Rostock

Das Segelschulschiff „Greif“, einst Wilhelm Pieck, hat eine doppelte Geschichte

„Es war die Erfüllung meines Kindheitstraumes, mal auf einem großen Segelschiff mitzusegeln. Durch Zufall erfuhr ich von dem Segelschulschiff „Greif“ und ergriff sofort die Chance meiner ersten Segelreise als Chartergast“, erinnert sich Jan Makowski vom Förderverein Rahsegler Greif.“ Das Segelschulschiff „Greif“, einst Wilhelm Pieck, hat eine doppelte Geschichte. Heute als Traditionsschiff unter dem Namen „Greif“ bekannt, wurde anfangs als Segelschulschiff konzipiert und im Jahr 1951 in der Warnowwerft Rostock-Warnemünde gebaut. Als ehemaliger Stolz der DDR sollte die Schonerbrigg ein Geschenk an Wilhelm Pieck sein, dem damaligen Präsidenten der DDR, aus Anlass seines 75. Geburtstages. „Er sollte etwas Besonderes, etwas Maritimes bekommen. Eine Privatyacht sollte es sein mit kleinem Pool und einer Präsidentensuite. Andererseits konnte man das einem jungen Arbeiter- und Bauernstaat nicht vermitteln. Eine private Yacht ist nicht das, was ein Präsident haben sollte“, berichtet Dr. Antje Strahl, die Kuratorin des Stralsunder Marinemuseums.

Segelschulschiff Greif Wilhelm Pieck

Schwimmender Botschafter auf hoher See

Rasch wurde umgedacht. Wilhelm Pieck reichte das Schiff weiter an die Jugendorganisation FDJ, so dass man es dann zu einem Segelschulschiff mit dem Namen Wilhelm Pieck umbenannte, um die Ausbildung von Fachleuten für die aufstrebende Handelsflotte der DDR zu forcieren.

  • Ab 1954 gehörte das Schiff zur vormilitärischen Jugendorganisation „Gesellschaft für Sport und Technik“ GST und hatte seinen Heimathafen im Greifswalder Ortsteil Wieck. Fortan diente es jahrzehntelang der seemännischen Ausbildung für tausende junge Menschen und war zugleich als einziges Hochseesegelschiff des Landes politisches Prestigeobjekt der DDR.
  • Während ihrer aktiven Zeit als DDR-Segelschulschiff wurden rund 5.000 bis 7.000 Kursanten an Bord ausgebildet.

„Anfänglich in einem Vierteljahresturnus, dann in vier Wochen Lehrgängen und später sogar nur innerhalb von zwei Wochen“, weiß Antje Strahl. „Doch in zwei Wochen kann man natürlich keine Seemannschaft erlernen. Das war dann halt nur noch so ein Status, dabei gewesen zu sein und daß man sich stolz das begehrte Hochsee Leistungsabzeichen anstecken konnte. Viele dieser ehemaligen Kursanten durchliefen später die höheren nautischen Schulen der DDR und fuhren schließlich als Kapitäne und Offiziere auf den Schiffen der Handelsflotte, der Hochseefischerei und Volksmarine.

Die „Wilhelm Pieck“ war das einzige Hochseesegelschiff der DDR, das tatsächlich in die weite Welt fahren durfte. 1957 gab sogar eine 99-tägige Reise, die längste und berühmteste Ausbildungsfahrt des Schiffes. Sie dauerte von Mai bis August 1957 und führte über rund 8.000 bis 8.800 Seemeilen. Die Route verlief von Greifswald-Wieck in die Ostsee, durch den Nord-Ostsee-Kanal, den Ärmelkanal, durch die Bucht Biskaya, den Atlantik, durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer, der Adria, Ägäisches Meer, ins Schwarze Meer, über Warna, Constanța und Odessa am Schwarzen Meer. Diese Fahrt hatte nicht nur Ausbildungscharakter. Sie diente auch der Pflege von Kontakten zu Jugend- und Seesportorganisationen der sozialistischen Staaten. Überall wo das Schiff in einen Hafen einlief, war es immer auch ein schwimmender Botschafter des Landes und repräsentierte den Staat im In- und Ausland.

Segelschulschiff Greif Wilhelm Pieck

Die Schonerbrigg „Greif“ muss in Greifswald bleiben

Nach der deutschen Wiedervereinigung übernahm 1991 die Universitäts- und Hansestadt Greifswald den traditionsreichen Zweimaster und taufte ihn in „Greif“ um, dem Wappentier der Stadt Greifswald und Heimathafen des Schiffes.

