Berlin

Westberliner Gastwirte helfen Ostberliner Kindern

Berlin war immer eine Reise wert: Am 9. November 1989 wurde die „Grenze“, der „Antifaschistische Schutzwall“, die „Mauer“ geöffnet. Ab diesem aufregenden Tag überschlugen sich alle Ereignisse, diese beeinflussten massiv und intensiv, jeden Einzelnen. Eine spannende Zeit.

Historie & Memories sind nachgefragte Themen – Erinnern Sie sich noch?

In den Feedback-Mails an die ReiseTravel Redaktion lautet oft die Frage:

Wie war das damals, wer machte wann was?

Am 17. Dezember 1989, drei Wochen nach dem Fall der „Mauer“, wurde in Berlin die allererste gemeinsame Open Air Veranstaltung in Szene gesetzt.

ReiseTravel bat den „Macher“, Autor und Regisseur Gerald H. Ueberscher um Informationen.

Wie war das damals: West Berliner Wirte zu Gast in Friedrichshain?

Ein schneefreier Sonntag im Advent 1989. Das Wetter spielte mit, zahlreiche Akteure waren erschienen und der Platz vor dem Kino Kosmos in der Frankfurter Allee Berlin mit Tausenden von Menschen gefüllt. Über das Event wurde kurzfristig informiert, erst am Vortag. Trubel und Heiterkeit, obwohl der Anlass nicht optimistisch war: Wir helfen den Kindern.

Am Sonntag 17. Dezember 1989 von 14 bis 18 Uhr wurde eine Benefiz Veranstaltung in Szene gesetzt. Spontan entstanden, von helfenden Menschen kurzfristig innerhalb von wenigen Tagen vorbereitet. Es wurde ein Erfolg, besonders für die Not leitenden Kinder in Berlin Friedrichshain. Vor drei Wochen war die „Mauer“ gefallen und wir gestalteten eine gemeinsame Veranstaltung. Organisiert von Akteuren, die sich vorher nicht kannten, sich dennoch im Team vereinten. Wahnsinn, einfach Wahnsinn!

Erster Live Act nach dem Fall der „Mauer“

Erster Live Act nach dem Fall der Mauer Berlin 

Westberliner Gastwirte helfen Ostberliner Kindern 

Es war der erste gemeinsame Live Act nach dem Fall der „Mauer“. Der Anlass war freudig und traurig zugleich.  

Welcher Hintergrund?

In den Abendstunden des 9. November 1989 öffneten die DDR-Behörden die Grenze nach Westberlin, die Mauer war offen. War es anfangs nur ein Grenzübergang, folgten im Laufe der nächsten Tage weitere und auch die bisher geschlossenen früheren U- und B-Bahnhöfe öffneten. Fast alle Bürger aus der Hauptstadt nutzten diese Variante und aus allen Teilen der DDR reisten Menschen nach Berlin, deren aller Ziel: Westberlin.

Zur Fahrt in den „Goldenen Westen“ genügte der gültige Personalausweis und die Kontrollen wurden locker gehandhabt. Der Andrang am „Schlagbaum“ war enorm und die Zufahrtstraßen mit Autos verstopft. Alle nutzten diese „neue“ Reisemöglichkeit intensiv.

Leider gab es einen Haken: Alle Grenzpassagen waren einseitig. Die West-Berliner durften erstmals am 24. Dezember 1989 ab 0:00 Uhr visafrei in die DDR einreisen, bis zu diesem Zeitpunkt hatten noch die alten Regelungen bezüglich Visumpflicht und Mindestumtausch gegolten.

Mit dem Öffnen der „Mauer“ traten in Ostberlin über Nacht „andere Verhältnisse“ ein, im Prinzip so, wie diese bereits einmal waren, vor dem „Bau der Mauer“ im Jahre 1961.

Viele Menschen nahmen ab 10. November 1989 eine Beschäftigung in einer Firma in Westberlin auf. Ganz so wie früher. Der Arbeitskräftemangel im Osten verschlechterte sich und das spürte jeder in Fragen der Versorgung mit Waren des täglichen Bedarfs.

In der DDR hatte jede Frau mit Kind oder eine Familie einen Kindergartenplatz. Früh am Morgen wurde das Kind in der Kita abgegeben, am Abend wieder abgeholt und fast alle Frauen hatten eine berufliche Tätigkeit.

Vor dem Bau der Mauer 1961 und nun auch ab November 89 bestand in Westberlin ein „gewisser“ Markt, besonders für „attraktive“ Frauen. Liebesdienste sind immer gefragt, warum nicht mit einer DDR-Frau und nun zog es wieder zahlreiche „Damen“ aus dem Osten in den Westen.

