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Im Frühling blüht das Tessin auf. Dolce Vita in Hermann Hesses „Märchentessin“: Farbenrausch am Lago Maggiore
Sehnsuchtsziel für Genießer: Blau wie der See, feuerrot wie Abendwolken, weiß wie die Alpengipfel. Im Frühjahr blüht das Tessin auf.
Doch Gemach! Wer zu früh auf den Sonnenbalkon der Schweiz kommt, den bestraft manchmal der Garten.
Im Botanischen Garten Gambarogno beruhigt Reto Eisenhut seine Gäste: „E paar Tag später isch´s no viel, viel bunter.“ Geduld, Geduld! Bald explodieren auf dieser weltweit größten Magnolienparzelle die prallen Knospen und 450 Magnoliensorten recken ihre Köpfe satt pink, rosa und strahlendweis in den blauen Himmel, verspricht der Eigentümer des paradiesischen Gartens.
Ascona ist ein touristischer Hotspot in der abwechslungsreichen Seen- und Berglandschaft im Tessin
Prima Klima. Weil die Voralpen Kälte aus dem Norden zurückhalten, sei hier am südlichen Lago Maggiore schon im März ein Klima fast wie am Mittelmeer. Schlummerten Pflanzen in anderen Teilen des Tessins eben noch unter hauchdünnen Schneedecken, sind die meisten floralen Bewohner in den prachtvollen Gärten des Kantons längst aus ihrem Winterschlaf erwacht. Nur Magnolien seien in diesem Jahr wegen des strengen Winters etwas zickig und lassen auf sich warten, bedauert Eisenhut. Auf der weitläufigen Hügelterrasse zwischen Vairano und Piazzogna geht der 56-jährige in roter Outdoorjacke und blonder Wuschelfrisur voran durch „sii Paradies“.
Reto Eisenhut ist „Herr“ über 20.000 Quadratmeter Botanischen Garten
Der 20.000 Quadratmeter große lichte Dschungel mit 500 verschiedenen Pflanzenarten ist eine Komposition aus Handwerkskunst und Poesie und jedes Jahr Sehnsuchtsziel für Touristen und Gartenfreunde. Betörende Düfte, umschmeicheln mal herb mal zitronig die Nasen. Links und rechts, über und unterhalb der gewundenen Pfade vereinen sich Rhododendren, Azaleen, Pfingstrosen, Blauregen sowie Tausende Kamelien zu einem kunterbunten Kleinod. In der Tiefe des Gartens gurgeln Bäche und kleine Wasserfälle. Eidechsen huschen vorbei. Es surrt, zirpt und piepst.
Farbenrausch. Bei einem der immergrünen kräftigen Magnolienstämme bleibt Eisenhut stehen. In seinem Alter könne er nicht mehr runter in die Schlucht kraxeln, um die Gewächse zu pflegen und zu schneiden. Das erledigen klettererprobte Helfer. Genießer sitzen derweil still auf einer Bank, können sich am Rausch der Farben nicht sattsehen. Einer Gruppe Teenager reicht der Blick durchs Handyobjektiv.
Dieses von Lebensfreude strotzende Fleckchen Erde verdanke sein Entstehen allerdings einem eher unerfreulichen Geschehen, erzählt Eisenhut die Entstehung der Gartenanlage.
In den 1960er Jahren erkrankte im Park eines englischen Diplomaten dessen kostbare „Princess Margaret“ genannte Magnolie. Der Sir wandte sich an Eisenhuts Vater Otto, der hier auf dem Rehberg Steine und Schutt beiseite geräumt und eine Gärtnerei errichtet hatte. Dem Vater gelang es, die geplagte Pflanze zu heilen. Er selbst litt jedoch seither am „Magnolien-Fieber“ und erlag zeitlebens der Faszination dieser Pflanze.
Die damals geweckte Leidenschaft, Magnolien in stets neue fantasievolle Sorten zu veredeln, ließ auch dem Junior einen grünen Daumen wachsen. Vor 25 Jahren übernahm Reto Eisenhut das Familienunternehmen. Der exotische Garten, in dem die erste gelbe Magnolie Europas blühte, ist mehrfach ausgezeichnet und hoch dekoriert. Die Magnolia Society International adelte Eisenhuts Magnolien-Sammlung gar als eine der besten in der Welt.
„So ein schöner Tag“. Über das Farbenmeer des Gambarogno-Garten wandert der Blick hinüber auf die andere Uferseite nach Ascona. Pastellfarbene Häuser leuchten in der goldenen Sonne. Auf dem blanken See spiegeln sich schneebedeckte Berggipfel.
Ein Panorama, das schon Hermann Hesse verzückte und von einem „Märchentessin“ schwärmen ließ. Als der von Schweizern nur „Kauz mit Strohhut“ genannte Schriftsteller 1907 das erste Mal durch die verwinkelten Gassen stolperte und am Ufer der untergehenden Sonne zuschaute, war Ascona ein unbedeutendes Fischerdorf, allerdings in exponierter Lage. Sein Bekanntheitsgrad reduzierte sich indes noch darauf, der am tiefsten gelegene Ort der Schweiz zu sein.
Fast 120 Jahre später flanieren Touristen an eleganten Jetset-Villen vorbei, bestaunen prunkvolle Stuckarbeiten an der barocken Casa Serodine und sind sich einig: Im Tessin bedarf es für Dolce Vita nur bescheidener Zutaten. Gute Laune, Sonne, Seeblick. Und klar, als kulinarische Beigabe im Promenadencafé einen Cappuccino mit lokalem Marronikuchen.