Der Elektriker Jan Makowski gehört inzwischen zur Stammbesatzung der „Greif“. Das Segeln ist sein Leben. „Der erste Segeltörn auf der „Greif“ hatte mein Leben komplett verändert. Ich war so fasziniert, das Wasser, die hohen Segel, über uns der weite Himmel, daß ich nun auch weiterhin auf der „Greif“ im Rahmen von „Hand für Koje“ mitfahre“, erzählt er begeistert. Das Konzept „Hand für Koje“ ermöglicht ihm als Freiwilligen, aktiv in der Crew mitzusegeln, vorausgesetzt, daß er bei der Instandhaltung, an Deck oder als Wachleiter mitarbeitet. Dabei gilt es, sich spezifische Fähigkeiten in der Sehmannschaft anzueignen in den Bereichen Navigation, Sicherheit, Knotenkunde und Wetterkunde.

Seine Kenntnisse gibt Jan Makowski weiter an interessierte Mitsegler. Ankerwache und Backschaft, Segel setzen oder die Umgebung des Schiffes beobachten. „Auch das Soziale ist von großer Bedeutung, das Miteinander der Mannschaft, denn ohne Teamarbeit auf dem Schiff läuft gar nichts. Man merkt sehr schnell, auf wen Verlass ist und wer eine Lusche ist. Weil auf See, wenn es hart auf hart kommt, da muß man sich hundertprozentig aufeinander verlassen können.“

Segelschulschiff Greif Wilhelm Pieck

Hand für Koje

Im Jahr 2020 wurden auf der „Greif“ starke Mängel festgestellt, dass die Seetüchtigkeit nicht mehr gegeben war. Das Schiff fand vorübergehend einen neuen Liegeplatz im Wiecker Hafen. Die geplante grundlegende Werftüberholung, nach der das Schiff 2022 wieder in See hätte stechen sollen, sollte etwa 3,5 Millionen Euro betragen.

Die Greifswalder Bürger sprachen sich für einen Erhalt aus. Derzeit wird das Schiff auf der Volkswerft in Stralsund aufwendig saniert und soll 2027 wieder in See stechen mit der kleinen, festen Besatzung auch von „Hand für Koje“. Interessenten können mitsegeln oder auch das Schiff eigenständig chartern. Für kleine Veranstaltungen oder einfach, um die traditionelle Seefahrt kennenzulernen. Für Tagesturns oder auch für mehrere Tage mit Übernachtung. Anlegen können die Segler an allen Ostseehäfen wie Sassnitz oder Lauterbach auf Rügen, Kopenhagen, Stockholm, Bornholm, Tallin, Gotland.

Langweilig wird es dem 70-jährigen Jan Makowski nicht. Seit 29 Jahren ist er auf der Greif mit dabei und will solange es geht, bleiben. „Kein Tag auf dem Wasser ist wie der andere. Jede Fahrt ist anders, weil man immer neue Leute an Bord hat, immer ein neues Ziel. Auch das Wetter zeigt sich nirgendwo so unberechenbar und intensiv wie auf See. Mal geht etwas kaputt, dann macht man sich Gedanken, wie man es reparieren, das Schiff am Laufen halten kann. Also es gibt eigentlich nichts Abwechslungsreicheres als die Seefahrt.

Die Sonderausstellung „75 Jahre Segelschulschiff „Wilhelm Pieck/Greif'" im Marinemuseum des Stralsund Museums ist zu sehen auf der Insel Dänholm. Es zeichnet die Geschichte des Schiffes von der Planung 1950 bis zur derzeitigen Sanierung nach.

Bis zum 31. Oktober sind historische Fotografien sowie Originalobjekte vom Schiff, darunter die Schiffsglocke der „Wilhelm Pieck“ zu besichtigen. Sechs Themenbereiche führen von der Idee eines „Schiffes der Jugend" über den Bau und Stapellauf auf der Warnowwerft, die vormilitärische Ausbildungspraxis sowie die politischen Inszenierungen und Kontrollen bis zu den großen Fahrten. Der Abschluss widmet sich dem „zweiten Leben" des Schiffes als „Greif" der Hansestadt Greifswald nach 1990.

Das Marinemuseum auf Dänholm ist von Dienstag bis Sonntag, 10.00 bis 17.00 Uhr, geöffnet.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Christel Sperlich

Sperlich ChristelFernsehjournalistin Christel Sperlich entdeckt gern die ungewöhnlichen Geschichten hinter dem Abenteuer Reisen. 

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