Volker T. Neef

Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur, sagte Paul von Hindenburg 1914

Nicht nur Berlin mahnt: Am 21. März 1933 feierten Nazis den „Tag von Potsdam“, in der Garnisonskirche ernannte Reichspräsident von Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler. An Hitlers Geburtstag, 20. April 1933, belohnten die Nazis von Hindenburg mit der Ehrenbürgerwürde der Stadt Berlin. Bereits seit April 1933 saßen schon zahlreiche aufrechte Widerstandskämpfer aus den Reihen der Kommunisten, Gewerkschaften, Sozialdemokraten, Geistlichen und Angehörigen von Religionen in Schutzhaft oder in Konzentrationslagern. Auch in Berlin gibt es leider noch eine Straße, benannt nach Hindenburg, den Hindenburgdamm und besagtem Reichspräsidenten und dem „bekam der Weltkrieg wie eine Badekur“.

Die Partei DIE LINKE hat im Berliner Abgeordnetenhaus angeregt, Paul von Hindenburg aus der Liste der Ehrenbürger zu streichen. Offiziell hieß der Reichspräsident „Paul von Benneckendorff und von Hindenburg“. Für Die Linken ist er nicht nur ein Hochrangiger Militär, sondern auch „einer der Hauptverantwortlichen für das Sterben von Millionen von Zivilisten und Soldaten im Ersten Weltkrieg. Er ist einer der Erfinder der Dolchstoßlegende, die die verheerende Niederlage der Reichswehr als Ergebnis des innenpolitischen Verrats der Republikaner denunzierte und den nationalsozialistischen Kräften bei der Delegitimierung der Weimarer Republik den ideologischen Boden bereitete“.

Ein guter Vorschlag! Wer ist eigentlich dagegen?  

Aktuell sollte der Hindenburgdamm Berlin auf Vorschlag der Partei der Linken umbenannt werden, in Gretel Bergmann Damm. Vor Ort waren sich alle „Umbenennung Befürworter“ einig, „bei Hindenburg handele es sich um einen Steigbügelhalter der Nazis“. War er es doch, der die NS Notverordnungen unterzeichnet hatte und das Ermächtigungsgesetz. Das Endergebnis war der II. Weltkrieg und die Bedingungslose Kapitulation Deutschlands. Nicht nur der Hindenburgdamm in der Bundeshauptstadt Berlin erinnert an den Reichspräsidenten und sein Ermächtigungsgesetz. Ausgerechnet am Berliner Olympiastadion Berlin ist ein Platz nach Hindenburg benannt.

Durch die Umbenennung in Gretel Bergmann Damm soll ein Zeichen gesetzt werden. Dieses Zeichen soll an die Unterdrückung von jüdischen Sportlern durch die Nazis erinnern. Die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann durfte 1936 auf Druck der Nazis nicht an der Olympiade teilnehmen. Die LINKE Berlin regte an, dass die Straße nunmehr Gretel-Bergmann-Damm statt Hindenburgdamm heißen solle. www.die-linke-berlin.de

Gretel Bergmann kam 1914 zur Welt, war eine erfolgreiche Hochspringerin und 1936 stellte sie in Stuttgart kurz vor den Olympischen Spielen mit 1,60 Metern einen deutschen Rekord auf. Die Nazis wollten die Jüdin nicht als Vertreterin Deutschlands bei den Olympischen Spielen sehen und erteilten ihr ein Startverbot. Das Perfide daran war: Die Nazis sagten nicht, die jüdische Sportlerin dürfe nicht an der Olympiade teilnehmen, sondern sie änderten nachweislich einfach die Startregularien. Somit kam Gretel Bergmann nicht zum Zuge. Das NS Regime verzichtete lieber auf eine olympische Medaille. Denn die jüdische Sportlerin galt als Ausnahmeathletin und sichere Medaillengewinnerin. Die Sportlerin verließ 1936 Deutschland für die Aufnahme eines Studiums in England, 1937 emigrierte sie in die USA.

Ein guter Vorschlag! Wer ist eigentlich dagegen? 

Der Kommentator meint: Es ist ein sehr „heißes Eisen“, das hier geschmiedet wird. Es erinnert an die Worte eines späteren Nachfolgers von Hindenburg, den Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der aus den Reihen der SPD kam und von 1969 bis 1974 im Amt war. Er sagte: „Es gibt schwierige Vaterländer. Eines davon ist Deutschland, aber es ist unser Vaterland“. So war es, so ist es. Wo sollen die Hebel angesetzt werden? Darf in Deutschland eine Schule, eine Straße nach Bundespräsident Prof. Theodor Heuss, im Volk hieß er „Papa Heuss“ benannt werden oder den Namen weiter tragen? Als Reichstagsabgeordneter stimmte er nicht gegen das Ermächtigungsgesetz der Nazis. Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, von 1966 bis 1969 im Amt, war sogar Mitglied der NSDAP, was Heuss nie war. Gerade in Kiesingers Heimat Baden Württemberg sind Plätze und Straßen nach ihm benannt. Bundespräsident Prof. Karl Carstens aus den Reihen der CDU und von 1979 bis 1984 Amtsinhaber, war NSDAP Mitglied und hatte noch zu Lebzeiten die Ehre, ein Fährschiff auf der Strecke von Puttgarden ins dänische Roedbyhaven auf seinen Namen zu taufen.

