Pünderich

Im romantischen Moseltal wird Tradition bewahrt und Zukunft gestaltet. Sechs junger Winzer kreieren neueste, coole Weine: Eine alte Metzgerei hat sich in ein modernes Landidyll Hotel verwandelt!

Golden der Wein: Mit dem Sonnenaufgang ziehen die leichten Nebelschleier der Nacht sanft über die Weinhänge hinweg. Ab und an tuckert ein Traktor oder Mähdrescher durch die Dorfstraßen des malerischen Weinortes Pünderich. Anwohner öffnen Fenster und Tore, stellen Bänke vor ihrem Haus. Es ist nicht zu übersehen, dass der Wein diesen Ort geprägt hat. Kunstvoll verzierte Weinreben aus Schmiedeeisen als Gartentür oder Briefkasten. Auf Wandmalereien spiegelt sich das Weinthema. Oder auch echter Wein, der die Fassaden gestaltet. Artefakte des Weinhandwerks, Maschinenelemente und Anlagen einer vergangenen Zeit schmücken die engen Gassen und Häuser.

Familienweingüter mit langer Tradition

Wein aus Puenderich by ReiseTravel.eu

Heidi Kallfels gießt draußen die Blumen, die eine ausrangierte Weinpresse dekorieren. Die Weinbäuerin ist an der Mosel groß geworden und zeigt stolz ihren Keller, in dem einst die Fässer gelagert wurden. Die alte Rampe vor ihrem Haus erinnert daran, wie früher die Fässer mit Hebelstangen in den Keller hineingerollt und wieder herausgezogen wurden. Manche Weinbauern ließen sich später Aufzüge einbauen. Heidi Kallfels verkaufte ihr Weingut, als sie Rentnerin wurde. Ihre Söhne hatten andere berufliche Pläne. Das bedauert sie sehr. Auch das Rentendasein war anfangs eine große Umstellung. „Es fehlte mir etwas. Wir waren rund um die Uhr mit dem Wein beschäftigt. Die Arbeit war sehr hart. Aber ich mochte es gern, in den Weinbergen stehen und nach dem Tageswertk zu hause noch die „Strausswirtschaft“ zu führen.“ Strausswirtschaft ist eine Art Gaststätte und ihr Name entstammt einem alten Brauch. „Erntete man einen Weinberg ab, wurden die freien Triebe der Reben zu einem Herzen gebunden und am letzten Stock Bänder befestigt. Das sah dann aus wie ein schöner Strauss.“ Dieser Brauch wird bis heute gepflegt.

„Germany Coolest Wine“

Die Zeit, da Oma, Opa, Onkel, Tante und selbst die Kinder mit zupackten, die werde es zukünftig so nicht mehr geben. Dem Trend, dass familiär betriebene Weingüter immer mehr verkauft und irgendwann aussterben könnten, wollen sechs Junge Winzer etwas entgegensetzen. Sie haben sich zusammengetan, ihre Energien gebündelt, um auf den alten Steillagen unverwechselbare Weine zu produzieren. Die Jungunternehmer gründeten das sogenannte „Riesling Cartell“. Noch ist die Mosel behaftet mit den charakteristischen, süßen Weinen. Auch wenn der Trend auf trockene Weine setzt, machen die Nachwuchswinzer die weißen Rebsorten, den bekannten Riesling wieder attraktiv. Spritzig, frisch und fruchtig soll er sein, wie er junge Leute anspricht. Eben ein„Germany Coolest Wine“.

„Qualitativ hochwertige Weine entstehen nicht im Keller. Sie wachsen im Weinberg“, sagt der Markus Busch, einer der jungen Winzer. „Deshalb bewirtschaften wir unsere Weinberge seit 2015 nach den Richtlinien des ökologischen Weinanbaues, achten auf besonders schonenden Ausbau und verzichten auf unnötige Eingriffe und Hilfsmittel.“ Sämtliche Maßnahmen des Pflanzenschutzes, der Düngung und der Bodenbearbeitung sind auf den Erhalt des Ökosystems ausgerichtet. Ein Grund dafür, dass diese Weine auch für Veganer geeignet sind.