Das Mailänder Süßgebäck „Panettone“ ist mehr als ein Kuchen. Schauspieler palavern über handwerkliche Präzision und kulturelle Bedeutung
Aus einem Radio wehen Fetzen von Bobby Solos Evergreen „Buon Giorno Signorina / heut´ ist so ein schöner Tag“ hinüber.
Sinn für die schönen Dinge des Lebens war jenseits von verzichtbarem Luxus auch, Künstlern, Utopisten, Esoterikern und Nackedeis auf dem nahegelegenen Monte Veritá nicht fremd. Alternative dogmatische Lebensmodelle jener Hippies, die noch keine waren, erstickten aber allzu oft die erstrebte Leichtigkeit des Seins.
Anfang des 20. Jahrhunderts hatte ein Aussteigerpaar aus München den Mikrokosmos für ein klassenloses naturnahes Dasein gekauft. Pioniere des Experiments, sich barfuß mit langen Haaren, in weiten Gewändern oder textilfrei von gesellschaftlichen Zwängen in der Werkstatt für soziale Utopien zu befreien, waren der Anarchist Erich Mühsam und die Tanzpionierin Isadora Duncan.
Als letztlich auf dem „Berg der Wahrheit“ gegensätzliche Lebensentwürfe keinen gemeinsamen Erkenntnis-Gipfel zuließen, löste sich die Kolonie nach dem Ersten Weltkrieg auf. Hermann Hesse hatte zu diesem Zeitpunkt bereits im 45 Kilometer nahen Montagnola die Casa Camuzzi bezogen. In seinem Erzähldrama „Klingsors letzter Sommer“ feiert der Freigeist das Streben nach neuem Denken, das Licht und die Farben im sonnigen Tessin.
Ein Hauch von damals. Das spirituelle Konstrukt der Lebensreformer weckte später auch die Neugier prominenter Zeitgenossen. Richard Strauss, Paul Klee, Konrad Adenauer und August Bebel zählten zu den rund 30 000 Besuchern, die sich zwischen 1925 und 1958 eine Auszeit für innere Einkehr gönnten. Wo jetzt ein Hotel und Kulturzentrum den Berg dominieren meint eine betagte Dame, noch immer einen „Hauch von damals“ inmitten der erhaltenen Bauhaus-Architektur zu spüren. Den Vormittag hat die Signora im Berg-Museum Casa Anatta verbracht, war den Spuren der einstigen Träumer und Weltverbesserer gefolgt. Nun steigt sie auf 390 Stufen wieder hinunter zu Asconas Palmen gesäumter Uferpromenade.
Mit Bus und Schiff ist das benachbarte Locarno in knapp 30 Minuten zu erreichen. Auf der lang gestreckten Piazza Grande mit ihren Arkadenhäusern tauchen plötzlich ein Architekt und eine Stadtbedienstete auf. Gestenreich palavern die kostümierten Schauspieler über die Bestuhlung und Leinwandplatzierung auf der Piazza, die im August wieder Open-Air-Arena für das Locarner Filmfestival ist. Im Hinterhof einer Seitengasse überrascht das Ensemble die Zuschauergruppe abermals. Diesmal als Bäcker gekleidet setzt das Duo Mythen über die Entstehung des traditionellen süßen Weihnachtsbrotes „Panettone“ im 15. Jahrhundert filmreif in Szene. Dann wird es auf der szenischen Zeitreise finster. In einem grauen Gewölbe der Wehranlage „Rivellino“ begegnen die Stadtscouts Leonardo da Vinci. Mit strengem Blick inspiziert er den Zustand seines Bauwerks und stellt sich den Eindringlingen als Baumeister vor.
Die Piazza Locarno mit ihren Arkadenhäusern ist einer der größten Stadtplätze in der Schweiz
Dem Himmel ganz nah. Im Hier und Jetzt startet am Stadtrand gerade die Standseilbahn nach Orselina. Kapellen, eine Kirche und ein Kloster thronen 370 Meter hoch majestätische auf einem Felssporn. Wer dem Himmel noch näher sein möchte, fährt mit der Funicolare nach Cardada und mit dem antiken Sessellift weiter bis Cimetta. Zu Füßen der Berghöhen breitet sich der Lago Maggiore aus – azurblau wie ein Seidentuch.
Reiseinfo
Auskünfte Tessin: www.ticino.ch Schweiz: www.myswitzerland.com
Ermäßigungen bzw. unbegrenztes Fahren mit Bahn, Bus und Schiff bietet der Swisspass für drei bis 15 Tage ab ca. 283 Euro. www.swiss-pass.ch
Garten Gambarogno: www.parcobotanicogambarogno.ch
Locarno Time Travel Tour: www.ascona-locarno.com
Unterkünfte: Zentral an der Piazza liegt in Locarno das preiswerte Seven Town House Boutique Hotel. DZ ab 125 Euro. Ebenfalls zentral wohnen Gäste in Ascona im Hotel Polo. DZ ab 150 Euro.
Der Monte Veritá in Ascona ist über eine Treppe oder mit dem Stadtbus erreichbar.
Filmfestival Locarno: 5. bis 15. August.
Probieren: Zu Käse, Wurst oder Fleischgerichten schmeckt die Polenta Rosso del Ticino. Anschließend ein Likör „Nocino“.
Literatur: Schweiz, Baedeker, ISBN 978-3-575-00134-4, 650 Seiten kosten 27,95 Euro.
Hermann Hesse: Klingsors letzter Sommer, Insel-Bücherei, ISBN 978-3-458-19431-6, 100 S. Preis 14 Euro.
Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke
Unser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.
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