Berlin

Gefahr für jedermann

Reisen und Reiselust: Diese Begriffe sind eigentlich vorwiegend mit Positivem verbunden: Fremde Länder und Kulturen sehen und erleben, Ausspannen und Erholen, Freude haben. Hier aber wird von einem Negativum die Sprache sein, das zu einem weltweiten Phänomen geworden ist – so geht aus einem aufsehenerregenden Report der in Südafrika ansässigen Organisation „New World Wealth“ hervor. Danach besteht für jedermann Gefahr, wenn die Millionäre des eigenen Landes ihre Heimat verlassen und zu Emigranten werden. Dann steht es schlecht um Geld und Sicherheit –, womit die plötzliche Reiselust vieler Millionäre auf einmal zu einer Art Seismologie wird, zu einem Bebenmesser.

Dafür legt die südafrikanische Forschungsorganisation jetzt wissenschaftliche Beweise vor. Sie basieren auf einer Vielzahl von Beobachtungen und Erkenntnissen: So etwa wurde die Vergabe vom Visa an Millionäre in Zusammenhang gebracht mit Medienberichten, Hinweisen von Reisebüros und Reiseorganisationen sowie Regierungsveröffentlichungen.

Fazit: Millionäre emigrieren lange bevor ein Land in finanzielle, wirtschaftliche oder ernsthafte politische Schwierigkeiten gerät. Beispiel 2017: Von 15 Millionen Millionären, die es weltweit gibt, emigrierten rund 100 000 in andere Staaten – in sichere Länder.

Dieser bemerkenswerten Studie zufolge, der auch in der „New York Times“ große Bedeutung beigemessen wurde, hat vor allem die entsprechenden Geschehnisse in der Türkei und in Venezuela unter die Lupe genommen. Zwölf Prozent der türkischen Millionäre verließen im vergangenen Jahr ihre Heimat und suchten Zuflucht in anderen Ländern – das war sehr lange, bevor die türkische Währung Lira dem Abgrund entgegen taumelte, wie es dann im Frühjahr 2018 der Fall wurde. Beachtenswerte Migrationen von Millionäre gab es auch aus Indien, bevor die dortigen Behörden drastische Steuermaßnahmen in Kraft setzten, sowie aus Großbritannien, so bald sich dort die Wahrscheinlichkeit eines Austritts aus der EU verstärkt hatte.

Zuflucht suchten die Millionärs-Auswanderer etwa in Frankreich, obwohl dem Reichtum dort seitens der Bevölkerung extreme Vorbehalte entgegen gebracht werden – sogar von „Feindschaft“ spricht die „New York Times“ in diesem Zusammenhang. Großbritannien und Frankreich, so darf analysiert werden, haben in diesem Zusammenhang ihre Rollen während der letzten Jahre getauscht: Bis 2016 etwa verzeichnete England einen jährlichen „Zufluss“ von Millionären aus aller Welt, doch dann plötzlich trat das Gegenteil ein - allein 2017 verließen 3 000 britische Millionäre ihre Insel. Die meisten siedelten sich in und um Paris an. Die Wahl von Emmanuel Macron zum neuen französischen Staatspräsidenten dürfte dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle gespielt haben, denn er hatte schließlich einen Abbau finanzieller Hürden und Verringerung der Steuern auf Kapital und Investments versprochen.

Am meisten aber profitierten die USA von der weltweiten Millionärs-Emigration: Rund 9 000 dieser „Flüchtlinge“ ließen sich in den Vereinigten Saaten nieder, wo etwa fünf Millionen Menschen als Millionäre registriert sind. Auch Kanada, Australien sowie die Vereinten Arabischen Emirate waren beliebte Zufluchtsländer. Womit diese Staaten von den Emigranten als finanziell und wirtschaftlich besonders stabil und zukunftssicher betrachtet werden. Allein die Emirate zählten 2017 rund 5 000 Einwanderer-Millionäre.

Indien und Russland verloren 2017 jeweils zwei Prozent ihrer Millionäre, geht aus der südafrikanischen Studie hervor. Das sind nicht zu unterschätzende „Misstrauensvoten“ in die wirtschaftlichen Stabilitäten dieser Länder. Am schwersten getroffen von der „Millionärs-Wanderung“ ist seit etwa drei Jahren Venezuela. Es verlor mehr als 16 Prozent seiner Superreichen – kein Wunder: Das dortige sozialistisch-kommunistische Regime hat das Land an den Rand des Ruins und Zusammenbruchs geführt.

Autor der Millionärs-Studie „The Rise and Fall of Nations: Forces of Change in the Post-Crisis World“ ist Ruchir Sharma. Er fungiert als globaler Chef-Stratege bei Stanley Investment Management.

Sein Werk kommentiert die „New York Times“ wie folgt: „Millionäre bewegen ihr Geld vor allem aus eigennützigem Interesse, denn sie suchen nach besseren oder sichereren Anlagemöglichkeiten. Ihrer gibt es nicht viele, aber diese sagen viel darüber aus, was gut oder schlecht ist in einem Land und wie dessen ökonomisches und politisches Ecosystem zu beurteilen ist. Staatsmänner, die dafür sorgen, dass sie ihre Millionäre nicht verlieren, sorgen dafür, dass es allen ihren Einwohnern – nicht etwa nur den reichen – gut geht“.

Die Zahl der Millionäre in Deutschland ist 2017 um etwas mehr als fünf Prozent auf 1.198.700 gestiegen. Damit gehört Deutschland neben den USA, Japan und China zu den vier Ländern mit den meisten Millionären. Wie die „Zuwanderung“ von Flüchtlings-Millionären nach Deutschland war, ist unbekannt. Sie dürfte beträchtlich sein – auch wenn das die südafrikanische Studie nicht erwähnt. 

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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