Kronstadt

Reisen wie vor 1 500 Jahren

 

Mit dem Ochsenkarren durch Siebenbürgen 

Im Jahre 531 eroberten und besetzten die Franken das Thüringer Königreich. Dieses Reich umfasste das heutige Thüringen, Sachsen-Anhalt sowie Teile Sachsens und Brandenburgs. Die fränkische Besatzungszeit dauerte bis zum Jahre 919, als der Sachsenherzog Heinrich deutscher König wurde. In dem Buch »Der fränkische Reiter« geht es um diese »dunkle« Epoche. Die Beantwortung einiger wichtiger Fragen hing von der Marschleistung eines damaligen Heeres und seines Trosses ab. Der Tross aber bestand aus Ochsenkarren, das Pferd diente in Europa erst seit dem 11./12. Jahrhundert als Zugtier. Wie schnell aber ist so ein Ochse und wie viele Kilometer schafft er am Tag? Da ich darüber nirgends Angaben fand, war ein Experiment nötig. In Deutschland wäre es zu aufwendig und zu teuer geworden, in Rumänien aber gab es eine Reiseagentur, die es ermöglichte.

Am verabredeten Tag traf ich in Izvoru Crisului, einem kleinen Dorf Siebenbürgens ein. Schon hinter der rumänischen Grenze merkte ich, dass meine Wahl richtig war. Die Landschaft gleicht der zwischen Frankreich und Thüringen. Der Chef der Agentur, ein junger Belgier namens Johann, sprach ausgezeichnet deutsch und rumänisch.
Am nächsten Morgen fuhren wir mit seinem Jeep über viele kleine Dörfer tiefer ins Land. Auf der Fahrt erzählte er mir, dass es nicht einfach war, ein Ochsengespann aufzutreiben, denn auch in Rumänien hätten schon längst Pferde und Traktoren die Ochsen ersetzt.
Das Gehöft, zu dem wir wollten, lag am Ende eines winzigen Straßendorfes. Man schien uns schon zu erwarten, denn das Tor stand weit offen. Zur Begrüßung gab es ein Glas Selbstgebrannten. Mitten auf dem Hof stand das Gespann abfahrbereit. Zwei massige Ochsen drängelten ungeduldig im Geschirr. An ihren Hörnern hingen rote Bommeln und an den Hälsen ein Glöckchen. Der Bauer hieß Grigor, sprach nur rumänisch, und so musste Johann meine erste Frage übersetzen. Ob er denn nicht einen anderen Wagen hätte? Grigor schien enttäuscht und schüttelte den Kopf. Er hatte für den »Gast aus dem Westen« sein bestes Gefährt herausgeputzt, einen Kastenwagen mit Gummireifen. Das war unser erstes Missverständnis. Nachdem ich mich in seiner Scheune umgeschaut und einen alten Leiterwagen mit Holzspeichenrädern entdeckt hatte und ihm bedeutete, mit diesem fahren zu wollen, hellte sich sein Gesicht wieder auf. Ich wollte also keinen besseren, sondern in seinen Augen einen schlechteren Wagen. Dass er für mich der bessere war, hat er allerdings bis zum Schluss unserer Reise nicht begriffen.
Als Grigor die Ochsen vor den Leiterwagen gespannt hatte, lud er noch zwei mächtige, in Planen gepackte Heuballen auf. Am Ende einer Tagesreise sind Ochsen nämlich zu erschöpft, um noch zu weiden. Man muss ihnen am Abend Futter vorsetzen, wenn sie am nächsten Tag eine ähnlich lange Strecke bewältigen sollen. Als wir den Hof verließen, wunderte ich mich, dass Grigor vor den Ochsen herlief, anstatt es sich, wie ich, auf dem Wagen bequem zu machen. Auch noch nach einer Stunde, als es bergauf ging und der Weg schlammig wurde, lief er vornweg. Ochsen können nicht vom Wagen aus gelenkt werden, sie haben ja keine Trense im Maul wie die Pferde. Wenn sie in der Kolonne fahren, folgen sie wahrscheinlich dem vorderen Gespann. Fahren sie allein, muss immer jemand vor ihnen hergehen, dem sie hinterherlaufen.
Im ersten Dorf traten viele Leute vor die Tore oder standen hinter dem Gartenzaun. Das Bimmeln der Ochsen hatte sie angelockt. Einige winkten, nickten freundlich, andere aber, bildete ich mir ein, schauten weniger begeistert, wie ich da auf den Heuballen thronte, während Grigor vornweg trottete. Durch die nächsten Dörfer ging ich dann auch zu Fuß.
