Elbing

Vorfahren der Kanzlerin Merkel lebten in der heute polnischen Stadt Elblag - Elbing

Unbekanntes entdecken in Masuren Ermland: Ein auffallend markantes Gebäude in der polnischen Stadt Elblag (bis 1945: Elbing in Ostpreußen) wird von Einheimischen „Merkel Haus“ genannt. Vorfahren der Kanzlerin sollen hier gelebt haben.

In Elbing im ehemaligen Westpreußen steht zwar kein Hofbräuhaus, aber ein Haus, in dem familiäre Wurzeln der Bundeskanzlerin Angela Merkel liegen sollen. Ein von den Einheimischen als „Merkel Haus“ benanntes Gebäude ist ein auffallend geschmack- und liebevoll renovierter mehrstöckiger Bau direkt gegenüber dem Bahnhof von Elbing. Das Gebäude präsentiert sich als Blickfang oder „Hingucker“. Für Besucher der alten Hansestadt ist es einen Abstecher wert.

Historie: Die westpreußische Stadt Elbing wurde nach dem Ersten Weltkrieg der Provinz Ostpreußen zugeschlagen. Im südlichen Teil von Ostpreußen gelegen, der seit 1945 zu Polen gehört, ist Elblag heute eine Hafenstadt am Elbing Fluss in der Woiwodschaft Masuren Ermland. Die Stadt zählt etwa 130.000 Einwohner. Im Zweiten Weltkrieg wurde Elbing fast völlig zerstört. Noch heute sind große Teile der Altstadt nur als Fundamente erhalten. Doch wird seit einigen Jahren der historische Stadtkern Haus für Haus wieder nach alten Plänen aufgebaut. Touristen und Einheimische schätzen den neuen alten Charme der einst zweitgrößten Stadt in Ostpreußen.

Bereits im Jahr 1241 erhielt Elbing Stadtrechte nach Lübischem Recht und wurde Mitglied der von Lübeck dominierten Hanse. Im Mittelalter gehörte Elbing zusammen mit der Ostsee Hafenstadt Danzig (Gdansk) und Thorn (Torun) an der Weichsel zu den wohlhabendsten und führenden Hansestädten im östlichen Ostseeraum.

Spurensuche: Die Grunwald Allee - Aleja Grunwaldzka führt am Elbinger Bahnhof vorbei zum Elbing Fluss und in die Altstadt. Wer mit dem Zug in der alten Hansestadt ankommt, wird ein markantes Gebäude auf der anderen Seite vom Bahnhofsvorplatz an der Grunwald Allee schnell entdecken, das sogenannte „Merkel Haus“. Offiziell heißt es „Leiermannhaus“. Hier soll die Mutter der Bundeskanzlerin, Herlind Kasner, geborene Jentzsch, einige Jahre gelebt haben. Das jedenfalls behauptet ein Elbinger Taxifahrer. Ein älterer deutschstämmiger Bewohner Elbings, der nach Kriegsende 1945 als 14-jähriger Vollwaise in einem polnischen Kinderheim untergebracht wurde und sein ganzes Leben in der alten Hansestadt verbracht hat, bestätigte die Aussage des Droschkenfahrers: „Ja, die Großeltern der Kanzlerin haben dort gewohnt.“

Merkels Großmutter und die Urgroßeltern lebten kurze Zeit in Elbing

"Dom Organ Grinder" w Alei Grunwaldzkiej w Elblugu jest popularnie nazywane "Merkel dom."  

Merkel Haus

Einwohner und Touristen vor einem Haus: Das „Leiermannhaus“ in der Aleja Grunwaldzka Elblag wird im Volksmund „Merkel Haus“ genannt.

Die Mutter der Kanzlerin, Herlind Kasner, korrigierte aber diese Behauptung: „Ich habe niemals in dem Leiermannshaus gelebt und es nie betreten, denn es befand sich nur von 1910 bis Anfang 1914 im Besitz meiner Großeltern. Meine Eltern, Willi und Gertrud Jentzsch, haben als Ehepaar in dem Haus ebenfalls nie gewohnt, lediglich meine Mutter als Mieterin allein bis 1921. Gewohnt haben in dem Haus meine Großeltern (also Angela Merkels Urgroßeltern) insgesamt nur vier Jahre bis zum Tod meines Großvaters."

Frau Kasner, Mutter der Kanzlerin, wurde allerdings einmal in einem Zeitungsinterview zitiert: „Ich bin in Elbing geboren. Wir sind 1936 nach Hamburg gezogen.“ Diese Aussage sei definitiv falsch, korrigiert der Biograf der Familie Kasner-Jentzsch, Dr. Klaus Hinz - und stellt richtig, „dass nicht Elbing, sondern Danzig der Ort ist, wo die Mutter der Bundeskanzlerin als Herlind Jentsch am 8. Juli 1928 geboren ist."

Die Kanzlerin selbst wurde im Juli 1954 in Hamburg als Angela Kasner geboren. Ihre Eltern siedelten noch im gleichen Jahr in die Deutsche Demokratische Republik (DDR) über, wo Merkels Vater, der mittlerweile verstorbene Horst Kasner, eine Stelle als evangelischer Pfarrer antrat.

