Gizycko

Ohne sich um die Kulisse zu kümmern, ziehen die Enten auf dem kleinen Kanal ihre Kreise

Der Kanal verbindet zwei der über 3.000 Gewässerflächen der masurischen Seenplatte miteinander. Hin und wieder fällt etwas Futter durch Angler und Spaziergänger für sie ab. Von denen sind es in den vergangenen Jahren kontinuierlich mehr geworden.

Nach und nach haben Menschen die Schönheit Masuren-Ermlands für sich entdeckt, die zuvor auf anderen Pfaden unterwegs waren oder sich durch die Erfindung des E-Bikes einer neuen, naturverbundenen Bewegung hingeben können.

Eine Gruppe von Jüngern dieser Entwicklung von Fahrrädern macht sich auf, die Radwege zu ergründen, die sich durch die Seenplatte schlängeln. „Wir haben hier drei unterschiedliche Kategorien von Radwegen“, erklärt Katarzyna aus dem polnischen Fremdenverkehrsteam, „da wären die gepflegt glatten Beläge aus Asphalt, den nennen wir EU-Weg, die polnischen Wege haben häufig brüchigen Asphalt oder Kopfsteinpflaster als Untergrund und dann gibt es noch die russischen Wege“.

Masuren Mazurski

Direkt an der Zugbrücke eines seenverbindenden Kanals wurde in Gizycko rund um eine historische Ordensritterburg ein Hotel gebaut und ist ein hervorragender Ausgangspunkt für Fahrradtouren durch Masuren

Sie braucht den Zustand dieser Wege nicht weiter zu erwähnen, weil sie automatisch auf jeden Biker zukommen, der den noch nicht sonderlich deutlich gekennzeichneten Pisten folgt.

Wenn die Ursprungsfarbe der Reifen nicht mehr erkennbar ist, hat man historischen Boden unter sich, der allerdings viele Geschichten erzählen könnte. Die sind bestens bei Siegfried Lenz, Arno Holz oder besser noch bei Arno Surminski nachzulesen. Die Schriftsteller haben nicht nur die Mentalität der masurischen Bevölkerung eindrucksvoll beschrieben. Sie haben auch Appetit auf die traumhafte Landschaft gemacht. Auf die Mischwaldbestände, die heute bereits teilweise zu herrlichen Laubwäldern geworden sind. Sie haben die Flächen beschrieben, in denen sich Gräser und Blumen einen Platz zwischen den Gewässern gesucht haben, um zu gedeihen.

Die Landwirtschaft findet zum großen Teil noch in einem Rahmen statt, wie er in Deutschland vor einigen Jahrzehnten üblich war. Der Zeitsprung begeistert vielfach. Es ist allerdings auch schwer, auf den teilweise kargen Böden andere Gewächse als Kiefer und Birke zu finden.

Elche und Wisente sind in der Region beheimatet, auch wenn sie sich der Sichtbarkeit entziehen, wie etwa die Wölfe. Der Fischbestand in den Seen hat es ermöglicht, dass es in der Region noch deutlich mehr Fischereibetriebe gibt, als in anderen Gegenden Europas. Barsche, Brachsen, Schleie, Aale, Hechte, Zander, Welse, Plötze, Weißfische und die in den Wintermonaten gern gegessenen Maränen werden gefangen.

Masuren Mazurski

Die Radwege führen durch wunderschöne Alleen mit abwechslungsreichem Baumbestand

Nur bedingt dürfen die Seen mit Motorbooten befahren werden. Mehrheitlich ist das Gebiet zum Segelparadies ausgerufen, wie sich auch deutlich an den zahlreichen Marinas in Masuren erkennen lässt.