Markus Busch, dessen Weinbau seinen Ursprung bereits im Jahr 1576 hat, führt seit 13 Jahren die Geschicke des Familienunternehmens fort, besinnt sich dabei auf bewährte Tradition und folgt zugleich technisch moderner Methoden und Erkenntnisse. Es scheint, als erlebe der Riesling eine Renaissance. Die Steillagen der Weinanbaugebiete seien besonders schwer zu bewirtschaften. Bei Steigungen wie im Hochgebirge ist Weinerzeugung hier Knochenarbeit. Damals nutzten schon römische Siedler die Südhänge der Flusstäler zum ersten Mal für den Weinbau und begannen , eine einzigartige Kulturlandschaft zu formen. Jetzt produzieren die Jungen Winzer unverwechselbare Weine von Weltrang. Noch packen die meisten Familienmitglieder mit an, oft ohne Entlohnung, sonst würde das nicht klappen. So reicht eine Generation der nächsten das Erbe weiter.

Wein aus Puenderich by ReiseTravel.eu

Für die Gesundheit, Fröhlichkeit und den guten Schlaf!

„Die Leute in Pünderich, ob Handwerker, Landwirte oder Winzer, sie alle sind mit dem Wein groß geworden. Die ursprünglichen Familienweingüterreichen bis zu 300 Jahren zurück. Hier dreht sich alles um den Wein,“ meint Matthias Lay, der auch zum „Riesling Cartell“ gehört. „Ich bin hier aufgewachsen. Der Weinbau ist mein Leben. Ich konnte mir nie etwas anderes vorstellen. Es ist für mich eine Ehre, fortzuführen, was meine Vorfahren begonnen haben. Dass ich Winzer werden wollte, habe ich schon in meinem Poesiealbum geschrieben. Die Romantik vergeht allerdings mit der schweren Arbeit, den klimatischen Bedingungen, dem Ausgeliefertsein von Frost und anhaltenden Regenperioden.

Der Vater von Matthias Lay und auch sein Urgroßvater produzierten den Wein damals noch in Fässern aus Eichenholz. Das machte die Arbeit zwar aufwändiger, doch durch die Poren gelangt Luft an den Wein, so dass er eher reifen kann. Diese Methode greifen die Jungen Weinbauern wieder auf. „Natürlich könnte ich ein besseres Leben haben, festangestellt in einer Weinbetriebswirtschaft. Aber das wäre nicht das gleiche. Die Tradition eines ursprünglichen Weinbaues zu erhalten, darin liegt mein Ansporn, meine Kraftquelle. „Wir werben vor Ort, im wahrsten Wortsinne mit Mund zu Mund Propaganda. Unser Wein ist eine Mischung zwischen Handwerk und Kunst. Man braucht viel Gefühl, wenn es um den Geschmack geht.“

Die Trinksprüche des „Riesling Cartells“ sind wie schon die ihrer Vorfahren einfach und naheliegend: „Für die Gesundheit. Für die Fröhlichkeit. Für den guten Schlaf!“

Metzger mit Leib und Seele

Eine kleine Fähre überquert die Mosel von Pünderich zu den Weinbergen auf der anderen Seite des Flusses, umgeben vom romantischen Moseltal, den weiten Wiesen und Wäldern. Unter den Treppenstufen der Steillagen bauen Eidechsen ihre Nester. Falter tanzen wirbelnd durch die Luft. Die Sonne strahlt ihr schönstes Licht auf bunte Astern oder Felsengoldstern.

