Volker T. Neef

Kommerz statt Tradition auf den Berliner Weihnachtsmärkten

Alle Jahre wieder: In der alljährlich zu Silvester auf vielen ARD Sendern gezeigten Komödie „Dinner for One“ fragt der betrunkene Diener, ob es dieselbe Prozedur wie im letzten Jahr geben soll. Die adelige Dame teilt dann mit, dass dem so ist. Kurz vor Silvester feiern wir das Weihnachtsfest. In Berlin ist die Zahl der Weihnachtsmärkte mittlerweile fast im dreistelligen Bereich. Die Prozedur ist nicht dieselbe aus dem Vorjahr, sie verschlimmert sich von Weihnachtsfest zu Weihnachtsfest. Da gibt es die großen Weihnachtsmärkte am Alex, am Schloss Charlottenburg, in Spandau, dann auch dem Weihnachtsmarkt direkt vor der Nase des Regierenden Bürgermeisters an seinem Roten Rathaus.

Wird der Berliner gefragt, nach „seinem Weihnachtsmarkt“, kommt garantiert immer der Weihnachtsmarkt in seinem Umfeld, also Kiez, zum Zuge. Für „den Berliner“ aus Kladow ist der Spandauer Weihnachtsmarkt das „Non plus Ultra“, weil dieser Weihnachtsmarkt in seiner Nähe ist. Der Friedrichshainer wird „den Berliner Weihnachtsmarkt“ am Alex bezeichnen, weil dieser praktisch vor seiner Kieztüre liegt. Bummelt der Besucher über die Weihnachtsmärkte Berlins, kann er sich nicht des Eindrucks erwehren, es handelt sich um ein Volksfest. Kinderkarussell, Pferdereiten und Schaustellerbetriebe, die speziell kleinen Gästen ihre Dienstleistungen anbieten, haben ja in meinen Augen noch ihre Daseinsberechtigung auf einem Volksfest, das Weihnachtsmarkt genannt wird. Aber was hat ein überdimensionales Riesenrad auf einem Weihnachtsmarkt zu suchen? Soll ich mir die Stände der Verkäufer von Handys, Plastikgeschirrwaren und Versicherungen von ganz oben anschauen? Das Riesenrad kennt man doch vom Deutsch Französischen Volksfest und jetzt steht es auf einem Weihnachtsmarkt.

Der ganz kleine Unterschied: Die Mitarbeiter sowohl im Kartenverkauf als auch direkt am Riesenrad haben eine rote Mütze auf. Dazu brennt im kleinen Häuschen des Kartenverkäufers ein Adventskranz.

Alle Jahre wieder: Weihnachten das Fest der Liebe steht vor der Tür

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Volksfest Weihnachtsmärkte oder Kommerz statt Tradition

Spaziert der Weihnachtsmarktbesucher über den Platz, findet er auch Verkäufer von Plastikgeschirr. Diese Verkäufer kommen ansonsten nur zu Hauspartys und versuchen dort im größeren Bekanntenkreis des Gastgebers, ihre Produkte an Mann und Frau zu bringen. Der Anbieter von Mobiltelefonverträgen kann ja noch argumentieren, wenn der Kunde jetzt einen Vertrag bei ihm abschließt, hat er am Heiligen Abend die Möglichkeit, Tante Frieda aus Kassel anzurufen. So richtige Weihnachtsstimmung will aber bei mir nicht aufkommen. Die „reinen Weihnachtsstände“ mit Mandeln, Krippen und Stollen sowie Glühwein gehen in der Masse der Stände mit Versicherungen, Handyverträgen, Bierausschank, Riesenrad und Losbuden unter. Da hilft es auch nicht, wenn die Mitarbeiter der Losbude ebenfalls roten Mützen aufhaben und aus allen Verkaufsständen Weihnachtslieder von der CD abgespielt werden.

Mancher Weihnachtsmarkt meint sogar, er könne das Image des weihnachtlichen Daseins noch vorzugaukeln, weil jeden Nachmittag um 15 Uhr dort ein Chor eines Gesangsvereins einige Weihnachtslieder singt.

Was haben denn Plastiktöpfe, Metalltöpfe und Versicherungen auf Weihnachtsmärkten zu suchen? Natürlich kann ich Argumente mir als Verkäufer zurechtbiegen. Im Plastikgeschirr kann ich die Reste des Kartoffelsalates vom Heiligen Abend hineinpacken und dann in den Kühlschrank stellen und am 2. Weihnachtstag essen. Der Anbieter von Metallkochgeschirr teilt mir mit, in welchem Bräter ich die Weihnachtsgans braten soll und warum darf es unter dem Weihnachtsbaum nicht einmal eine Hausratsversicherung sein, die ich Onkel Paul verschenke? Der hat ja noch keine. Nur allzu viel mit Weihnachten hat das nichts zu tun. Wer will über den Weihnachtsmarkt bummeln und schwere Metalltöpfe kaufen? Die kann ich im Warenhaus oder Fachgeschäft erwerben. Es reicht doch, wenn ich auf dem Weihnachtsmarkt meinen Tannenbaum kaufe und den anschließend in meine 4 Wände transportieren muss. Der Weihnachtsmann würde sicherlich enttäuscht sein, wenn er leibhaftig mitbekäme, was auf Berliner Weihnachtsmärkten alles so angeboten wird. Rote Mützen auf den Köpfen der Mitarbeiter, die bei Vergnügungsbetrieben mit Volksfestcharakter arbeiten, machen aus einer Kirmes noch lange keinen Weihnachtsmarkt.

Der Kommentator meint: In Berlin ist zu viel Kommerz und zu wenig Weihnachten auf den Weihnachtsmärkten. Es ist aber leider auch kein Wunschkonzert der Besucher. Die hohen Standmieten, verbunden mit Personalkosten, Steuern und dergleichen, können oder wollen sich nicht alle Unternehmer leisten. Der Betreiber eines Weihnachtsmarktes „nimmt, was er kriegen kann“, denn ein halb leerer Weihnachtsmarkt ist keine gute Visitenkarte. Bevor Leerstand zu verzeichnen ist, kommen halt die Anbieter zum Zuge, die sich die Standpreise auf den Weihnachtsmärkten leisten können. Das sind dann oft Volksfestbetriebe, Handyhändler, Schankwirte und Werber für mehr oder weniger nützliche Mitgliedschaften in Vereinen und Organisationen. Hier gilt auch der Spruch: „Geld regiert die Welt.“ Es lässt sich nicht vermeiden, es so auszudrücken: Wer als Berliner einen richtigen und traditionellen und nach Weihnachtsgebäck duftenden Weihnachtsmarkt erleben möchte, muss sich eine Fahrkarte nach Nürnberg oder Dresden kaufen. Dort zumindest wäre der Weihnachtsmann bei einem Bummel hocherfreut und würde lobend sein „Ho Ho“ verkünden.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Volker T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravel.euUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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