Posen

Stadt der Könige und Kaiser

Fast einen Kilometer sind es vom belebten Marktplatz der Posener Altstadt zur Dominsel. Ein Kontrast, wie er kaum größer sein könnte. Hier ein buntes Getümmel, dort eine Oase der Stille, umflossen von der Warta und ihrem Nebenfluss Cybina. Hier das weltliche, dort das geistige Zentrum. Auf der Dominsel begann vor mehr als 1.000 Jahren die Geschichte von Pozna?. Im 10. Jahrhundert ließ sich der Piastenfürst Mieszko I. dort eine Burg erbauen. Mieszko einte mehrere slawische Stämme, trat 966 zum Christentum über und schuf damit die Grundlagen des polnischen Staates. Im Jahr 968 entstand auf der Insel die Domkirche und Poznan wurde zum ersten Bischofssitz in Polen. Der Sohn und Nachfolger von Mieszko, Boleslaw Chrobry, wurde im Jahr 1025 zum ersten König Polens gekrönt.

Mit ihren beiden mächtigen Barocktürmen dominiert die Kathedrale die Dominsel. Das dreischiffige Gotteshaus ist weitgehend im gotischen Baustil des 15. Jahrhunderts gehalten, doch Teile der Fundamente stammen noch von der ersten Kirche aus dem 10. Jahrhundert. Die Goldene Kapelle beherbergt den wichtigsten Schatz der Kathedrale, die Sarkophage mit den sterblichen Überresten der beiden ersten polnischen Herrscher, Mieszko I. und Boleslaw Chrobry. Ihre Statuen fertigte der bekannte Berliner Bildhauer Christian Daniel Rauch an.

Das heutige Stadtzentrum entstand erst ab 1253 westlich der Warta. Auch 750 Jahre später wahrt es noch seine mittelalterliche Form. Von dem großen quadratischen Marktplatz, dem Stary Rynek, zweigen zwölf Straßen zu der schachbrettartig angelegten Altstadt ab. An die starken Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs erinnert hier nichts mehr. Die Bürgerhäuser und Stadtpaläste rund um den Marktplatz wurden im alten Stil wieder aufgebaut und bieten mit ihrer Farbenpracht und reichem Fassadenschmuck eine stimmungsvolle Kulisse für die vielen Bürger und Gäste, die hier zu allen Tageszeiten flanieren und im Sommer bis spät in die Nacht die zahlreichen Terrassencafés bevölkern.

Das in der Mitte des Marktes gelegene Rathaus gilt als einer der schönsten Renaissancebauten in Mitteleuropa. Seine jetzige Form verlieh ihm Mitte des 16. Jahrhunderts der italienische Baumeister Giovanni di Battista Quadro. Er integrierte den gotischen Vorgängerbau in das neue Gebäude und schmückte dieses zur Frontseite mit einer dreigeschossigen, farbenfrohen Arkadenloggia. Heute wird das Alte Rathaus als Historisches Museum genutzt, die Stadtverwaltung hat ihren Sitz im benachbarten Jesuitenkloster, einem schönen Barockbau, in dem in früheren Zeiten auch Napoleon Bonaparte während seines Russlandfeldzugs für kurze Zeit residierte.

Im Inneren des Alten Rathauses werden Objekte und Dokumente aus der tausendjährigen Stadtgeschichte ausgestellt, unter anderem ein sehenswertes Modell der ersten Piastenburg auf der Dominsel. Noch größere Aufmerksamkeit genießen allerdings zwei unscheinbare Türen am Turm über der Rathausuhr. Jeden Mittag um 12 Uhr richten sich wie auf Kommando Dutzende Augenpaare dorthin. Mit dem ersten Glockenschlag öffnen sich die beiden Türen, ein Gestell fährt heraus und zwei Ziegenböcke bringen sich in Stellung. Schüler zählen laut mit, wie oft sie mit ihren mächtigen Hörnern gegeneinander anrennen: „…zehn, elf, zwölf“. Dann ist das Schauspiel zu Ende, die beiden Posener Böckchen, seit Jahrhunderten das Wahrzeichen der Stadt, verschwinden in ihrem Turm und die Türen schließen sich wieder.  

Gleich neben dem Rathaus sieht man eine ältere Frau, die zwei schwere Wassereimer an einer Stange trägt. Die Brunnenfigur der Bamberka soll daran erinnern, dass im frühen 18. Jahrhundert Siedler aus Bamberg die durch Kriege und Seuchen geschundenen Dörfer rings um Pozna? wieder besiedelten. Sie integrierten sich schnell, lernten die polnische Sprache, behielten aber ihre Traditionen bei. Bis heute tragen die Nachfahren der Bamberger an Festtagen noch ihre historischen Trachten. Überall in den längst eingemeindeten Dörfern findet man Fachwerkhäuser der Bamberger Siedler. Das bekannteste Anwesen liegt im Stadtteil Jelyce, unweit des Messegeländes. Zagróda Bamberska, der Bamberger Hof, ist heute ein hübsches kleines Hotel mit neun Zimmern, in dessen Restaurant man Spezialitäten aus Polen und aus Bamberg genießen kann.

