![]() | ![]() | ![]() | Hamburg | Apfelernte im Alten Land, wo Weite ganz nah ist: Herbst-Tour | ![]() |
Süß oder sauer, so schmeckt der Norden. Im Alten Land fallen von September bis Oktober wieder Elstar, Gala, Holsteiner Cox und Boskoop von den Bäumen
Altes Land: Ein rundes Vergnügen. Unter Apfelbäumen am Elbdeich. Radwanderer nutzen die Apfelernte vor den Toren Hamburgs für Herbsttouren mit Frischegarantie. Von Buxtehude bis zur Elbinsel Krautsand sind die paradiesischen Früchte ganz nah. Bis die Räder durch das Apfelland rollen lassen sich Besucher bei einer märchenhaften Stippvisite aber erst einmal veräppeln. In Buxtehude gehe es wundersam verkehrt zu. Da bellen Hunde mit dem Schwanz, gibt die Stadtführerin zum Besten. Und dann will hier am nördlichen Ende der Deutschen Märchenstraße eine Skulptur auch noch weismachen, dass Ankommen selbst ohne Fortkommen möglich sei.
„Ich bin schon da“, feixt das listige Igelpärchen beim scheinbaren Wettlauf mit dem hochmütigen Hasen in der Buxtehuder Heide. Allerdings sei das Städtchen nicht allein wegen der Grimm´schen Märchensammlung bekannt. Buxtehude sei Deutschlands erste Stadt, die vor 700 Jahren von Holländern um ein Hafenbecken herum gebaut wurde. Und wie gesagt, ein Ort, wo Hunde ihren Schwanz bellen lassen.
Buxtehude ist Deutschlands erste Stadt, die von Holländern um ein Hafenbecken herum gebaut wurde
Niederländische Siedler nannten eine Glocke nämlich „Hunt“, woraus im Plattdeutschen missverständlich „Hund“ wurde. Das Glockengeläut hieß „bellen“. Zudem wurden in der Handelsstadt Kirchenglocken früher nicht von einem Hammer angeschlagen sondern am Seil geläutet. Das franste aber schnell aus, ähnelte dann einem Hundeschwanz und brachte den „Hund“ zum „bellen“. Seither „bellen“ in Buxtehude „Hunde“ mit dem Schwanz. Aha! Weil sich eine Ausschau nach schwanzbellenden Vierbeinern nun erübrigt - nix wie rauf auf den Drahtesel.
Einen Katzensprung entfernt breitet sich mit Millionen Apfelbäumen das größte zusammenhängende Obstanbaugebiet Nordeuropas aus. Schnurrgerade Baumreihen so weit das Auge reicht! Äste biegen sich unter dem Gewicht der knackigen Früchte. 490 Betriebe erwirtschaften im Jahr rund 320 000 Tonnen Äpfel. Kein Wunder, dass fast jeder dritte deutsche Apfel aus der Kulturlandschaft an der Elbe stammt. Kostprobe? Ein Bauer spendiert einen Beutel voll Braeburnäpfel. Hmm, schmeckt süß und angenehm säuerlich. Dann weist der Mann den Weg nach Jork.
Im Herz der Region steht an der Hauptstraße das 750 Jahre alte Landhaus „The Jork“. Außen ist sein Markenzeichen die markante holländische Dachgaube, innen der dekorativ in Szene gesetzte Weirouge Apfel. Züchter der Sorte mit tiefrotem Fruchtfleisch sind Henning Fastrich und Tiziane Kleine. Der ehemalige deutsche Hockeynationalspieler und die Italienerin kamen vor sechs Jahren aus Berlin in „dat Olland“. Sie restaurierten das Landhaus und kultivierten den rundum roten Kulturapfel an 400 Bäumen. Im Hofladen stellt Henning Fastrich weitere hausgemachte Spezialitäten auf die Ladentheke. Zuerst einen fruchtig-herben Weirouge-Apfelsaft, dann ein Fläschchen Appelceto Apfelessig, den das Paar nach dem Aceto Balsamico Verfahren herstellt. Für Tiziane ist der Apfelhof längst eine „kreative Erlebniswerkstatt“. „Vieles ist möglich“, lächelt die charismatische 58-Jährige. Aus Apfelaroma hat sie Duftkerzen entwickelt, bietet Yoga und Meditation unter Apfelblüten an und träumt von Theater und Lesungen in „The Jork“.
Draußen im Garten wartet ein hagerer großer Mann mit kurzer dunkler Jacke, Kniebundhose, weißen Stümpfen und Zylinder. Der Historiker in Altländer Tracht bittet die Hofbesucher, vom E-Bike in den Elbe-Radurlauberbus umzusteigen. Auf der Landpartie nach Stade berichtet Boy Friedrich von verheerenden Sturmfluten am großen Fluss. Damals zwangen die Katastrophen viele Obstbauern zu einem Neuanfang. Leider habe Dörte Hansen in ihrem Bestseller „Altes Land“ die Landbevölkerung „allzu klischeehaft“ charakterisiert, meint der Historiker.
Auf schmalen Straßen kurvt der Bus durch die fruchtbare Marschlandschaft und passiert Bauernschaften, Obstgärten, Deiche und Schafwiesen. Manchmal macht der Bus vor einem der prächtigen Fachwerk-Landhäuser mit filigran geschnitzten Türen einen Fotostopp. Boy Friedrich zeigt auf einen Fachwerkhof mit üppigem Garten. Auf dem Anwesen habe Schauspielerin Elisabeth Flickenschild ihr letztes Lebensjahr verbracht. Für Prominente sei das Alte Land immer noch ein beliebter Rückzugsort.
