Berlin

Die vergangenen Monate waren für die deutsche Automobilindustrie nicht einfach

VDA Matthias Wissmann, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), informierte über den aktuellen Stand der Automobilindustrie und den Brexit: "Wir brauchen „better regulation“ in der EU".

Das Votum der Briten haben nicht alle in Europa wahrhaben wollen, und offensichtlich hat das Ergebnis die Briten selbst überrascht. Die Politik sollte nach der ersten Enttäuschung jetzt die Dinge vernünftig angehen. Aus Sicht der Automobilindustrie gibt es eine klare Priorität: Es muss alles getan werden, um den bislang ungehinderten Waren- und Dienstleistungsverkehr zwischen Großbritannien und den anderen EU-Ländern auch künftig zu ermöglichen. Freier Handel bringt Vorteile für beide Seiten.

Allerdings muss gleichzeitig vermieden werden, dass sich weitere EU-Mitgliedsstaaten zu ähnlichen Initiativen ermutigt fühlen könnten. Die Frage der EU-Mitgliedschaft eignet sich nicht für innenpolitische Konflikte. Andererseits sollte sich die EU auf die Themen konzentrieren, die einzelne Mitgliedsstaaten nicht allein bewältigen können. Damit würde auch Brüssel aus dem Votum die richtigen Schlüsse ziehen. Das gemeinsame Europa muss für seine Mitglieder attraktiver werden. Wir brauchen „better regulation“. Und wir brauchen eine angemessene Aufgaben- und Lastenverteilung in der EU, keine weitere „Vertiefung“.

Der Kerngedanke des Binnenmarktes muss wieder in den Mittelpunkt gerückt werden. Jede Regulierung benötigt Augenmaß und muss die Frage der Wettbewerbsfähigkeit Europas berücksichtigen. Die EU darf nicht zu einer Gemeinschaft ständig wachsender Transfers oder gar zu einer Transferunion werden. Sie sollte vielmehr wieder eine Gemeinschaft des Rechts und der Rechtsverbindlichkeit werden.

Großbritannien ist ein wichtiger Markt: Die deutschen Konzernmarken haben dort im vergangenen Jahr 1,3 Mio. Neuwagen verkauft, das entspricht einem Marktanteil von 50 Prozent. Und UK steht auf Platz 1 beim Export-Ranking: 2015 exportierten unsere Hersteller 810.000 Neuwagen aus deutscher Fertigung nach Großbritannien – mehr als in jedes andere Land.

Umgekehrt sind die Briten mindestens so sehr auf das Festland angewiesen: Von den knapp 1,6 Mio. Pkw, die 2015 in Großbritannien gefertigt wurden, gingen gut 1,2 Mio. Einheiten – also drei Viertel – in den Export. Die anderen EU-Länder sind dabei Hauptabnehmer. Gut jedes zweite exportierte Auto (57 Prozent) fand auf dem europäischen Kontinent seinen Käufer. Das heißt: Auch nach dem Votum kann niemand ein Interesse daran haben, mit Zollschranken zwischen Großbritannien und dem Festland den internationalen Warenverkehr zu verteuern oder zu behindern. Die politisch Verantwortlichen in Großbritannien sollten aber Eines wissen: Den vollen Zugang zum Binnenmarkt wird es nur auf Basis der vier Grundfreiheiten geben.

Diesel: Vertrauen wieder aufbauen

Die vergangenen Monate waren für die deutsche Automobilindustrie alles andere als einfach. Das Image der Branche hat erhebliche Kratzer bekommen. Das haben wir uns teilweise auch selbst zuzuschreiben. Von dieser Industrie wird zu Recht erwartet, dass sie technologische Herausforderungen meistert. Und zwar ohne Schlupflöcher und Grauzonen. Dass mancher Beobachter daran Zweifel hegt, ist verständlich. Wir alle mussten erleben, zu welcher Verunsicherung es führt, wenn eine Regulierung nicht eindeutig ist, sondern Interpretationsspielräume aufweist, die genutzt wurden.

Nicht alles, was legal ist, ist auch legitim. Hier wurde der Bogen in manchen Fällen überspannt. Das hat Vertrauen gekostet – in der Öffentlichkeit, auf Seiten der Politik, auch beim Kunden. Damit in Zukunft Klarheit herrscht, werden die gesetzlich vorgeschriebenen Typprüfbedingungen nun genauer definiert. Im Labor und auf der Straße. Das ist richtig und notwendig. Zu große Spielräume müssen geschlossen werden.

Aber wir wollen nicht nur an den Gesetzgeber appellieren. Die Automobilindustrie weiß, dass es maßgeblich an ihr selbst liegt, welches Bild von ihr gezeichnet wird. Deswegen wollen wir in den Vorwärtsgang schalten und daran arbeiten, unsere Glaubwürdigkeit zu erneuern.

