Sylt

Der mit dem Meer tanzt

Unterwegs mit dem Sylter Krabbenfischer Paul Walter 

Krabbenpulen ist wie Tanzen: nicht einfach, doch einfach zu lernen. Wem Krabben schmecken und der Sinn nach nächtlichem Abenteuer steht, den bittet Paul Walter gerne zum Tanz auf den Nordseewellen. Denn Paul ist nicht nur ein Sylter Original, sondern auch der letzte Krabbenfischer der Insel.

Es ist früh. Sehr früh. Die Sonne scheint gerade erst untergegangen zu sein, der Hafen von List ist nur als graue Silhouette zu erkennen. Es ist kurz vor drei. Nachts. Und Paul Walter ist hellwach. Steht da an der Reling seines Kutters in einer orangefarbenen, wasserfesten Kluft, ein freundliches Lächeln auf den Lippen und eine blaue Baseballmütze auf dem Kopf. „Ich gehe meistens um 20 Uhr ins Bett und stehe um Mitternacht wieder auf.“ An diesem Tag hat er sich angesichts der Wetterverhältnisse in der kleinen Kabine des Kutters noch einmal aufs Ohr gelegt und sich erst gegen zwei Uhr entschieden, tatsächlich abzulegen. „Es braut sich ein Sturm zusammen. Aber ich glaube, wir können es riskieren.“

Ursprünglich wollte er einen weiteren Gast mitnehmen. Doch den hat wohl die Uhrzeit geschreckt. Oder die Unwetterwarnung. Nun startet Paul den 60 PS starken Motor, einen Mercedes 240, und steuert die „Tümmler“ langsam aus dem Lister Hafen. Es bläst eine steife Brise, der Wellengang ist nicht von Pappe und immer wieder scheint der kleine Kutter mächtig in Schieflage zu geraten. „Das ist doch gar nichts“, behauptet Paul, der sich trotz aller Widrigkeiten sicher über das enge Deck bewegt und stets einen guten Stand hat, während er das Netz in Stellung bringt und alles für den Krabbenfang vorbereitet.

Der 69-Jährige mit dem jungenhaften Lachen ist ein alter Hase im Geschäft. Schon im zarten Alter von vier Jahren war er zum ersten Mal mit seinem Vater auf hoher See. Bis zu zehn Zentner Schollen, Seezungen und Makrelen hatten sie damals täglich in den Netzen, „dazu Körbeweise Nordseekrabben“. Heute ist mit der Küstenfischerei kaum noch ein Geschäft zu machen. „Irgendwann kamen die großen Kutter. Die hatten viel Beifang, den sie am Hafen einfach verschenkt haben. Mein Vater konnte nichts mehr verkaufen und ist deshalb 1957 ganz umgestiegen auf die Krabbenfischerei.“

Als 14-Jähriger fing Paul als Fischereigehilfe an, es folgte die Ausbildung an der Seefahrtschule in Cuxhaven und Fahrten ins Eismeer. Am Ende stand das Steuermannspatent. Als er 1967 zur Marine ging, war er dort bald für den Fischfang zuständig. 22 Jahre lang organisierte er vom Schreibtisch aus die Versorgung der Truppe - doch selbst auf der Nordsee zu sein und die Netze einzuholen, blieb Pauls große Leidenschaft. 1978 kaufte er sich die „Tümmler“ und ließ sie erstmals zu Wasser - zunächst nur nach Feierabend und am Wochenende. Schollen, Seezungen, Muscheln und Krabben waren leichte Beute, dazu bot Paul immer wieder Gästefahrten an. 1997 schließlich zog er sich bei der Bundeswehr eine Chemikalienvergiftung zu und musste in den Vorruhestand gehen. „Die Ärzte sagten, es sei mein Glück gewesen, dass ich abends immer mit dem Kutter unterwegs und an der frischen Seeluft gewesen bin. Nur deshalb bin ich heute noch am Leben.“

Die kleine „Tümmler“, 8,52 Meter lang und 2,80 Meter breit, fährt Paul bis heute. Und auf diesen knapp 24 Quadratmetern ist er nicht nur der Kapellmeister - er spielt auch alle Instrumente selbst. Virtuos und schnell, ohne Hektik. Mittlerweile ist es vier Uhr. Paul zieht sein sechs Meter breites und zehn Meter langes Netz über das Deck. Hechtet nach vorne und greift ins Steuer, um den Kurs zu halten. Drei schnelle Schritte zurück ans Heck - das Netz gleitet über die Seitenreling. Ein Blick nach unten: Es darf sich auf keinen Fall in der Schiffsschraube verfangen. Alles passt. Paul sinkt auf seinen Sitz hinter dem Steuerrad. „Jetzt ist Warten angesagt. Nach einer Stunde hole ich es wieder ein und hoffe, dass wir einen guten Fang haben. Falls nicht, fahren wir noch zum Ellenbogen und versuchen es dort.“ Ein guter Fang - das wären zwei Kisten, „aber eine wäre auch in Ordnung“. Es sei unmöglich, die Ausbeute vorherzusagen. „Es gibt gute Jahre, und es gibt schlechte. Ich erinnere mich an eine Zeit, da habe ich nach einer Stunde sieben Krabben gefangen. Schuld ist die Maßlosigkeit im Fischfang: Die großen Industrieschiffe holen viel weg.“

