Abu Dhabi

Masdar City – die erste solare Stadt der Welt

Öko statt Öl – Grün bauen in der Wüste: Betritt man die prunkvolle Eingangshalle des Emirates Palace in Abu Dhabi, einem der beiden 7-Sterne-Hotels der Welt,  und wendet den Blick hinauf in die glitzernde Kuppel aus Marmor, Gold und Kristall, fühlt man sich inmitten einer orientalischen Märchenwelt. So müssen die goldenen Paläste mit ihren prächtigen Gemächern ausgesehen haben, in denen die Erzählungen von Scheherezade spielten – Tausend und eine Nacht pur im 21. Jahrhundert. Monatlich hat das Palasthotel, das zur Hälfte von der Herrscherfamilie belegt ist, den Stromverbrauch einer Kleinstadt. Doch ausgerechnet die Herrscher über die fossilen Energieträger Öl und Gas haben sich nun den Klimaschutz auf die Fahnen geschrieben. In der Sichtweite des internationalen Flughafens von Abu Dhabi entsteht Masdar City, „Stadt der Quelle“.

Abu Dhabi ist das reichste der sieben Emirate, die sich 1971 zum Staatenbund der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) zusammengeschlossen haben. Mehr als 90 % aller Erdöl- und Gasreserven und 87 % der 83 600 qkm großen VAE gehören Abu Dhabi. 1962 verließ zum ersten Mal ein Tanker der britischen BP – die jetzt für die größte Umweltkatastrophe aller Zeiten im Golf von Mexiko verantwortlich ist – mit einer Ladung von 33 000 Barrel die Offshare-Bohrinsel Das. Heute fördert Abu Dhabi 2 Millionen Barrel pro Tag. Bleibt es bei dieser Fördermenge, reichen seine Reserven noch für etwa 130 Jahre.

30 Kilometer von Abu Dhabi entfernt, lassen die Herrscher des größten Emirats seit vier Jahren von Stararchitekt Sir Norman Foster ein Prestigeprojekt in den Wüstensand bauen. Masdar City soll die erste CO²-freie Stadt der Welt werden und künftig der Sitz der Internationalen Agentur für Erneuerbare Energie (IRENA). 

Prestigeprojekt im Wüstensand: Als der dritte, jährliche World Future Energy Summit, der vom 18. bis 21. Januar dieses Jahres in Abu Dhabi stattfand - bei der sich das Emirat als Energiethemen-Drehscheibe der Welt präsentierte – erfolgreich zu Ende ging, hatte sich Abu Dhabi endgültig seinen Platz als erste Adresse im Bereich erneuerbarer Energien erobert.

Öko statt Öl: Die Arabischen Emirate planen eine neue Energiepolitik. Kurz davor wurde eine weit reichende Entscheidung getroffen: Bonn und Wien haben sich vergeblich Hoffnungen gemacht, den Zuschlag für den internationalen Sitz der Umweltagentur IRENA (International Renewable Energy Agency) zu erhalten, obwohl der SPD-Energieexperte Hermann Scheer – Gründer der Europäischen Vereinigung für Erneuerbare Energien „Eurosolar“, die Idee für IRENA hatte.

Nach dem gescheiterten Klimagipfel in Kopenhagen bleibt der Welt keine Zeit zum Durchatmen. Sheik Mohammed Bin Zayed Al Nahyan, der Kronprinz von Abu Dhabi, wies bei seiner Schlussrede auf das laufende Solarenergieprojekt in Masdar City (Masdar  arabisch „Quelle“ oder „Ursprung“) hin, das auf seine Initiative hin derzeit verwirklicht wird. 50 000 Menschen sollen nach acht Jahren Bauzeit ab 2016 in der ersten klimaneutralen Öko-Stadt der Welt leben. Auf sechs Quadratkilometer werden 1500 Unternehmen angesiedelt, die 40 000 Arbeitsplätze schaffen.  

Masdar City ist schon im Bau und soll zwischen 2016 und 2020 fertig gestellt sein: Versorgt wird Masdar City dann ausschließlich aus regenerativen Energiequellen. Zu fast 90 Prozent stammt die Energie aus Fotovoltaikanlagen, allein auf den Dächern der Stadt sind 300 Millionen Quadratmeter dafür reserviert.

So ein Auftrag hätte das vor zehn Jahren größte Fotovoltaik-Unternehmen in Deutschland, das damals in Regensburg aufgebaut wurde, vor der schnellen Insolvenz gerettet. Ich hatte zu dieser Zeit mehrfach die Möglichkeit in die VAE zu fliegen und brachte Informationsmaterial über diese Technik vergebens dorthin. Damals wurde über meine Broschüren nur geschmunzelt mit dem Hinweis: „Wir haben genug Öl im Keller.“

Auch der Wüstenboden bietet reichlich Raum; derzeit bedecken schon 90 000 Solarpaneele ein Gebiet von 212 000 Quadratmeter. Sie speisen ein Solarkraftwerk mit einer Kapazität von zehn Megawatt, das am 31. Mai ans Netz gegangen ist und die für die Bauarbeiten benötigte Energie liefert. Zudem betreibt die Sonnenergie auch die für die Gewinnung von Trinkwasser benötigten Meerwasserentsalzungsanlagen. Gleichzeitig ist die Energieversorgung ein Teil des Finanzierungskonzept, denn ein Teil der 22 Milliarden Dollar Baukosten soll aus dem Handel mit Emissionszertifikaten bestritten werden.

