtung 1815 einsaß. Über sein jähes Ende geben Abschiedsbriefe an seine Frau im Burgmuseum Auskunft. Dann posieren die Urlauber mit stattlichen Eistüten vor der Stadtmauer und posten Selfis im rot-violett gefärbten Abendlicht am Golfo di S. Eufemia.
Steile Pfade führen hinunter ans Meer zur Chiesa di Piedirgrotta am nördlichen Ortsende. Als Dank für ihre Rettung hätten im 17. Jahrhundert drei neapolitanische Schiffbrüchige die Grotte zu einer Kapelle ausgehöhlt, erzählt Fremdenführerin Claudia. In den Felseinschnitt stellten sie ein Madonnenbild, das aus dem versunkenen Schiff auf wundersame Weise an den Strand gespült wurde. Ende des 19. Jahrhunderts griffen zwei fromme lokale Künstler abermals zu Spitzhacke und Meißel und ergänzten den Altar mit biblischen Figuren aus Tuffstein. Warum in dem von Salz und Seewinden verwitterten mystischen Höhlensystem John. F. Kennedy und Papst Johannes XXIII. später ebenfalls eine Huldigung zuteilwurde, ist aber auch der Reiseführerin ein Rätsel.
Wenn weiter südlich bei Tropea am Capo Vaticano kräftige Zwiebelgerüche in die Nase steigen, dann ist Erntezeit des Rätsels Lösung. Die sandigen Böden und das besondere Mikroklima der weiten Küstenstreifen mit ihren Bergterrassen bieten ideale Voraussetzungen für die Saat der Cipolla Rossa di Tropea, die berühmteste Zwiebel Italiens. Die rote Zwiebel ist nicht nur süß, besonders mild und bekömmlich, wegen vieler gesunder Inhaltsstoffe wird ihr auch eine heilende Wirkung für den menschlichen Organismus zugeschrieben.
„Ein lukullischer Alleskönner“ wertschätzen Kalabresen die Erdperle. „Wenn den Zwiebeln das Wasser entzogen wurde, bleiben von 1000 Kilogramm rund 90 Kilogramm getrocknete Zwiebeln übrig“, erklärt Giovanni Schiariti in seinem 35 Hektar großen Unternehmen. Die Knolle eigne sich für Kompott, Vorspeisen, Fisch- und Fleischgerichte und sogar für eine Zwiebelmarmelade. Als Brotbelag ist der Fruchtaufstrich eher ein Fehlgriff, delikat jedoch als Begleiter zu Käse, Wild und Gegrilltem. Ob die gewagte Kombination Zwiebel und Eis eine kulinarische Innovation oder Zumutung für die Zunge ist, darf jeder für sich selbst herausfinden. Gelegenheit zum Geschmacktest ist bei „Tonino“ auf dem Corso Vittorio Emanuele 52 in Kalabriens beliebtestem Ferienort Tropea.
Die Stadt mit ihren hübschen Plätzen, Adelspalästen und prächtigen Torbogen gilt als „Schönheitskönigin“ an der kalabrischen Mittelmeerküste. Bei der Wertung punkte ganz sicher auch die Ausflugsnähe des wilden Capo Vaticano, relativiert die Reiseleiterin. Marketingstrategen, die den Superlativ auf Tropeas Strände und Aussichtsplätze für weite Blicke über das azurblaue Meer beziehen, sind indes kaum zu widersprechen. Tatsächlich toppt allenfalls das romantische Kap Tropeas viel gerühmte aussichtsreiche Lage. Das schroffe Felsplateau vor den Toren des Badeortes bietet dem Auge eine filmreife Kulisse bis hinüber zu den Liparischen Inseln. Star der Panoramaschau ist der rauchende, oft Feuer spuckende Stromboli. Am Fuße der massigen Felskappe verstecken sich unter einem blitzblanken Sommerhimmel vom Meer weiß geleckte paradiesische Strandabschnitte. Ein Postkartenidyll, das deutscher Italiensehnsucht aus den sechziger Jahren und alten Ohrwürmern wie Vico Torrianis „Azzurro“ oder Margot Eskens „Himmelblaue Serenade“ ein perfektes Bild gibt.
Wie schön, dass Kalabrien mit seiner Delikatessen gefüllten Speisekammer bestens ungeeignet ist für eine Fastenreise. Also ran an die Würste. Im nahen Spilinga bringt der Familienbetrieb Livasì die beliebte höllenscharfe „Nduja“ auf den Tisch. Die fettreiche Streichwust aus der Zucht schwarzer kalabrischer Freiland-Schweine hängt inmitten anderer pfiffig-scharfe Fleischfusionen auch als würzige Light-Version am Haken. Überflüssige Kalorien abzuspecken, bietet anschließend ein Spaziergang durch die benachbarte Felsenstadt von Zungri. Forscher vermuten, dass das verschlafene Zungri die Fortsetzung der Siedlung aus dem 12. Jahrhundert ist. Stufen weisen den einsamen Weg in eine verwaiste Welt, die sich vor der Zeit versteckt. Mehr als 100 zum Teil zweistöckige Grotten, finstere Stollen, kühle Nischen und Bewässerungsbecken verteilen sich auf einer 3000 Quadratmeter großen Hochfläche. Die Architektur lässt auf eine ausgeklügelte dörfliche Ordnung schließen. Wie surreale Traumbilder muten die Reste einer vergangenen Zivilisation an diesem magischen Ort der Einfachheit an.
Italien-Nostalgiker spüren lieber im Jetzt einem Gestern mit Sechzigerjahre-Flair nach und fahren über holprige Straßen hinauf in die bewaldete Bergprovinz Catanzaro. In Serrastretta haben Bewohner der Chansonette Dalida („Am Tag als der Regen kam“, „Er war gerade 18 Jahr“) ein Denkmal gebaut. Der französische Weltstar wurde in Kairo geboren, hat seine elterlichen Wurzeln aber in diesem Bergnest. Unter Bildern und Plakaten drehen sich im „Museo Casa Dalida“ Scheiben der Sängerin mit dem rollenden R. Und auch im Restaurant „Dalida“ legt der Wirt für seltene Touristen hocherfreut eine melancholische Canzone der „Calabrese of Paris“ auf den (Platten-)Teller.
ReiseTravel Service
Fremdenverkehrsamt ENIT www.enit.de - www.calabriadascoprire.it
Pauschalreisen (Flug ab/bis FRA, Hotel Borgo Donna Canfora) bietet zum Beispiel Dertour ab 1.460 Euro für zwei Personen an. www.dertour.de
Beste Reisezeit: Spätsommer, Herbst, Frühjahr
Essen: Feinschmecker finden in Trattorien im Waldgebiet von Serre sowie im Landesinneren ausgezeichnete Steinpilzgerichte. Empfehlenswert sind auch im Backofen geschmortes oder im Tontopf gegartes Lamm und Zicklein. Ordentlich essen kann man in Familienbetrieben abseits der Küste bereits ab 14 Euro. Tipp: Nach dem Essen einen Limoncello oder Cirò Rosé probieren.
Handverlesene typische Lebensmittel aus Kalabrien zum Mitnehmen bietet der Landwirtschaftsbetrieb Delizie Vaticane die Tropea an. www.delizievaticane.it
Sehenswert: Das Kartäuserkloster in der Serre nahe dem Städtchen San Bruno.
Literatur: „Kalabrien“, Marco Polo Reiseführer, 17,95 Euro.
Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke
Unser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.
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