Das als „Leiermannhaus“ bezeichnete Wohngebäude in Elbing datiert aus dem Jahr 1897. Im Jahr 2009 ist es komplett renoviert worden: Die Fassade, Türen und Fenster und auch die metallenen Balkongeländer strahlen in neuem Glanz und geben dem Haus ein herrschaftliches Erscheinungsbild. Es kursierten Gerüchte vor Ort, dass die Bundeskanzlerin beziehungsweise ihre Herkunftsfamilie die aufwendige Wiederherstellung des Gebäudes wenn nicht finanziell, dann zumindest ideell unterstützt haben soll. Das verneint allerdings der Familienbiograf Dr. Hinz. Und auch Merkel-Mutter Herlind Kasner legt Wert auf die Feststellung: „Die erfolgte Renovierung der Fassade haben wir weder finanziert noch angeregt."

ReiseTravel Fact: Ob Angela Merkel den Ort ihrer Vorfahren schon einmal aufgesucht hat, konnte keiner der befragten Elbinger Bürger bestätigen – jedenfalls keinen offiziellen Besuch. Der amerikanische Spionagedienst NSA wird die Frage dagegen wohl sicher beantworten können, denn Merkels Handy wurde ja seit 2002 jederzeit überwacht und damit auch geortet.

Erlebnis Masuren Ermland: Ohne Vergangenheit keine Zukunft, Masuren und das Ermland bietet beides. Das Merkel Haus in Elbing ist ein Detail der Geschichte und der Besuch der Festung Boyen in Lötzen Gizycko ist lohnenswert. Lötzen Gizycko ist eine schöne Stadt und Beata Bulkowska–Gottschling wurde hier geboren. Polnische Gastfreundschaft wird in Masuren groß geschrieben: Halo Witam Mazury! Und der Nordosten in Polen wird immer mehr ein Aufenthaltsort für Wellness Touristen.

Service: Hotel Sowa, Grunwaldzka 49, 82-300 Elblag, Tel. +48 55 233 74 22, Zimmer: ab 39 Euro. Lage: nah am Bahnhof und nah am „Merkel Haus“. Fischrestaurant Admiral, Bulwar Zygmunta Augusta, 82-300 Elblag, Polen, Lage: uriges Schiff auf dem Elbing Fluss/Altstadt. (Fisch wird nach Gewicht bestellt und bezahlt). Hotel Elblag, Stary Rynek 54-59, 82-300 Elblag, Polen, Tel. +48 55 611 66 00, Zimmer ab 64 Euro. Lage: mitten in der historischen Altstadt. Pension M. F. Swietego Ducha 26, 82-300 Elblag, Polen, Tel. +48 55 641 26 10, Zimmer: ab 50 Euro. Lage: in der historischen Altstadt, ca. 50 m zum Elbing Fluss. Hotel & Restaurant Galeona, Krotka 5, 82-300 Elblag, Polen, Tel. +48 55 235 22 88, Zimmer: ab 18 Euro. Lage: zwischen Altstadt und Neustadt am Park Planty.

Anreise: Per Flugzeug mit Airberlin, LOT oder WIZZAir nach Danzig (Gdansk). Flugdauer ca. 1 Stunde. Von Danzig mit dem Zug nach Marienburg (Malbork); von dort weiter mit dem Zug nach Elbing (Elblag). Zugfahrt ca. 2 Stunden.  

Auto: Von Berlin über die A 113 (E30) nach Frankfurt/Oder. In Polen weiter die A 2 (E 30) bis Poznan (Posen), dann die A 1 über Gniezno (Gnesen) und Torun (Thorn) bis Swarozyn (Swaroschin) die N 22 über Malbork (Marienburg) nach Elblag (Elbing). Fahrtdauer ca. 8 Stunden.  

Buchtipp: ReiseTravel empfiehlt zur Reise: Die Landschaften Ostpreußens.

Für Masuren- und Geografie-Fans: Spirdingsee (Jezioro Sniardwy) und Mauersee (Jezioro Mamry) sind mit Abstand die größten. Aber welche Seen der masurischen Seenplatte sind die tiefsten? Herbert Liedtke, pensionierter Geografie-Professor aus Bochum weiß (nicht nur) diese Antwort: Das Talter Gewässer (Jezioro Talty) mit 50,8 Metern und der Beldahnsee (Jezioro Beldany) mit 46 Metern.

Die Landschaften Ostpreußens von Herbert Liedtke 

Apropos Landschaftsnamen: Der Autor räumt hier mit der Verhunzung des Begriffs „Masuren“ auf, die oft sogar in den Medien um sich greift. Liedtke: „Die Redewendung „Wir fahren in die Masuren“ ist so falsch, als würde man sagen „Wir fahren in die Sizilien“. Masuren gehört zu den geographischen Namen, die ohne Artikel verwendet werden. Es muss also richtig heißen: „Wir fahren nach Masuren, wo die Masuren leben“. Danke, Herbert Liedtke. Allein für diese fundierte Richtigstellung lohnt es sich, das Heft zu kaufen.

Herbert Liedtke, Jahrgang 1928, ist zwar kein gebürtiger Ostpreuße, (der Vater stammt allerdings aus Ostroda/Osterode in Ostpreußen) die ostpreußischen Landschaften hat er jedoch systematisch „abgeklappert“, wie die zahlreichen Fotos seiner Reisen belegen.

ReiseTravel Fact: Lesenswert – nicht nur für „alte Ostpreußen“. Von Siegfried Schmidtke.

Die Landschaften Ostpreußens von Herbert Liedtke, 88 Seiten DIN A4; Broschur, Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig 2011, Tel. 0341.60055-102, ISBN 978-3-86082-074-2; 12.

Das Buch kostet 12 Euro plus 1.20 Euro Versandkosten.

Ein Bericht von Siegfried Schmidtke

Unser Autor wohnt in Köln und arbeitet als Journalist für Verkehrssicherheit. Seine Vorfahren stammen aus Masuren.

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