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Kreuz und quer durchs Abenteuerland, Wüstes Namibia im roten Design
Einmal Wüste und zurück: Um fünf Uhr früh schickt Peter seine Reisegruppe in die Wüste. Als die Sonne wie ein Feuerball über dem weiten Namibia aufgeht, bekennt der Morgen Farbe.
Brotzeit im Wüstensand. Speziell ausgestattete PS-starke „Desert-Runner“ trotzen Geröll, Steinen und tiefem Sand
Gold, ziegelrot und kastanienbraun leuchten mächtige Dünen im ältesten Sandkasten der Welt. Bei „Düne 45“ stoppt der Guide seinen Geländebus. Afrikas meist fotografierter Sandhaufen ist erster Höhepunkt in dem von Dutzenden Dünen gesäumten Wüstenabschnitt Sossusvlei. Wie glatt gescheuerte Berge türmen sich die „Highlights“ der Namib-Wüste auf. Einige der Prachtexemplare sollen bis zu 380 Meter hoch sein und sind Herausforderung für jeden „Bergsteiger“. Architekt der vor Millionen Jahren entstandenen Erhebungen in dem Küstenstreifen zwischen den Städten Lüderitz und Swakopmund sei der Seewind, erklärt Peter. Stetig treibe er Sandteilchen vor sich her und modelliere an kleinen Hindernissen wie Steinen oder Pflanzen die Wunderwelt im roten und 38 Grad Celsius heißen Wüsten-Design.
Ein paar „Ausreißer“ hören dem Tourleiter schon nicht mehr zu. Sie haben sich im wahrsten Wortsinn „auf die Socken gemacht“ und stapfen munter auf dem Dünenkamm geradewegs ins Himmelblau. Auf halber Strecke werden die Beine im knöcheltiefen Sand langsamer, nur der Atem geht schneller. Jetzt bloß nicht schlapp machen! Wer es bis zum Höhepunkt schafft, den belohnt ein weiter Blick über fast 900 Jahre alte vertrocknete Kameldornbäume bis zur Küste, wo das Desert-Valley abrupt im Atlantik verschwindet.
Namibia ist Abenteuer. Man muss aber kein Abenteurer sein, um das zweieinhalb Mal so große Land wie Deutschland zu durchqueren. Individualreisenden helfen gute Straßenkarten dabei, auf dem richtigen Weg zu bleiben. Wem die passenden englischen Worte fehlen, der kommt in der von 1884 bis 1915 deutschen Kolonie problemlos mit Deutsch ans Ziel.
Im Rückspiegel verschwinden die Dünen allmählich im milchigen Grau der flirrenden Mittagshitze. High Noon in der Wüste, Zeit für eine Abkühlung. In der Sossusvlei Lodge, mitten im staubigen Nichts des Namib-Naukluft-Parks, steht den Wüstensöhnen das Wasser bis zum Hals. Aus dem Swimmingpool ragen nur die Köpfe in den ofenheißen Wind. Ringsherum einsame Stille. Vom Beckenrand schweift der Blick über die scheinbar grenzenlose Weite Afrikas.
150 Kilometer weiter im Kuiseb Canyon stoppt Peter am nächsten Morgen das Fahrzeug. Kurs Küste oder nach Osten? „Nach Osten, Richtung Windhoek!“, sind sich alle Buspassagiere einig. Auf der Fahrt an den Atlantik nach Swakopmund lohnt der Umweg über den 2335 Meter hohen Gamsberg Pass mit seinen spektakulären Aussichten. Geröllpisten winden sich schwindelerregende Steilhänge hoch und runter. Schalten, kuppeln, bremsen. Der Fahrer leistet fast zentimetergenaue Feinarbeit als er den schaukelnden Bus an gähnenden Abgründen vorbei balanciert.
Welch ein Kontrast: In Swakopmund gibt es im Café Anton Schwarzwälder Kirsch-torte und Brezel. Kaiser Wilhelm Straße, Moltke Straße, Garnison Straße: Deutsche Straßenbezeichnungen führen Besucher zu Fleischereien, Bäckereien und Lokalen, die fest in deutscher Hand sind. Auch deutsches Bier ist hier geschmacklich das Maß aller Dinge. „Mitten in der Wüste Schweinshaxe und Fassbier!“, staunt ein Tourist. Bunte Jugendstilhäuser vermitteln teutonische Atmosphäre und erinnern in dem am südlichsten gelegenen „deutschen“ Seebad an eine 30-jährige Kolonialzeit in „Deutsch-Südwestafrika“. Unter drei Millionen Einwohnern leben heute rund 20 000 deutschstämmige Staatsbürger. So wie der 61-jährige Rainer. Touristen aus Deutschland seien in Namibia gern gesehene Gäste, erzählt der drahtige Mann mit Kappe und Fußball-Trikot im plüschig kunterbunten Interieur des Village Café. Früher habe er im Bergbau gearbeitet. Das in der Kolonialzeit gebaute und immer weiterentwickelte Straßen- und Schienennetz ermögliche dem Land den Transport seiner Bodenschätze wie Diamanten, Gold und Kupfer. Heute arbeite er für einen deutschen Farmer. Dessen Großvater habe das Land von Einheimischen gekauft - oder getauscht. „Man weiß es nicht so genau“, räumt Rainer ein. Die Landfrage sei immer noch ein gesellschaftlicher Dauerbrenner, fährt der Mann fort und bestellt sich einen Schokokuchen mit köstlich duftendem Kaffee.
