Berlin

Anders als die internationale Automobilindustrie, die jährlich Dutzende neuer Modelle herausbringt, stagniert die Luftfahrt auf diesem Gebiet

Die „neuen“  A380 oder Boeing 777 sind nur „aufgetakelt“, modernisiert, vorteilhafter für den Passagier und anspruchsvoller, was die Technik betrifft. Sie führen den Zusatz „neo“.

So ist das seit Jahren – seit vielen Jahren: Doch jetzt kommt, um es umgangssprachlich zu formulieren, Leben in diese tröge Bude. Denn im Gespräch sind auf einmal neue „Concorde“-Modelle, Überschall-Passagiermaschinen also, mit denen die gewohnten, herkömmlichen Flugzeiten drastisch unterboten werden können. Der wohl werbewirksamste Grund für einen solchen Jet: Er soll binnen fünf Stunden jeden Punkt der Erde erreichen, die Strecke Frankfurt -New York in nur knapp drei Stunden bewältigen können. 

Rein theoretisch und ohne Begeisterung beschäftigen sich auch „die Seriösen“ - wie etwa Boeing und Airbus – mit entsprechenden Plänen, auch die NASA ist mit von der Partie, doch im Detail gibt es nur einen einzigen Interessierten, der genauere Absichten verfolgt und erste Daten veröffentlicht – und das ist der 36jährige Amerikaner Blake Scholl aus Denver, der dafür die Firma Start-up Boom gegründet hat. Alles in allem klingt er gar nicht unseriös, er will sogar bis Ende 2018 einen überschallschnellen Test-Jet von Kalifornien aus starten lassen. Er nennt diese Maschine „Baby Boom“. Mit Mach 2,2 (etwa 2240 Stundenkilometer) soll diese Maschine, die lediglich sechs Personen befördern kann, das schnellste Passagierflugzeug der Welt werden. Die gleiche Geschwindigkeit soll etwa drei Jahre später die Boom-Serienmaschine haben, in der 55 Fluggäste Platz finden können. 

Dieser Blake Scholl lässt sich nicht darüber aus, wie er sein offensichtlich waghalsiges Projekt finanziert, aber alles soll gesichert und absolut seriös sein. Fragwürdig allerdings erscheint die folgende Erklärung eines Unternehmenssprechers: Fünf große internationale Fluggesellschaften sollen schon mehr als 70 dieser Überschall-Jets bestellt und entsprechende Anzahlungen gemacht haben. Namen werden dazu nicht genannt, auch nicht auf wiederholte Anfrage. 

Allein aus finanziellen Überlegungen heraus sind allerdings Zweifel berechtigt. Denn ein Boom-Jet dürfte an die 1,3 Milliarden Euro kosten, urteilen Fachleute in New York. Sie legen bei dieser spekulativen Einschätzung die heutigen Kosten eines Airbus 380 zugrunde, des derzeit größten Passagierflugzeuges der Welt. Der kostet „laut Liste“ 403,8 Millionen Euro, wobei Airbus bis zu 30 Prozent Rabatt gewährt, wenn eine entsprechende Anzahl bestellt wird. Das war offenbar bei Air France der Fall. Die Franzosen kamen damit auf einen Stückpreis von rund 280 Millionen Euro. 

Dass dieser A380 inzwischen Ladenhüter geworden ist, liegt nicht am Preis, sondern an der Tatsache, dass fast alle internationalen Fluggesellschaften kleinere Maschinen bevorzugen – auch aus wirtschaftlichen Gründen (Unterhalt). Daran ändert auch nichts die Tatsache, dass der weltweiten Luftfahrtindustrie ein gigantische Wachstum vorausgesagt wird. Die Vorhersagen dazu :

Legt man zugrunde, dass 2017 global erstmals weit über vier Milliarden Menschen in zivilen Passagiermaschinen befördert wurden, dürfte sich diese Zahl bis 2036 verdoppeln. Dieser Prognose stimmt auch die IATA zu, die International Air Transport Association. Die Luftverkehrsbranche hat laut Börse New York auch diese fast unvorstellbaren Erwartungen: Bis 2036 wird es einen Bedarf von 40 000 neuen kommerziellen Passagiermaschinen geben, und dafür wird ein Finanzierungsbedarf in Höhe von 4 200 Milliarden Dollar errechnet. 

Von einem neuen Überschall-Jet ist in dieser Prognose nicht die Rede. Aber der Amerikaner Blake Scholl bleibt davon unbeeindruckt. Er sei, unterstreicht er im Gespräch, aufgrund seiner Jugend nie in einer „Concorde“ geflogen – er war 23, als diese revolutionäre Maschine 2003 aus dem Verkehrs gezogen wurde -, aber er bleibt bei seiner Meinung: Es gibt einen Markt für Überschall. Sein diesbezügliches Projekt soll spätestens 2025 einsatzbereit sein. Für die 55sitzige Maschine ist eine Geschwindigkeit von Mach 2,2 geplant. Das entspricht etwa der „Concorde“-Höchstgeschwindigkeit (Mach 2,2 = 2 405km/h). Seine Maschine soll viel leiser sein, und seine Ticketpreise würden 75 Prozent weniger kosten als bei der „Concorde“. 

All das bezweifeln die Fachleute – aber hat es bei technischen Entwicklungen nicht immer und immer wieder Überraschungen gegeben? „Handfest“ dagegen ist ein anderer Vorbehalte gegenüber einer neuen Überschallmaschine: Nirgends in der Welt darf über Land mit Überschall geflogen werden – ausgenommen Militärmaschinen -, sodass nur Küstenstädte miteinander verbunden werden können. Es gibt also kaum genügend Flugziele für eine neue „Concorde“. 

Als „Königin der Lüfte“ wurde seinerzeit die Überschall-„Concorde“ gepriesen, auch wenn sie für ihre einzigen Betreiber – Air France und British Airways – im wesentlichen nur „Miese“ einflog. Trotz horrender Ticketpreise. Sie flog nur zwischen 1976 und 2003. Die Maschine, von der nur 13 gebaut worden waren, hatte „strukturelle Schwächen“, hieß es nach einer ganzen Serie von Unfällen. In den 24 Jahren ihres Flugbetriebes platzten 84mal Reifen, wodurch mehrfach auch Rumpf und Triebwerke in Mitleidenschaft gezogen wurden. Zur Katastrophe, die das endgültige „Aus“ andeutete, kam es am 25. Juli 2000: Nur eine Minute nach dem Start in Paris stürzte eine „Concorde“ - Ziel war New York – ab. 113 Menschen starben: 100 überwiegend deutsche Passagiere, neun Besatzungsmitglieder und vier Personen am Ort des Aufpralls. 

Blake Scholl ist trotz allem ein geradezu unverbesserlicher Optimist. Er, mit einem Pilotenschein für kleinere Maschinen, will eines Tages auch seinen geplanten Überschall-Jet steuern. Dem Branchendienst „Wired“ sagte er dazu: „Man gründet ja keine Firma, wenn man seine eigenen Produkte nicht selbst benutzen kann“,

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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