Anders als die Bamberger kamen 1793 die preußischen Truppen ohne Einladung der polnischen Bürger nach Poznan. Polen war zu dieser Zeit als Staat von der Landkarte Europas verschwunden, der Westen des Landes Preußen zugeschlagen. Zeitweilig betrieb man eine brutale Germanisierungspolitik, der sich die polnischstämmige Bevölkerung von Pozna? ebenso vehement entgegen stemmte. Rund um den Plac Wolno?ci, den lang gestreckten Freiheitsplatz, lassen sich noch steinerne Spuren des Kulturkampfes finden. Als Ort für die polnische Literatur entstand dort 1829 die nach ihrem Stifter benannte Raczyski-Bibliothek, deren Säulenfassade dem Pariser Louvre nachempfunden wurde. Auch das nahe gelegene Polnische Theater, gebaut „vom Volk für sich“, wie eine Inschrift an der Fassade verrät, entstand als ein Zentrum der polnischen Kultur zur Zeit der preußischen Herrschaft.  

Als Trutzburg empfanden viele polnische Bürger in Poznan das 1910 fertig gestellte Schloss. Es wurde errichtet als Residenz für den deutschen Kaiser Wilhelm II. und gilt als das letzte Kaiserschloss, das in Europa gebaut wurde. Das Gebäude im neoromanischen Stil wurde von Franz Schwechten erbaut, dem Architekten der Berliner Gedächtniskirche. Es knüpft von seiner äußeren Form an die Kaiserpfalz in Goslar an und sollte Macht und Größe des deutschen Reiches demonstrieren. Das Schloss mit seinen fast 600 Räumen entstand an der heutigen Straße uw. Marcin, dort wo früher der innere Befestigungsring verlief. Als dieser Anfang des 20. Jahrhunderts geschleift wurde, schuf das auch Raum für das benachbarte Opernhaus (Teatr Wielki) und mehrere repräsentative Bauten, die heute von der Universität genutzt werden. Nur ein paar Schritte sind es von dort zum Gelände der Posener Messe.

Kaiser Wilhelm II. hielt sich vermutlich nur zweimal in seiner neuen Residenz auf. Einmal zur Fertigstellung 1910 und drei Jahre später, als die neue Schlosskapelle eingeweiht wurde. Als Pozna? nach dem Volksaufstand 1919 wieder Teil Polens wurde, zog dort der polnische Präsident ein. Doch schon zwei Jahrzehnte später wurde die ehemalige deutsche Trutzburg zur Residenz für Adolf Hitler bestimmt. Albert Speer, der Haus- und Hofarchitekt der Nationalsozialisten, baute das gesamte Schloss um.  

Obwohl Hitler nie in dem Schloss weilte, blieb es nach dem Ende des Krieges ein schwieriges Erbe für das neue Poznan. Gab es zunächst Diskussionen, das nur leicht zerstörte Gebäude abzureißen, setzte sich schnell eine pragmatische Haltung durch. Räume waren knapp, und so nutzte erst die Stadtverwaltung und später die Universität das Gebäude. Die Handschrift der Nationalsozialisten, von Eichenlaubverzierungen bis zu Statuen von jugendlichen Fackelträgern, blieb bis heute in dem Gebäude sichtbar. Erhalten blieb auch das nach dem Vorbild der Berliner Reichskanzlei in dunklem Marmor gehaltene Arbeitszimmer für Hitler. Mit der heutigen Nutzung hätten Speer und seine Auftraggeber sicher wenig Freude. Künstler, Kultureinrichtungen und Galerien zogen dort ein und zeigen Arbeiten, die von den Nationalsozialisten verboten worden wären. 

PS: Die westpolnische Stadt Poznan ist das Verwaltungszentrum der Woiwodschaft Wielkopolska (Großpolen). Die Stadt ist ein wichtiges Wirtschafts- und Messezentrum. Ein Viertel seiner rund 570.000 Einwohner sind Studenten. Die Stadt verfügt über eine sehr gute touristische Infrastruktur mit zahlreichen Hotels in allen Kategorien. Informationen darüber unter www.poznan.pl. Die Stadt ist per Bahn in drei Stunden von Berlin aus erreichbar.

 

 

 

Kontakt

 

Polnisches Fremdenverkehrsamt
Kurfürstendamm 71, D-10709 Berlin
Fon 030 – 21 00 92-0, info@polen-info.de

www.polen.travel - www.opera.poznan.pl - www.poznan.pl

 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Klaus Klöppel.

 

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