Nur vor den Toren der Stadt, da stinkt es in einer Robbenkolonie gewaltig. Mit Grunzen und heiserem Bellen kündigen sich die Bewohner des Kreuzkaps an. Fast 100 000 Pelzrobben faulenzen zum Anfassen nahe am steinigen Strand. Einen weniger guten Eindruck auf Touristen macht die jährliche Robbenjagd. „Culling“ nennt die Regierung die von Tierschützern heftig kritisierte „naturerhaltene Maßnahme“. Da jedes Tier täglich rund fünf Kilogramm Nahrung aus dem Meer fischt, fürchtet das Ministerium all zu schnell geplünderte Speisekammern im Atlantik, und die Fischereiindustrie um ihre Jagdgründe.
Im Etosha National Park sorgen Wildtiere selbst für eine ausgeglichene Speisekarte.
Die 22 900 Quadratkilometer große fruchtbare Ebene im Norden Namibias ist Heimat für 100 Säugetier- und 340 Vogelarten. Hier an der Grenze zu Angola, im Afrika der Großwildjäger und Abenteuerromane, werden die „Big Five“ (Löwe, Leopard, Elefant, Büffel und Nashorn) nur noch mit dem Kameraobjekt und Fernglas ins Visier genommen. Die Erwartung, möglichst vielen Parkbewohnern in den Salzpfannen und Savannen zu begegnen, erfüllt sich vor allem während der Trockenzeit, wenn Wasserstellen Treffpunkte der Tierwelt sind. Mit heruntergekurbelten Scheiben gehen die „Jäger“ auf die Pirsch. Kümmerliche Bäume, Dornensträucher und knorrige Büsche huschen am „Ausguck“ vorbei. Aber nur ein paar Antilopen zeigen ihr weiß-braunes Hinterteil und stieben davon. Kein angriffslustiges Nashorn, kein zottiger Büffel kommen dem schützenden Autoblech nahe.
Endlich – das Dickicht bewegt sich: Ein Elefantenbulle schaukelt mit seinen bettdeckengroßen Ohren und trottet gefolgt von seiner „Familie“ am Straßenrand entlang. Hobbyfilmer würden jetzt gerne die Verfolgung aufnehmen. Aber das lassen Park-Ranger nicht zu. „Stay in your car“ warnen Schilder am Rande des 700 Kilometer großen Straßennetzes im Wildpark. Vorsicht bremsen! Eine Herde Steppenzebras überquert im Galopp die Straße. Und was sind das da oben für schwarze Punkte? Geier! Dutzende der gefiederten Gesellen hocken in Astgabeln auf der Lauer und beobachten einen Löwen beim Schmaus. Erst als der brüllend seine Beute verlässt, stürzen sich die Vögel auf den stattlichen Speiserest. Heute gibt es Gazellenfleisch.
Der Weg zurück in die Wüste führt durch das zerklüftete Damaraland 15 Millionen Jahre haben die Ugab-Terrassen auf dem Buckel. Auf den wie aus allen Wolken gefallenen Steinkolossen in einem 80 Kilometer langen Tal, wähnten Urbewohner des Landes den Sitz ihrer Götter. „Fingerklippe“ heißt die merkwürdigste Steinskulptur in der stillen, geheimnisvollen Erosionslandschaft. Wo ist John Wayne? Beim Panoramablick von der Felsterrasse fühlen sich sogar gestandene Cowboys in den Wilden Westen zurückversetzt.
Am späten Abend sind alle Augen ins nächtliche Firmament gerichtet. Zigtausend kleinen Lagerfeuern gleich flackern die Sterne am klaren afrikanischen Himmel. Um Mitternacht schickt Peter seine Gruppe in die Quartiere und mahnt zu frühem Aufbruch. Noch einen letzten Blick auf die funkelnde Wüstenkuppel. Noch einmal den Großen Bären, Pegasus und das Kreuz des Südens sehen.
ReiseTravel Service
Auskünfte: www.visitnamibia.com.na Namibia-Rundreisen haben zum Beispiel Meiers Weltreisen und Dertour im Programm. Meiers Weltreisen bietet u.a. eine 12-Nächte Rundreise mit Flug und Hotel ab/bis FRA für 2.285 Euro p.P. an. Bei Dertour können auch Mietauto-Rundreisen sowie Touren „für Kinderaugen“ gebucht werden.
Reisezeit: Namibias Winter von Mai bis Oktober hat Durchschnittstemperaturen von 20 Grad Celsius. Wärmer, bis zu 40 Grad, sind die Monate von November bis April mit gelegentlichen Regenfällen.
Reisende finden in ausgezeichneten Lodges und Gästefarmen Unterkunft. Einige Open-air Quartiere gestatten nachts ein freies Wüsten-Feeling: Die Kulala Desert Lodge beim Sesriem Canyon bietet Gästen zusätzlich zum Zimmer auf dem Hausdach einen Sterngucker-Schlafplatz. www.wildernessdestinations.com
Literatur: Viele Hintergrundinformationen im Reiseführer Dumont-Reisehandbuch „Namibia“, Preis 26,95 Euro.
Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke
Unser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.
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