Während Gizycko ein relativ unbedeutendes Dasein im polnischen Wirtschaftsgefüge führt, war es in vergangenen Jahrhunderten häufig ein strategisch wichtiger Punkt für kriegerische Auseinandersetzung. Sichtbar wird diese Bedeutung in der Festung Boyen, deren Ausmaß von etwa hundert Hektar durch Mauern und Wälle befriedet ist. Die wechselvolle Geschichte der Einrichtung aus dem 19. Jahrhundert wurde auf Wunsch von Friedrich Wilhelm IV. geschaffen, wobei sie nach dem preußischen Kriegsminister Hermann von Boyen benannt wurde. Heute schildert Museumsdirektor Robert Kempa die Entwicklung und die Bedeutung in schillernden Worten mit der typisch ostpreußischen Phonetik in seiner Stimme. Der Bau der Festung für etwa 3.000 Soldaten endete 1852 und hat heute lediglich einen Stellenwert als Zeugnis der Vergangenheit für die Besucher Gizyckos.

Masuren Mazurski

In einem Museum wird die Geschichte der Festung Boyen in Gizycko gezeigt

Wer sich auf dem Fahrrad in Richtung Norden bewegt, begegnet einer weiteren markanten Einrichtung der Geschichte, der jüngeren Geschichte Masurens. In dem kleinen Dorf Sztynort führt das Schloss Steinort einen hoffnungsvollen Kampf gegen den Verfall unter fachkundiger Leitung von Professor Dr. Wolfram Jäger.

Mit einer deutsch-polnischen Stiftung im Rücken arbeitet der Wissenschaftler daran, das Anwesen der Familie Heinrich Graf von Lehndorff wieder aufzubauen. Es soll Erinnerungsstätte wie auch Ort für gesellschaftliche Begegnungen werden. Zahlreiche Studenten und Freiwillige haben sich seit Jahren dort eingefunden, um in Etappen das Ziel zu erreichen.

Heinrich Graf von Lehndorff war Mitglied des Teams um Graf von Stauffenberg, die das missglückte Attentat auf Hitler in der Nähe der Wolfsschanze durchführten. Er wurde ebenso wie seine Mitstreiter vom Nazi-Regime ermordet.

70 Jahre wurde das Schloss dem Verfall überlassen, bevor jetzt die Gruppe um Jäger das Heft des Handelns übernahm. Etwa 30 Millionen Euro fehlen noch bis zum Ziel, wobei der Professor der TU Dresden auf weitere Spenden hofft.

Weniger Kilometer weiter in Richtung Norden stoßen die E-Bike-Fahrerinnen und –Fahrer auf eine der unrühmlichsten Ansammlungen von Bauwerken deutscher Geschichte. Im Dickicht von Laub- und Nadelwäldern, der Mauerwald genannt wird, erstrecken sich die Anlagen um den ehemaligen Führerbunker, in nächster Nähe der Stadt Wegorzewo, die früher Angerburg hieß. Gespenstisch sind die riesigen Betonanlagen in den Boden eingelassen. Vor den Eingängen sammeln sich Menschen, die sich über die Geschichte informieren wollen, wie auch unverblümt uniformierte Ewig-Gestrige, die wenig Distanz zu den massenmordenden Befehlshabern des „Dritten Reiches“ erkennen lassen. Bunker, die Gefangenenzellen wie Wohneinheiten zeigen, die über Gänge miteinander verbunden sind und mit geschmacklosen Figuren in Uniform bestückt sind. Kaum ein von empathischen Gefühlen besetzter Mensch verlässt diesen Ort Masurens ohne ein bedrückendes Gefühl. „Ich bin erstaunt und angenehm berührt, dass uns Deutsche die polnische Bevölkerung mit so viel Wärme begegnet. Nirgendwo ein Vorwurf, der sich aus der Vergangenheit ergibt“, ist einer der Radler angenehm angetan von der Gastfreundschaft der heutigen Bewohner Masurens.