Einmal machten wir einer alten Frau mit unserem Ochsenkarren eine besondere Freude. Es war die Mutter einer Wirtsfrau. Ihr Gehöft lag etwas abseits vom Ort, und man fragte uns, ob wir die Mutter ins Dorf mitnehmen könnten. Als sie auf dem Wagen saß, strahlte sie, und ihre Tochter, die etwas Englisch konnte, erklärte uns, sie wäre das letzte Mal vor sechzig Jahren mit einem geschmückten Ochsenkarren gefahren, zur Kirche, wo ihr Bräutigam auf sie gewartet hätte. Allerdings hatte ihr Wagen damals vier Ochsen!
Am nächsten Tag goss es in Strömen. Ich wollte mich bei unseren Gastgebern nach einer Regenplane erkundigen, aber Grigor winkte ab. Ochsen dürfen bei Regen keinen Wagen ziehen. Ihr Joch besteht aus zwei Querstangen, die an den Enden so zusammengebunden sind, dass sie fest den Nacken umschließen. Werden die Stangen nass, scheuern sie, und die Ochsen reiben sich so wund, dass sie wochenlang nicht zu gebrauchen sind.
Als der Regen aufgehört hatte, fuhren wir weiter. Der Feldweg war aufgeweicht, und Grigor tat mir leid, wie er so durch den Schlamm stapfte. Einmal wollte er auf dem festen Rasenrand ein paar Pfützen umgehen, die Ochsen folgten ihm stur und hätten den Wagen fast in den Graben gefahren. Hinter dem Dorf ging es steil bergauf. Kein Jeep wäre da hochgekommen, den Ochsen aber schien das überhaupt nichts auszumachen. Sie wurden kaum langsamer. Bisher dachte ich, dass die frühmittelalterlichen Wege Steigungen vermieden hätten, da sie für Tier und Mensch zu anstrengend gewesen wären. Dies trifft wohl nicht zu, denn wenn man seine Waffen und sein Gepäck auflädt, sich beim Laufen am Wagen festhält und mitziehen lässt, kann man jede Steigung ohne große Mühe bewältigen.
Am Ende unserer siebentägigen Tour kam ich zu folgendem Ergebnis: Ochsen legen in der ersten Stunde fünf Kilometer zurück, in der zweiten vier, in der dritten drei. In jeder folgenden Stunde schaffen sie dann nur noch zwei Kilometer. In sieben Stunden bewältigen sie also zwanzig Kilometer. Nach meiner Erfahrung auf dieser Reise sind Mensch und Tier nach diesen sieben Stunden so erschöpft, dass sie dringend eine längere Erholung brauchen. Zwei Kilometer pro Stunde wären bei einem Weitermarsch auch wenig effektiv. Was heißt das für ein mittelalterliches Heer? Die bisher von vielen Historikern angenommenen 30 bis 60 Kilometer am Tag sind illusorisch. Sie wurden errechnet aus den Daten und Ausstellungsorten von Königsurkunden, die aber oft gefälscht sind. Man kann ja schließlich die DDR auch nicht nur aus den damaligen Zeitungsartikeln oder Stasiberichten rekonstruieren.
Die tägliche Strecke betrug 15 bis 20 Kilometer, denn zog ein Heer bei Sonnenaufgang los, legte noch hin und wieder eine Pause ein, musste vielleicht einen Bach überqueren oder umgestürzte Bäume aus dem Weg räumen, dann erreichte es am frühen Nachmittag sein Ziel. Jetzt begann für die Soldaten der zweite Teil der Arbeit. Ein Lagerplatz war zu sichern, Zelte waren aufzubauen oder aus Ästen und Laub Hütten herzurichten, Futter für das Vieh zu mähen, das mitgeführte oder unterwegs requirierte Vieh zu schlachten, ein Lagerfeuer anzufachen, Brot zu backen, Gemüse zuzubereiten und so weiter. Bis ein Schwein auf dem Spieß gar ist, dauert es vier bis fünf Stunden, und dann wird es auch schon dunkel.
Dieser zweite Teil des mittelalterlichen Reisens blieb uns in Rumänien allerdings erspart. Überall wurden wir freudig erwartet mit einem Becher voll selbstgebranntem Obstler, einem geheizten Badeofen, einer festlich gedeckten Tafel und einem frisch bezogenen Bett. Niemand schließt dort irgendetwas ab. Alles, was ich in den letzten Jahren über Rumänien gehört hatte, konnte ich vergessen. Man kann das nachprüfen, wenn man selbst mal hinfährt. Für das Herumreisen in dieser ungewöhnlich herrlichen Landschaft gibt es dort neben Ochsen auch Pferde, dann Esel, Fahrräder, Autos und Flugzeuge, fast wie bei uns. Nur alles etwas bescheidener, gesünder und freundlicher.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Reinhold Andert.

