Mulhouse

Elsass-Tourismus mit neuem persönlichen Service für seine Gäste

Ein freundlich lächelnder Mann tritt am Eingang meines Hotels in der Innenstadt von Mulhouse auf mich zu. Er hat mich sofort als Besucher aus Deutschland erkannt und schüttelt mir kräftig die Hand. „Ich bin Michel Wiederkehr, ihr Greeter. Und ich will ihnen meine Stadt zeigen“, sagt er in nahezu akzentfreiem Deutsch. Der 40jährige Michel ist hier im Süden von Elsass in Mulhouse geboren und als Lehrer in einer Grundschule tätig. Die Sonne eines späten Nachmittags im September hüllt die Fassaden der historischen Altstadt immer noch in einen hellen Glanz. Nicht weit vom Hotel hat Michel sein Auto geparkt und findet sogleich einen Weg durch das Labyrinth der Einbahnstraßen der Stadt.

Greeter Michel Wiederkehr

Das Ziel von Greeter Michel liegt etwas abseits von den etablierten Touristenpfaden in den Rebbergen über der Stadt. Hier steht der Aussichtsturm Tour du Belvèdère, der symbolhaft für die deutsch-französische Liason in Elsass steht. Der Turm wurde auf dem 333 Meter hohen Belvèdère im Jahr 1898 von einem deutschen Ingenieur in Stahlbauweise errichtet, der in seiner Ausführung dem Pariser Eiffelturm ähnlich ist. Wir klettern die 20 Meter hoch zur Aussichtsplattform des Turms. Vor uns liegen die Vogesen sowie der Schwarzwald mit Blick Richtung Freiburg. Gut zu erkennen ist auch das französische Kernkraftwerk Fessenheim. Es liegt nur wenige Kilometer von der deutschen Grenze entfernt. Kürzlich versprach der neue französische Präsident Hollande, die 40 Jahre alte Atomanlage nach anhaltenden Protesten auf beiden Seiten der Grenze stillzulegen.

Aussichtsturm Tour du Belvèdère

Persönliche Sicht der Einheimischen: Langweilige vorgefertigte Stadtführungen sind „out“, die persönlichen Sichten der Einheimischen dagegen sind „in“. Zu den unverwechselbaren Kennzeichen solcher innovativer Angebote zählen seit einigen Jahren die sogenannten Greeter. Das Fremdenverkehrsamt des elsässischen Mulhouse hat damit begonnen, ein Greeter-Netz aufzubauen. Die Grundidee der Greeter ist in der heutigen Online-Epoche so einfach wie naheliegend. Über die Internetseite vom jeweiligen Tourismusbüro kann der Besucher mit dem Greeter, einem Bewohner von Mulhouse, Kontakt aufnehmen, sich verabreden und dann meist in einem Zeitrahmen von zwei Stunden mit ihm gemeinsam authentisch die Stadt näher kennenlernen. Der Stadtbummel mit einem Greeter ist für den Besucher kostenlos und der Greeter sollte, so die Regeln, auch weder Bezahlung noch ein Trinkgeld annehmen.

Das Rathaus von Mulhouse im Renaissancestil

Wir erreichen wieder das Rathaus im Zentrum von Mulhouse. Hier führt mich Michel zum Geburtshaus von dem Hauptmann Dreyfus, dessen Schicksal durch den Schriftsteller Zola in seinem berühmten offenen Brief „J`accuse“ (Ich klage an) weltweit Millionen Menschen berührte. Nur eine kleine unscheinbare Tafel an der Fassade erinnert daran, für Ortsfremde schwer zu finden. Beim abendlichen Bier auf dem Platz de la Rèunion finden der Greeter Michel aus Mulhouse und der Besucher aus Berlin viele Gesprächsthemen und Michel ist besonders froh, dass er seine deutschen Sprachkenntnisse intensiv anwenden kann.

Mulhouse will und kann nicht mit den Schwergewichten an Kunst, Kultur und Geschichte der Städte Straßburg und Colmar in der Region konkurrieren. Allerdings besitzt die Stadt eine industrielle Tradition, die sich in europaweit einmaligen technischen Museen spiegelt. Und Michel hat eine dringende Empfehlung: Unbedingt ins Automuseum gehen, es bietet nicht nur für die Auto-Freaks eine faszinierende Vorstellung.

Das Auto-Paradies in Mulhouse

Michel hat völlig Recht mit seinem eindrücklichen Tipp. Niemand sollte die Stadt besuchen, ohne in das modern gestaltete Nationale Automobilmuseum hinein zu schauen. In dieser weltweit einmaligen Sammlung von rund 600 Autos werden die Stammväter wie Klassiker, Rennwagen wie Luxusautos perfekt inszeniert. Allein die große Ausstellungshalle, in der die Autos auf 17.000 Quadratmetern nach Zeitperioden aufgereiht sind, wird mit 800 Straßenlaternen (!) verziert. Und der Fachmann wie der Laie kommen aus dem Staunen nicht heraus bei der Anhäufung von Superlativen. Das Elsass war und ist einer der wichtigsten Autobauer nicht nur in Frankreich, sondern in ganz Europa. Einen Beitrag dazu leistet auch der Wolfsburger VW Konzern, der an der Wirkungsstätte des legendären Konstrukteurs Ettoro Bugatti in Molsheim seit 2005 ein Auto bauen lässt. Was heißt Auto, es ist der Bugatti Veyron von einem anderen Stern, das schnellste (400 Km/h) das stärkste (1000 PS) und das teuerste (1,6 Millionen Euro) Straßenauto der Welt. Die geheimnisumwitterte produzierte Stückzahl soll bei 300 Exemplaren liegen - einer steht in der Ausstellung von Mulhouse. www.citedelautomobile.com 

Der Erfolg der Greeter hat überrascht

„Im April letzten Jahres haben wir begonnen, erstmals Greeter in unserer Stadt einzusetzen. Und über den großen Erfolg sind wir sogar ein wenig überrascht worden“, bekennt Priscilla Thomas vom Touristenbüro Mulhouse. Die Idee der Greeter wurde vor 20 Jahren in New York geboren und hat mittlerweile weltweit, übrigens auch in Berlin, schon Nachfolger. In Mulhouse sind mittlerweile 28 Greeter im Einsatz, die sich auf bestimmte Themen wie Kultur, Architektur oder Familien mit Kindern spezialisiert haben. Insgesamt fanden 166 Begegnungen mit 395 Gästen statt. Da in Mulhouse fast einhundert unterschiedliche Nationalitäten zu Hause sind, gibt es beispielsweise auch zwei Greeter, Gloria und Carol, die aus Peru stammen.

„Wir verzeichnen in letzter Zeit eine schnell wachsende Zahl von Anfragen, auch aus der Region. Das ist auch ein Merkmal der neuen technischen Möglichkeiten des Kommunizierens“, bilanziert Priscilla vom Tourismus-Büro. „Und die vielen neugierigen Gäste wollen ja nicht nur Geld sparen, sondern suchen andere, neue Formen des touristischen Erlebnisses.“ www.greeters-mulhouse.com - www.tourisme-mulhouse.com - www.tourisme-alsace.com/de/

Ein Beitrag und Fotos für ReiseTravel von Ronald Keusch

Ronald KeuschUnser Autor ist freier Journalist mit dem Schwerpunkt Tourismus, er lebt und arbeitet in Berlin. 

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