Berlin

Alle mit Berlin vergleichbaren Städte haben wenigstens zwei Flugplätze

Tegel-Diskussion: Obwohl Berlin-Tegel einer der meist bewunderten Flughäfen er Welt ist – auch unter Fachleuten -, soll er nach Eröffnung des neugebauten BER geschlossen werden. Doch gegen diesen Beschluss der Politik läuft ein Bündnis besorgter Bürger Sturm. Sie haben ein Volksbegehren über den Weiterbetrieb Tegels in Gang gesetzt, das noch bis zum 31. März 2016 läuft (Kontakt: mail@berlin-braucht-tegel.de).

Viele Gründe werden für den Weiterbetrieb Tegels angeführt – aber nirgends ist bisher ernsthaft untersucht worden, ob andere Weltstädte mit nur einem Flugplatz und zwei Landebahnen auskommen. Das Fazit entsprechender Recherchen: Keine einer mit Berlin vergleichbaren Stadt in Europa verfügt über nur einen Flughafen. Beispiele und Beweise dafür sind frappierend und äußerst aufschlussreich.

Rom: Italiens Hauptstadt Rom hat zwei Flugplätze, Fiumicino (IATA-Code: FCO) und Ciampino (CIA). Letzterer gilt auch als Regierungsflughafen, wird von knapp sechs Millionen Passagieren jährlich und vorwiegend Billigairlines sowie Privatfliegern (Allgemeine Luftfahrt) genutzt. Roms Innenstadt ist 15 Kilometer entfernt. Weitaus größer mit einem Jahresvolumen von über 40 Millionen Passagieren ist Fiumicino, 29 Kilometer außerhalb Roms gelegen. Rom hat mit 2,9 Millionen Einwohnern wesentlich weniger als Berlin (3,7 Millionen), seine Flugplätze haben 5 Landebahnen.

Madrid: Madrid Airport (MAD), nur 13 Kilometer vom historischen Zentrum der spanischen Hauptstadt entfernt, hat vier Landebahnen und 47 Millionen Passagiere jährlich. Zwei kleinere Flugplätze sind Cuatro (LECU) und Torrejon (TOJ). Ihre zusammen drei Landebahnen gelten als Ersatz für den Hauptflugplatz MAD. In der Region leben etwa 7 Millionen Menschen, ohne Vororte ist Madrid mit 3,2 Millionen Einwohnern nach London und Berlin die drittgrößte Metropole der EU (Europäische Union).   

Moskau hat drei Flugplätze, von denen Wnukowo (VKO) der älteste und kleinste ist (9,4 Millionen Passagiere pro Jahr). Bis zur Innenstadt sind es 15 Kilometer. Weiter entfernt (35 Kilometer) sind Domodedowo (DME) mit 28 Millionen Passagieren und Scheremetjewo (SVO, 30 Kilometer) mit 31,6 Millionen Fluggästen. Auf Moskaus Flugplätzen stehen 4 Landebahnen zur Verfügung. Einwohnerzahl Moskaus: 12 Millionen.       

Paris: Eine Klasse für sich in Europa ist Paris (2,2 Millionen Einwohner). 4 Landebahnen allein hat der Flugplatz Charles de Gaulle (CDG), den jährlich 65,7 Millionen Menschen benutzen. Bis zur Innenstadt sind es 26 Kilometer. Nur 9 Kilometer vom Zentrum entfernt ist der Flugplatz Orly (ORY). Passagiere jährlich: 29,7 Millionen. Nur für Geschäftsflieger steht der dritte Pariser Flugplatz zur Verfügung: Le Bourget (LBG).

Stockholm Arlanda (ARN), 35 Kilometer von der Hauptstadt Schwedens gelegen, fertigt auf drei Pisten jährlich 19 Millionen Passagiere ab. Obwohl die Stadt nur knapp 800 000 Einwohner hat, steht ihr mit Bromma (BMA) ein zweiter Flugplatz zur Verfügung – quasi, etwa wie Tegel, mitten in der Stadt. Hier werden vorwiegend innerschwedische Verbindungen bedient, aber auch internationale, Brüssel etwa und Helsinki.

Warschau Chopin (WAW) war mit 8,6 Millionen Passagieren und zwei Pisten überfordert, sodass mit Modlin (WMI) ein früherer Militärflugplatz – 40 Kilometer entfernt - „zivilisiert“ wurde. Hier ist Ryanair zu Hause, auf dem Winterflugplan 2016/17 stehen Ziele wie Edinborough, Toulouse, Birmingham und Valencia. Oslo (OSL) verzeichnet jährlich 25 Millionen Passagiere, für Eventualfälle aber stehen im Umkreis von etwa 100 Kilometer zwei kleinere Flugplätze zur Verfügung. Das kleine Holland verfügt mit Amsterdam-Schiphol (AMS) über einen wahren Giganten. Das ist mit 58 Millionen Passagieren und sechs Start- und Landebahnen, davon drei über drei Kilometer lang, Europas fünftgrößter Flugplatz.

