Exter

Seine Seele baumeln lassen in Orten der Ruhe und Stille an den Autobahnen

Orte zum Entspannen: Jeder Reisende ist willkommen. Deutschland verfügt über ein sehr gut ausgebautes und funktionierendes Autobahnnetz. Diese Bundesautobahnen werden vielfach genutzt von In- sowie Ausländern. Dabei handelt es sich um Berufskraftfahrer im LKW oder Bus und im PKW reisende Geschäftsreisende, Handwerker sowie Privatreisende. Dann benutzen auch noch Motorradfahrer, mal mit, mal ohne Beiwagen, diese Straßen. Alle Beteiligten wissen, jede Fahrt, sei sie auch noch so kurz, steckt voller Gefahren. Man selber kann noch so hellwach und aufmerksam und mit einem technisch einwandfreien Fahrzeug fahren, niemand garantiert diesem Autofahrer, dass nicht ein anderer Verkehrsteilnehmer immer „bei der Sache“ ist. Es gibt auch Fahrer, die alkoholisiert, bekifft oder mit einem „Schrottauto“ unterwegs sind und nicht nur sich, sondern auch andere Gefährden und in Lebensgefahr bringen. Hinzu kommen noch solche verbrecherischen Akte, wie wir sie erleben mussten und immer noch erleben. Im Herbst 2014 verurteile ein Gericht einen deutschen LKW Fahrer zu einer langen Haftstrafe. Er hatte mehrfach mit einer Pistole von seinem Führerhaus aus auf Verkehrsteilnehmer an der Autobahn geschossen. Dabei traf er eine Autofahrerin sogar am Hals und verletzte sie schwer. Dann gibt es noch die Volltrottel, die mit einem Laserpointer von Brücken aus Autofahrer blenden oder Steine von der Brücke werfen. Ebenso muss jeder Autofahrer einkalkulieren, ein Tier taucht plötzlich auf der Autobahn auf. Das kann das Wildschwein sein oder das von der Koppel entwichene Pferd. Hinzu kommen Menschen als große Gefahr für den Autofahrer. Es hat auch schon traurige Fälle auf Autobahnen gegeben, wo verwirrte oder an Demenz leidende Menschen die Autobahn als Spaziergänger benutzt haben und dabei ums Leben kamen und auch der Autofahrer, der aufgrund einer Vollbremsung in den Gegenverkehr geriet. Bedauerlicherweise haben lebensmüde Mitbürger auch schon lange die Autobahn entdeckt, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Bei diesem Suizid gefährden diese Selbstmörder auch andere Menschen.

Bei all den vielen vorhandenen Gefahren ist es durchaus gut, an der Autobahn Orte zu wissen, wo der Autofahrer und seine Begleiter in Ruhe einmal die Seele baumeln lassen können. Die Autobahnkirchen sind an 365 Tagen im Jahr meist 24 Stunden geöffnet. Jeder kann dort „durchatmen“ und philosophieren. Der Gast in den Autobahnkirchen wird von niemandem gefragt, welche Religion er hat und ob er überhaupt eine Religion hat.

Autobahnkirche AutobahnkapelleVlotho Exter, Autobahn A 2 Dortmund Richtung Hannover, knapp einen Kilometer von der Autobahn entfernt liegt die Autobahnkirche als Ortskirche, wo Hochzeiten und Taufen stattfinden.

Die Autobahnkapelle ist keine Erfindung der Neuzeit. Schon seit dem Mittelalter gab es für Fuhrunternehmer, die mit Pferd und Wagen ihrer Tätigkeit nachgingen, kleine Kapellen am Wegesrand. Die erste Autobahnkirche in Deutschland hieß 1958 ihre Gäste willkommen. Die Autobahnkapelle „Maria, Schutz der Reisenden“ an der A 8 bei Adelsried im Landkreis Augsburg öffnete ihre Pforten. Mittlerweile gibt es über 40 Autobahnkapellen, die jüngste kam im Juni 2014 hinzu. Der evangelische Berliner Landesbischof Dröge weihte die Autobahnkirche von Zeestow bei Nauen am Berliner Ring ein.

Die Träger einer Kirche an der Autobahn sind immer die katholische oder evangelische Kirche. Meistens ist der Pfarrer der nächstgelegenen Kirchengemeinde für die Autobahnkapelle zuständig. Gelegentlich, besonders in der Reisezeit im Sommer, bieten die Seelsorger und andere kirchliche Mitarbeiter auch Gottesdienste oder persönliche Gespräche in den Gotteshäusern an der Autobahn an. Architekten sprechen von Autobahnkirchen, wenn es sich um große Gebäude handelt.