Dass es in Masuren trotz der vielen kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem heimatlichen Boden und den damit verbundenen Völkerverbindungen noch typisch masurische Einwohner gibt, lässt eine der Bewohnerinnen des Ortes Swieta Lipka an ihrer Sprache erkennen. Sie singt geradezu die Vokale ihrer Sprache, die von typisch masurischen Einflüssen geprägt ist. Sie kennt das barocke Kloster „Heiligelinde“ wie ihre Westentasche und zeigt beim Spiel der gigantischen Orgel in der Basilika auf die sich bewegenden Figuren. Sie ist mit 40 Registern und 2.657 Pfeifen ausgestattet, womit sie zu den größten ihrer Art in Europa zählt. Da die polnische Bevölkerung in allen Landstrichen sehr der Religion verbunden ist, verwundert der gute Zustand der Kirchen niemanden, der sich per E-Bike von Kirchturm zu Kirchturm radelt.

Masuren Mazurski

Das barocke Kloster Heiligelinde zählt zu den schönsten Sakralbauten

Ein lohnenswertes Ziel ist in jedem Fall die kleine Stadt Reszel mit ihrer gotischen Burg, die einst als Holzburg erbaut war. Heute ist sie neben der für die Ortsgröße imposanten Kirche St. Peter und Paul eine markante Stätte der Historie im ehemaligen Rösel. 1806 wurden beide Gebäude nach einem Stadtbrand wieder errichtet. Es wäre aber falsch, sich auf die beiden geschichtsträchtigen Bauwerke allein zu konzentrieren. Die Innenstadt von Reszel bietet durch ihre typische Bebauung viele idyllische Plätze und Gassen. Kleine Cafés werden nicht nur aufgrund der niedrigen Preise gern aufgesucht. Sie spiegeln auch die Leidenschaft der Bewohner für ihre Gastgeberqualitäten wider.

Einmal in der Region, sollte man die Ketten der E-Bikes noch etwas länger strapazieren (52 Kilometer über Ketrzyn (Rastenburg) nach Wegorzewo (Angerburg) führt die Strecke am Mauersee entlang, einem der größten und schönsten Seen der Platte. Eine alternative Richtung Westen ist das Ziel Lidzbark Warminski (Heilsberg). Eine wie Reszel malerische Kleinstadt mit einem mächtigen Dom, in dem Nikolaus Kopernikus wirkte. Auf nahezu halbem Wege dorthin (28 Kilometer) befindet sich das idyllisch aufgebaute Dorf Galiny. Im Mittelpunkt dieses Ortes befindet sich das Landgut Galiny mit einem ausgezeichneten Restaurant, das sich auf landestypische Spezialitäten konzentriert. Blinis in jeglicher Form, Bigos, Pierogi oder Golabki finden sich hier auf den Speisenkarten wieder.

Die Pferdezucht spielt auf dem Areal des ehemaligen Palastes von Botho zu Eulenburg auch heute noch eine große Rolle, während jetzt Holsteiner und Westfalen gezüchtet werden. Auf dem Hof gibt es zudem einen Reitstall mit Schulpferden, sodass Urlaubern jederzeit die Möglichkeit gegeben ist, die einzigartige Natur auf dem Pferderücken zu erkunden. Ein Verleih von Fahrrädern und E-Bikes ergänzt das Programm des Anwesens, auf dem Hotelzimmer für Langzeitaufenthalte und Kurzbesuche vorhanden sind.

Die 300 Hektar große Anlage stellt eine natürliche Spiegelung der gesamten Region dar, indem Wasserflächen im Zusammenspiel mit Wald und Weidelandschaften eine Symbiose abgeben.

Da sich in der Perle des Ermlands, wie Lidzbark Waminski (Heilsberg) auch gern genannt wird, ein zum Luxushotel ausgebautes Schloss befindet, ist dieses auch der Öffentlichkeit zugängig. Es empfiehlt sich, hier mindestens eine Nacht zu verbringen, weil sich insbesondere nachts ein hervorragender Blick über die Altstadt bietet. Eine Altstadt, die hinsichtlich der gepflegten Bebauung und des großen Marktplatzes eine eindrucksvolle Atmosphäre vermittelt.