Über Nacht trat ein Problem ein. Manche Frauen und das waren nicht nur ledige Mütter, hatten ihr Kind am Morgen noch in der Kita abgegeben und am Abend „einfach vergessen“ dieses abzuholen.

„Was kümmert mich mein Kind, wenn ich auf die Schnelle gutes Geld verdienen kann“, waren wohl deren Überlegungen. Die nun elternlosen Kinder waren sich selbst überlassen, die Kita voll und Personal nicht ausreichend vorhanden. Die Strukturen des alten Staates und seiner Verwaltung zerfielen. Jeder Einzelne hatte mit sich selbst zutun und finanzielle Mittel waren nicht vorhanden. Wer oder in welcher Form kann geholfen werden? 

Wie erfolgte der Start zum „Ersten Live Act“?

Durch die Vermittlung von Werner Extra, der war Manager der Kran-Firma Brand, hatte ich Kontakt zu Achim Haase und alle drei verstanden wir uns auf Anhieb. Es war eben eine rasante Zeit und das geflügelte Wort „Wahnsinn“ machte seine Runden.

Das „Problem der verlassenen Kinder“ war in vieler Munde, auch in Westberlin und viele wollten helfen. Doch die Stadt war noch immer zweigeteilt, die Grenze war zwar offen, aber Westberliner konnten noch nicht ungehindert reisen. Auch die Politik spielte eine gewisse Rolle, manche Fronten waren noch verhärtet und mancher lag ideologisch schief.

Doch wir Drei konnten uns verständigen, wir reagierten auf die aktuelle Situation. Ich erstellte eine Ideenskizze und wir nahmen die Arbeit auf.

Und wieder war es einfach nur der reine Wahnsinn!

In drei Tagen sollte ein Event über die Bühne gehen. Gefragt waren aktive Mitstreiter, auf beiden Seiten der Stadt, Menschen die Helfen wollten.

Wir hatten eine Zweiteilung vorgenommen. Achim Haase und sein Mitarbeiter Henry Liesche organisierten in Berlin West alle „Mitwirkende“, das waren Handelsketten oder Unternehmen und den Transport der Ware nach Ostberlin.

Ich erledigte alle Formalitäten. Von der Einfuhr der „Handelsware“ über das Ministerium für Außenhandel der DDR bis hin zu Absprachen mit dem Rat des Stadtbezirkes Berlin Friedrichshain. Alle von mir angesprochenen Künstler sagten sofort zu und traten ohne Honorare auf.

Im Leben wird immer alles unter dem Strich abgerechnet. Die Benefiz-Gala wurde ein Erfolg. Fast alles klappte.

Der von Achim Haase organisierte Fahrzeugkonvoi traf sich in der Prinzenstraße am Grenzübergang Heinrich Heine Straße auf Westberliner Seite. Um 10.30 Uhr gab ich das Kommando zur Abfahrt, erst am Vortag hatte ich alle erforderlichen Einfuhrgenehmigungen erhalten. Nach dem Grenzübertritt fuhren wir im Konvoi zum Kino Kosmos. Dazu hatte ich von der Volkspolizei die Zusage über zwei „Toni“ Funkwagen erhalten, einer fuhr an der Spitze, einer am Ende, in rasanter Fahrt kamen wir zum Kino Kosmos.

Ab 12 Uhr erfolgte der Aufbau, eine Bühne in Form offener „Bierwagen“, der wurde von der Brauerei mitgebracht und die erforderliche Tontechnik sowie das Licht stellten die Künstler Ute & Jean aus Halle an der Saale.  

Und Action, zum Live Act?

Jede Veranstaltung war und ist anmeldepflichtig, ich hatte den Titel „Verkauf der Freunde aus Westberlin unter Leitung der Firma „Seehaase“ vom Wannsee“, gewählt und dazu eine Konzeption vorgelegt.

Erster Live Act nach dem Fall der „Mauer“

Erster Live Act nach dem Fall der Mauer Berlin 

Entertainer Beppo Küster in Action, Sängerin Magdalena (r.) vor dem Auftritt

Detlef Heising conferierte und die Köpenicker Blasmusikanten spielten auf. In Form einer Versteigerung, wie ehemals zur MUSIKAUKTION in der Stadthalle Cottbus boten wir die Produkte, Raritäten aus dem Westen, an. Natürlich alles gegen Bezahlung und dies in Mark der DDR.

Dazwischen traten Künstler auf. Darunter der Humorist Werner Lohann, die Sängerinnen Anne Mehner und Magdalena aus Bulgarien sowie Peter Skodowski, Beppo Küster, Tina und die Gruppe MTS.

