Koblenz

Mandelblüte in der Pfalz: Mit dem Cabrio vorbei an Rot leuchtende Burgen und Schlösser

Bis April sieht die Pfalz rot: Die Behauptung, er sei modebewusst, würde der Pfälzer als verzichtbares Klamottendiktat mit der Bemerkung „babbel nit so dummes Zeich“ abtun. Gäbe es indes einen Preis für ein besonderes landschaftliches Chic – die bodenständigen Nachbarn jenseits des Rheins hätten Grund genug, sich alle Jahre wieder zur Mandelblüte über einen leuchtenden Spitzenplatz „ihrer“ Pfalz in der Topliste reizvoller südwestdeutscher Landstriche zu freuen. Vermutlich wäre ihnen ein touristischer Listenplatz der Pfalz aber ebenso wurscht wie die strapazierte schwärmerische Beschreibung ihrer Heimat als „Toscana Deutschlands“.

Wachenheim

Wachenheim

In Wachenheim führt ein kleiner Wanderpfad hinauf zur Ruine der Burg Wachenheim.

„Die Palz is` halt die Palz!“ Basta. Das genügt als Werbebotschaft. Wenn im März und April das Grau-weiß des Winters in ein frühlingshaftes Hellrosa, Rot und Weiß wechselt, hätte Barbie ihre helle Freude. Die Modepuppe hat zwar noch keinen Auftritt als Mandelblüten-Königin, das Modell würde aber ebenso stylsicher wie dekorativ dem von Pink geprägten Farbenspiel die Krone aufsetzen.

Mandelbäume lassen sich zum Glück nicht von Corona beirren. Und so zieren mehr als 35.000 blühende Exemplare die Deutsche Weinstraße von Bockenheim bis zum Deutschen Weintor in Schweigen.

Botaniker haben festgestellt, dass ein Mandelbaum bis zu 100.000 Blüten trägt. Demnach öffnen sich dieses Jahr wieder rund 3,5 Milliarden Knospen und tauchen das Weinland in einen Vollrausch zarter Farben. Weil der Pfälzer schlechthin rauschhaften Vergnügen nicht abgeneigt ist, nutzt er das Naturschauspiel zum weinseligen Willkommensgruß für den nahenden Frühling.

Auf den ersten Weinfesten des Jahres schenken Winzer Dornfelder, Scheurebe, Silvaner und Morio Muskat ein. An Dorfstraßen geöffnete Hofschänken und aufgebaute Weinstände machen Autotouren auf dem 85 Kilometer langen kurvenreichen Blütenparcours zu einem Cruisen von Traube zu Traube und von Blüte zu Blüte. So verführerisch es sein mag den optischen und flüssigen Verführungen dieser Jahreszeit zu erliegen, Autofahrer sollten rechtzeitig entscheiden: Wer hat die Hand am Lenkrad und wer am Weinglas.

Vor einem Stand am Deutschen Weintor prosten sich Ausflügler mit Gewürztraminer gefüllten Schoppengläsern zu. 1936 sei die 18 Meter hohe „Eingangspforte“ zu den Weinbergen entlang des Wasgaues und des Haardtgebirges von zwei Pfälzer Architekten in nur zwei Monaten gebaut worden, erklärt ein Pfalzkenner.

Den Winzern ging es damals schlecht, darum habe man ein markantes, werbeträchtiges Zeichen gesetzt. Während oben auf der Torgalerie noch ein Dutzend Gäste auf die blühende Pfalz hinab schauen, startet ein Cabrio zur Blütentour. Gemächlich nimmt der fünfsitzige Oldtimer Fahrt auf. Unter einer stahlblauen Himmelskulisse wie aus dem Werbeprospekt zieht an den offenen Fenstern ein Meer aus Mandelblüten vorbei. Kameras surren und klicken während sich das rollende Kulturgut Jahrgang 1962 durch Haarnadelkurven nach Bad Bergzabern schlängelt.

Pralinen

Wachenheim

Grüße aus der Konditorei: Süße Köstlichkeiten als kulinarische Verführungen zur Mandelblüte.

Am Straßenrand zeigt ein Schild nach „Dörrenbach“. Das „Dornröschen“ mit seinen Fachwerkhäuschen und dem zauberhaften Weingarten „Unter den Linden“ liegt zwischen Rebzeilen am Fuße des Pfälzer Waldes und ist wie Oberhofen, Gleiszellen oder Burrweiler eines von vielen stillen Winzerdörfchen abseits der Hauptstrecke.

Kostproben süßer Verführungen aus örtlichen Confiserien verkürzen das Warten auf den nächsten kühlen Tropfen. Spätestens in Siebeldingen, wenn der Fahrer zur Rückfahrt nach Schweigen in den nächsten Gang schaltet, sind wahrscheinlich keine Ingwermandel, kein Mandelbrot und auch keine Mandelpraline mehr übrig.

Sind die Kerne dieser Spezialitäten meistens importierte Ware sollen an der Weinstraße künftig mehr als derzeit nur 5 Prozent „weiße“ Bäume mit essbaren Mandeln blühen.