Und die Pläne in Abu Dhabi reichen weiter. Das Emirat will eine Pionierrolle auf dem Gebiet der regenerativen Energieneinnehmen übernehmen. „Das Emirat verpflichtet sich, bis 2020 mindestens sieben Prozent seiner gesamten Energieerzeugung aus erneuerbaren Energien zu speisen, sagte Sultan Mohamed Bin Issa Al Jaber, Chef der Abu Dhabi Future Energy Company, im Januar anlässlich des „Weltgipfels für Zukunftsenergien“.

Al Jaber ist ein saudisch-österreichischer Geschäftsmann und Scheich, dessen Baufirma rund 15 000 Mitarbeiter hat, die jetzt am Bau von Masdar City arbeiten. Vor vier Jahren wurde Al Jaber die österreichische Staatsbürgerschaft verliehen. Daraufhin investierte er zehn Prozent der Bausumme in die Wiener Tourismus-Hochschule Modul University Vienna und finanzierte gleichzeitig das Stipendium für 65 saudische Studenten; die werden schon in Kürze ins Masdar-Institut für Wissenschaft und Technologie wechseln, das als erste Gebäude fertig wird. Um die technologischen Herausforderungen einer Öko-Stadt in der Wüste meistern zu können, verfügt Masdar in Kürze über eine eigene technische Hochschule. Das Masdar Institute of Science an Technology ist Teil der Öko-Stadt und widmet sich ausschließlich erneuerbaren Energien.

Außerdem kaufte er in Wien das Grand Hotel, das Hotel „The Ring“ und die daneben liegende Einkaufspassage Ringstraßen-Galerie. Er übernahm auch 60 Prozent des Wintersportartikelherstellers Kneissl Tirol GmbH. Auch deutsche Firmen profitieren vom Masdar-City-Projekt. Kooperationen mit Eon und dem TV Rheinland laufen bereits, und die Hersteller Schott, Q-Cells sowie Conergy haben ihre Solarzellen in Abu Dhabi installiert. Zudem baut die deutsch-arabische Masdar PV in Erfurt eine Fotovoltaikfabrik als Referenzanlage für Abu Dhabi.

Neben Solarenergie sollen Windkrafträder und geothermische Anlagen die Stadt mit Strom versorgen. Ein weiterer Fokus liegt zudem auf der Reduzierung des Energiebedarfs. In Masdar City soll der Verbrauch gegenüber vergleichbaren Städten um drei Viertel gesenkt werden, glaubt der englische Stararchitekt Norman Foster, der die Öko-Stadt geplant hat. Erreicht werden soll das zum einen durch innovative Technologien, zum anderen aber auch durch Anlehnung an die traditionelle Bauweise der Region.

Wie im arabischen Raum seit jeher üblich, stehen die Häuser in Masdar City dicht an dicht. So spenden sie sich nicht nur gegenseitig Schatten, sondern schützen auch Fußwege und Plätze vor der Wüstensonne. Parks und Wasseranlagen sorgen für zusätzliche Kühlung. Auf Klimaanlagen werden die künftigen Bewohner der Öko-Stadt dennoch nicht verzichten können – kein Wunder bei Temperaturen, die im Jahresdurchschnitt über 30 Grad Celsius liegen. 

Autos hingegen werden vollständig aus der Stadt verbannt. Dafür ist ein feinmaschiges Transportnetz in Planung, das die Bewohner in fahrbaren Kabinen über ein Schienensystem an jeden aller öffentlichen Plätze und Einrichtungen bringt. Dies hatte bei der Städteplanung höchste Priorität. Auch Abfallvermeidung und Entsorgung sind Teile des Konzepts – innovative Ideen in einer Region, in der Recycling, Kompostierung und wieder verwendbare Verpackungen bisher Fremdwörter waren. So soll bereits in wenigen Jahren die Öko-Stadt Masdar City den gelebten Beweis antreten, dass klimaneutrale Lebensräume zur Realität geworden sind.

Olaf Goebel war der erste deutsche Staatsbürger, der vor drei Jahren in die Wüste von Abu Dhabi zog. Er ist technischer Leiter des VAE-Unternehmens Masdar; zusammen mit ihm arbeiten inzwischen weitere neun Deutsche in der ersten Öko-Stadt der Welt. Er ist sich sicher: „Eines Tages werden alle Städte wie diese gebaut.“

Ein Beitrag für ReiseTravel von Ludwig Mario Niedermeier/MN-InfoText.

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