Franz Josef Strauß, der ehemalige Bundesminister und Bayerische Ministerpräsident sowie CSU Vorsitzende, er verstarb 1988, ist der Namensgeber des Münchener Flughafens. Er war nie NSDAP Mitglied, dafür aber im Zweiten Weltkrieg aktiver Soldat, sogar Offizier. Er hatte somit einen Eid auf den obersten Kriegsherrn Adolf Hitler geschworen. Ist Strauß dadurch belastet? Sollte dem so sein, dann darf auch beim Ableben des ehemaligen FDP Bundesvorsitzenden Walter Scheel, Bundespräsident von 1974 bis 1979, keine Straße nach ihm benannt werden. Walter Scheel, mittlerweile 95 Jahre alt, war Kampfpilot im Zweiten Weltkrieg. Helmut Schmidt (SPD) war von 1974 bis 1982 Bundeskanzler und ebenfalls Offizier im Zweiten Weltkrieg. Sollte Strauß schon dadurch unwürdig sein, weil er Offizier und kein Widerstandskämpfer war. Gilt das selbstredend auch für Scheel, Schmidt und viele andere ehemalige Würdenträger.

Erinnert sei hier einmal an eine Lachnummer aus einer britischen Boulevardzeitung. Sie nannte den ehemaligen Papst Benedikt XVI. einen Kriegsverbrecher und Nazi, weil das junge Kerlchen mit 15 Lenzen damals Hitlerjunge war. Konnte der junge bayerische Bub Ratzinger kurz vor Kriegsende eigentlich „Nein“ sagen, als ihn die Wehrmacht einberief? Kannten die menschenverachtenden Nazis nicht die Sippenhaft? Vater, Mutter, Geschwister wären ohne langen Prozess vom Standgericht hingerichtet worden. Es ist klar, dass Kriegsverbrecher, Nazigrößen und Völkermörder keinen Anspruch darauf erheben dürfen, dass Straßen, Plätze und Schulen den schändlichen Namen weiter tragen.

Die berechtigte Frage ist, was hat Hindenburg, der 1934 verstarb, konkret Pro Hitler getan? Konnte er von seinem Amtsverständnis heraus denn einen demokratisch gewählten Hitler, den die Mehrheit der deutschen Wählerinnen und Wähler ja als Reichskanzler haben wollten, vom Amt des Reichskanzlers fernhalten? Hitler hat sich im Januar 1933 nicht mit Waffengewalt an die Macht geputscht. War das juristisch überhaupt möglich, die Urkunde nicht zu unterschreiben? Hätte Hindenburg sich verweigert, wäre er dann nicht legal als Reichspräsident von seinem Posten entfernt worden und ein Nachfolger, vielleicht sogar aus den Reihen der NSDAP, hätte zu gerne die Hitlersche Ernennungsurkunde freudestrahlend unterschrieben?

Historiker und Verwaltungsjuristen haben bisher keine einhellige Meinung zu dieser Problematik gefunden, die Inhalt für viele Doktorarbeiten bis heute gibt.

Natürlich hat Hindenburg von einer Badekur schwadroniert, als der Weltkrieg ausbrach. Es darf aber die Frage gestellt werden: Wie viele Deutsche im Reich gaben ihm recht? Waren es 99 Prozent oder nur 98 Prozent vielleicht?

Die Künstlerin Käthe Kollwitz schuf in der Neuen Wache in Berlin ihr Kunstwerk, dass zum Frieden mahnt. Erinnert sei daran, das als sehr liberal geltende Ehepaar, der Arzt Dr. Kollwitz und seine Gattin, die Künstlerin Käthe, waren keineswegs „Hurra Patrioten“ im 1. Weltkrieg. Sie sollen auf ihren kriegsbegeisterten Sohn Peter eingeredet haben, sich nicht freiwillig zum Kriegsdienst zu melden. Die Eltern, die wichtigsten Bezugspersonen für ein Kind, konnten Peter den Armeedienst nicht ausreden, der junge Mann wollte so schnell wie möglich an die Front. Er fiel bereits im ersten Kriegsjahr in Flandern. Kollwitz junior war kriegsbegeistert, vom Krieg regelrecht besessen wie Millionen andere Deutsche damals.

Im belgischen Langemarck rannten vornehmlich deutsche Studenten in das feindliche Maschinengewehrfeuer, singend mit: „Deutschland, Deutschland über alles auf der Welt.“ Somit konnten nachrückende deutsche Soldaten die Kriegsfeinde am MG ausschalten, der sogenannte Blutzoll war sehr groß.