Bis 1900 habe die Pfalz die für das Herz gesunden Früchte ausschließlich zum Verzehr angebaut und in ganz Deutschland verkauft, weiß der Experte von der Gartenakademie Pfalz: „Erst später als die Ernährung sicher gestellt war, entschied man sich für die rosarote Zierpflanze.“ Mit dem Anbau der „Palatina“, einer mit bloßen Händen zu knackenden regionalen süßen Krachmandel, will die Pfalz dem Augenschmaus im Frühling Gaumenfreuden im Herbst folgen lassen.

Draußen legt schon die Dämmerung ihren dunklen Mantel über die Pfälzer Berge. Noch zehn, noch fünf noch eine Minute - dann sieht die Pfalz rot.  Mehr als ein Dutzend Burgen, Schlösser und Kapellen leuchten ins nahende Dunkel. Der spektakuläre Lichtzauber ist allerdings weniger das Resultat eines technischen Kunstgriffs als vielmehr Ergebnis einer kunstsinnigen Idee des Pfälzers Michael Seyl. Der hatte schon 1998 Farbfilter auf Strahler montiert und eine „Burgenröte“ inszeniert. Bis die Ausflugsgäste zurück am Deutschen Weintor eine Saumagenpfanne, einen „Schiefen Sack mit Kraut und Brot“ (Leberknödel mit Bratwurst) oder eine Grumbeersupp mit Hawwedampnudle (Kartoffelsuppe und Dampfnudeln) serviert bekommen, begleiten abendliche Traumbilder von der Madenburg über Eschbach, der Burg Landeck bei Klingenmünster und vom Schloss in Bad Bergzabern die Fahrt.

Schade, dass eine der schönsten und originellsten Burgen der Pfalz im Schatten der Lichtbilder-Route bleibt. Dabei würde allein schon der Standort die Burg Berwartstein für das touristische Farbenspiel qualifizieren. Im Dahner Felsenland hoch über Erlenbach thront die komplett wieder aufgebaute Raubritterburg aus dem 12. Jahrhundert auf einem gewaltigen roten Felsklotz.

In der Geschichte der immer noch bewohnten alten Reichsburg spielen Kaiser Barbarossa und ein blutrünstiger Ritter namens Hans Trapp eine unterhaltsame Rolle. Zu den kuriosesten mittelalterlichen Funden zählt ein „Arschwärmer“. Ab wann dieses Luxusteil aus der Vergangenheit ritterliche Hinterteile wärmte, erfahren Besucher bei einer Burgführung durch Folterkammern und geheime finstere Gänge.

15 Kilometer entfernt von Bad Bergzabern sorgt in Herxheim eine andere „Gaunerbande“ für Theater. Das freie Ensemble „Cawwerusch“ (Komplize, Bandit) zog noch vor rund 30 Jahren mit einem Karren als Wandertheater durchs Land. Zwar hat die Truppe mit ihrem ureigenen Pfälzer Charme längst eine feste Spielstätte für ihre mal mit mal ohne Dialekt gespielten Alltagsgeschichten, im Frühling bepackt sie aber schon mal ihren LKW und tritt auch unter blühenden Bäumen, vor Burgen und in Weingütern auf.

Nach fast drei Stunden Blüten- und Lichterschow gehört die Schlussszene noch einmal dem Deutsche Weintor. Knallrot und violett leuchtet das Denkmal in die weite Ebene als das Cabrio jetzt „oben mit“ zum Finale hupt. Wer auf den Mandelgeschmack gekommen ist, meldet sich jetzt für eine Blüten-Wanderung mit rosaroten Aussichten in die Rheinebene an. Aber Vorsicht vor einem Niesanfall!

Rosarot

Rosarot

Alles rosarot – auch ohne die bekannte Romantikerbrille.

ReiseTravel Service

Die Pfälzer Mandelwochen mit leuchtenden Burgen und Schlössern jedes Jahr im März und April statt.

Informationen zur Mandelblüte und zu Veranstaltungen: Südliche Weinstraße e.V. An der Kreuzmühl 2, 76829 Landau. Telefon 06341 / 940-407. www.suedlicheweinstraße.de  Dort gibt es auch Informationen über preiswerte Unterkünfte in Fremdenzimmern und auf Winzerhöfen.

Hotel-Tipp: Weingut Fritz Walter, Niederhornbach, (nahe Bad Bergzabern) DZ/HP ab 236 Euro. www.fritz-walter.de

Schweigener Hof, Schweigen-Rechtenbach (am Deutschen Weintor), DZ/F ab 72 Euro. www.schweigener-hof.com

Restaurant-Tipp: „Leiling“. Gutsausschank mit romantischem Garten und Pfälzer Spezialitäten. Schweigen-Rechtenbach (Am Deutschen Weintor). www.weingut-leiling.de  

Burg Berwartstein in Erlenbach: Telefon: 06398 / 210 und 1234. E-Mail: www.burgberwartstein.de Öffnungszeiten und Führungen auf Anfrage. Geöffnet voraussichtlich ab April.

Cawwerusch Theater in Herxheim bei Landau. Telefon: 07276 / 5991. Spielplan und Kartenbestellungen E-Mail: www.cawwerusch.de

Literatur: Gerd Boegner: “Im Süden der Pfalz. Rebland, Wälder, Burgen“. Info Verlag Karlsruhe.                                      

Ein Beitrag mit Fotos für ReiseTravel von Manfred Lädtke.

Manfred LaedtkeUnser Autor lebt und arbeitet in Karlsruhe.

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