Das Programm sollte 18 Uhr beendet sein. Obwohl nach Tausende Menschen vor der Bühne verharrten, machten wir 17.10 Uhr Schluss: Alle Ware war komplett ausverkauft.

Erster Live Act nach dem Fall der Mauer Berlin
 

Es wurde viel Geld eingenommen?

Nicht nur an diesem Tag war die DDR im Umbruch, so manches war noch nicht eindeutig klar, viele ehemals verantwortliche trugen - oder wollten, keine Verantwortung übernehmen. Auch hier musste ich wachsam sein. Schließlich wurden große Summen Geld eingenommen und diese den vorgesehenen Kindergarten zur Verfügung gestellt. Auf der Bühne war mein „Sekretariat“ aufgebaut.

Mit dem Bezirksbürgermeister hatte ich im Vorfeld alle Details abgeklärt. Das offizielle Schriftstück, auf Kopfbogen und von Bürgermeister Heinz Borbach unterzeichnet, wurde verlesen: „Quittung“ vom 17.12.1989. „Im Rahmen der Veranstaltung „West-Berliner Gastwirte zu Gast in Berlin-Friedrichshain, wir helfen unseren Kindern“ wurden insgesamt von den Beteiligten: 82.759,73 Mark der DDR und 1.062,80 DM, eingenommen.“

Jedes beteiligte Unternehmen aus Westberlin erhielt am Abend eine Quittung über die einzelnen Beträge, in Form eines Briefes „Rat des Stadtbezirks Berlin-Friedrichshain“ dankte der Bürgermeister: „Der Erlös von (Genaue Summe) Mark aus den von Ihnen gespendeten und verkauften Waren wird für die von ihren Eltern im Stich gelassenen Kinder sowie für die Freiflächengestaltung der Tagesstätte der Rehabiltationseinrichtung für schulbildungsunfähige, förderungswürdige Kinder in Berlin-Friedrichshain, Lasdehner Str. 17, mit verwendet.“  

Die Zuschauer machten fleißig mit und kauften. Allein über die Kindl Brauerei wurden 6.789 Mark eingenommen, von Kaiser´s Kaffee 25.000 Mark und der Firma Dr. Klaus Herlitz über 31.000 Mark.

Zahlreiche Firmen trugen ihr Schärflein bei: Es waren besonders kleine Unternehmen, der Mittelstand, der ganz persönlich aktiv wurde. Die Firma Kalbus mit Kakao und Immergut Produkten oder auch Gorbatschow Wodka, Kümmerling war vertreten sowie zahlreiche weitere Firmen. Die Firma Brandt stellte einen riesigen Kran auf und gegen ein Entgelt konnte sich jeder Interessierte in die luftige Höhe begeben, höher als die Wohnhäuser.

Was wurde verkauft: 24 Kilo Kaffee, 2.000 Bratwürste, 500 Liter Glühwein, 3.000 Stück Kuchen und 27.500 Schreibwarenartikel. Hinzu kamen unzählige weitere Produkte und so manche andere Kleinigkeit. 

Henry Liesche hatte eine umfassende Liste angefertigt, alle Namen und Kennzeichen der Fahrzeuge waren darin explizit aufgelistet. Das musste alles bei den DDR-Behörden genehmigt werden. Die Einfuhrgenehmigung Nummer 01216 vom 17.12.1989 war an diesem Tag Gold wert.  

Bis zur letzten Minute hatten sich zahlreiche Medienvertreter aus Westberlin bei mir im Büro gemeldet. Leider zu spät, ich konnte sie nicht mehr „offiziell“ anmelden. Wer zu spät kam, konnte nicht einreisen. Mit einem Trick konnte noch so mancher West Journalist Einreisen, der musste nur genau 10.30 Uhr am Fahrzeug Konvoi am Grenzübergang sein. Einer war Nero Brandenburg, Moderator von „Schlager der Woche“ RIAS Berlin.  

Wie war das damals zur Grenzöffnung, im November ´89?

Meine beruflichen Planungen waren immer langfristig ausgelegt. Andererseits ergaben sich aus „heiterem“ Himmel neue Varianten. Entscheidungen sind nicht immer leicht. Noch immer „flüchteten“ Menschen nach Westberlin, bei meinen Aufenthalten war das unschwer zu erkennen. Ich wollte nicht flüchten, nun musste ich mich ab sofort „Zweiteilen“.

Werner Extra war ein sympathischer Mensch. Noch bis Frühjahr 1989 wohnte er in unserem Haus im Osten, wir kannten uns gut und waren befreundet. Er hatte jedoch die DDR verlassen.

