Mario Niedermeier

Temporausch und Seelenheil

In der Kirche himmlische Ruhe tanken, wenn auf der Autobahn die Hölle los ist: Mehr als eine Million Männer, Frauen und Kinder machen pro Jahr unterwegs Halt um eine Autobahnkirche zu besuchen. Entlang der 12 000 deutschen Autobahnkilometer gibt es davon inzwischen 30 (elf evangelische, sechs katholische, neun ökumenische und vier werden als „Autohofkapellen“ von der Straßenverkehrsgenossenschaft unterhalten). Überall müssen die Kirchen sparen. Gotteshäuser werden geschlossen und umgewidmet. Ein gegenläufiger Trend ist zwischen Flensburg und Bad Reichenhall bei den Raststätten für die Seele erkennbar.  

Die erste deutsche Autobahnkirche liegt an der A 8 bei Adelsried. „Maria, Schutz der Reisenden“ wurde vor fünfzig Jahren eingeweiht. Hintergrund der Kirchenstiftung war ein tragischer Verkehrsunfall, bei dem ein Mitglied einer wohlhabenden Augsburger Familie ums Leben kam. Nach dem Unglück entschloss sich die Familie, nahe der Autobahn ein Gotteshaus für Reisende zu errichten.  

Gebaut und in Stand gehalten werden die Gotteshäuser durch lokale und regionale Initiativen sowie durch Spenden. Um den Status einer Autobahnkirche zu erhalten, haben Theologen verschiedene Kriterien festgelegt: Das Kirchengebäude muss direkt an eine Autobahnausfahrt oder eine Raststätte angebunden sein. Außerdem soll es genügend Platz für Besuchergruppen bieten und über sanitäre Anlagen verfügen. Die Entfernung darf nicht mehr als einen Kilometer betragen. Geöffnet haben die Kirchen von 8 bis 20 Uhr.  

Einmal pro Jahr treffen sich die Autobahnpfarrer zu einer Konferenz, bei der neue Projekte – von der Hosentaschenbibel, über das Highway-Gesangsbuch bis hin zum „Stopp and go“-Wanderführer - besprochen werden. Eine wichtige Rolle hat auch die Akademie Bruderhilfe-Familienfürsorge übernommen. Dort kann man den 104 Seiten starken Autobahnkirchen-Führer „Rastplätze für die Seele“ kostenlos bestellen www.bruderhilfe.de     

Knapp drei Jahre stand die Autobahntankstelle Rhynern leer. Im vergangenen Jahr beschloss die Evangelische Kirche Hamm, ihr eine neue Bedeutung zu geben: Statt Super sollen dort Autofahrer künftig Kraft und Ruhe tanken. Der denkmalgeschützte Bau mit dem charakteristischen Spitzdach, der zur Autobahnkapelle umgestaltet wird, gehört zu den ältesten deutschen Autobahntankstellen aus den Dreißigerjahren. Vor dreißig Jahren wurde St. Christophorus bei Baden-Baden eingeweiht, die mittlerweile als meistbesuchte Autobahnkirche Deutschlands gilt. 300 000 Besucher pro Jahr verweilen in der 20 Meter hohen Pyramide - Pfarrer Michael Sommer weiß es deshalb so genau, weil eine Lichtschranke jeden Besucher zählt!  

Vor drei Jahren wurde eine der ältesten sächsischen Kirchen romanischer Bauart in einer gemeinsamen Aktion von kommunalen und kirchlichen Stellen vor dem Verfall gerettet und jetzt ist St. Jacobi an der A 4 Chemnitz-Dresden eine viel besuchte Autobahnkirche. Bis auf den letzten Platz gefüllt ist einmal im Jahr – immer im November – die Autobahnkirche im bayerischen Himmelskron bei Bad Berneck an der A 9 München - Berlin. Polizisten, Feuerwehrleute, Sanitäter und Mitarbeiter des technischen Hilfswerks kommen zum Blaulicht-Dankesgottesdienst.  

Direkt vor dem Grenzübergang in die Tschechische Republik liegt die ökumenische Autobahnkapelle Waidhaus, deren erster Grundstein im Jahr 1326 gelegt wurde.  Temporausch und Seelenheil“. So heißt eine Veranstaltungsreihe, die nach der Wiedereröffnung vor zwei Jahren gestartet wurde. Bernd Ebener, Kirchenorganist und Musiktherapeut, der mit dem Auto kreuz und quer durch Deutschland unterwegs ist und alle Autobahnkirchen kennt, stimmt dort gregorianische Gesänge an.  

Lebensnah geht es auch rund um die evangelische Autobahnkirche Medenbach an der A 3 zwischen Köln und Frankfurt zu, die 2001 von einem Geschäftsmann gestiftet wurde: Alfred Weigle ist Millionär. Die aufgezeichneten Fakten gehen ihm leicht über die Lippen: Zwei Millionen Mark hat der lächelnde Rentner, der kein Kirchenmitglied ist, nach schweren Schicksalsschlägen investiert. In seinem Aufsatz steht, dass er sein halbes Leben im Auto auf Geschäftsreisen verbracht hat, dass er deshalb schon lange daran dachte, eine Kirche auf einem Rastplatz zu stiften. Dass  er auch dachte: Mit Sechzig hörst du auf, dann wird gelebt. Doch dann starb seine Frau an Krebs. Und seine einzige Tochter ertrank im Urlaub. Bald wird er 75. Er sitzt oft in seiner Kirche und lächelt sie an, die Menschen, die von der Autobahn reingespült werden. Auf der anderen Seite der Autobahn - Richtung Köln - stehen zur gleichen Zeit auf dem Rastplatz die „Bordsteinschwalben . . .“  

Um zur Besinnung angespannter Autofahrer beizutragen, die sich keine Verschnaufpause gönnen und Autobahnkirchen nur vorbeiflitzen sehen, hat die katholische Kirche jetzt die Aktion SMS-Reisesegen gestartet: Wer eine SMS an die deutsche Mobilnummer 0177-1785259 schickt, erhält wenige Minuten später einen Segensspruch aufs Handy. 

Ein Kommentar für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN-InfoText

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