Horst Rudolf Burch steht am steilen Hang der Weinberge und träumt alten Zeiten nach, erinnert sich an die Erzählungen seines Opas, wie der mit schweren Kiepen voller Mist die Stufen aufwärts stieg und der stinkende Saft von dem schweren Dung ihm den Rücken hinunter lief. Wenn Horst Rudolf Burch heute vom Weinberg auf die Dächer von Pünderich schaut, gehen ihm viele Geschichten durch den Kopf, die von Nöten, Tragödien aber auch vom Glück der Menschen erzählen. Für Horst Rudolf Burch ist Pünderich Heimat. „Wenn ich zu den Nachbarn gehe, ist die erste Frage: Trinkst du ein Gläschen Wein mit uns? Dann fühle ich mich zuhause. Ich liebe das Dorf, die Menschen, hier ist nicht das Paradies, aber man hat alles. Einsam, ohne ein soziales Umfeld ginge doch jeder Mensch kaputt“, ist sich Horst Rudolf Burch sicher. Nur mehr Zeit wünschte sich Horst Rudolf Burch, um die Kontakte pflegen zu können.

Der Name Burch ist in Pünderich und Umgebung ein Begriff. Die schon vom Großvater geführte Metzgerei war für ihre Fleischspezialitäten berühmt - und der Enkelsohn Rudi führte das Handwerk mit Herzblut fort. „Schon im Kindergarten malte ich mich auf Bildern als Metzger. Als Junge, wenn Opa Schweine oder Rinder beim Bauern abholte, habe ich mich auf dem Wagen heimlich versteckt, um beim Schlachten mit dabei zu sein.

Seines Glückes Schmied

Über 30 Jahre betrieb Horst Rudolf Burch den Metzgerei Betrieb in 3. Generation weiter. Vor gut einem Jahr hat er das alteingesessene Betriebsgelände samt Gasthaus in das moderne Landidyll Hotel „Zur Marienburg“ verwandelt, gemeinsam mit Ehefrau und den beiden Töchtern.

Sein Motto: „Wohnen in der Moderne, leben in der Tradition.“ Auch im Landidyll zieht sich das Thema „Wein“ durch alle Bereiche. Denn die Vorfahren der Burchs waren ebenso Winzer, Weinliebhaber mit tiefen Wurzeln zur Moselregion.

Manche Leute in Pünderich halten den Mezger für verrückt. „Sie sagen ich sei größenwahnsinnig, dass ich das Hotel gebaut habe. Aber ich denke, wenn ich keinen Schritt gehe, bleibe ich stehen. Ich hatte schon immer ein Gefühl für meine Träume.“ In der Küche des Hotels zaubert er aus regionalen Spitzenprodukten Filetsteak vom Edelrind oder Opa Rudis Sauerbraten, als auch trendige vegetarische und vegane Optionen. Auch ihm steht die Familie zur Seite. Bei ihnen heißt es: „Gemeinsam sind wir stark.“

Der 51-Jährige blickt nach vorn mit Wagemut und Klarheit. Seine Frohnatur, ernsthaft im Unternehmen und fröhlich gut gelaunt, kommt ihm dabei zugute. Er schätzt die kleinen Dinge, freut sich über Blumen am Wegesrand oder über das Lächeln der Gäste. „Natürlich muß man seine Hausaufgaben machen, damit das Schiff gut im Wind steht“. Nur so bin ich meines eignen Glückes Schmied“, sagt der schlanke vitale Mann, dessen graublaue Augen verschmitzt daher schauen.

ReiseTravel Service

Zur Marienburg - Hotel. Restaurant, Hauptstraße 32, D-56862 Pünderich/Mosel, Telefon 0654218144-0

Weingut Markus Busch - Schulstraße 6, D-56862 Pünderich/Mosel, Telefon 065422810

Ein Beitrag mit Foto für ReiseTravel von Christel Sperlich

Christel Sperlich ReiseTravel.euFernsehjournalistin Christel Sperlich entdeckt gern die ungewöhnlichen Geschichten hinter dem Abenteuer Reisen.

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