Stades Autos fahren mit dem Kennzeichen STD, das Lokalpatrioten gerne als „Schönster Teil Deutschlands“ interpretieren. Ganz Unrecht haben sie nicht. Mit vier Häfen hat die 1000-jährige maritime Perle an der Schwinge nahe am Wasser gebaut. In der Altstadt liefern sich historische Fachwerkensembles reihenweise einen Schönheitswettbewerb. Den schönsten Blick auf die Schönen der Stadt bietet eine Schifffahrt auf dem Burggraben. An der Kaimauer dümpelt ein „Kunstkudder“. Während in der Nebensaison junge Künstler den zum rustikalen Hotel umgebauten Alsterkahn als inspirierende Projektstube für ihr Kunststipendium nutzen, übernachten von Frühjahr bis Herbst Touristen auf dem kuschelig-komfortablen Wohnschiff. Strandkorb und Palmen an Deck inklusive.
Im Stadthafen hat der „Tidenkieker“ seine Fahne gehisst. Gleich lichtet das Flachbodenschiff den Anker für die nächste Ausfahrt. Zuvor aber flugs noch in die urige Fischbude „Hafenkante“: Fischbrötchen mit Prosecco. Jo, mal was anderes. Mit nur 50 Zentimeter Tiefgang ist der „Tidenkieker“ bestens geeignet, auf dem niedrigen Wasser von Schwinge und Niederelbe voranzukommen. Eine frische Brise weht durch´s Haar und begleitet die Fahrt durch die von den „Tiden“ Ebbe und Flut geprägte Gezeitenlandschaft. Yachten, riesige Containerriesen, Seeadler, Reiher und Seehundbänke ziehen wie auf einer Kinoleinwand vorbei.
Fachwerkidylle in Stade
Ahoi, Krautsand in Sicht! Ein imposanter sieben Kilometer langer feiner Sandstrand ist das Entrée zu der eingedeichten, scheinbar am Ende der Welt liegenden Elbinsel. Der Alltag kann warten. Aber Vorsicht! So verlockend ein Bad auch sein mag, wegen des hohen Wellenganges durch die Frachtschiffe will der Sprung ins Wasser gut getimt sein. Okay, dann lieber noch mal rauf aufs Rad.
Am nächsten Morgen taucht die Sonne das beschauliche Fleckchen Erde in helles Gold. Bäume tragen ihr buntes Herbstkleid. Der Fahrtwind pustet den Kopf frei. So viel Platz, so viel Natur. Pferde, Kühe, Nonnengänse und ruffreudige Pfeifenenten teilen sich die endlosen eben noch sattgrünen Wiesen. Hier und da ein Gehöft, eine Mühle. Nach 15 Kilometer zweigt der Radweg ab ins kleine Freiburg am Südwestufer der Elbe. Eine unauffällige kleine Werkshalle lässt kaum vermuten, dass in der Hatecke-Werft seit 165 Jahren Großes entsteht. Die Bootsbauer lassen sich gern über die Schulter schauen. Der Bau von Marinekuttern, von Helgolands Börtebooten sowie Holzarbeiten für ein Schwesterschiff der Gorch Fock erfüllt die talentierten Schiffszimmerer mit viel Stolz. Heute fertigt das Unternehmen auch Holzmasten, verlegt Teakholzdecks oder restauriert Traditionsboote, erzählt Elia bei einem Werksrundgang.
„By the way“, gesellt sich ein englischer Tourist zu der Besuchergruppe, und fragt: „Please, who is Oderik von Oederquart?“ Elia lächelt. „Kein Kapitän, auch kein Seeräuber – sondern ein Schiff!“ Im Hafenpriel vor dem Familienunternehmen dümpelt nach 150 Jahren erstmals wieder ein vom Stapel gelaufener flacher Holzsegler. Der Nachbau des historischen „Pfahlewer“ sei für die Menschen am Elbstrom Symbol für Heimat, Tradition und regionale Identität.
ReiseTravel Service
Informationen auch zu Fahrradverleihen: www.stade-tourismus.de/ www.tourismus-altesland.de/ www.buxtehude.de
Anreise mit der Bahn: Ab Hamburg mit S-Bahn sowie Regionalzug bis Buxtehude oder Stade.
Radwege: Im Alten Land am Elbstrom gibt es auf 1000 Kilometer acht ausgeschilderte Themenrouten mit unterschiedlichen Längen.
Übernachtungen: In Buxtehude bietet das Hotel Navigare für Kurzurlauber zwei Nächte im DZ für 298 Euro an. www.hotel-navigare.com. Im Elbstrand Resort in Krautsand kostet ein DZ ab 127,50 Euro. www.elbstrand-resort.de
Probieren: Altländer Hochzeitssuppe mit Rindfleisch, Rosinen, viel Suppengemüse und Weißbrot.. Zur Radlerpause: Saftiger Apfelkuchen vom Blech oder Apfel Zimt Taler mit Vanillepudding.
Besuchen: Museum Altes Land in Westerjork. www.museum-altesland.jork.de
Literatur: „111 Orte im Alten Land, die man gesehen haben muss“, Verlag emons, 18,95 Euro. „Altes Land“, Dörte Hansen, Verlag Penguin, 24 Euro. Als Hörbuch mit zwei weiteren Romanen 39 Euro.
Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke
Unser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.
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