Dieser Hindenburg, sprach er nicht vielleicht 1914 das aus, was Millionen Deutsche dachten und fühlten? Hat sich damals nicht auch die schweigende deutsche Bevölkerung schuldig gemacht, die zwar nicht „Hurra“ geschrien hatte, aber auch zum „Contra dem Krieg“ nicht den Schneid aufwies? Schon die Römer unter Julius Cäsar wussten: Wer schweigt, stimmt zu. Muss man nicht 100 Jahre nach Kriegsausbruch die Worte des Hindenburg unter den damaligen Gegebenheiten betrachten?

Kaiser Wilhelm II. lobte doch alle Parteien, da sie sich für einen Krieg aussprachen. „Ich kenne keine Parteien, ich kenne nur noch Deutsche“, so klang es aus seinem Munde.

Gab es damals nicht sehr viele große und kleine „Hindenburgs“ im Deutschen Reich?

Deutschland sah vor 100 Jahren ganz anders aus, damit ist nicht die veränderte Technik gemeint. Es gab beispielsweise keine Ärztinnen, erst 1919 durften Frauen hierzulande Medizin studieren, ein Zusammenleben in „wilder Ehe“ war undenkbar, Bücher, Theateraufführungen und Stummfilme zeigten sich nicht so offenherzig bei Liebesszenen, und sei es nur der Kuss, wie heute in der Kunst. Konnte damals ein Politiker sich als bekennender Homosexueller outen? Die Liste ließe sich großzügig fortsetzen.

Wer ist eigentlich dagegen? 

Hier sind jetzt unsere User gefragt. Wir bitten um Vorschläge, wie soll sich bei Namen wie von Hindenburg eine Kommune, der Staat und die Politik, verhalten?

Ein Kommentar von Volker T. Neef.  

Volker T. Neef ReiseTravel.euUnser Autor berichtet aus der Bundeshauptstadt und ist in Berlin wohnhaft.

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Buchtipp: Zur Vertiefung empfehlen wir ein Buch: Als Deutschland Großmacht war

Die Wahrheit über den Ersten Weltkrieg: Dass der Erste Weltkrieg zur europäischen Urkatastrophe wurde, ist allgemein akzeptiert. Wenn es darum geht, wer verantwortlich war, scheiden sich die Geister. Historisch und politisch korrekt war es lange Zeit, dem Deutschen Reich und Kaiser Wilhelm II. einen Griff nach der Weltmacht zu unterstellen.

Als Deutschland Großmacht war von Bruno Bandulet,Vor 100 Jahren begann der I.-Weltkrieg: Der Konflikt, der in jenem Sommer 1914 begann, mobilisierte 65 Millionen Soldaten, brachte drei Reiche zu Fall und forderte 20 Millionen militärische und zivile Todesopfer sowie 21 Millionen Verwundete. Neuerdings beginnt sich eine andere Version durchzusetzen: dass alle europäischen Regierungen wie Schlafwandler in den Krieg geschlittert seien. Aber stimmt das wirklich?

Dieses Buch stellt die Frage: Cui bono?, die Frage nach den Motiven der Kriegsparteien. Das Ergebnis: Ein ebenso spannender wie faktenreicher Bericht über das Kaiserreich, seine Feinde und die Entfesselung des Ersten Weltkriegs. Undogmatisch und unvoreingenommen führte der Autor seine Recherchen. Auf diese Weise sammelte er Fakten, die man in den Mainstream Medien vergeblich sucht. Dr. phil. Bruno Bandulet promovierte über Adenauers Außenpolitik, arbeitete in der CSU Landesleitung, war Autor und Chef vom Dienst bei Die Welt. 1995 gründete er den politischen Hintergrunddienst Deutschland Brief.

ReiseTravel Fact: Das Schicksal Deutschlands sollte es sein, mit jedem verlorenen Krieg kleiner zu werden, betont der Autor und Bertold Brecht sprach vom großen Karthago. 100 Jahre I. Weltkrieg, das ist heute vergangene Geschichte, doch dieses Buch ist fundiert recherchiert, spannend geschrieben. Zahlreichen Fakten werden angeführt und anhand dieser Zeitreise kommt der Leser unwillkürlich auf die heutige Zeit. Schurkenstaaten und Terroristen, Krieg und Gewalt und die Rivalität von Großmächten sind immer noch bittere Realität. Nur die Namen haben gewechselt. Wer die Gegenwart verstehen will, muss die Vergangenheit kennen und es ging immer um die Grenzen der Länder. Aktuelles Beispiel ist Russland unter Putin. Heute geht es ihm „nur“ um die Ukraine, morgen aber schon um Ternopol, Moldawien, Georgien und nicht nur um die Stadt Narva in Estland, aber übermorgen wird er auch Finnland ansprechen und neue Forderungen stellen. Die verantwortliche Politik in Deutschland sollte vorsichtig sein und besonnen agieren. 1914 war Deutschland Großmacht und handelte als Großmacht – am Ende führte es zum Untergang. Es ist ein sehr gutes Geschichtsbuch und unbedingt lesenswert.

Als Deutschland Großmacht war von Bruno Bandulet, Gebunden, 304 Seiten, ISBN 978-3-86445-104-1, Kopp Verlag, www.kopp-verlag.de

Das Buch kostet im Buchhandel 19,95 Euro.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Gerald H. Ueberscher.

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