Sofort nach der Grenzöffnung besuchte ich ihn in seiner Wohnung in der Kochstraße am „Checkpoint Charly“. Die Freude war groß und Werner Extra lud mich ein: „Lass das Auto stehen, wir fahren mit meinen“ und die Fahrt ging weit hinaus.

Sein Stammlokal war „Seehaase“ oder offiziell „Flensburger Löwe“, ein Ausflugslokal am Wannsee. Achim Haase, der Besitzer, seine Frau und alle anwesende Gäste begrüßten mich mit lautem Hallo, „einer aus dem Osten“.

Das Lokal war voll, es war eng und plötzlich wurde ich hinten auf die Schulter geklopft: „Guten Tag, Gerald“, sagte ein junger Mann. Es war Bernd Harbauer.

Im Jahre 1968 hatten wir den Film „Bewährung am Himmel“ gedreht, da war er als Kameraassistent beim Filmstudio der NVA tätig. Nun lebte er seit ein paar Jahren im „Westen“ und arbeitete für Horst Jankowski, auch den kannte ich, 1972 betreute ich den „Chor“ im alten Friedrichstadtpalast, im Rahmen meiner Arbeit für die Künstler Agentur.

Horst Jankowski (1936 bis 1998) wurde geholt und wir sprachen nicht nur über das „Mädchen aus dem Schwarzen Wald“. Werner Extra stellte mich nun „richtig vor“, dabei rückte er sich selbst in ein gutes Licht und ich war nun für alle ein „bekannter Mann aus dem Ostsektor“. Nicht immer sollte man jede „falsche“ Interpretation über seine Person sofort korrigieren.

Der Gastwirt Achim Haase war ein etwas fülliger aber sehr gutmütiger Mensch. Auf Anhieb verstanden wir uns. In der Folgezeit inszenierte ich bei ihm Programme in Berlin West und das mit Erfolg.    

Treffen Ost und West in Ostberlin?

Der „Erste Live Act nach dem Fall der „Mauer“ war ein Erfolg, ich hatte ein Treffen im Restaurant „Warschau“ vorbereitet: Der Gastgeber, Bürgermeister Heinz Borbach, lädt ein.

Mein Gedanke: Die Grenze war erst drei Wochen offen, die Menschen kannten sich noch nicht, auf beiden Seiten, Ressentiment und Vorbehalte waren präsent. Ein Gespräch kann nie schaden, war meine Überzeugung.

Gekommen war der Bezirksbürgermeister von Berlin-Wilmersdorf Horst Dohm, Manfred Krautien von Berliner Kindl sowie Wolfgang Krebs von Kümmerling. Dr. Michael Wegner, Präsident Hotel und Gaststätteninnung Westberlin und Hans Hugo Lavallee von Kaiser´s sowie zahlreiche Vertreter der Medien.

Unter den Gästen der CDU-Abgeordnete Heinrich Lummer, ein ehemaliger Stellvertreter des Regierenden Bürgermeister von Berlin. Lummer war mein erster „Politiker“ aus dem „neuen“ Westen, den ich in einem Programm einsetzte, natürlich auch in der Folgezeit.

Achim Haase (l.) betont in seinen Memoiren: „Im Dezember 89 besorgte ich mir in der Lüneburger Heide massenweise Tannenbäume und schaffte sie rüber. Ich war der erste „Wessi“, der drüben eine Party schmeißen durfte. Horst Jankowski hatte sich für mich eingesetzt. Vor dem Kosmos-Kino in Friedrichshain kam eines Morgens ein Lkw-Konvoi mit 40 Fahrzeugen an. Eine Bühne dabei, Freibier, jede Menge Ware von Kaiser's, Kindl und Herlitz und meine Weihnachtsbäume“.

Erster Live Act nach dem Fall der „Mauer“

Allen verlassenen Kindern wurde geholfen und wir die „Gestalter aus dem Osten und den Westen“ lernten uns kennen und auch verstehen.

Drei Wochen nach Öffnung der Grenze hatte ich das Programm inszeniert, einfach etwas getan. Zum richtigen Zeitpunkt dass Richtige gemacht.

Erfolgreich hatten wir die „Erste“ gemeinsame Großveranstaltung: Erster Live Act nach dem Fall der „Mauer“, in Szene gesetzt. Ein super Ereignis. Wahnsinn!

Sehr geehrte ReiseTravel User, wir wünschen Ihnen beim Lesen viel Freude. Natürlich verbunden mit der Bitte: Historie & Memories – Erinnern Sie sich? Wenn ja, so hoffen wir, schreiben Sie uns: Ihre eigenen Erinnerungen. Gern werden wir diese veröffentlichen. Vielen Dank.

Ein Betrag von Su Kramer. Fotos: Wolfgang Behrendt, Foto Kirsch. 

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