"Ich bin fest davon überzeugt, dass die deutsche Automobilindustrie mit ihrer Innovationskraft in der Lage ist, mit modernster Technologie anspruchsvolle Grenzwerte zu erfüllen und Verbrauch und Emissionen weiter zu senken. Das gilt insbesondere für die Dieseltechnologie. Dank serienmäßiger Ausstattung mit modernem Filter hat der Diesel schon seit etlichen Jahren kein Partikelproblem mehr. Auch bei den Stickoxidemissionen kommen wir voran. Ein moderner Euro-6-Diesel reduziert den NOx-Ausstoß gegenüber seinen Vorgängern sowohl im Grenzwert als auch auf der Straße um etwa zwei Drittel und erfüllt damit die anspruchsvollsten Schadstoffgrenzwerte. Und auch die Kunden sind weiterhin von den Vorteilen des modernen Diesel überzeugt: Im ersten Halbjahr 2016 wurden in Deutschland 812.000 Diesel-Pkw neu zugelassen. Das ist ein neuer Höchststand: Nie zuvor wurden in den ersten sechs Monaten eines Jahres in Deutschland mehr Diesel-Pkw verkauft".

Je schneller immer mehr Euro-6-Fahrzeuge auf die Straße kommen, desto größer ist der Fortschritt für die Luftqualität. So errechnet eine Studie des Aachener Forschungsinstituts AVISO in Zusammenarbeit mit der TU Graz und dem Heidelberger Umweltinstitut ifeu, dass mit der normalen Marktdurchdringung von Euro-6-Fahrzeugen die Luftqualitätsziele in den Städten in wenigen Jahren erreicht werden.

Benziner und Diesel notwendig auf dem Weg zur Elektromobilität

Mit großem Engagement verfolgt die deutsche Automobilindustrie ihre Strategie „weg vom Öl“. Wir lösen uns Schritt für Schritt von den fossilen Energieträgern. Mittel- bis langfristig liegt die Zukunft in alternativen Antrieben und Kraftstoffen. Allerdings brauchen wir auf diesem Weg einen gesunden Mix der Antriebsarten. Dazu gehört der Plug-in-Hybrid, dazu gehören auch Benziner und Diesel. Und natürlich sind realistische Zeiträume ins Auge zu fassen. Wenn heute – politisch motiviert – das „Ende des Verbrennungsmotors“ im Jahr 2030 gefordert wird, dann ist das weder klimapolitisch, industriepolitisch noch sozialpolitisch sinnvoll. Das geht auf keinen Fall, und das geht in keinem Industrieland der Welt.

Selbst Unternehmen, die sich sehr ambitionierte Ziele zur Elektromobilität setzen, gehen davon aus, dass im Jahr 2030 noch zwei Drittel der Neuwagen mit Verbrennungs- oder Hybridmotoren fahren werden. Aus dem Verkauf dieser Autos mit „klassischem Antrieb“ müssen die Unternehmen die hohen Investitionen in alternative Antriebe finanzieren. Wenn die Politik diese „Quelle“ zuschüttet, wird der Weg zur Mobilität von morgen verbaut.

Die Politik war immer gut beraten, wenn sie Rahmenbedingungen vorgegeben hat. Sobald sie jedoch glaubte, Technologievorgaben machen zu müssen, führte der Weg auch ökonomisch in die Sackgasse. Im Übrigen finden sich in einem solchen Ansatz planwirtschaftliche Elemente, die weder den technologischen Fortschritt noch die Bedürfnisse der Kunden berücksichtigen. Das ist alles andere als modern oder innovativ.

Megatrends Elektromobilität sowie Vernetztes und Automatisiertes Fahren: Unsere Unternehmen – Hersteller wie Zulieferer – stehen im Zentrum einer Mobilitätswende, die von den beiden Megatrends alternative Antriebe sowie dem Vernetzten und Automatisierten Fahren getrieben wird. Es ist erkennbar, dass sich dadurch die automobile Wertschöpfungskette massiv verändern und neu ordnen wird. Die deutsche Automobilindustrie investiert weltweit pro Jahr über 30 Mrd. Euro in Forschung und Entwicklung. Der Löwenanteil davon geht in die Elektromobilität und die Digitalisierung. Bereits heute haben unsere Hersteller rund 30 Serienmodelle mit E-Antrieb im Angebot, zahlreiche weitere sind für die nächsten Jahre angekündigt.

"Wir leben in ungewöhnlichen Zeiten. Die EU steht vor enormen Herausforderungen, die Politik muss klug handeln. Der Diesel und die Automobilindustrie haben Imagepunkte verloren – nun gilt es, Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Wir haben verstanden. Was uns allerdings freut und auch ein wenig stolz macht, ist die Tatsache, dass die Kunden weiterhin Vertrauen in die Automobilindustrie haben, wie die Verkaufszahlen zeigen".

Verband der Automobilindustrie e. V. (VDA) www.vda.de

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