Wolfgang Will

Siedlungen auf dem Mars: Der Mensch ist überhaupt nicht für den Weltraum gemacht!

Raumfahrt Kommentar: Es begann unmittelbar nach den so sensationellen ersten Apollo-Mondladungen der Amerikaner während der Sechziger Jahre – das Anpeilen einer noch größeren, viel längeren Reise in den Weltraum, zu unserem Nachbarplaneten Mars. Seitdem hat die Faszination für dieses Vorhaben immer mehr Menschen, selbst Wissenschaftler, in ihren Bann gezogen. Noch 2014 spukte der US-Weltraumbehörde sogar das Jahr 2030 dafür vor, wie aus der „New York Times“ vom 20. Oktober 2015 hervorgeht. Und seitdem ist kaum ein Monat vergangen, an dem nicht irgendwo in den internationalen Medien Details und weitere Termine für den bemannten Ausflug zum Mars erörtert werden. Dabei werden in den meisten Fällen Realitäten außer Acht gelassen, von denen diese eine, auf Erfahrungen Dutzende menschlicher Ausflüge zum Mond und zur Internationalen Weltraumstation ISS basierend, die einleuchtendste ist: Der Mensch ist für die Erde, aber absolut nicht für den Weltraum gemacht. 

Start in den Weltraum:

Alexander Gerst by ReiseTravel.eu  

Alexander Gerst war der dritte Deutsche an Bord der ISS, gemeinsam mit einem Amerikaner sowie einem Russen.

Wer jetzt die Mondausflüge ins Spiel bringt, um das Gegenteil zu beweisen, dem seien ein paar – hoffentlich überzeugende – Fakten präsentiert: Eine Apollo-Mission dauerte zwischen einer Woche und zwölf Tagen, eine Hin- und Rückreise zum Mars mit temporärem Aufenthalt auf dem Planeten ist dagegen kaum unter drei Jahren möglich. Allein der Flug dorthin dauert acht bis neun Monate, zurück ebenfalls so lange. In der Enge der Kabine, etwa so groß wie ein SUV-Innenraum, muss es trotz hypermodernster Techniken zu geradezu unvorstellbaren Problemen kommen – Urin und Kot müssen tagtäglich recyclet werden, ganz abgesehen von den primitiven, vor den Mitfliegern nicht zu verbergenden „Techniken“ der „Erleichterung“. Allein Schweißausbrüche können unerträgliche Folgen nach sich ziehen, Monat für Monat in einer solch im wahrsten Sinne des Wortes hautnahen Zelle zu vegetieren ist körperlich und seelisch für die Beteiligten – drei bis fünf Mann – eine Tortur.

Weitaus noch viel fragwürdiger für eine derartige Reise sind medizinische Unwägbarkeiten. Sicher – nur die Gesündesten kommen zum Zug. Aber was passiert anlässlich einer auf Erden meist harmlos zu überstehenden Blindarmentzündung? Wie sich verhalten bei viel ernsthafteren Erkrankungen – sowohl während des Fluges als auch auf dem Mars selbst. Lärm und Vibrationen an Bord über Monate hinweg können gefährliche Depressionen auslösen, Raufereien sind unter solchen Umständen nicht auszuschließen.

Derartiges schließen die Mars-Enthusiasten aus: Kopf in den Sand, nicht darüber sprechen, nur nicht nachdenken. Andere Fakten und Gefahren aber lassen sich nicht so einfach negieren: 

Das Leben außerhalb der Erde ruiniert den menschlichen Körper. Der Organismus baut in der Schwerelosigkeit ab, und das betrifft Knochen, Muskeln, das Immunsystem. Der deutsche Weltraummediziner Volker Damann, der auch die ISS-Besatzungen betreut, lässt daran keinen Zweifel: „Alles was nicht fordernd gebraucht wird, baut sich ab“. Die schwere Beeinträchtigung des Immunsystems hat auch eine NASA-Studie bewiesen, bei der das Blut von 23 Raumstations-Astronauten kontrolliert wurde – schwere gesundheitliche Schädigungen, die lange noch vor der Rückkehr zur Erde auftreten, sind die Folge. Allein die monatelange Enge kann Schlafstörungen, dauerndes Unwohlsein, Migräneanfälle verursachen. Astronauten selbst auf kürzeren Missionen verlieren bis zu 1,5 Prozent ihrer Knochenmasse monatlich(!). „Solche Prozesse führen im Alter auf der Erde zu Osteoporose“, urteilt der Physiologe Stefan Schneider von der Sporthochschule Köln, und er ergänzt: „Auf der Erde dauert das nur länger“.

Die Schwerelosigkeit wirkt sich auch negativ auf das Herz-Kreislauf-System, den Gleichgewichtssinn und die Augen aus. Jörn Rittweger, Weltraumphysiologe beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), hat dies dazu herausgefunden: Bei 70 Prozent der älteren Astronauten (über 50), die etwa sechs Monate auf der Raumstation ISS waren, stellten sich nach Rückkehr zur Erde Sehprobleme ein. Ihre Brillen mussten verändert werden, wer vor dem ISS-Aufenthalt brillenlos lebte, musste sich eine Sehhilfe zulegen.

Während des Aufenthaltes auf dem Mars drohen zusätzliche Gefahren. Es gibt weder Wasser noch Sauerstoff. Die Mars-Atmosphäre besteht zu 95 Prozent aus Kohlenstoffdioxid. Der (zeitlich sehr begrenzte) Aufenthalt ist nur in bulkigen, unbequemen Schutzanzügen möglich. Die Temperaturen liegen zwischen plus 27 und minus 133 Grad Celsius. Die Entfernung Erde – Mars variiert zwischen 56 und 400 Millionen Kilometer. Zum Mond sind es gerade einmal 385.000 Kilometer. 

A pro pos Mond: Für die Landung von Menschen wurden seitens der USA geradezu unglaubliche Mengen an Geldern und Technologien mobilisiert, denn in jenen Tagen des Kalten Krieges gab es nicht nur ein militärisches Wettrennen zwischen Ost und West, sondern auch ein wissenschaftlich-technologisches. Die US-Mondlandungen waren für die Sowjets eine herbe Niederlage. 1966 gaben die USA sagenhafte 4,4 Prozent ihres Staatshaushaltes für das Mondprojekt aus. Solche Summen würden heute niemals zur Verfügung stehen. „Let`s not move to Mars“, titelte auch deswegen die „New York Times“ in einem Beitrag von Ed Regis am 21. September 2015 – Nicht auf dem Mars siedeln also.

Erforscht werden allerdings muss der Mars auch künftig. Aber das können Roboter gefahrloser und einfacher besorgen als Menschen – die eben nicht fürs Weltall gemacht sind.          

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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