Wer Masuren mit allen Sinnen erleben will, ist auf dem E-Bike bestens aufgehoben, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Auch wenn die Radwege nicht immer von allerfeinstem Untergrund sind, ist ein Durchkommen gewährleistet. Erfahrene Unternehmen übernehmen den Gepäcktransport zu den Tageszielen, sodass es eine unbeschwerte Reise sein wird. So bleibt Zeit für das Geklapper der etwa 175.000 Störche, die jährlich in Masuren-Ermland gezählt werden. Auch sollte sich niemand darüber wundern, wenn er während der Fahrt auf zwei Rädern See- oder Schreiadler zu Gesicht bekommt. Die Natur zeigt hier alle Facetten, die in industrialisierten Gegenden schon zur Vergangenheit gehört. www.belvelo.deTouristische Informationen über Polen – Unterkunft und Sehenswürdigkeiten: Städte, Museen, Regionen, Denkmäler in Polen

Ein Beitrag für ReiseTravel mit Fotos von Kurt Sohnemann.

Kurt Sohnemann by ReiseTravel.euUnser Autor arbeitet als Journalist in Hannover.

Sehr geehrte ReiseTravel User, Bitte schreiben Sie uns Ihre Meinung, senden uns Ihre Fragen oder Wünsche. Vielen Dank. Ihr ReiseTravel Team: feedback@reisetravel.eu - Bitte Beachten Sie YouTube.ReiseTravel.eu#MyReiseTravel.eu

Bitte stöbert im ReiseTravel.eu Blog Koch-Rezepte & Bücher -Empfehlungen: reisetravel.eu - von #ReiseTravel und #kaef_and_piru mit #ReisebyReiseTravel.eu von #MyReiseTravel.eu - Facebook https://www.facebook.com/groups/reisetravel.eu

ReiseTravel aktuell:

Palma de Mallorca

Die Urlaubsfreude überwiegt: Auch bei einer Atlantiküberquerung ändern sich die Regeln fast täglich und weichen regional leicht...

Gizycko

Der Kanal verbindet zwei der über 3.000 Gewässerflächen der masurischen Seenplatte miteinander. Hin und wieder fällt etwas Futter...

Bremerhaven

Moin: Das Deutsche Schifffahrtsmuseum im Alten Hafen informiert über die nationale und regionale Geschichte von Schifffahrt und Navigation. Das...

Wetzlar

Nach umfangreichen Umbauarbeiten, basierend auf einem innovativen und interaktiven Museumskonzept, ist ein modernes Museum der Fotografie...

Buenos Aires

Die Teilnahme an einem Asado in Argentinien ist viel mehr als der Verzehr des vielleicht besten Fleisches der Welt. Ein Asado ist eine Kunstform,...

Athen

Heute: Unterwegs in Europa. Aus der Reihe: Kleine Fluchten. Eine Reiseempfehlung.   Boutique Hotel Ikion Eco in Patiri auf Alonnisos Die...

Rüsselsheim

Vorstoß in die kleinste Klasse: „My first Opel: Clean. Clever. Cool.“ Das kann ab Ende November für Jugendliche ab 15 Jahren...

Detroit

Supersportwagen ohne Superlativ: Es ist noch nicht allzu lange her, dass Autos mit 480-plus-X-PS und Beschleunigungen in Dreikommawas-Sekunden zu den...

Hamburg

Mit Anbruch der dunklen Jahreszeit startet auch die Hochsaison für Einbrüche. Denn da es früher finster wird, wird bereits gegen 16...

Merida

Erneuerer des Tourismus: Tourismusregionen, Reiseveranstalter und Hoteliers offerierten die Vielfalt ihrer Angebote sowie touristische Offerten, den...

ReiseTravel Suche

nach oben