Berlin

„Preußen“ 1902: Vorbild für Kreuzfahrt-Luxus-Segler „Royal Clipper“!

Kreuzfahrten sind „in“: Das zeigen nicht nur die aktuellen Buchungen, das dokumentieren vielmehr auch die Auftragsbücher der Werften. Dieser Weltmarktboom hilft vor allem den deutschen Werften, von denen allein Papenburg Meyer 40 Prozent des globalen Auftragsbestands hält – so etwa der Fachjournalist Olaf Preuß bei „WeltN24“. Dabei wollen es die Kunden immer größer, luxuriöser und ausgefallener haben – wie also wäre es mit einer Kreuzfahrt nicht mit Tausenden PS, sondern mit Segeln?

Das entsprechend größte Schiff dieser Art ist der Fünfmaster „Royal Clipper“, 1990 – und damit hyper-jung! - nach Plänen des polnischen Segelschiffskonstrukteurs Zygmunt Choren „erdacht“, in Danzig auf Kiel gelegt und schließlich auf der niederländischen Merwede Shipyard zu Ende gebaut und im Jahr 2000 in Dienst gestellt. Es ist knapp über 100 Meter lang, gut 16 Meter breit, hat einen Tiefgang von maximal 5,6 Meter und für die Kapazität von 227 Passagieren in 114 Kabinen eine Besatzung von 106 Mannschaften. Allein dieses Verhältnis von „Betreuern“ zu „Vergnüglern“ verspricht außergewöhnlichen Luxus.

Der hat es auch ansonsten „in sich“: Außer einem Restaurant und zwei Bars gibt es Boutiquen, ein Tanzlokal, Fitnessraum mit medizinischer Abteilung, Diskothek und Bibliothek, es stehen zudem ein Konferenzraum für 60 Personen und drei Schwimmbäder zur Verfügung, eines davon mit Glasboden. Komfortables Baden im Meer ermöglicht eine raffinierte Technologie, „Hecktor“ genannt: Dabei handelt es sich um eine im Rumpf eingebaute Klappe, die nach dem Ausfahren so etwa wie ein künstliches Ufer darstellt.

Der wahre Stolz der „Royal Clipper“ aber, die unter der Flagge Maltas kreuzt, ist die Vollschiffstakelung mit fünf Masten (54 Meter hoch) und 42 Segeln, deren Fläche über 5 000 Quadratmeter beträgt. Unter Segeln kann eine Geschwindigkeit von 18 Knoten oder 33 km/h erreicht werden, zwei Caterpillar-Dieselmotoren mit mehr als 5.000 PS garantieren erforderlichenfalls 25 km/h. Anfang 2017 war der Segler aus der Karibik nach Europa zurückgekehrt, wo er vorwiegend im Mittelmeer kreuzt. Seine „Fahrpläne“ finden sich im Internet unter www.royal clipper schedule.

Ein Beispiel: Eine Zehntagesreise von Venedig nach Rom – mit Landgängen etwa in Montenegro, Kroatien und Griechenland – wird pro Person ab etwa 7.000 Euro angeboten. Historisch interessant und einmalig dürfte die Tatsache sein, dass die Vier-Sterne „Royal Clipper“ nach dem Vorbild des deutschen Fünfmast-Vollschiffs „Preußen“ (1902 bis 1910) gebaut worden ist. Das war ein Fünfmast-Frachtsegler der deutschen Reederei F. Laeisz. Die „Preußen“ - am 31. Juli 1902 in Dienst gestellt – war bis zur Inbetriebnahme der „Royal Clipper“ im Jahr 2000 das einzige je gebaute Fünfmastvollschiff. Die „Preußen“ wurde bewundert, weil sie einmal 18,25 Knoten schnell war (33,8 km/h). Sie hatte 46 Mann Besatzung. Am 6. November 1910 kollidierte sie im Ärmelkanal mit dem britischen Dampfer „Brighton“. Der hatte die „Preußen“ vorschriftswidrig „geschnitten“. Der Versuch von drei britischen Schleppern, das vor Dover gestrandete deutsche Schiff in den Hafen zu bringen, schlug fehl. Das gelang Tage später auch nicht durch den Einsatz von zwölf Schleppfahrzeugen. Das Wrack verfiel mit der Zeit. Die Ladung, darunter Klaviere, konnte letztlich geborgen werden. 1977 gab die Deutsche Bundespost eine 40 plus 20 Pfennige farbige Sonderbriefmarke mit einer Zeichnung der „Preußen“ heraus.

Der derzeitigen Kreuzfahrt-Boom hat dafür gesorgt, dass die Papenburger Meyer Werft Weltmarktführer bleibt. Sie hält 40 Prozent des globalen Auftragsbestands, gemessen an der Tonnage. Insgesamt stehen weltweit 55 Kreuzfahrtschiffe in den Auftragsbüchern.

Überraschend: Diese hohe Ordertätigkeit hängt mit der rasant wachsenden Beliebtheit von Kreuzfahrten in China zusammen. Eine Million Chinesen buchen derzeit jährlich eine Kreuzfahrt, und diese Zahl wird im Jahr 2030 auf sieben bis acht Millionen Passagiere gewachsen sein.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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