Berlin

Pleite, Notlandung, Konkurs: Air Berlin hat viele berühmte Vorgänger!

No Take-off: Es schmerzt, und das nicht nur die Berliner, aber das „Aus“ für Air Berlin ist auf dem Gebiet der Luftfahrt natürlich kein Einzelfall. Er ist deshalb auch gar nicht so selten. In dieser Hinsicht hat Air Berlin, nach Lufthansa zweitgrößter Linienflieger Deutschlands, viele – auch berühmtere - Vorgänger. Allein in den vier Jahrzehnten der Existenz von Air Berlin sind weltweit einige Dutzend entsprechender Namen verschwunden. Einige waren auch eng mit Deutschland oder Europa verbunden.

Da wäre beispielsweise People Express, die 1981 gegründete erste wirkliche Billig-Airline der Vereinigten Staaten von Amerika und auch der Welt. Sie wurde von vielen Deutschen genutzt, die in New York ansässig waren oder dort urlaubten und etwa Florida-Sonne tanken wollten. Der Round-Trip von Newark, gegenüber von Manhattan auf dem Gebiet New Jerseys gelegen, nach Sarasota oder Tampa in Florida kostete damals sage und schreibe unter 100 Dollar – hin und zurück. Newark International Airport war der Heimatflugplatz des Unternehmens, das auf seinem Höhepunkt immerhin 79 Boeings fliegen ließ. Es gab ein phänomenales Wachstum, auch dank Übernahme von Frontier Airlines, sodass People sich zur fünftgrößten Fluggesellschaft der USA mauserte. Doch – und jetzt achte man auf gewisse Ähnlichkeiten mit Air Berlin! - die Geschäftsmodelle der beiden Teile ließen sich nicht in positivem Sinne kombinieren, zudem entstand auf dem Billig-Flugprinzip eher schnell eine vielfache ernste Konkurrenz, kurz: 1987 wurde der Flugbetrieb eingestellt. Durch Übernahme seitens Continental Airlines, die es ebenfalls nicht mehr gibt.

Weitaus mehr deutsch-, vor allem Berlin-bezogen war Amerikas fliegerisches Urgestein Pan American World Airways. Diese Gesellschaft war zwar quasi das inoffizielle fliegerische Flaggschiff der USA, für die damaligen Westdeutschen, vor allem aber die eingeschlossenen West-Berliner war Pan Am ein buchstäbliches Himmelsgeschenk. Denn Pan Am galt als Hauptakteur der drei westlichen Fluggesellschaften, die über die drei internationalen Flugkorridore West-Berlins Bevölkerung fast ein ganzes Jahr lang mit allem, aber wirklich allem versorgten – selbst die Bauteile für ein Kraftwerk mussten eingeflogen werden.

Pan Am mit dem Rufzeichen „Clipper“ und dem Ikone-artigen blauem, weltkugelrundem Emblem war 1927 in New York gegründet worden. Pan Am gehörte von Anfang an weltweit zu den ersten Fluggesellschaften, die internationale Flüge anboten. Das Unternehmen war auch unter den Gründungsmitgliedern der IATA, der internationalen Vereinigung der Luftfahrtgesellschaften. Pan Am prägte wie keine andere Fluglinie die Regeln und Standards der zivilen Luftfahrtindustrie. Pan Am-Maschinen gab es in vielen Hollywood-Filmen, vor allem in James-Bond-Streifen. Es gab nur wenige Staaten, die nicht von der Pan Am-Flotte – 226 Maschinen – bedient wurden. Mitte der 70er Jahre brach Pan Am den kommerziellen Round-The-World-Weltrekord, indem eine Boeing 747 P-21 46 Stunden und 50 Sekunden für die Weltumrundung brauchte. Der von Flying Tiger bis dahin mit einer Boeing 707 gehaltene Rekord war damit um 16 Stunden und 24 Minuten unterboten worden.

Die Ölkrise von 1973, mehrere Highjackings und politisches Desinteresse Washingtons führten 1974 zu ernsten finanziellen Schwierigkeiten. Beispiel für Letzteres: Am 23. September 1974 veröffentliche eine Gruppe von Pan Am-Angestellten in der „New York Times“ eine anklagende Anzeige. Demzufolge musste Pan Am in Sydney pro Maschine eine Landegebühr von 4.200 Dollar zahlen, während Australiens Quantas in Los Angeles nur 178 Dollar berechnet wurden. So war die Insolvenz vorprogrammiert. Ab 1991 gab es keine Pan Am mehr. Delta und United Airlines übernahmen Teile des Bankrotteurs.

Schon ein Jahr vor Pan Am, also 1926, war in Atlanta die Fluglinie Pitcairn Airways gegründet worden, die später ihren Namen in Eastern änderte. Denn diese Gesellschaft war nicht nur regierungsamtlich für den Posttransport zwischen New York und dem Mittelwesten der USA zuständig, sondern beflog bald auch Routen im östlichen Teil der USA – deshalb Eastern. Das Unternehmen entwickelte sich rasant, auch international, war schließlich mit 45.000 Angestellten und 434 Maschinen weitaus größer als Pan Am. Eastern war ab 1975 die erste amerikanische Fluggesellschaft, die mit dem Airbus A300 auch Maschinen des europäischen Boeing-Widersachers einsetzte. 1991 musste der Betrieb nach empfindlichen Verlusten eingestellt werden. Ähnlich erging es der 1928 gegründeten Braniff International Airways am 12. Mai 1979 – Pleite. Mit 115 Maschinen, die immerhin 81 Ziele anflogen.

Und jetzt Air Berlin. Diese Gesellschaft, 1978 von dem ehemaligen Pan Am-Piloten Kim Lundgren aus der Taufe gehoben, wurde zu einem wegweisenden Politikum im geteilten Deutschland. Die Luftkorridore nach West-Berlin waren alliierten Maschinen vorbehalten, weshalb Lundgren seine Gesellschaft in London registrieren ließ. Aber immerhin mit dem Namen Berlins und zweifellos dem Hintergedanken, eines Tages nach dem Mauerfall „Erster“ mit deutschem Namen im wiedervereinigten Berlin zu sein. Genau so kam es! Air Berlin entwickelte sich nach der Lufthansa zur zweitgrößten deutschen Luftlinie – trotzdem und trotz jahrelang gezahlter Zuschüsse durch die Fluglinie Etihad (Abu Dhabi) machte Air Berlin seit dem Börsengang von 2000 jeden Monat 25 Millionen Euro „miese“.

Schuld daran: Schlechtes, zu häufig wechselndes Management, viel zu schnelles Wachstum, auch durch nicht wohlüberlegte Zukäufe (etwa LTU). Jetzt, bei der Einstellung des Flugbetriebes, war der Schuldenberg auf rund drei Milliarden Euro gewachsen.

Ein Beitrag für ReiseTravel von Wolfgang Will.

Unser Autor arbeitet als Journalist für Wissenschaft und Technik, war viele Jahre als Luft- und Raumfahrtkorrespondent in den USA tätig und ist Mitglied im Luftfahrt Presse Club.

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