Ruhland

Sonderstudio Verfassung sendete direkt aus Ruhland

Man könnte das kleine Städtchen Ruhland im Süden Brandenburgs mit Donald Duck vergleichen: es ist nicht so chaotisch, aber einfach und liebenswert und seit seiner frühesten Geschichte stets von einer guten Portion Pech verfolgt.

Romantisch und reich?

Das sind Beschreibungen, die nicht zu der Kleinstadt und nicht zu Donald Duck passen!

Ruhland und Donald Duck sind bodenständig. Aktuell bestimmen in Ruhland ein nach historischem Vorbild restaurierter Marktplatz, ein altehrwürdiges Rathaus, eine schlichte, aber schöne Kirche, ein renovierungsbedürftiger Bahnhof, zwei Kindergärten, eine Schule, ein gepflegter Friedhof, ein paar kleine Geschäfte und die allgegenwärtigen Discounter das Ortsbild der rund 4.000 Einwohner zählenden Stadt.

20 Kilometer von der Grenze zu Sachsen entfernt, gehört Ruhland zum Landkreis Oberspreewald-Lausitz. Die Verkehrsanbindung ist hervorragend. In nördlicher Richtung erreicht man über die Autobahn A13 in 1,5 Stunden Berlin und gen Süden in 45 Minuten die sächsische Landeshauptstadt Dresden. Zu beiden Metropolen gehören schnell und gut erreichbare Flughäfen. Beste Voraussetzungen also, aber bisher war es Ruhland nicht vergönnt, den größt möglichen Nutzen aus seiner Lage zu ziehen.

Evangelische Kirche

Ruhland Evangelische Kirche

Preußen – Schlesien – Sachsen - Brandenburg

1317 wird das einstige Fischerdorf mit florierendem Handel unter dem Namen „Ruhlandt“ erstmals urkundlich erwähnt, historische Funde weisen aber auf eine bereits ab 2500 v. Chr. bestehende Besiedlung hin. Seit 1319 gehört Ruhland zu Böhmen und wird 1397 in einer Urkunde König Wenzel von Böhmen zum ersten Mal als Stadt bezeichnet.

1410 bis 1431 sind die ersten harten Jahre, die die Chroniken dokumentieren: In Ruhland und Umgebung sterben 100.000 Menschen an den Folgen einer Hungersnot, der Pest und einem Erdbeben. Mit dem Hussitenkrieg gehen zeitgleich Not und Elend einher. Erst im 16. Jahrhundert bahnt sich endlich einen Aufschwung an. Als wichtige Zollstation zwischen Ober- und Niederlausitz schützen die Stadt im Mittelalter die „Kaupenburg“, drei Stadttore, zwei Wälle und ein Wassergraben. Aus dieser Zeit stammt auch die „Schänke zum Zollhaus“, die bis 1575 dem Kurfürsten von Sachsen gehörte. Das Zollhaus findet man heute noch am nördlichen Ortseingang.

Doch der Wohlstand der Ruhlander währt nicht lang, denn der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) zwingt die Menschen bald in die Leibeigenschaft. Feuer und Plünderungen zerstören die ab 1635 zu Kursachsen gehörende Stadt fast vollkommen. In den folgenden Jahren wird Ruhland zwar notdürftig wieder aufgebaut, aber diesmal zwingt die Natur die Einwohner in die Knie: harte Winter, trockene, heiße Sommer, Hochwasser und eine Heuschreckenplage wechseln sich ab. Und immer wieder werden in den Chroniken großflächige Brände verzeichnet.

Ruhland ist bodenständig

1705 und 1712 verweilt herrschaftlicher Besuch in dem beschaulichen Ort an der Elster. August der Starke, schillernder Kurfürst von Sachsen, erweist sich die Ehre, führt 1705 jedoch die Akzise (Steuer) ein. 1729 beschreibt der Akziseeinehmer G. Bürger Ruhland als „kleines, armseliges Landstädtchen, in dem es nur arme, der Herrschaft untertänige Leute gibt.“ Damals zählt die Stadt 196 meist aus Holz erbaute und mit Schindeln oder Stroh gedeckte einstöckige Häuser. Eines dieser Holzhäuser aus dem Jahre 1762 ist in der Dresdener Straße erhalten geblieben und steht nun unter Denkmalschutz.

