Berlin

Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt . . .

Fliegen: Dem Literatur beflissenen Luftfahrt-Experten fällt Goethes Drama „Egmont“ ein, wenn er Geschichte, Gegenwart und Zukunft des Airbus A380 analysiert – Zitat: „Himmelhoch jauchzend, zum Tode betrübt“. Denn das versprochene Juwel der europäischen Flugzeugbauer wird zum Ladenhüter, lässt sich nur noch in sehr begrenzten Zahlen an den Mann bringen, hat für den Konkurrenten Boeing den Faktor Furcht verloren.

Es mag verfrüht sein – sehr verfrüht? -, von einem drohenden Produktionsstopp zu sprechen, aber ein „Aus“ für das größte Passagierflugzeug der Welt kann schneller kommen, als es sich die Fachwelt bei der Indienststellung des Airbus-Trumpfes 2007 vorgestellt hat. Die Passagiere weltweit sind von dem Großraum-Jet, der in diesem letzten Jahrzehnt rund 180 Millionen Menschen befördert hat, begeistert – aber Technologie und Wirtschaftlichkeit lassen zu wünschen übrig.

Airbus A380 by ReiseTravel.eu

Diese erschreckenden jüngsten Zahlen sprechen für sich: Im Jahr 2016 hatte Airbus noch 28 Flugzeuge des Typs A380 ausgeliefert, in diesem Jahr – 2017 – dürften es kaum mehr als 15 werden, und für 2018 finden wahrscheinlich nicht mehr als zehn Maschinen einen Käufer. Und es geht weiter bergab. 2019 werden voraussichtlich nur noch acht Maschinen des Airbus- Großraumjets ausgeliefert. Entsprechend gedrosselt wurde und wird die Produktion. Ab 2018, so war vor zehn Jahren geplant worden, würden die Entwicklungskosten „hereingespielt“ sein, könnte Airbus auf einen ersten Gewinn mit der 380 rechnen. Das aber bleibt ein Wunschtraum, denn die Fließbänder werden seit Mitte des Jahres 2017 drastisch verlangsamt. Die „Welt“-Luftfahrtfachjournalisten Gerhard Hegmann und Gesche Wüpper stellten dazu kürzlich in ihrem Blatt fest: „Eine Produktion von weniger als einem Exemplar pro Monat kommt nach Interpretationen von Branchenkennern einem Aus für die A380 gleich“.

Bis Mitte 2017 verzeichnete Airbus insgesamt 317 Bestellungen für die A380, die einen Listenreis von 437 Millionen Dollar hat. 213 Maschinen sind bisher ausgeliefert worden, doch Neuaufträge sind nicht in Sicht. Es gab sogar Abbestellungen, von Air France und Lufthansa beispielsweise. Noch ein Zitat aus der „Welt“: „Erstkunde Singapore Airlines will die Leasingverträge für seine älteren A380 nicht erneuern und sie ab 2018 aus der Flotte nehmen. Der Golf-Carrier ist mit 142 bestellten Maschinen der mit Abstand größte A380-Kunde“. Nur nebenbei: Seit fast zwei Jahren sind bei Airbus keinerlei Neubestellungen eingegangen.

Der amerikanische Konkurrent Boeing hat mit seinem 747-Jumbo vergleichbare Probleme – was die Frage aufwirft: Sind die vierstrahligen Riesen der Lüfte jetzt schon technische Dinosaurier?

Der weltweite Passagierverkehr dürfte sich alle 15 Jahre verdoppeln, so eine Prognose. Aber anders als die Flugzeughersteller glaubten: Nicht Mega-Flughäfen wie London, Peking und Los Angeles werden davon profitieren, sondern Nonstop-Verbindungen zwischen „normaleren“ Städten sind mehr und mehr gefragt. Und auf solchen Routen kommen keine 747 oder 380 zum Einsatz, da sind vielmehr statt der „Viermotorigen“ die wirtschaftlich viel günstiger betriebenen Zweistrahler Trumpf, die Boeing 787 und der Airbus A350. Diese Maschinen sind keineswegs in der Anschaffung wesentlich preiswerter, aber allein Wartung und Unterhalt von vier im Vergleich mit zwei Triebwerken macht einen beträchtlichen Kostenfaktor aus.

Diesen Trend hin zu wirtschaftlicheren, aber „kleineren“ Flugzeugen - wegen der nur zwei Treibwerke – bewies auch die jüngste Airshow in Dubai. Dort konnte Airbus die größte jeweils in der Zivilluftfahrt verzeichnete Bestellung verkünden: Die amerikanische Finanzgruppe Indigo will 430 Exemplare des Airbus-Typs A320neo kaufen. Um genauer zu sein: 273 Modelle A320neo und 157 Maschinen A321neo. Die entsprechende Absichtserklärung wiederum bestätigt den Trend, dem der A380 zum Opfer fallen könnte: Es sind die Billigfluglinien Wizzair, Jetsmart, Volaris und Frontier, an denen Indigo beteiligt ist und die sich für diese 320er-Modelle interessieren. Und solche Airlines sind mehr an lukrativen Zweistrahlern als in jeder Hinsicht verschwenderischen Viertriebwerklern a la Boeing 747 oder A380 interessiert. Das „neo“ hinter der Modellnummer übrigens bezeichnet die Ausstattung der Maschinen mit Spartriebwerken.

Airbus A380 by ReiseTravel.eu

ReiseTravel Fact: „Himmelhoch jauchzend“ also insgesamt, aber „zum Tode betrübt“ hinsichtlich der ja wirklich wunderbaren A380. Mitunter werden eben auch Goldstücke zu Ladenhütern.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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