Eine Autobahnkapelle ist wesentlich kleiner, muss aber eine Bedingung erfüllen: Mindestens 40 Menschen müssen dort Platz finden. Darauf haben sich die beiden großen Kirchen geeinigt, als sie den Plan der Autobahnkirchen in die Tat umsetzten. Die Zahl 40 kommt zustande, dass eine Busreisegruppe geschlossen in diese Kapelle gehen kann und jeder Reiseteilnehmer mit all seinen Mitreisenden im Gotteshaus in Verbindung steht. Eine Autobahnkapelle ist immer dort anzutreffen, wo auch eine Raststätte oder zumindest sich eine öffentliche Toilette an diesem Parkplatz befindet. Der Reisende soll, so er es möchte, die Gelegenheit haben, sich sauber und gewaschen im Gebet Gott zu nähern. Es gibt einige wenige Ausnahmen, wo sich keine Waschgelegenheit an der Kapelle befindet. Das sind dann die Kirchen, die unmittelbar an der Autobahn liegen. Der Autofahrer muss aber die Autobahn verlassen, um diese Kirchen aufzusuchen. Das ist beispielsweise bei der Kapelle in Exter der Fall. Die in Vlotho Exter an der Autobahn A 2, Dortmund Richtung Hannover, gelegene Kirche liegt knapp einen Kilometer von der Autobahn entfernt und dient der evangelischen Gemeinde im westfälischen Exter auch als Ortskirche, wo Hochzeiten und Taufen stattfinden.

Wir stellen unseren werten Usern eine Autobahnkirche im Detail vor. Es handelt sich dabei um die Autobahnkapelle Münster Roxel. Sie befindet sich auf der Autobahn von Münster nach Osnabrück.

Das ist die auch als Hansa Linie bekannte Autobahn. Am Rasthof Münsterland befindet sich diese Kirche. Der aus Nienberge im Münsterland stammende Architekt und Künstler Hubert Teschlade zeichnete für die Autobahnkapelle Münsterland verantwortlich. In Münster erblickte er 1921 das Licht der Welt, hier verstarb er auch am 4. März 2014. Er baute die Kirche äußerlich so, dass sie wie ein Zelt wirkt. Damit wollte der Baumeister den Charakter des Reisens darstellen. Da Hubert Teschlade auch Bildhauer von Beruf war, fertigte er selber das Kruzifix in der Kapelle an. Der katholische Bischof von Münster bat um Spenden, damit die Gemeinde eine Autobahnkirche errichten konnte. Im Sommer 1968 setzte die Kirchengemeinde den Grundstein und im Juni 1969 erfolgte die feierliche Einweihung. In jeder katholischen Autobahnkirche ist ein Bild oder eine Skulptur vom Schutzpatron aller Reisenden, St. Christopherus, zu sehen.

Weihbischof Heinrich Baaken, der von 1900 bis 1976 lebte, regte auch an, ein Buch auszulegen. Dieser Gedanke ist heute in allen Autobahnkirchen umgesetzt worden. Es handelt sich dabei um ein leeres Buch. Der Reisende kann dort seine Wünsche und Bitten eintragen. In den Büchern finden sich immer alle Schriften und Sprachen der Erde wieder. Reisende aus Russland tragen ihre Bitten in kyrillischer Schrift ein, Gäste aus Frankreich benutzen zwar die uns Deutschen vertraute lateinische Schrift, aber richten ihre Wünsche natürlich in ihrer Sprache aus. Die Westfalen sind für ihren trockenen Humor bekannt. Ein weit gereister Gast soll den Weihbischof aus Münster gefragt haben, ob dieser ihm denn garantieren könne, dass der Besuch in der Autobahnkapelle von Nutzen für die Reisenden sei? Der Geistliche antwortete, dass er dies keineswegs tun könne. Der Kirchenbesucher strahlte und teilte mit: „Das höre ich gerne. Da bin ich aber froh wegen dieser ehrlichen Antwort aus Ihrem Munde.“ Der Weihbischof erklärte: „Ich bin ja auch noch gar nicht fertigt mit meinen Ausführungen. Ich kann Ihnen aber garantieren, der Besuch einer Autobahnkirche schadet weder Ihnen noch anderen Personen.“ www.kirchen-und-kapellen.de/Autobahnkirchen 

ReiseTravel Fact: Wer auf der Reise nicht mit dem Bleifuß unterwegs sein möchte und noch Zeit für eine eigene seelische Erquickung hat und dies zu schätzen weiß, macht eines: Er plant ein paar Minuten Zeit ein und betritt die Kirche an der Autobahn. Das entspannt den Autofahrer und seine Begleiter und erfrischt das Hirn nach oft stundenlanger Fahrt.

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Volker T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravel.euUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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