Am 22. August 1768 ereignet sich eine der größten Tragödien in der Geschichte Ruhlands: Um halb sechs Uhr abends bricht in der Nähe des Markplatzes Feuer aus, entwickelt sich rasend schnell zum Totalbrand und fordert ein Todesopfer. Nur wenige Häuser, Scheunen und Mühlen werden verschont. Nachts zerstört ein heftiges Gewitter mit Hagelschauern alles, was die Menschen vor den Flammen retten konnten. In der „Klepper-Chronik“ (790-1914, 1922 geschrieben vom kommissarischen Bürgermeister Klepper) heißt es: „Wie ein roter Faden zieht sich durch unsere Chronik fortlaufend der Bericht über ständige Brandunglücke. Wohl allein diesen traurigen Umständen ist es zuzuschreiben, dass Ruhland ein armes Städtchen, klein an Ausdehnung und Einwohnerzahl geblieben ist und nicht den Aufschwung nehmen konnte, der ihm bei seiner günstigen Lage beschieden gewesen wäre.“

Am 01. Oktober 1806 erklärt Napoleon Preußen den Krieg. Obwohl sich Sachsen die Neutralität sichert, erlegen die Franzosen dem Land, und somit auch Ruhland, eine Kontribution auf. 1812 ziehen die Truppen auf dem Weg nach Russland durch die Stadt. Bald wechseln sich die Durchzüge von Freund und Feind permanent ab und saugen die Ruhlander mit ihren wenigen Habseligkeiten und Vorräten förmlich aus. 1815 muss Sachsen nach dem Friedensabkommen mit Preußen einen Teil der Oberlausitz abtreten. Damit kommt Ruhland zum Staat Preußen und 1825 zur Provinz Schlesien.

Es geht bergauf. Zwar berichten die Chroniken auch weiterhin von schwierigen klimatischen Bedingungen und kleineren Bränden, beschreiben aber auch die Beendigung des Untertanen-Verhältnisses zur Herrschaft Guteborn, viele Firmengründungen, die Erbauung eines Rathauses und die Einführung einer selbstständigen Kreisgerichtskommission. Diesbezüglich werden in der „Elster-Chronik“, dem seit 1875 existierenden Nachrichtenblatt der Stadt, zwei Gerichtsurteile vom 10. Januar 1884 veröffentlicht. Einmal gegen einen gewissen Häusler Noack aus dem Nachbardorf Arnsdorf, der wegen vorsätzlicher körperlicher Misshandlung seiner Schwiegermutter zu einer Geldstrafe von 10 Mark oder einem Tag Gefängnis verurteilt wird. Des Weiteren gegen zwei betrunkene Straftäter, die an einem öffentlichen Weg zwei junge Birken abgebrochen haben. Das Strafmaß wird mit 20 Mark oder 2 Tagen Gefängnis festgesetzt.

Die Elster-Chronik verleiht aber auch allen Bürgern eine Stimme, die per Annonce ihre Anliegen kundtun können. Die Einträge treiben von Zeit zu Zeit ähnlich wunderliche Blüten wie die beschriebenen Gerichtsurteile. Im Mai 1885 heißt es beispielsweise: „Meine Frau ist seit Freitag den 22ten des Monats abhanden gekommen. Wiederbringer bezahlen 20 Mark Strafe.“

Die Elster-Chronik wird von der Firma C. G. Grubann Ruhland heraus gegeben, die Druckerei ist bis heute in der Berliner Straße erhalten.  

Ruhland lebt

Eine Volkszählung im Dezember 1880 ermittelt 1.900 Einwohner und wächst bis zum Jahre 1900 auf 2.413 Personen. In diesem Zeitraum eröffnen die ersten Schulen, die Stadt wird an den Eisenbahnverkehr angeschlossen, Straßen werden ausgebaut und ab dem 20. Mai 1906 brennt in Ruhland elektrisches Licht.

Trotz des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) wächst die Einwohnerzahl stetig an. 1919 sind es bereits 3.011 Bürger. Als die Inflation im November 1923 ihren Höhepunkt erreicht, verzeichnet Ruhland 136 arbeitslose Personen. Die Zahl fällt in den Folgejahren jedoch auf einen Durchschnitt von 20 Erwerbslosen.

Im Dritten Reich befiehlt Adolf Hitler den Bau der Reichsautobahn (1936), die an Ruhlands Stadtgrenze entlang verläuft und 1939 werden Wasserleitungen im gesamten Ort verlegt.

Im Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945) fallen am 24. August und am 12. September 1944 Bomben auf Ruhland, 12 Einwohner sterben. 1945 folgen mehrere Luftangriffe, bei denen 18 Häuser zerstört werden. Insgesamt verliert die Stadt in diesem Krieg 140 Einwohner.

Seit 1945 gehört Ruhland wieder zu Sachsen, widmet sich dem Wiederaufbau und der Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und mit kommunalen Einrichtungen.

Am 07. Oktober 1949 wird die Deutsche Demokratische Republik (DDR) gegründet, Ruhland findet sich nun im Sozialismus wieder. Die Bildung von volkseigenen Betrieben, Produktionsgenossenschaften des Handwerks und der Landwirtschaft sowie der Wohnungsbau stehen im Vordergrund des neuen Zeitabschnitts. Das Ortsbild verändert sich, das Kopfsteinpflaster des Marktplatzes weicht einem großen, betonierten Busbahnhof mit unansehnlichen Wartehäuschen aus gelbem Kunststoff.

1955 wird die erste Jugendweihe gefeiert, als sozialistische Alternative zur kirchlichen Konfirmation, und 1956 geht das Fernsehen der DDR auch in Ruhland auf Sendung.