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Der fränkische Reiter ist dabei ein kundiger Führer

Das Buch »Der fränkische Reiter« verfolgt die Spuren des berühmten Reitersteins von Hornhausen. Er entstand um das Jahr 700 herum und ist ein sichtbares Zeichen für die Frankenherrschaft in Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen. Diese Epoche reichte vom Untergang des Thüringer Königreiches 531 bis zur Machtübernahme Heinrichs I. im Jahre 919. Sie wird oft als »dunkle Zeit« bezeichnet, so dunkel, dass sogar behauptet wurde, sie habe gar nicht existiert.

Alle Zeugnisse aus diesen vierhundert Jahren seien Erfindungen und Fälschungen. Die These ist genial, aber unsinnig. Sie setzt einen weltweiten Fälscherring im Mittelalter voraus, den es nicht einmal heute in der Zeit der absoluten Medienherrschaft gibt. Sie zwingt aber Geschichtsschreiber dazu, Beweise zu bringen, statt nur Behauptungen aufzustellen, auch für die Geschichte Mitteldeutschlands. Das Buch »Der fränkische Reiter« enthält viele Zeugnisse, die dieses Dunkel erhellen. Es sind Schriftquellen wie Kloster- und Reichsannalen, Chroniken, Briefe, Urkunden und Heiligenlegenden. Daneben behandelt es archäologische Funde, Orts- und Flurnamen, spätere Besitzverhältnisse, alte Verkehrswege, Weihenamen von Kirchen sowie Sagen und Bräuche. Die schriftlichen Quellen werden in diesem Buch sehr kritisch beleuchtet, denn sie sind gerade für Mitteldeutschland oft sehr unzuverlässig, weil sie von Fremden stammen, von Angehörigen und Sympathisanten der fränkischen Besatzungsmacht aus weit entfernten Klöstern. Bei näherem Hinsehen erweist sich Manches als Ideologie, Missverständnis oder sogar Fälschung. Letzteres betrifft vor allem Urkunden, in denen es um den Besitz der Klöster Hersfeld und Fulda geht. Das ist heute noch wichtig, da die meisten Orte Mitteldeutschlands diesen Urkunden ihre erste schriftliche Erwähnung verdanken. Durch sie treten diese Dörfer und Städte in das Licht der Geschichte und sind daher Anlass für zahlreiche Volks- und Hei-

Reisen wie vor 1500 Jahren

matfeste. Etliche Jubiläumszahlen stimmen nicht, weil die Urkunden gefälscht sind. Das sollte aber, meint der Autor, beim Feiern nicht stören, sondern vielleicht ein Grund sein, nach den Ursachen der Fälschungen zu forschen.

 

 

 

 

 

 

  

 

Der fraenkische ReiterDer fränkische Reiter von Reinhold Andert, Dingsda-Verlag
www.dingsda-verlag.de

 

Das Buch kostet im Buchhandel 24,90 Euro.

   

 

 

Tourismus Informationen Rumänien

Rumänisches Touristenamt
Dachauer Str. 32-34, D-80335 München
Tel. 089-515 67 687, Fax 089-515 67 689, e-Mail: muenchen@rumaenien-tourismus.de

www.rumaenien-tourismus.de

 

 

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