Mit 1,7 Knoten, gut drei Stundenkilometern, tuckert die „Tümmler“ gemächlich mit der Strömung in Richtung Osten und zieht dabei das Schleppnetz an zwei Gurten in etwa 16 Metern Tiefe über den Grund. Dort unten in der Dunkelheit der nächtlichen Nordsee tummeln sich die Krabben. Und spätestens jetzt wird klar, warum der Kutter stets mitten in der Nacht ausläuft: „Tagsüber können die Krabben das Netz sehen und springen einfach drüber“, erklärt Paul. „Die haben was dagegen, gefangen zu werden.“ Am Horizont verwandelt sich das Schwarz der Nacht allmählich in ein dunkles Blau. „Morgens hier draußen zu sein und zu sehen, wie über der Nordsee die Sonne aufgeht - das ist herrlich.“

Paul blickt versonnen über das Meer. Steht auf, füllt Wasser in einen silbernen Kessel und zündet unten mit einem Fidibus eine Lunte an. In diesem Kessel werden die Krabben noch während der Rückfahrt gekocht. Kurz bevor das Wasser den Siedepunkt erreicht, zieht Paul das Netz ein und entleert es auf einem Rüttelsieb, das die kleinen Nordseegarnelen von den großen Strandkrabben trennt. Auch eine Seezunge ist dabei, die gemeinsam mit den Strandkrabben sofort zurück ins Meer befördert wird - zur Freude der zahlreichen hungrigen Möwen, die die „Tümmler“ mittlerweile verfolgen.

„Ein guter Fang“, befindet Paul, der die Ausbeute auf etwa 50 Kilogramm schätzt. „Dann wollen wir mal wieder heimwärts segeln.“ Nun beginnt die Choreografie zweiter Teil. Paul am Heck bei der Überwachung des Rüttelsiebs. Paul am Steuer beim Kurshalten. Paul an Backbord beim Aufhängen des Netzes. Paul an Steuerbord beim Sortieren und vorne beim Kochen der Krabben. Gut, dass der Motor von alleine läuft - anderenfalls würde Paul wahrscheinlich auch noch rudern. Es ist sechs Uhr, als die „Tümmler“ im Hafen anlegt und die Krabben per Flaschenzug an Land befördert werden. Während der Himmel bereits in hellem Blau leuchtet, gibt sich List noch seinen Träumen hin.

Paul jedoch gönnt sich gerade mal eine Baseballkappe voll Schlaf - um zwölf Uhr mittags bittet er erneut zum Tanz. Diesmal jedoch nicht auf den Wellen, sondern auf dem festen Untergrund des Lister Hafens. Hier hat er seinen Stand, hier verkauft er zweimal wöchentlich seine fangfrischen Krabben. Innerhalb von 48 Stunden muss er die Schalentiere laut Gesetz an die Kundschaft gebracht haben - doch Paul gibt sich selbst nur 36 Stunden. „Viele Urlauber möchten die Krabben mit nach Hause nehmen. Ich garantiere, dass meine auch abends in München noch frisch sind.“

Kleine Garnelen aus der Nordsee sind beliebt und stehen auf den Speisekarten vieler Restaurants auf Sylt. Mundgerecht und gabelfertig. Bei Paul stecken sie noch in ihrer Schale - und so manch ein potenzieller Kunde macht deshalb kurz vor dem Stand wieder kehrt. „Die Leute sind faul geworden“, beobachtet Paul. „Sie kaufen sich lieber fertig gepulte Krabben. Dann hauen sie Koblauch-Sauce drüber und sagen: Das hat gut geschmeckt. Tatsächlich hat es nach Knoblauch geschmeckt. Und Krabben waren auch dabei.“ Der wahre Geschmack entfalte sich nur pur - und selbst gepult.

Weil aber nur noch wenige wissen, wie das geht, gibt es in List den Grundkurs gratis dazu. „Tanzen kannste doch?“ Paul strahlt eine junge Frau an. Sie liebt Krabben, sagt sie, aber pulen? Kein Problem, antwortet Paul, Krabbenpulen und Tanzen sollte man gemeinsam üben: „Du gehst auf die Tanzfläche, machst dich schlank, der Partner fasst dir an die Hüfte.“ Paul und die junge Frau halten je eine Krabbe zwischen Daumen und Zeigefinger und drücken sie in der Mitte leicht zusammen. „Dann fahrt ihr zu dir und du ziehst den Pullover aus“ - den Kopf der Krabbe drehen und die Schale vom Fleisch trennen - „und dann schmeckt’s.“ Übung ist alles, erklärt Meistermacher Paul: „Jetzt haben wir langsamen Walzer getanzt. Wenn Du ein bisschen Übung hast und zum Tango oder sogar Rock’n Roll übergehst, dann geht das Krabbenpulen so fix, dass du dir ganz schnell eine zweite Tüte holst.“

Paul Walter ist an jedem Dienstag und Freitag ab zwölf Uhr mit seinem Stand am Lister Hafen zu finden. In der Nacht zuvor fährt er mit der „Tümmler“ raus und nimmt bis zu zwei Gäste mit.
Edith & Paul Walter - Alte Bahnhofstraße 12, D-25992 List auf Sylt, Tel.: 04651 / 877 168, www.fischerhaus-tuemmler.de  

Sylt Marketing GmbH - Stephanstraße 6, D-25980 Westerland, www.sylt.de

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