Am 2. März 1968 19.30 Uhr sendete der Deutsche Fernsehsehfunk Live aus dem „Cafe Alwin Jank“ in Ruhland

Ruhland DFF Cafe Jank

Fernsehchef Hans Höschel im Gespräch mit Elektromeister Josef Heilmeier - weitere Einwohner der Stadt und Fernsehmitarbeiter, kurz vor der Sendung. Das Thema der „Aktuelle Kamera“ lautete: Neue Verfassung der DDR. Wegen „kulinarischen“ Mangels, kam damals das Catering für alle Beteiligten übrigens aus Dresden, vom dortigen Interhotel „Astoria“.

Das 1982 im VEB Tourist Verlag erscheinende „Reisebuch DDR“ beschreibt in seiner 4. Auflage von 1986 die Region rund um Ruhland wie folgt: „Die Niederlausitz ist wirtschaftlich gesehen heute ein Gebiet mit ausgedehntem Braunkohlebergbau und einer Braunkohle veredelnden und verarbeitenden Industrie. Die größte Rolle spielen die Energiegewinnung aus Braunkohle in Großkraftwerken und die Gaserzeugung. … In ausgekohlten Tagebauen sind nach ihrer Auffüllung durch Grundwasser musterhafte Naherholungsgebiete entwickelt worden (Knappensee, Senftenberger Seenlandschaft).“ Ruhland selbst empfiehlt der inländische Reiseführer auf seinen 334 Seiten nicht, vielleicht aus gutem Grund, hatte sich Ruhland doch bereits seit den 1960er Jahren zum begehrten Ausflugsziel für die Jugend etabliert. Im historischen Zollhaus, nun genutzt als Gaststätte mit Tanzsaal, entsteht unter der Wirtin Trude Wolf eine westlich orientierte Jugendkultur.

Ruhland Kultur und Kunst 

Trude Wolf lädt regelmäßig vom SED-Regime unerwünschte oder gar verbotene Beat-Bands ein – Ruhland wird zum „Mekka der Osthippies“. Nach ihrem Tod führt ihr Sohn in den 1980er Jahren ihr Erbe fort, unter anderem mit der Kultband Monokel.

1989 ist die DDR am Ende, die Grenzen öffnen sich wieder für die 3.562 Ruhlander. In einer Volksbefragung über die künftige Landeszugehörigkeit stimmen fast 92 Prozent für das Land Sachsen, 1991 entscheidet sich die Stadtverordnetenversammlung jedoch für das Land Brandenburg.

Seit der Wende verändert sich Ruhland: staatliche Betriebe befinden sich erneut in Privatbesitz, ganze Wohnsiedlungen und Straßenzüge werden saniert und der Marktplatz vom Busbahnhof befreit und restauriert. Die gute Erreichbarkeit der Flughäfen Berlin-Schönefeld und Dresden wirkt sich nach dem Fall der Mauer äußerst positiv auf die Entwicklung des Städtchens aus.

Bald treten ähnliche Probleme wie in anderen deutschen Kleinstädten auf.

Die Jugend verlässt die Region aus Angst vor Arbeitslosigkeit und mehr und mehr Geschäfte der Innenstadt kapitulieren vor der Macht der großen Discounter am Ortsrand. Die Zukunft weist jedoch in eine positive Richtung. Der evangelische Kindergarten feiert in diesem Jahr sein 100jähriges Jubiläum und verfügt erstmalig über eine Warteliste für frei werdende Kita-Plätze. Nach der erfolgreichen Umsetzung eines Komplexes für Betreutes Wohnen befindet sich Ruhland auf dem besten Weg, ein eigenes Altenpflegeheim zu erhalten.

Ruhland kämpft – so wie die Stadt es von jeher getan hat und so wie es Donald Duck sein gesamtes Comicleben hindurch tut.

www.amt-ruhland.de  

Von Tina Stengle 

Die ReiseTravel Autorin arbeitet in der Hotel-Branche. 

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User Zuschrift:

Mit vergnüglichem Interesse habe ich Ihren Beitrag gelesen. Recht ordentlich recherchiert und verständlich aufgeschrieben.
Aber drei Hinweise habe ich doch:
- Der Elektromeister Josef Heilmeier war in Wirklichkeit Isoliermeister und heißt richtig Josef Heidelmeier.
- Definitiv falsch ist 10 Zeilen weiter der Satz  >  ... In Ausgekohlten Tagebauen ... - Ausgekohlt ist hier ein Attribut und wird daher klein geschrieben.
- Und weiter unter "Ruhland Kultur und Kunst" wird auf das Zollhaus verwiesen. Nach Trude Wolf wurde dieses aber nicht von ihrem Sohn, sondern von ihrem Enkel Michael befristet weiter geführt.
Aus Senftenberg grüßt Günter Schüppel.

ReiseTravel dankt für die Zuschrift!

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