London: Für Großbritanniens Hauptstadt (8,5 Millionen Einwohner) stehen sechs Flugplätze zur Verfügung. Allein Heathrow (LHR) mit seinen fünf Terminals und nur zwei Landebahnen kommt jährlich auf knapp 75 Millionen Passagiere. Mit ebenfalls nur zwei Bahnen kommt Gatwick (LGW) auf 38 Millionen Passagiere, während der City Airport mit nur einer Bahn immerhin auf 4,3 Millionen Fluggäste kommt. Selbst New York ist von hier aus, keine zehn Kilometer von der Stadt entfernt, zu erreichen – mit einem Auftankzwischenstop in Shannon. Schauen wir noch kurz auf Istanbuls zwei Flugplätze: Istanbul-Atatürk verzeichnet (3 Bahnen) 61 Millionen Passagiere, Sabiha (SAW) auf einer Bahn 28 Millionen.

Die drei größten Flugplätze Europas sind London, Paris und Frankfurt – die deutsche Stadt am Main kommt immerhin jährlich auf 60 Millionen Passagiere. Ein Blick „übern Teich“: New York-Kennedy, 20 Kilometer von Manhattan entfernt, hat vier Runways, die längste 4,4 Kilometer lang, und jährlich 57 Millionen Passagiere. Das näher gelegene La Guardia (LGA) verzeichnet bei zwei Landebahnen 31 Millionen Passagiere, der außerhalb der Stadtgrenze (24 Kilometer) liegende Platz Newark (EWR) kommt mit seinen drei Landebahnen auf 37,5 Millionen Fluggäste. Hier übrigens steht die Wiege der ersten wahren „Billigairline“, People Express, gegründet 1981, sieben Jahre später aufgegangen in Continental. Weltgrößter Flugplatz ist der amerikanische Atlanta mit über 100 Millionen Passagieren im Jahr 2015.

Berlin, Berlin, wir fliegen nach Berlin: Wie bei so vielem spielt die deutsche Hauptstadt auch beim Flugwesen eine besondere, vielleicht sogar eigenartige Rolle. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte Berlin vier Flugplätze, die gleichzeitig betrieben wurden: Tempelhof, Tegel, Gatow und Schönefeld. Die jahrzehntelange Teilung der Stadt in Ost und West hat auch auf diesem Sektor ihre Spuren hinterlassen, sodass es heutzutage um die Frage geht, ob Tegel (TXL Otto Lilienthal) nach Eröffnung des noch immer im Bau befindlichen Zentralflughafens BER (Schönefeld Willy Brandt) geschlossen oder weiterbetrieben werden soll. Sebastian Czaja, Initiator des Volksbegehrens „Tegel muss bleiben“: „BER und Tegel sind ein Muss für Berlin. Wir brauchen eine Notfalloption für den Fall, dass ein Flughafen ausfällt oder nicht angeflogen werden kann“. Als Ausweichplätze für den BER stehen ohne Tegel nur Hannover, Hamburg, Rostock und Leipzig zur Verfügung – als Schönefeld kürzlich eines Unfalls wegen für mehrere Stunden geschlossen werden musste, wurden anfliegende Maschinen sogar nach Prag geschickt.

TXL: Tegel Airport ist in vieler Hinsicht ein Wunder, ein Juwel. Geplant für eine Kapazität von lediglich 2,5 Millionen Passagieren pro Jahr werden hier 2015 weit mehr als 20 Millionen abgefertigt. Mit-Architekt Meinhard von Gerkan hatte mit der achteckigen Form des Tegel-Hauptgebäudes den Flugplatz mit den weltkürzesten Wegen geschaffen – der Architekt: „Vom vorgefahrenen Taxi bis zum Abfertigungsschalter 20 Meter, dann noch einmal 15 Meter bis zur Flugzeugtür“. Ebenso kurz sind die Fahrzeiten zum westlichen Zentrum Berlin – 15 bis 20 Minuten per Auto. Der Berliner Taxifahrer Jürgen Wilker aus Schöneberg: „Besseres als Tegel gibt es gar nicht. Warum nicht zwei Flugplätze?“.   

Den Bedürfnissen der Hauptstadt des wiedervereinigten Deutschland war Tegel mit seinen beiden Landebahnen, die wegen zu geringen Abstands voneinander auch nicht parallel-gleichzeitig betrieben werden dürfen, nicht gewachsen. Deshalb wurde der großzügige Ausbau des Ost-Berliner Platzes Schönefeld zum Hauptstadt-Airport BER beschlossen – eine Katastrophe von Anfang an. Er wurde für 27 Millionen Passagiere jährlich entworfen, aber schon 2017 muss für Berlin mit mindestens 33 Millionen Fluggästen gerechnet werden. Die Zufahrtswege – u. a. die dreispurige Autobahn A113 – sind seit Jahren schon tagtäglich, so die Radio-Straßenzustandsberichte, überlastet, ja verstopft. Wegen Planungs- und Baufehlern wurde die ursprünglich für 2012 angesagte BER Eröffnung mehrfach verschoben – noch heute gibt es keinen neuen Termin.       

Kein Zweifel: Ohne Tegel wird BER allein zu einem Dauer-Chaos.     

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will. 

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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